Physikstudium schützt vor Quark nicht – im Zweifel nicht mal ein Nobelpreis

Vor einigen Tagen schlug es ziemliche Wellen, als mehr als 100 Nobelpreisträger (nach der Veröffentlichung haben sich offensichtlich noch einige angeschlossen – die aktuelle Zahl liegt bei 110) Greenpeace aufgefordert haben, den Widerstand gegen die Agrarbiotechnologie aufzugeben. Nicht nur der Zeitpunkt mitten in der Glyphosat-Debatte, sondern auch der Adressat war offensichtlich rhetorisch gewählt: Greenpeace hat als reine Lobbyorganisation bei dem Thema faktisch natürlich keinerlei Entscheidungsgewalt, und nach einer Kehrtwende bei einem solchen Kernthema könnte sich Greenpeace genausogut gleich selbst auflösen.

Die spannende Frage ist aber eigentlich eine ganz andere: Warum interessiert uns eigentlich, ob der Volkswirtschaftsprofessor Lars Peter Hansen oder der Elementarteilchen-Theoretiker Sheldon Glashow die Risiken der Gentechnik für überschätzt halten? Wissenschaftliche Auszeichnungen bekommt man für besondere Leistungen in einem in der Regel eng begrenzten Fachgebiet, und die sagen oft wenig aus über das Verständnis der Welt im Allgemeinen oder auch nur das Wissen zu anderen Teilbereichen des eigenen Fachs.

Die Relevanz der Unterstützerliste liegt in diesem Fall zum einen in der schieren Zahl der Unterzeichner, zum anderen in der überwältigenden Zustimmung unter den fachnahen Preisträgern. Die Zahl der Unterzeichner übertrifft deutlich die jüngerer Aufrufe zum Klimaschutz (71 Preisträger) und gegen Kreationismus an Schulen (42 Preisträger). Die Unterzeichner des Aufrufs zur Gentechnik machen rund ein Drittel der derzeit überhaupt lebenden Nobelpreisträger aus, und sie kommen ganz überwiegend aus den Naturwissenschaften. Unter den 110 Unterzeichnern finden sich ganze acht Wirtschaftswissenschaftler, nur eine Preisträgerin für Literatur (Elfriede Jelinek) und ein Friedensnobelpreisträger (mit José Ramos-Horta wenig überraschend ein Repräsentant eines Entwicklungslandes, in dem viel Reis angebaut und gegessen wird und der Goldene Reis besonders hilfreich wäre). Vor Elfriede Jelinek ziehe ich in diesem Kontext meinen Hut – ein so klares Bekenntnis zur Gentechnik dürfte ihr unter unseren chronisch fortschrittspessimistischen Intellektuellen wenig Freunde bringen. Die anderen 100 Unterzeichner kommen aus den Fachgebieten Chemie, Physik und Medizin (einen separaten Nobelpreis für Biologie gibt es nicht). Von den neueren Preisträgern für Chemie oder Medizin kann man tatsächlich viele als Experten für Gentechnik bezeichnen, und gerade die haben den Aufruf fast alle mitgetragen. In dieser Zusammensetzung und Geschlossenheit repräsentieren die Preisträger dann eben doch die wissenschaftliche Expertise ihrer Fachgebiete und geben dem Aufruf damit eine gewisse Relevanz, wenn auch wohl gerade nicht für Greenpeace.

Wenn eine solche geschlossene Aussage der Masse fachnaher Nobelpreisträger zumindest eine Trendaussage zum „Stand der Wissenschaft“ ist, heißt das aber nicht, dass auch Aussagen einzelner Nobelpreisträger zu Themen außerhalb ihres Forschungsgebiets immer hilfreich sind. Anderenfalls hätte man sich auch von diesem Herrn hier über Schuhmode beraten lassen können:

Zu den bekannteren traurigen Beispielen von Nobelpreisträgern, die teilweise üblen pseudowissenschaftlichen Unsinn verbreitet haben, gehört der Chemiker Linus Pauling. In seiner wissenschaftlich produktiven Zeit machte er wichtige Entdeckungen rund um chemische Bindungen zwischen Atomen. Ihm wird die Einführung des Begriffs der Elektronegativität zugeschrieben. Daraus, dass jemand im Labor chemische Bindungen untersucht hat, folgt aber leider nicht, dass er auch ein gutes Verständnis der Erforschung von Arzneimittelwirkungen am Menschen hat. Nach seinem Rückzug aus dem aktiven Wissenschaftsbetrieb propagierte Pauling mit geradezu religiösem Eifer (und offenbar auch mit einigem Geschäftssinn) die angeblich positiven Gesundheitseffekte extrem überdosierter Vitamine. Wie viele Menschen seitdem durch seinen „orthomolekularen“ Vitaminwahn gestorben sind, ist schwer nachzuvollziehen, aber allein die Folgen in Südafrika unter der Mbeki-Regierung im vergangenen Jahrzehnt waren dramatisch.

Beim Durchklicken der Gentechnik-Experten unter den Unterzeichnern des Greenpeace-Aufrufs hatte ich dann direkt wieder das Bedürfnis, die Hände über dem Kopf zusammenzuschlagen. Ohne die Polymerase-Kettenreaktion (PCR) wäre die moderne Biotechnologie kaum denkbar, und ihr Erfinder ist offensichtlich jemand, der etwas über Gentechnik zu sagen hat und ein verdienter Nobelpreisträger. Was Kary Mullis sonst so von sich gibt, lässt mich allerdings stark daran zweifeln, ob ich auf ihn als Unterstützer für ein Anliegen allzu großen Wert legen würde. Mullis glaubt an Astrologie und behauptet, von Außerirdischen entführt worden zu sein und seine wissenschaftlichen Erkenntnisse im LSD-Rausch erlangt zu haben. Wenn man ihn erklären hört, warum er nicht glaubt, dass AIDS vom HIV-Virus verursacht wird, drängt sich allerdings der Verdacht auf, dass er es mit den Drogen ein Bisschen übertrieben hat:

Kary Mullis

Womit wir, wie es sich für diesen Blog hier gehört, zu den Physikern kommen. „Aber da ist ein Physiker, der hat gesagt…“ war für mich schon der Anfang von so mancher Horrordiskussion und hat mich vor fast 20 Jahren zur Skeptikerbewegung geführt. Die Vorgeschichte dieses Posts hier war ein Facebook-Meme mit dem Text: „The universe responds to the vibrations you create, think happy and happiness will come to you. You must simply resonate your frequencies with the frequencies of the universe. – Said no physicist ever.“ Ich habe das Bild gerne geteilt, aber im Stillen hatte ich meine Zweifel, ob das „no physicist ever“ tatsächlich zutrifft. Bedauerlicherweise ist mir schon viel zu viel Quantenquark von Autoren begegnet, die es eigentlich besser wissen müssten. Dazu muss man nicht einmal bis zu obskuren Physikern wie Dirk Schneider und seinem Buch mit dem absurden Titel „Jesus Christus Quantenphysiker“ gehen. Ich werde mich im Folgenden auf namhafte Forscher mit einer erkennbaren wissenschaftlichen Biographie beschränken.

Glücklicherweise fallen hier wenigstens die Nobelpreisträger nicht unbedingt durch Quantenunsinn auf, jedenfalls mir bislang nicht. Für anderslautende Hinweise bin ich dankbar – ich werde sie dann in einem späteren Artikel verarbeiten. Der Physiknobelpreisträger von 1973, Ivar Giæver, würde allerdings ganz sicher die Mainauer Deklaration zum Klimawandel nicht unterschreiben, denn er verbreitet einige eher fragwürdige Ideen zur Klimaforschung.

Wenn wir mal mit den harmloseren oder vielleicht auch eher missverstandenen Fällen in der Physik anfangen, ist unter den Ersten sicherlich Hans-Peter Dürr zu nennen. Der 2014 verstorbene Dürr war zwar kein Nobelpreisträger, aber ein angesehener theoretischer Physiker, und hat bis heute viele Fans: Als ich im vergangenen Jahr im Editorial des Physik-Jounals appelliert habe, Physiker sollten sich mehr gegen Quantenunsinn engagieren, bezogen sich alle negativen Reaktionen ausschließlich auf meine Kritik an Dürr. Er ging als Direktor des Max-Planck-Instituts für Physik in München gerade in den Ruhestand, als ich angefangen habe, dort zu promovieren, und etwa seit diesem Zeitpunkt wurden seine Äußerungen auch immer wunderlicher. Seine Aussage „es gibt keine Materie“ wird von Esoterikern besonders gerne zitiert. Als persönliche Spekulationen von jemandem, der eben nicht mehr wissenschaftlich arbeiten muss, sind seine nicht überprüfbaren Aussagen natürlich legitim. Dummerweise werden sie aber bis heute von vielen Leuten als Stand der Wissenschaft aufgefasst, weil sie von einem seinerzeit hochdekorierten Wissenschaftler stammen.

Bei Professoren für theoretische Physik, die mit Begeisterung von Esoterikern zitiert werden, kommt man leider auch nicht am Freiburger Emeritus Hartmann Römer vorbei. Zusammen mit dem Psychologen Harald Walach, der später Hogwarts an der Oder aufgebaut hat, verbreitete er die schwache oder generalisierte Quantentheorie. Ausführlichere skeptische Betrachtungen der schwachen Quantentheorie gibt es von Philippe Leick bei der GWUP und von Joachim Schulz auf SciLogs. Kurz zusammenfassend kann man sagen, die schwache Quantentheorie ist eben keine Quantentheorie, sondern ein Anwenden von Begriffen aus der Quantenmechanik auf Objekte, auf die sie nach den Erkenntnissen der Physik eben nicht anwendbar sind, zum Beispiel die quantenmechanische Verschränkung auf Homöopath und Patient. Walachs Ex-Chef Walter von Lucadou verschränkt auch schon mal Fußballspieler, wie hier schon erwähnt wurde.

Wie auch Walach und Römer stark im religiösen, genauer gesagt katholischen Umfeld verwurzelt ist auch Markolf Niemz, Professor für Biophysik an der Universität Heidelberg. Er beschäftigt sich wissenschaftlich hauptsächlich mit Medizintechnik, vor allem mit der Anwendung von Lasern. Bekannt geworden ist er aber über seine drei Lucy-Bücher. Darin erklärt er, als Roman verpackt aber als Sachbuch gemeint, die Halluzinationen von Menschen, deren Gehirn durch Herzstillstand mit Sauerstoff unterversorgt war, zu Blicken ins Jenseits, und zwar mit abstrusen Begründungen aus der Relativitätstheorie. Im Engel-Magazin behauptet er, beim Sterben würde die Seele auf Lichtgeschwindigkeit beschleunigt. Seine Begründung, auf der die ganze hanebüchene Geschichte aufbaut: Die Schilderungen der Halluzinationen klingen so ähnlich wie Simulationen der Wahrnehmung von Reisenden nach der Relativitätstheorie aussehen müssten, wenn sie sich der Lichtgeschwindigkeit annähern.

Noch ein Biophysiker, der in dieser Reihe natürlich keinesfalls fehlen darf, ist der Biophotonen-Papst Fritz-Albert Popp. Popp war in den 1970er Jahren längere Zeit Dozent an der Universität Marburg. Dass er eine feste Professur erhielt, wurde damals angeblich von Medizin-Dekan Heinrich Oepen verhindert, dem Gatten der Mitgründerin der Skeptikerorganisation GWUP, Irmgard Oepen. Später hat sich Popp jahrelang mit einem eigenen „Forschungsinstitut“ durchgeschlagen, hat Seminare für Heilpraktiker und andere, sagen wir Interessierte, angeboten, Bücher verkauft und jede Menge Vorträge auf Esoterikerkonferenzen gehalten. Ich halte ihn für jemanden, der anfangs durchaus ernsthafte Forschung betreiben wollte, sich dann in eine Außenseitertheorie verrannt hat und sich schließlich damit eingerichtet hat, dass er Applaus nur von der Eso-Fraktion bekommt. Auf Popps Biophotonen-Unsinn bin ich schon in zwei Vorträgen eingegangen, die man beide auf Youtube ansehen kann, einen ausführlichen und einen im handlichen Science-Slam-Format. Verlinkt sind beide hier schon in diesem Post.

Kein Professor, aber ein äußerst erfolgreicher Sachbuchautor mit Doktortitel aus Cambridge ist John Gribbin. 2009 hat ihn die Association of British Science Writers für sein Lebenswerk geehrt, und in der Tat scheint er lichte Momente zu haben. Dieses Zitat erklärt richtig gut, warum viele Menschen solche Probleme haben, die Quantenmechanik zu akzeptieren (das Verstehen ist ja oft gar nicht das Hauptproblem):

Gribbins unwissenschaftlicher Durchbruch war 1974 das Buch The Jupiter Effect, in dem er und Stephen Plagemann orakelten, am 10. März 1982 würde es auf der Erde zu gigantischen Naturkatastrophen kommen, weil dann sämtliche Planeten auf der selben Seite der Sonne stünden. Bis am genannten Datum natürlich nichts passierte, hatte er Zeit, massenweise Bücher zu verkaufen und auch noch in einem Fortsetzungsband zu erklären, warum dann wohl doch keine Katastrophen passieren würden (weil ja schon 1980 der Mt. St. Helens ausgebrochen war). Eine wirkliche Katastrophe, jedenfalls für das Verständnis von Wissenschaft in der Öffentlichkeit, war hingegen Gribbins Buch Auf der Suche nach Schrödingers Katze. Quantenphysik und Wirklichkeit. Kaum ein konstruktivistischer Philosoph, der sein gefährliches Halbwissen über Quantenmechanik herumschwurbelt, kommt ohne Gribbins Katzensermon als Quelle aus. Quantenheiler, Buddhisten, neurolinguistische Programmierer, Mystiker und Heiler mit Schröpfköpfen berufen sich auf Gribbin, wenn sie sich zusammenspinnen, dass Materie aus dem menschlichen Bewusstsein entstünde.

Ebenfalls ein promovierter Physiker mit Abschluss im angelsächsischen Raum ist Fritjof Capra, der Urgroßvater aller Quantenschwurbler. Von Capras Tao der Physik war schon vor 25 Jahren mein Physiklehrer begeistert, und ich hatte schon damals das vage Gefühl, dass da irgendwas keinen Sinn ergibt – nur hatte ich eben nicht das Wissen, um zu sagen, was. Capras Argumentationsmuster ist das gleiche wie bei vielen seiner Nachfolger: Unsere bildlichen und verbalen Beschreibungen dessen, was die Quantenmechanik berechnet, haben mit viel Phantasie eine vage Ähnlichkeit mit den Schriften antiker asiatischer Mystiker. Na klar, da muss doch irgendein Zusammenhang bestehen! Das kann doch kein Zufall sein!

Irgendwie kommt offenbar niemand darauf, dass umgekehrt ein Schuh daraus wird: Unser Gehirn hat sich evolutionär nicht dazu entwickelt, sich subatomare Vorgänge, also das Arbeitsfeld der Quantenmechanik, wirklich realistisch vorstellen zu können. Wer versucht, die Quantenmechanik, möglichst auch noch einfach, zu beschreiben, kommt also nicht umhin, mehr oder weniger brauchbare Metaphern zu finden. Die wird man bevorzugt aus Themenbereichen entleihen, die einem vertraut sind aber dennoch weit genug entfernt vom Alltagsleben und der Alltagsliteratur, um nicht allzu wörtlich verstanden zu werden (was dann natürlich doch immer irgendwer tut). In einer Zeit, in der sich die asiatische Mystik als fremdes und faszinierendes Thema unter Europas Intellektuellen ausbreitete, bot sie den idealen Bilderlieferanten, um über die fremdartige Welt der Quantenmechanik zu philosophieren.

Als Murray Gell-Mann in den 1960er Jahren die neu entstehende Quantenchromodynamik in Worte packen musste, benannte er eine darin auftauchende Ordnung von acht Teilchen nach dem achtfachen Weg der Weisheit aus dem Buddhismus. Als er aber wenig später eine Bezeichnung für die immer in Dreiergruppen auftauchenden Bauteile unserer Kernteilchen suchte, hatte er statt der Yanas offenbar gerade James Joyce gelesen und landete bei den in der Physik dadurch berühmt gewordenen „Three quarks for Muster Mark“. Hier zeigt sich einmal mehr, dass Physiker in der Auswahl ihrer Bezeichnungen und Bilder besonders sorgfältig sein sollten, weil fast überall die seltsamsten Bedeutungen hineingeheimnist werden, wie ja gerade wieder das CERN feststellen muss.

Hätten sich statt der Quantenmechanik die Vorstellungen der „arischen Physik“ um Philipp Lenard als zutreffend erwiesen, würden wir uns heute möglicherweise darüber wundern, welch tiefgründige Einblicke in die Natur der Materie doch die Autoren der Edda hatten…

16 Gedanken zu „Physikstudium schützt vor Quark nicht – im Zweifel nicht mal ein Nobelpreis“

  1. Wen ich auch als ziemlichen Nobel-Schwurbler in Erinnerung habe ist Brian Josephson, der im zarten Alter von 33 den Preis bekommen hat (mit Giaever! Zufall?). Was er da damals in Lindau verzapft hat, klang schon gefährlich nach Quanten-Bewusstseins-Telepathie-Dingsbums.

    1. Stimmt, Josephson war mir tatsächlich entfallen, obwohl ich über den auch schon mal den Kopf geschüttelt hatte. Den werde ich demnächst nachholen.

  2. Man kann den Bogen auch noch weiter spannen. Selbst die Wissenschaftler mit Bodenhaftung sehen hier vermutlich im Wesentlichen die Freiheit der Forschung gefährdet. Ich vermute, dass aber viele nicht so richtig auf dem Schirm haben, dass es den Konzernen die das alles finanzieren eben nicht um Erkenntnisse geht, sondern um Marktverdrängung mit Hilfe von Patenten. Dabei gehen die über Leichen. Und ich fürchte das haben diese 100 Schlaulinge nicht so richtig auf dem Schirm. Wem noch nie die Arbeitsgruppe dicht gemacht wurde weil der Geldgeber seinen „ROI“ woanders besser gesichert sieht, der kann leicht und unbeschwert für die Wirtschafts-finanzierte Forschung sein. Heute halten es schon Bachelor-Studenten für normal, dass sie ihre Arbeit nicht veröffentlichen dürfen, weil da die Interessen der Firma dahinter stehen, die seine Hochschule finanziert.

    Das sind eben keine freien Wissenschaftler mehr, sondern indirekt Angestellte von Firmen.

    „Wes‘ Brot ich ess, dess‘ Lied ich sing.“

    1. Es ist zwar in der Regel müßig, mit Verschwörungstheoretikern zu diskutieren, aber ein paar Bemerkungen sind dazu wohl angebracht. Hier gibt es ja nicht so viele Kommentare, dass ich mir überlegen müsste, über welches Stöckchen ich nicht mehr springe.
      1. Niemand wird Nobelpreisträger, wenn er seine Ergebnisse nicht veröffentlicht. Der allergrößte Teil dieser Leute wird vom Staat bezahlt, in den USA auch mal von den eigenen Studenten.
      2. Drittmittelforschung kommt zunächst einmal dem Institut zugute, und nicht dem einzelnen Forscher, und von den Nobelpreisträgern muss auch ganz sicher niemand mehr um seinen Job fürchten.
      3. Wenn jemand ein Patent hat, heißt das nicht, dass die Ergebnisse der Öffentlichkeit nicht zugute kommen. Es heißt nur, dass man für die Nutzung bezahlen muss. Das ist auch eigentlich selbstverständlich, dass ein Unternehmen Geld sehen will für die Nutzung der Ergebnisse von Forschung, die es finanziert hat. Wenn man sich ansieht, mit welchen Kosten zum Beispiel die Entwicklung eines Arzneimittels dank der heutigen Regulierung verbunden ist, muss man konstatieren, dass es ohne die Investitionen der freien Wirtschaft (und damit ohne den Patentschutz) schlichtweg keinerlei neue Wirkstoffe mehr gäbe. Null.
      4. Dass es unter den noch nicht so profilierten Wissenschaftlern einen Trend gibt, Forschungsthemen zu bearbeiten, mit denen man seine eigene Stelle oder einen Hofstaat von Assistenten und Doktoranden finanzieren kann, geschenkt. Das gilt für Drittmittelgeber aus der Industrie genauso wie für die Hokuspokus-Stiftungslehrstühle von Carstens-Stiftung und Co (deren Geld überwiegend auch von den betreffenden Teilen der Industrie kommen dürfte) und für politisch gesteuerte Modethemen wie Umwelt- und Klimaforschung.
      5. Theoretisch kann gerade ein bekannter Forscher natürlich auch mit Vorträgen und Büchern Geld verdienen. Die Gelegenheit hat ein Nobelpreisträger aber auch, ohne jemandem nach dem Mund zu reden. Ein Lobby-Großkonzern wie Greenpeace dürfte für solche Zwecke auch eher mehr Geld zur Verfügung haben als die in der Regel eher stiefmütterlich ausgestattete Öffentlichkeitsarbeit eines Industrieunternehmens.
      6. Von den im Artikel genannten Personen dürfte Popp der einzige sein, der wirklich darauf angewiesen war, von seinen merkwürdigen Ideen zu leben, nachdem er sich in der ernsthaften Wissenschaft lächerlich gemacht hatte.

  3. Ein weiterer Kommentar wurde nicht veröffentlicht, weil nicht der Sinn der Kommentarfunktion ist, Werbung für seine eigenen Bücher über etwas obskure Welterklärungsansätze zu machen.

  4. „Glauben Sie nicht alles, was Sie in Büchern lesen.“ lautet der erste Satz im Kapitel über den „Jupiter-Effekt“ aus dem Büchlein „Wissenschaft für die Westentasche“ von … John Gribbin!
    Und das Kapitel endet mit: „Den Jupiter-Effekt gibt es nicht, und die Welt wird im Jahr 2000 nicht untergehen. Wieso bin ich mir da so sicher? Weil ich einer der beiden jungen Astronomen war, die das Erdbeben für 1982 vorhergesagt hatten. Und ich kann mich nur dem anschließen, was Erwin Schrödinger einst über die Quantentheorie gesagt hat, zu deren Begründern er gehörte: „Ich mag sie nicht und ich bedauere es, daß ich jemals etwas damit zu tun hatte.““

    1. Gribbin setzt also seinen (inzwischen selbst erkannten, aber eben auch von Anfang an völlig offensichtlichen) Blödsinn von 1974 mit Schrödingers rein ästhetischen Vorbehalten gegen die Quantenmechanik gleich?
      Der Mann ist tatsächlich noch schlimmer als ich für möglich gehalten hätte.

  5. Ich glaube, da bist Du zu streng. Er hat das wohl eher selbstironisch gemeint und Asche auf sein Haupt gestreut, getreu dem Motto „Hätte ich nur also junger Astronom die Klappe gehalten“.
    Das ist m.E. schon an dem Einleitungssatz („Glauben Sie nicht alles…“) ersichtlich. Übrigens lautet der nächste Satz: „Mitte der 1970er Jahre äußerten zwei junge Astronomen die Vermutung, dass Erdbeben möglicherweise durch Veränderungen der Sonnenaktivität ausgelöst würden, die ihrerseits durch den Einfluß bestimmter Planetenstände relativ zur Sonne hervorgerufen würden.“
    Er führt dann weiter aus, wie die Theorie von ihren Urhebern fallengelassen wurde, weil es 1982 eben zu keiner ungewöhnlichen Sonnenaktivität kam und auch das Erdbeben ausfiel – womit man eigentlich nichts mehr vom Jupiter-Effekt hätte hören sollen. Doch leider sei eine verfälschte Version dieser Idee (nämlich nicht nur ein Erdbeben, sondern gleich eine Welle globaler Katastrophen) Ende des Jahrhunderts von Astrologen und Weltuntergangspropheten aufgegriffen worden, welche damit viele Leichtgläubige unnötig verängstigt hätten.
    Und nun folgt der Schlussabsatz, wo er zugibt, selbst einer der jungen Astronomen gewesen zu sein und mit Schrödingers bekanntem Zitat schließt. Ich glaube, Gribbin wollte hier einfach noch einen netten Gag bringen!

    1. Das Problem ist halt, dass er das direkt wieder nutzt, um Schrödinger und die Quantenmechanik zu entstellen, was er in seinen neueren Büchern offenbar regelmäßig tut.

    1. Danke für den Hinweis. Der wäre sicher auch mal einen näheren, kritischen Blick wert.
      Persönlich kenne ich ihn nicht. Mit den Didaktikern hatte ich in Frankfurt nur wenig zu tun, und ich war schon im Hauptstudium, als er berufen wurde. Wenn ich das richtig überblicke, scheint er auch erst in Richtung Pensionierung angefangen zu haben, so richtig seltsames Zeug zu verbreiten – was auch nicht untypisch wäre.

  6. Ich bin beindruckt von Ihrer klaren Einstufung so mancher Wissenschaftsgrößen. Vor allem, dass diese Leute nur in ihrem Fachgebiet eine Autorität sind, wird eben oft vergessen.
    Was ich nicht ganz verstehe, ist Ihre Kritik an „Schrödingers Katze“. Die gesamte Darstellung erscheint mir als Physik-Nebenfachler recht gut strukturiert und richtig. Wobei ich den Schluss über Multiversen mal ausnehme, da kann alles nur Spekulation sein. Worauf bezieht sich Ihre Kritik an diesem Buch denn nun genau?

    1. Auf den mystifizierenden Gesamteindruck, der durch das Buch entsteht. Das mag in Teilen Aspekten geschuldet sein, die der Autor nicht einmal direkt zu verantworten hat, wie dem Klappentext.
      Eindeutig ist doch aber, wenn Quantenschwurbler sich überproportional häufig (in den Fällen, auf die ich gestoßen bin, fast immer), sofern sie überhaupt eine Quelle angeben, auf Gribbin berufen, dann läuft mit dem Buch etwas schief.
      Es ist leider häufig in solchen Texten, dass nicht einmal einzelne Passagen sachlich wirklich falsch sind, aber ein Text insgesamt doch den Eindruck erweckt, die Physik sei viel geheimnisvoller als sie eigentlich ist – und damit letztlich magischem Denken Vorschub leistet. Um mal ein Buch zu zitieren, von dem ich sonst (zumindest als Anweisung für die Lebensführung) nicht so viel halte: „An Ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.“

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