Kein Quark: Schüler weisen Elementarteilchen nach und testen die Relativitätstheorie

Eigentlich geht es hier ja um Esoterik, Bullshit und Spekulatives, die sich als Quantenphysik oder Relativität tarnen, aber auf der Suche danach stößt man ab und zu auf Dinge, die noch viel verblüffender sind, gerade weil sie zur tatsächlichen, seriösen Physik gehören. Wenn diese verblüffenden Dinge von sehr jungen Menschen gemacht werden, die (zumindest noch) keine Physiker sind, dann ist das einfach großartig.

Meine erste Faustregel zum Erkennen von Quantenquark ist ja folgende: Wenn es mit Mitteln unseres Alltags zugänglich ist, hat es sehr wahrscheinlich nichts mit Relativitätstheorie oder Quantenmechanik zu tun. Ab und zu gibt es Ausnahmen, und eine hat vor zwei Jahren Rowina Caspary geschafft, damals Schülerin in der zwölften Klasse eines Dresdner Gymnasiums. Im Rahmen einer „Besonderen Lernleistung“ am Netzwerk Teilchenwelt hat sie einen Detektor für Elementarteilchen aus ganz normalen Materialien gebaut, die man im Supermarkt bekommt. Die so entstandene Nebelkammer gehört zwar zu den ältesten Detektortypen der Teilchenphysik, aber auch zu den beeindruckendsten, weil sie ganz ohne elektronische Geräte die Spur eines Teilchens, das viel kleiner ist als ein einzelnes Atom, mit bloßem Auge sichtbar machen kann. Das sieht dann, bei perfekter Beleuchtung photographiert, so aus:

Das Bild (Quelle: Wikimedia) stammt aus dem Jahr 1929 und zeigt den ersten Nachweis eines Positrons und damit des ersten Antimaterieteilchens, das Paul Dirac erst ein Jahr vorher theoretisch vorhergesagt hatte. Die lange, gekrümmte Spur von links unten nach links oben ist der Weg des Positrons, und die horizontale Platte in der Mitte hat es unterwegs abgebremst, so dass man aus der Krümmung der Spur erkennen kann, dass es von unten nach oben geflogen sein muss.

Nicht nur sichtbar, sondern auch noch hörbar machen kann man Teilchen in einer Funkenkammer, wie man sie in größeren Physikausstellungen zu bewundern ist, zum Beispiel im Microcosm am CERN (jedenfalls vor dem aktuellen Umbau, hoffentlich ist sie noch da). Nur braucht man für so eine Funkenkammer einen Hochspannungsgenerator, jede Menge Edelgase für die Zwischenräume, höchst präzise montierte und isolierte Metallplatten und so weiter. Hier sieht man eine an der Universität Birmingham:

Wie funktioniert aber nun Rowina Casparys wunderbar einfache Nebelkammer? Wie mit allen Spurdetektoren kann man damit nur elektrisch geladene Teilchen nachweisen. Wenn die durch Materie, zum Beispiel durch Luft oder Dampf, hindurchfliegen, reißen ihre elektromagnetischen Kräfte Elektronen aus den Atomen, an denen sie vorbeikommen. Sie hinterlassen also eine Spur von freigesetzten Elektronen und positiv geladenen Atomrümpfen (Ionen), die Sekundenbruchteile brauchen, um sich wieder zusammenzufinden. In dieser Zeit kann man die Spur mit den richtigen Tricks sichtbar machen oder elektronisch nachweisen. In der heutigen Teilchenphysik macht man das meistens, indem man Signale der Elektronen durch Hochspannung verstärkt und elektronisch ausliest. Das geht schnell und lässt sich direkt im Computer weiterverarbeiten.

Viel eleganter geht das in der Nebelkammer: In einem dünnen Alkoholdampf, der gerade heiß genug ist, dass sich noch keine Tropfen niederschlagen, bilden sich die ersten Nebeltröpfchen genau entlang der Spur der vom Teilchen freigesetzten Elektronen, und diese Tröpfchen kann man im richtigen Licht sehen oder mit der Kamera für die Nachwelt festhalten. Um den Dampf genau an diesem Kondensationspunkt zu halten, gibt es zwei Möglichkeiten. In Verbindung mit einer Kamera kann man den Druck in der Kammer mit einem Kolben kurzzeitig verändern und genau in diesem Moment eine Aufnahme machen. Will man dagegen die Spuren mit dem Auge sehen, verwendet man eine Diffusionsnebelkammer, in der sich zwischen einer heißen Ober- und einer kalten Unterseite der Kammer in der Mitte eine Schicht mit gesättigtem Dampf bildet. Normalerweise verwendet man für so eine Diffusionsnebelkammer Heizdrähte, Trockeneis zum Kühlen und für den Dampf Aceton oder wenigstens Isopropanol. Das ist alles teuer, schwer zu bekommen und in Handhabung problematisch, also nicht unbedingt zum Vorführen im Klassenzimmer geeignet. Rowina Caspary hat in ihrer Arbeit gezeigt: Es geht auch mit Wärmflaschen, Kühlkompressen und Brennspiritus. Eine Bauanleitung nebst umfassenden Erläuterungen zu den physikalischen Hintergründen und Bildern von Aufbau und Ergebnissen findet sich in der schriftlichen Ausarbeitung zu den Messungen. Sie ist für jemanden, der noch nicht mal angefangen hat zu studieren, auch noch hervorragend geschrieben und beim Netzwerk Teilchenwelt herunterzuladen.

Mit der Messung von Elementarteilchen ist der Bezug zur Quantenphysik recht offensichtlich, aber ich hatte ja auch noch die Relativitätstheorie versprochen. Die spielt bei der Herkunft der beobachteten Teilchen eine Rolle. Die können einerseits aus radioaktiven Quellen stammen. Da man einzelne Teilchen sichtbar macht, genügen geringe Aktivitäten, zum Beispiel aus Uranglas oder uranhaltigen Natursteinen, die frei verkäuflich sind. Wenn man aber keine Quelle zur Verfügung hat, sind die häufigsten und wegen ihrer schnurgeraden Spuren auffälligsten Teilchen, die man beobachten kann, Myonen aus der kosmischen Strahlung.

Myonen sind sehr kurzlebig und entstehen bei Kollisionen anderer Teilchen, vor allem dann, wenn energiereiche Strahlung aus dem All auf die Atome der Erdatmosphäre trifft. Das passiert typischerweise in großen Höhen von zehn Kilometern und mehr. Weiter unten entstehen Myonen kaum, weil diese Strahlung selten tiefer in die Atmosphäre eindringen kann, ohne schon auf irgendein Atom aus der Luft getroffen zu sein. Deswegen ist man auf Flugreisen auch deutlich stärkerer Strahlung ausgesetzt als am Boden. Die meisten in den Kollisionen produzierten Teilchen werden dann auf ihrem Weg durch die Luft gestoppt. Nur Myonen sind für Elementarteilchen relativ schwer und fliegen daher von der Luft relativ ungestört direkt bis zum Boden weiter. Allerdings haben Myonen nur eine durchschnittliche Lebensdauer von etwa zwei Mikrosekunden. In zwei Mikrosekunden kann ein Teilchen, selbst wenn es fast Lichtgeschwindigkeit hat, nur etwa 600 Meter zurücklegen. Eigentlich hätten also so gut wie keine Myonen aus der Höhenstrahlung bis in Rowina Casparys Nebelkammer gelangen dürfen.

Wie auch oben im Film mit der Funkenkammer zu sehen ist (die geraden Spuren durch die ganze Kammer sind alles Myonen), kommen aber tatsächlich ziemlich viele dieser kurzlebigen Teilchen am Boden an. Möglich ist das nur durch die Relativitätstheorie: Durch ihre hohe Geschwindigkeit nahe an der Lichtgeschwindigkeit vergeht für die Myonen die Zeit langsamer, so dass deutlich weniger zerfallen, bevor sie den Boden erreichen. So liefert die coole, einfache Nebelkammer in Verbindung mit der Lebensdauer von Myonen auch noch einen Test der Relativitätstheorie.

Bleibt abschließend also noch die Frage, woher kennt man die Lebensdauer von langsamen Myonen, wenn sie doch immer nur in hochenergetischen Kollisionen erzeugt werden? Man misst mit einem sehr zeitempfindlichen Detektor, wann ein Myon in ein schweres Material hineinfliegt, in dem es dann abgebremst wird, und ein zweiter Detektor registriert, wann die Strahlung vom Zerfall des Myons aus dem Material herauskommt. Sehr viele Messungen ergeben ein Spektrum der jeweiligen Zeiten bis zum Zerfall und damit die durchschnittliche Lebensdauer. Und auch das hat ein Schüler beim Netzwerk Teilchenwelt nachgemessen, zwar nicht mit einem selbstgebastelten Detektor, sondern mit Geräten der TU Dresden, aber auch mit viel Begeisterung für die Physik, die bei den beiden jungen Forschern hoffentlich noch ein paar Jahre anhält, damit der Physik der Nachwuchs nicht ausgeht.

Dekohärenter Quantenunsinn aus der Welt der Homöopathen

Manchmal freut man sich auch als typischerweise skeptisch dreinblickender Skeptiker beim Lesen von Nachrichten.  Gestern zum Beispiel war in der Onlineausgabe der Deutschen ApothekerZeitung ausgiebig über die Gründung des Informationsnetzwerks der Homöopathiekritiker zu lesen. Was jetzt davon zu halten ist, dass es ausgerechnet die DAZ erwähnenswert findet, dass es für die Journalisten keine großzügigen Goodies gab, weiß ich auch nicht. Immerhin großartig, an dieser Stelle auf Dubium C30 aufmerksam zu machen. Das kann man nicht oft genug tun: Es enthält nur Zucker (genau wie die allermeisten Homöopathika) und ist kein Arzneimittel (genau wie alle Homöopathika).

zucker-e1444401151383

Neugierig macht mich dann aber am Ende des Artikels ein Hinweis des Netzwerkinitiators Norbert Aust: „Außerdem gäbe es häufig Behauptungen, dass Homöopathie über Quanteneffekte oder Tachyonen wirken würde.“ Das begegnet einem ja immer wieder mal, aber wenn Norbert das an dieser Stelle erwähnent, hat er wahrscheinlich einen aktuellen Anlass. Und in der Tat, auf seinem Beweisaufnahme-Blog muss man nicht lange suchen. In einem Post vom 23.12. kritisiert der Homöopath Prof. Michael Frass, dass Norbert Aust eine seiner Studien kritisiert hat und fabuliert dabei von einer Verschränkung von Patient, Arzt und Medikament. Zum Verständnis des Zitats, in der Studie wurden Patienten mit starken Atemproblemen alternativ mit Homöopathika oder Placebos behandelt, und die Einteilung der Patienten in die beiden Gruppen erfolgte durch einen Arzt (aber laut Studientext zufällig, was auch immer der Arzt dabei getan haben soll…). Mit der Entfernung des Atemschlauchs ist in diesem Fall gemeint, dass es dem Patienten besser geht, also das Ziel der Behandlung (oder Nichtbehandlung) erreicht ist.

[Aust:] Es wird ausgeführt, dass die Bestimmung des Zeitpunkts für die Entfernung des Atemschlauchs durch einen Arzt erfolgte, der ansonsten nicht an der Studie beteiligt war. Die Zuordnung der Patienten zu den Gruppen und die Zuteilung der Arznei bzw. des Placebos erfolgte auch durch einen nicht beteiligten Arzt. Was, wenn diese beiden Personen tatsächlich identisch waren? Namen werden in der Studie nicht genannt, somit ist es durchaus möglich, dass ein ansonsten unbeteiligter Arzt in Kenntnis der Gruppenzuordnung die Zeitpunkte der Extubation bestimmte und damit bewusst oder unbewusst einen Einfluss ausgeübt hat

[Frass:]  Da kann ich Sie beruhigen: der/die zuordnende Arzt/Ärztin waren nicht identisch. Manche KollegInnen verzichten auf Namensnennung, ganz einfach, weil sie nicht in einen Strudel der oft sehr heftig geführten Homöopathiediskussion gezogen werden wollen. Würde man Ihren Gedanken aufnehmen, so befände man sich unweigerlich auf dem Terrain der Quantenphysik und dem Thema Verschränkung zwischen Patient, Arzt und Medikament. Wollten Sie dorthin?

Zunächst mal ist es natürlich erschreckend, dass jemand, der „wissenschaftliche“ Studien über Homöopathie publiziert, außer angeblichen Quanteneffekten kein Problem dabei sähe, wenn der selbe Arzt, der vorher festgelegt hat, welcher Patient zur Placebogruppe gehört, hinterher entschiede, wann bei welchem Patienten eine Besserung eingetreten ist. Wenn man selbst Doppelblindstudien veröffentlicht, sollte man eigentlich auch verstanden haben, warum man das tut.

Recht geschickt stellt Frass es selbst ein wenig so hin, als käme der Gedanke mit der Verschränkung nicht von ihm, aber vom grundsoliden Diplomingenieur Norbert Aust kommt er ja definitiv nicht. Der Dachverband österreichischer Ärztinnen und Ärzte für Ganzheitsmedizin, dessen Präsident Frass ist, hat auch kein Problem damit, offizielle Fortbildungspunkte dafür zu vergeben, dass sich Ärzte Vorträge wie diese anhören:

  • Biophysikalische Informationstherapie und Schmerz. Schmerz als Ursache gestörten Informationstransfers. Die Biophysikalische Informationstherapie (BIT) stellt ein dem aktuellen Wissensstand der Bio- und Quantenphysik adäquates ganzheitliches Therapieverfahren dar. […]
  • „Vierpoliges Ordnungssystem“ – Der Mensch als offenes, nichtlineares System im Wechselwirkungsbereich von Separation und Integration. Burkhard Heim hat zusammen mit Walter Dröscher die „Erweiterte Allgemeine Quantenfeldtheorie“ entwickelt. B. Heim ging von einem zwölfdimensionalen Weltbild aus, das sich aus 3×4 Di-
    mensionen zusammensetzt. […]

Auf „Biophysikalische Informationstherapie“ und die Quantenfeldtheorie von Burkhard Heim wird sicherlich an anderer Stelle noch einmal einzugehen sein. Was hat es aber mit der angeblichen Verschränkung von Patient, Arzt und Medikament auf sich?

Verschränkung bezeichnet in der Physik einen Vorgang, bei dem zwei oder mehr Teilchen, die eine quantenmechanische Wechselwirkung eingegangen sind, in der Folge für eine gewisse Zeit einen gemeinsamen Zustand bilden. Sie sind also nicht wirklich zwei unabhängige Teilchen, sondern eigentlich ein komplexes Ganzes, auch wenn sie sich inzwischen voneinander entfernt haben. Für kleinste Teilchen ist das eigentlich völlig alltäglich. Solche Interaktionen und ihre Nachwirkungen passieren in der Quantenwelt ständig, und ihre Summe über viele Teilchen ergibt ganz einfach das, was wir als Chemie kennen.

Beachtenswert wird das Ganze eigentlich nur, wenn man unter relativ künstlichen Bedingungen solche Teilchen nach der Wechselwirkung von der Außenwelt abschirmt und die so im Labor isolierte Zweier- oder Dreierverschränkung systematisch beobachtet. Was man dann einem Teilchen antut, wirkt sich auf beide aus. Das Antun beschränkt sich allerdings in der Praxis meist auf das Durchfliegen eines Magnetsfelds, denn sobald eines der Teilchen in eine direkte Wechselwirkung mit irgendwelchen anderen Teilchen tritt, müssten auch diese Teil dieses gemeinsamen Zustands werden, womit dann alle äußeren Einflüsse auf alle diese Teilchen zusammenkommen. Das Ergebnis dieses Zusammenkommens ist einfach: Der nur bei isolierter Betrachtung besondere Zusammenhang zwischen den ursprünglichen beiden Teilchen wird durch die Vielzahl anderer Effekte überlagert und wird damit bedeutungslos. Die isolierte Betrachtung der beiden Teilchen ist gar nicht mehr möglich. Die Bezeichnung für diesen Vorgang ist Dekohärenz, und das Ergebnis dieser Dekohärenz ist, dass sich die Welt in der Größenordnung von Patienten, Ärzten und Medikamenten genau so verhält, wie es die klassische Physik beschreibt. Sobald Dekohärenz auftritt, verschwinden alle Effekte der Verschränkung.

Wann tritt aber nun diese Dekohärenz auf? Einzelne Photonen, also Lichtteilchen, können in solchen verschränkten Zuständen sogar in der Atmosphäre mehrere hundert Kilometer zurücklegen, was der Presse gerne effekthaschend als „Quantenteleportation“ verkauft wird. Das ist aber eigentlich nicht sonderlich überraschend, wenn man bedenkt, dass Licht sich ja gerade dadurch auszeichnet, dass es die Luft durchdringen kann, ohne unterwegs irgendwelche Wechselwirkungen einzugehen. Aus dem All könnten uns im Prinzip verschränkte Photonen von Sternen aus Lichtjahren Entfernung erreichen.

Patienten, Ärzte und Medikamente bestehen aber nicht in erster Linie aus Licht, sondern aus Protonen, Neutronen und Elektronen. Die können über Licht wechselwirken, aber Informationsübertragung zwischen Menschen über Licht kennen wir schon. Dafür haben wir Augen, die zwar möglicherweise selbst höchst spannende Quanteneffekte enthalten aber eben nichts mit Homöopathie oder anderem Hokuspokus zu tun haben.

Nehmen wir einmal den noch allereinfachsten denkbaren Fall an, wie irgendetwas im Patienten mit irgendetwas im Arzt verschränkt sein könnte: Den Fall eines Elektrons. Wir behaupten also, im Körper des Arztes entstünde ein verschränkter Zustand von zwei Elektronen, von denen eins beim Arzt verbleiben, das andere irgendwie, zum Beispiel über das Medikament, den Patienten erreichen soll. Soll das Elektron durch die Luft fliegen, dann tritt Dekohärenz im Durchschnitt nach einem Millionstel einer Millionstel Sekunde ein. In dieser Zeit kann das Elektron maximal einige Zehntelmillimeter zurücklegen. Muss es unterwegs Haut, Kleidung, die Hilfsstoffe des Medikaments oder irgendwelches anderes Material durchdringen, dann verringert sich die mögliche Weglänge bis zur Dekohärenz grob um einen Faktor 1000. Eine sinnvolle Information zu übertragen, würde aber weitaus mehr als ein Elektron erfordern. Eine solche Informationsübertragung würde aber immer noch nicht bedeuten, dass Arzt und Patient in irgendeiner sinnvollen Form verschränkt wären, denn sowohl der Arzt als auch der Patient sind in sich vollkommen dekohärent. Eine bedeutungshaltige Verschränkung einzelner Teilchen gibt es zwar offenbar auch in biologischen Systemen, aber dort eben nur innerhalb einzelner, speziell dafür optimierter Großmoleküle.

Natürlich ist im Menschen alles irgendwie mit allem verbunden. Quantenmechanisch kann man das theoretisch auch als Verschränkung bezeichnen. Das ist ja eben das Wesen von Dekohärenz, dass der Zusammenhang von zwei Teilchen, den man ursprünglich beobachten will, durch immer mehr Verschränkung mit immer mehr Störfaktoren überlagert wird. Aber in der Summe über den ganzen Körper werden diese ganzen Verschränkungen eben wieder einfach zur klassischen Physik und Chemie.

Dekohärent ist damit leider auch das Geschwafel von Verschränkung in der Homöopathie. Wenn ich Norbert Austs Blog lese, fällt mir auf, er bleibt in seinen Formulierungen, jedenfalls für meine Verhältnisse, immer ausgesucht höflich. Wenn man sich mit solchem Unsinn auseinandersetzen muss, finde ich das bewundernswert.

Bilder vom Vortrag bei Skeptics in the Pub in Köln

Zu dem Vortrag bei Skeptics in the Pub in Köln gibt es inzwischen auch ein paar Fotos, veröffentlicht von Mark Benecke.

Die Folge von Marks unvermeidlicher Aufforderung: „Guckt mal skeptisch.“

12622343_1025017624185605_8674122769007025199_o

Dann durften wir aber auch freundlicher.12646663_1025017304185637_7134380251149385902_o

Die Personalpsychorunde, in der Mitte GWUP-Vorstand Rouven Schäfer, rechts die Referentin beim nächsten Skeptics in the Pub, Nadine Pfeiffer. 12658010_1025017714185596_9052605538521071672_o

Zum Abschluss des Vortrags der Hinweis auf eben diese nächste Veranstaltung am 15.3. sowie auf den Vortrag von Mark Benecke am 31.5.11935169_1025016937519007_6950039202432366294_o

 

Vortrag Heiler – Heil – Geschäftemacher von Skeptics in the Pub Köln jetzt auf Youtube

Ein besonders unappetitlicher Kontext, in dem man immer wieder auf Quantenquark stößt, ist die Verquickung von Esoterik mit antisemitischem oder anderweitig Hass schürendem Gedankengut.

Für Skeptics in the Pub Köln habe ich mir rechte Esoterik im Internet-TV vorgenommen. Dabei konnte ich natürlich das Bewusstsein von Herrn Thurners Quanten auf Quer-Denken.tv nicht auslassen.

Weitere Absurditäten aus der Welt der angeblichen Physik, die in dem Vortrag Erwähnung finden mussten:

  • Das Buch „Quantenäther – die Raumenergie wird nutzbar“ im Shop des Honigmann-Blogs
  • Matrix-Power-Quantenheilung in einer Anzeige auf der Quer-Denken-Seite
  • Klaus Volkamers feinstofflicher Körper und seine Universelle Verschränkung, nachweisbar durch das Wiegen der Seele
  • Ein Gerät, das man sich um den Bauch bindet, um die alten Quanteninformationen seiner Psyche 108-fach zu überschreiben
  • Bunte „Quantensteine“, die „+ geladene, uns zerstörende Plancksche Körperchen“ verdrängen
  • Ein Gerät für Unternehmensberater, das unternehmensrelevante Informationen aus der Quantenfeld-Cloud bezieht
  • Warum man ein Erdungskabel für das Bett braucht und warum Elektrosmog zu Sex, Porno und Perversion führt…
  • …und eine Mütze, die den Kopf wärmt

Quanten sind Wesenheiten mit einem Bewusstsein. Das meint der ernst.

Immer, wenn man meint, es geht nicht mehr schlimmer, treibt jemand den Quantenquark in neue Höhen.

Meinen aktuellen Favoriten hat ein aufmerksamer Leser auf dieser Seite hier gefunden:

winsindeins

Die Seite selbst verbreitet in ihren anderen Artikeln alles Mögliche von buddhistischer Meditation und „Hochsensitivität“ bis hin zu Werbung für den Bruno-Gröning-Freundeskreis (samt Link zum Kopp-Verlag) und Reichsbürgerpropaganda. Der eingebundene Film passt da bestens ins Bild – er stammt nämlich aus Quer-Denken.tv, und das Interview führt Quer-Denken-Macher Michael Vogt, der sich in der Reichsbürgerszene ganz offensichtlich auch pudelwohl fühlt. Mit Quer-Denken.tv und ähnlichen rechtsesoterischen Videoprojekten werde ich mich am 26.1. bei Skeptics in the Pub in Köln unter dem Titel „Heiler, Heil, Geschäftemacher – rechte Esoterik im Internet-TV“ ausführlicher beschäftigen, und wer mehr über Reichsbürger wissen möchte, dem sei der Eisenfraß-Blog empfohlen.

Hier soll es ja um Quantenquark gehen, und in dem verlinkten Video gibt es reichlich davon.

Herr Vogts Interviewpartner Walter Thurner kommt nach eigener Angabe aus der Freie-Energie-Szene, er glaubt also, dass man Energie aus nichts erzeugen kann, und das begründet er… mit was wohl… natürlich mit Quanten. Im hinteren Teil des einstündigen Videos demonstriert er immerhin ziemlich eindrucksvoll, wie er aus seinen seltsamen Quantentheorien Geld erzeugen kann. Da preist er nämlich seine Therapien und Geräte an, was wohl der Hauptzweck des ganzen Interviews sein dürfte.

Davor kommen aber ein paar echte Höhepunkte des Quantenquarks. Den Anfang macht gleich Michael Vogt, der in seiner Anmoderation erst mal voraussetzt, dass Quanten und Bewusstsein dasselbe sind. Das kann Herr Thurner aber locker überbieten, indem er den fälschlich so bezeichneten Beobachtereffekt der Quantenmechanik benutzt, um kleinsten Teilchen Intelligenz zuzuschreiben: „Die Quanten sind sehr extreme Wesenheiten, wenn die wissen, bei einem Versuch, ob ich hinschau oder wegschau, die haben keine Augen, die wissen aber, dass ich hinschau und bringen andere Ergebnisse als wenn ich wegschau.“ So ist für Herrn Thurner klar: „Das müssen Wesenheiten sein; die müssen ein Bewusstsein haben.“ Wohlgemerkt, wir sprechen hier von Elementarteilchen. Immerhin, das Bewusstsein würde erklären, warum Frauen mit den Quanten sprechen können.

Nur mal zur Klarstellung: Der angebliche Beobachtereffekt kommt daher, dass man zum Beobachten kleinster Teilchen große Messgeräte braucht, deren Wechselwirkung mit den Teilchen das Gesamtsystem verändert. Ob auf das Messgerät tatsächlich ein Beobachter draufschaut oder ob die Messergebnisse niemals von irgendwem gesehen und auch nicht gespeichert werden, ist für diesen Effekt völlig egal, weswegen ich den Begriff „Messungseffekt“ vorziehen würde. Fachlich korrekt spricht man in der heutigen Physik von „Dekohärenz“.

Das hält aber Herrn Thurner nicht auf. Als nächstes nimmt er sich den Welle-Teilchen-Dualismus vor, den er genausowenig verstanden hat: „Was wir in der Quantenwelt entdecken, dass es […] Welle und Teilchen gleichzeitig ist, das wirkt sich ja in unserer Welt auch aus. Damit ist ja gesagt, unsere Welt gibt’s nicht. Das ist ja nur eine Illusion.“

Dieser Schluss ist natürlich sehr praktisch, wie er im Weiteren erläutert. Dass ein Schwerstkranker sich selbst als Besitzer einer defekten Niere erlebt, sei ja nur eine Information. Wenn man diese Information in der Quantenwelt ändert, könne er sich dann einfach wieder mit einer gesunden Niere erleben. Dazu braucht man dann nur noch die Geräte, die Herr Thurner verkauft.

Mit diesen Geräten erspart man sich auch noch die Einnahme möglicherweise unangenehm schmeckender Medikamente: „Ob ich jetzt den Kamillentee trink und die Substanzen im Magen hab, die ich dann verdaue, aber neben den Substanzen trägt die Kamille ja auch eine Information. Und nicht die Substanzen kommen zur Wirkung, sondern die Information. Und wenn ich die Information auf andere Art den Zellen zuführe, dann ist es auch gut, und das machen wir eben über die Quanten.“

Die Technologie, mit der Herr Thurner zu diesen Erkenntnissen gelangt ist, ist, wie er selbst erklärt, der Tensor. Bedauerlicherweise spricht er dabei nicht von der Tensorrechnung, die in der Quantenmechanik wie in vielen anderen Bereichen der Physik tatsächlich eine große Bedeutung hat. Was Thurner und diverse Esoteriker als Tensor bezeichnen (andere benutzen auch den Begriff Einhandrute), ist einfach ein Handgriff, an dem über eine lange, federnde Verbindung ein Gewicht befestigt ist. Das Ganze hat große Ähnlichkeit mit einem Katzenspielzeug aus dem Heimtierbedarf und dient letztlich dem gleichen Zweck wie ein Pendel oder eine Wünschelrute: Es schaukelt winzige, unwillkürliche Bewegungen der Hand auf und macht sie dadurch sichtbar, wozu man sich dann allerlei Unsinn zusammenschwurbeln kann, nicht zuletzt auch, dass man damit Zugang zur Quantenwelt erhält.

Bleibt die Frage, wie kommt man auf solches Zeug? Eine mögliche Erklärung dafür findet sich schon ziemlich am Anfang des Interviews: „Man muss ja eigentlich bei dieser Technologie, beim Tensorn, den Verstand ausschalten.“ Vielleicht sollte Herr Thurner einfach nicht so viel tensorn.

Frauen sprechen mit dem Quantenfeld – nur leider viel zu wenige…

Der folgende Screenshot aus einer Verschwörungstheoretiker-Gruppe erschien am Freitag auf der Facebook-Seite des goldenen Aluhuts: Frauenquanten

Über den oberen Teil kann man natürlich lachen oder weinen. Dass Frauen sich bedroht fühlen, nicht nur in Situationen wie in Köln, ist verständlich. Dass sie nicht bedroht werden sollten, ist auch klar, und wie jede Gesellschaft stecken wir da im Zwiespalt von Sicherheit und Freiheit. Wer lernen will, sich wenigstens gegen eine Bedrohung durch einzelne Angreifer ein Bisschen besser wehren zu können, kann das tun, im Rhein-Main-Gebiet auch gerne von mir.

Ford-akademieSchlimm finde ich, wenn man sich bedroht fühlt und sich dann in fremdenfeindlichen Unsinn und falsche Allmachtsphantasien flüchtet, was einen am Ende noch verletzlicher macht. Wenn der Unsinn aus Quantenquark besteht, gehört es eben hierher, und damit kommen wir zum unteren Teil.

Formulieren wir den mal halbwegs korrekt um: Alles, was wir im Universum finden, lässt sich als Quanten beschreiben, zum Beispiel mit Quantenfeldtheorien. Sinnvoll und machbar ist das nur, wenn man einzelne Teilchen (oder isolierte Systeme völlig identischer Teilchen) betrachten will, und lernen kann man daraus zwar, was die Welt im Innersten zusammenhält, aber leider nicht, wie wir unsere Gesellschaft etwas besser zusammenhalten. Worum es in Quantenfeldtheorien genau geht, findet man in Wikipedia leider nur auf einem Niveau, bei dem selbst mancher Physiker relativ schnell aussteigt. Dieser nicht ganz neue Artikel gibt einen ganz guten Überblick zum Einstieg. Ausführlicher und mit vielen weiterführenden Artikeln findet sich auch eine Einführung bei den Drachen auf Scienceblogs.

Vor Leuten, die mit Quantenfeldtheorien richtig gut umgehen können, habe ich größten Respekt, und Frauen sind darunter leider immer noch viel zu wenige. Zwar hat sich der Anteil der Physikabsolventinnen seit meinen Studienzeiten verdoppelt, aber eben nur auf 20 Prozent. Die einzige deutsche Physikprofessorin, die mir in meinem Studium begegnet ist, die spätere Präsidentin der Deutschen Physikalischen Gesellschaft Johanna Stachel, war nicht mal an meiner Uni. Bei uns in Frankfurt konnten Patriarchen wie Walter Greiner in ihren Vorlesungen noch unwidersprochen fragen: „Haben das alle verstanden? Die Damen auch?“ Ich erinnere mich auch noch gut an den Satz: „Sie können das lösen wie Physiker oder wie Biologinnen.“ Ohne Italien, wo Physik interessanterweise als Frauenfach galt, hätte es am CERN in den 90ern erschreckend wenig Physikerinnen gegeben. Kein Wunder, dass heute die erste CERN-Generaldirektorin eine Italienerin ist.

Niemand muss sich über das Schulniveau hinaus mit Physik beschäftigen, wenn es ihn oder sie nicht interessiert. Man verpasst etwas, kann aber überleben, ohne mit dem Quantenfeld sprechen zu können – es wäre nur hilfreich, dann keinen Unsinn darüber zu verbreiten. Wer sich aber dafür interessiert, sollte sich niemals von irgendwem einreden lassen: „Du kannst das nicht.“ Auch Quantenfeldtheorien sind ein Prozent Inspiration und 99 Prozent Perspiration, und das sage ich ganz selbstkritisch als jemand, der am CERN und in Brookhaven selbst lieber an Detektoren geschraubt hat.

Also, Ladies, sprecht mit den Quanten, aber fangt damit in einer Universität Eurer Wahl an. Lasst Eure Macht frei und zeigt den letzten Chauvi-Greisen, dass Ihr Eure Eichtheorien verstanden habt. Damit bildet man sich zwar nicht ein, eine Gottheit zu sein, aber man kann die Welt auch ein Stück weit verändern, und man weiß vor allem, wovon man redet.

Die schnellste Massage der Welt

Inzwischen, gleich im neuen Jahr, ist es ja doch noch Winter geworden in Deutschland, und gerade wenn man sich in den Bergen aufhält, tut ein Saunabesuch in Verbindung mit einer Massage sicher gut. Ab Freitag wird in Ruhpolding der Bedarf an Massagen wohl noch höher sein, denn dann beginnt der 4. Biathlon Weltcup dieser Saison. Vielleicht ganz passend für Schützen, gibt es da gerade in Ruhpolding ein ganz besonderes Angebot:

tachyonmassage

Eine Massage mit Hilfe überlichtschneller Teilchen… Das ist natürlich interessant. Die nicht existenten Meridiane und die nachweislich beliebig austauschbaren Akupunkturpunkte lassen wir an dieser Stelle mal beiseite. Da hier eindeutig von Quantenphysikern die Rede ist, kann in diesem Fall jedenfalls niemand behaupten, die Tachyonen seien nur eine Metapher und es sei eigentlich etwas ganz anderes gemeint.

Dummerweise werden Tachyonen von Quantenphysikern aber nicht als Quelle aller Materie angesehen, sondern eher als ein Zeichen dafür, dass eine Theorie noch nicht richtig ausgegoren ist und wahrscheinlich nicht viel mit der Realität zu tun hat. Nach Teilchen, die schneller sind als das Licht, wird inzwischen immerhin seit über 100 Jahren erfolglos gesucht, obwohl sie eigentlich in jedem größeren Teilchenexperiment hervorstechen müssten wie ein Süßwassersee in der Sahara. So gilt es in der Physik als ein Merkmal einer vielversprechenden Theorie, dass sie „tachyonenfrei“ ist, also keine Tachyonen braucht, um in sich schlüssig zu sein.

Rein mathematisch bekommt man überlichtschnelle Teilchen übrigens durchaus auch in der Relativitätstheorie unter, wenn man unbedingt will. Mann muss nur annehmen, ihre Masse sei imaginär, also ein Vielfaches der Wurzel von -1. Dass man etwas mathematisch rechnen kann, heißt aber noch lange nicht, dass es auch existiert. Der Abfallhaufen der Wissenschaft ist voll von Theorien, die mathematisch korrekt sind, aber nichts mit der Realität zu tun haben. Insofern kann man wohl davon ausgehen, dass reale Teilchen auch eine reale Masse haben und die Teilchen mit der imaginären Masse sehr wahrscheinlich auch selbst imaginär sind.

Mein Artikel zu Tachyonen-Quark im Skeptiker 4/2002 ist leider noch nicht online verfügbar – vielleicht kommt das ja noch. Dafür gibt es von Florian Freistetter einen wunderbaren Artikel, in dem er etwas ausführlicher ausarbeitet, was es mit Tachyonen auf sich hat und warum man die nicht in Bergkristallen einfangen oder damit massieren kann. Wer etwas anderes behauptet und sich dann auch noch auf Quantenphysiker beruft, muss einen experimentellen Beweis vorbringen, dass seine Tachyonen tatsächlich existieren – sonst sind sie eben doch nur Quantenquark.

 

Quantenquark in der Frankfurter Allgemeinen: Walter von Lucadou verschränkt den Bundestrainer

Eigentlich wollte ich ja dieser Tage über ein winterlicheres Thema schreiben, aber so richtig winterlich ist es ja noch nicht, und frisch verzapfter Quantenquark in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ist natürlich allemal eine Erwähnung wert.

Da fällt einer Sportredakteurin zum Thema Rituale im Sport nichts Blöderes ein, als den Parapsychologen Walter von Lucadou vier Onlineseiten lang zu interviewen, ohne dass darin irgendwann einmal ein Hinweis darauf auftaucht, dass Parapsychologie an sich schon wenig mit Wissenschaft oder überhaupt mit Wissen zu tun hat. Als ob das an sich noch nicht schlimm genug ist, versinkt Lucadou auch noch praktisch das gesamte Interview lang unwidersprochen im Quantenquark.

Lucadou behauptet, in gut funktionierenden Teams trete ein Phänomen aus der Quantenphysik namens Verschränkung auf. Insgesamt neun Mal spricht er in dem Interview von Physik, und er liefert eine Pseudoerklärung dafür, was Verschränkung in der Physik bedeutet: Er präsentiert „Verschränkungskräfte“ in einem Atom als Erklärung für dessen Stabilität, die durch „kausale Kräfte“ nicht gewährleistet wäre. Tatsächlich kennt die Physik aber weder „Verschränkungskräfte“ noch „kausale Kräfte“ – offenbar beides eine Erfindung von Herrn Lucadou.

Also kurz ein paar Zeilen dazu, was Verschränkung nun wirklich ist, genauer nachzulesen zum Beispiel bei Wikipedia:

Wenn mehrere Teilchen in einer einzigen Wechselwirkung entstehen (beispielsweise dem Zerfall eines Vorgängerteilchens), dann bilden diese Teilchen zunächst noch einen gemeinsamen Zustand, und zwar so lange, bis sie mit irgendwelchen Teilchen interagieren. Beeinflusst man jetzt die quantenmechanischen Eigenschaften eines dieser Teilchen vorsichtig genug (zum Beispiel über ein Magnetfeld), dann kann es gelingen, dass man damit gleichzeitig die Eigenschaften des anderen Teilchens verändert, selbst wenn sich das inzwischen an einem ganz anderen Ort befindet (weil „beide“ Teilchen eben in Wirklichkeit einen einzigen Zustand bilden). Ein solcher nichtlokaler Effekt zwischen Teilchen ist natürlich verblüffend anders als die Phänomene, die wir in der Welt normal großer Objekte kennen. Verblüffend war es sogar für Albert Einstein, weshalb man bis heute vom Einstein-Podolsky-Rosen-Paradoxon spricht – aber was bei einzelnen Teilchen Leo Podolsky verblüfft hat, muss nicht automatisch auch auf den ganzen Lukas Podolski wirken. Für normal große Objekte oder gar ganze Menschen ist die Verschränkung einfach deshalb völlig belanglos, weil sie nicht in einer einzigen Wechselwirkung entstehen und weil alle Teilchen darin ständig untereinander und mit der Umwelt interagieren. Von verschränkten Menschen in einem Team zu reden, ist physikalisch gesehen also schlichter Blödsinn.

Nun könnte Lucadou natürlich den Begriff der Verschränkung von der Physik auf ein gänzlich anderes Phänomen aus der Psychologie übertragen haben, weil dafür noch ein passender Begriff gefehlt hätte, „Teamgeist“ also zum Beispiel nicht gut genug gewesen wäre. Das wäre eine Metapher, in neuen Wissensfeldern ziemlich üblich und völlig legitim. Nicht legitim ist dann aber zu behaupten, es handele sich bei dieser „Verschränkung“ um dasselbe wie in der Physik, und genau das tut Walter von Lucadou in seinem Interview ständig:

„Erstaunlich ist, was man lange nicht wusste, dass solche Verschränkungskorrelationen nicht nur in kleinen quantenmechanischen Systemen, sondern auch in großen, wie zum Beispiel psychologischen Systemen, vorkommen können.“

„Psychokinese ist ebenfalls eine bestimmte Form des Verschränkungsphänomens. Da spielt die Physik noch mit. Nicht nur das Mentale.“

„Es gibt verschränkte Systeme, für die man nachweisen kann – das sind jetzt rein physikalische Systeme -, dass diese thermodynamischen Wahrscheinlichkeiten falsch sind. Die können auf einmal viel, viel größer werden. Ich nehme an, beim Spuk passiert so etwas.“

Nebenbei schiebt Lucadou dem Leser also auch noch Psychokinese und Spuk als angebliche Tatsachen – und natürlich als Physik – unter.

Warum er sich dazu einen Begriff aus der Physik kapert, sagt er freundlicherweise gleich ausdrücklich mit dazu: „Magie würde ich es aber nicht nennen, das ist zu negativ besetzt.“ Also nennt er es Verschränkung, damit klingt sein Bullshit dann nach Wissenschaft.

Fassen wir es kurz zusammen: Jemand, der gerne für einen seriösen Wissenschaftler gehalten werden möchte, klaut sich Begriffe aus einer anerkanntermaßen seriösen Wissenschaft zusammen und behauptet, was er tut, sei dasselbe.

Das ist zwar nicht verschränkt, aber dafür ziemlich beschränkt.

Weihnachtsschmuck aus durch Bewusstsein verdichteten Lichtteilchen

Noch drei Tage bis Heiligabend – mit der Lieferzeit wird es also schon etwas knapp, aber vielleicht trifft dieser „energetisierte“ und „mit einem liebenden Schutzgebet“ versehene Weihnachtsschmuck ja den Geschmack des Einen oder der Anderen. Wobei… wirklich…? Naja, über Geschmack sollte man ja nicht streiten.

http://gabrielevongratkowski.de/cardboardheart_babychrist.html

Das Spannende an der glitzernden Scheußlichkeit ist das besondere physikalische Wissen ihrer Schöpferin Gabriele von Gratkowski, das in ihre Herstellung einfließt:

„Dass sich Materie als Träger für Information eignet, ist durch aktuelle Erkenntnisse in Quantenmechanik und Teilchenphysik bewiesene Tatsache und kommt nun zusehends in modernen Denk- und Heilweisen erfolgreich zum Einsatz.“

Dass sich Materie als Träger für Information eignet, war, um genau zu sein, sogar schon lange vor der Entwicklung der Quantenmechanik bekannt, zum Beispiel den Menschen, die vor 32.000 Jahren ihre Informationen über Wildtiere  auf der Felsmaterie der Chauvet-Höhle hinterlassen haben:

https://de.wikipedia.org/wiki/Chauvet-Höhle

Was das mit Quantenmechanik und Teilchenphysik zu tun hat, wird aber wohl Frau von Gratkowskis intuitiv empfangenes Geheimnis bleiben. Viel Sinn ist aus ihrer folgenden Erklärung jedenfalls nicht zu gewinnen: „Wir wissen heute sogar, dass die gesamte uns bisher bekannte Materie auf der allerkleinsten Quantenebene nur aus durch Bewusstsein bzw. Information verdichteten Lichtteilchen besteht.“ Nein, Materie besteht nicht aus verdichteten Lichtteilchen, sondern aus Protonen, Neutronen und Elektronen, und Bewusstsein spielt dabei schon gar keine Rolle. Auch mit Information hat die Entstehung von Materie nichts zu tun, außer vielleicht mit der Information, die in den Gesetzmäßigkeiten von Quantenchromodynamik und eletroschwacher Theorie stecken.

Treffender ist da schon der direkt folgende Satz auf Frau von Gratkowskis Werbeseite: „It’s MAGIC!“ Magic trifft es schon ganz gut, aber Hokuspokus wäre wohl das noch bessere Wort.

http://gabrielevongratkowski.de/
http://de.dawanda.com/product/72452403-shabby-chic-christbaum-herz-versilbert-jesuskind

Quantenmedizin im Fitnesscenter

Anlässlich meines Quantenquark-Vortrags bei den Säkularen Humanisten der gbs Rhein-Neckar in Heidelberg bekam ich einen Flyer eines Schwetzinger Fitnesscenters, mit der Anmerkung, das Studio sei normalerweise seriös… Es geht um sogenannte Bioresonanztherapie, also das Messen irgendwelcher elektromagnetischer Impulse, die ein lebender Körper aufgrund seiner Nerven- und Muskelaktivität zwangsläufig emittiert und das Zurückspielen irgendwelcher Antworten, die man sich ausgedacht hat, für die der menschliche Körper aber gar keine Sensoren hat. Begründet wird das – natürlich – mit Quantenphysik.

QuarkSchwetzingen

Physik hat also irgendwas zu tun mit den seit der Entdeckung der DNA vor 60 Jahren erledigten Morphogenesetheorien aus der Entwicklungsbiologie, die Rupert Sheldrake sinnloserweise aufgewärmt hat. Und überhaupt ist ja alles feinstofflich und Energie. Was das aber mit Quanten zu tun haben soll, sagt der Rest des Flyers auch nicht.

Dafür wird betont, dass sich die Bioresonanz positiv auswirkt auf „ausnahmslos jedes Beschwerdebild, jede Krankheit“. Na wunderbar – die nächste Therapie für alles.

Immerhin eine beruhigende Nachricht enthält das Pamphlet: „Die Bioresonanztherapie wird von der naturwissenschaftlich orientierten Schulmedizin (noch) nicht anerkannt. Sie ist daher weder eine Leistung der gesetzlichen, noch der privaten Krankenkassen.“ Hoffentlich bleibt das noch eine Weile so, aber man darf skeptisch sein.