Die Energie von Professur Turturs Vakuum

Im Artikel

Quantenquark und braune Sauce

hatte ich ja schon angekündigt, auf den Quark von Professor Claus Turtur noch einmal näher einzugehen. Turtur behauptet, dass man Energie aus dem Nichts erzeugen könne – und dass sich das mit der Quantenfeldtheorie begründen ließe.

Inzwischen hat aber noch ein anderer Akteur aus dem gleichen Artikel von sich reden gemacht: Auch wenn er in den Originalquellen namentlich nicht genannt ist, deutet alles darauf hin, dass es Ernst Köwing, der Honigmann, ist, der demnächst eine Haftstrafe wegen Volksverhetzung antreten darf. Nach der ersten Verurteilung 2013 hatte das Gericht dieses Mal offenbar genug gesehen, um die Strafe nicht wieder zur Bewährung auszusetzen. In diesem Blog war Köwing vor allem mit dem Verschwörungsgeschwurbel aufgefallen, das CERN werde vom Vatikan kontrolliert und solle ein Portal öffnen, um eine Invasion durch Außerirdische zu ermöglichen.

Ein weiterer Kopf der braun-esoterischen Szene, mit dem ich mich hier schon beschäftigen musste, hatte auch keine so gute Woche vor Gericht. Peter I., oberster Souverän des Königreichs Deutschland, gilt für seine verschwundenen 1,3 (oder mehr) Millionen Anlegergelder wohl als voll schuldfähig. Der Gutachter hält ihn zwar für narzisstisch gestört, aber dem selbstgekrönten Monarchen fehle es nicht an Einsichtsfähigkeit, sondern nur an Einsicht. Zu der könnte ihn ein längerer Aufenthalt hinter Gittern ja möglicherweise führen.

Zur Einsicht scheint mir aber vor allem die deutsche Justiz im Umgang mit solchen Leuten allmählich zu gelangen…

Schließlich noch eine Leseempfehlung vorneweg: Auf Krautreporter hat sich gestern Jakob Herpich kritsch mit „Menschlichen Energiefeldern“ und Rechtfertigungsversuchen unter Berufung auf den deutschen Nachkriegsphysiker Burkhard Heim beschäftigt. Mehr zu Burkhard Heim gibt es unter anderem von mir auf der SkepKon zu hören, in der Urania Berlin vom 29. April bis 1. Mai. Mein Vortrag ist am 30. April nachmittags, in einer Session mit Martin Lambeck, der dort ebenfalls über ein Quantenquark-Thema spricht.

Aber kommen wir zu Herrn Turtur. Es handelt sich dabei nicht um die literarische Figur sehr ähnlichen Namens, die ebenfalls die Eigenschaft hat, immer unbedeutender zu werden, je genauer man hinsieht. Vielmehr ist Claus Wilhelm Turtur Professor für Experimentalphysik und Werkstofftechnik, beschäftigt in der Fakultät Elektrotechnik an der Ostfalia Hochschule in der Naturwissenschaftsmetropole Wolfenbüttel. Wenngleich Turturs Themen vordergründig unpolitisch sind, ist es schon interessant, in welchem Millieu er sich so herumtreibt: Wie schon im vorhergehenden Artikel erwähnt, trat er auf derselben Antizensurkonferenz in der Schweiz auf, auf der auch Sylvia Stolz ihre jüngste Volksverhetzung beging. Außerdem publiziert Turtur im Kopp-Verlag, dessen prominent platzierte Bücher gerade in den vergangenen Tagen der Buchhandelskette Hugendubel ordentlich Ärger eingebracht haben. Turtur trat auch 2016 auf dem ersten großen Kopp-Kongress  auf und verlinkt den rechtsesoterischen Verlag ganz ungeniert von der Homepage seiner Hochschule.

Nun muss man von einem Professor aus den Ingenieurwissenschaften ja nicht zwangsläufig besondere politische Sensibilität erwarten, aber wer ein Buch mit dem Titel „Prüfungstrainer Physik“ geschrieben hat, von dem erwarte ich wenigstens ein gewisses Grundverständnis von… naja, eben von Physik. Da ist es doch sehr überraschend, dass Professor Turtur öffentlich behauptet, man könne Energie aus nichts erzeugen. Den meisten Menschen ist heutzutage klar, dass so etwas (ein perpetuum mobile) nicht funktioniert, und in seinem Prüfungstrainer stellt Turtur die Energieerhaltung auch nicht in Frage, sondern argumentiert selbst immer wieder damit. Da muss er also kreativ werden, um zu begründen, wo seine angebliche Energie denn herkommt – er muss dem Nichts also einen Namen geben.

Gelegentlich spricht Turtur dabei von einer „Raumenergie“, die man nutzen könne. Dabei handelt es sich um einen Phantasiebegriff, von dem ich in der seriösen Physik noch nie gehört habe. Parallel spricht er aber auch von der Vakuumenergie oder der Nullpunktsenergie des Vakuums, die er mittels des sogenannten Casimir-Effekts nutzen will. Diese Begriffe gibt es in der Physik tatsächlich, und die haben sogar etwas miteinander zu tun. Da lohnt es sich dann doch, mal einen genaueren Blick darauf zu werfen, was sich hinter diesen Begriffen nun eigentlich verbirgt. Wer es genau wissen will, dem sei dieser ausführlichere Artikel vom sehr geschätzten Martin Bäker („Hier wohnen Drachen“ auf Scienceblogs) empfohlen. Ich werde es hier deutlich kürzer und einfacher belassen.

Was Nullpunktsenergie an sich ist, hatte ich schon einmal erklärt: Das ist die Energie, die ein quantenmechanisches System wegen der Unschärferelation immer noch haben muss, nachdem man ihm alle entnehmbare Energie entnommen hat. Da sie eben nicht entnehmbar ist, kann man sie auch nicht nutzen, womit eigentlich schon klar sein sollte, dass sie als Ausrede für Turtur nicht taugt.

Mit der Quantenfeldtheorie wurde dann klar, dass auch das Vakuum eine Nullpunktsenergie hat, und die bezeichnet man, wenig überraschend, als Vakuumenergie. Rein rechnerisch ist die Vakuumenergie sogar beliebig groß. Weil man ihr aber weder etwas hinzufügen noch etwas wegnehmen kann, ist ihre absolute Größe aber für messbare Werte letztlich ziemlich egal. Das bedeutet aber nicht, dass die Vakuumenergie keine Effekte hätte. Sie äußert sich in sogenannten Vakuumfluktuationen: Im Vakuum (und damit auch überall sonst) entstehen und vergehen aus der Vakuumenergie ständig virtuelle Teilchen und Antiteilchen. Die wiederum stehen in Wechselwirkung mit den Teilchen, deren Kollisionen wir in Experimenten messen können, und wenn man die Ergebnisse dieser Kollisionen sehr genau vorausberechnen will, muss man die Vakuumfluktuationen als Korrekturen berücksichtigen.

Viele Physiker, darunter die Skeptiker-Ikone Lawrence Krauss halten es für plausibel, dass sogar das ganze Universum nicht weiter ist als eine riesige und glücklicherweise ziemlich langlebige Vakuumfluktuation:

Es gibt noch einen weiteren experimentellen Effekt, der auf Basis der Vakuumenergie vorhergesagt wurde. Die virtuellen Teilchen und Antiteilchen wandeln sich nämlich auch in elektromagnetische Wellen um, die eine Wellenlänge haben. Bringt man jetzt zwei Platten im Vakuum sehr dicht zusammen, dann können durch die Vakuumfluktuationen zwischen diesen Platten nur solche Wellen entstehen, deren Wellenlänge kurz genug ist, um zwischen die Platten zu passen. Außerhalb der Platten sind alle Wellenlängen möglich. Dort gibt es also mehr Vakuumfluktuationen als dazwischen, was dazu führt, dass die Platten minimal zusammengedrückt werden. Dieser Effekt wurde von Hendrik Casimir 1948 vorhergesagt und ist deswegen als Casimir-Effekt bekannt.

Professor Turtur behauptet nun in seinen Vorträgen, Casimir sei damals ausgelacht und der Effekt erst 1997 experimentell nachgewiesen worden:

Das ist vollkommener Unsinn. Hendrik Casimir wurde für diese und viele andere Erkenntnisse, zu denen er beigetragen hat, geradezu mit Ehrungen überhäuft, und erste experimentelle Bestätigungen werden schon in einer Veröffentlichung aus dem Jahr 1954 beschrieben. Wie in Martin Bäkers schon erwähntem Artikel zu lesen ist, gibt es inzwischen auch theoretische Erklärungen zum Casimir-Effekt, die ohne die Vakuumenergie auskommen – es ist also nicht mehr so ganz klar, ob beide Effekte wirklich zusammengehören.

Kann man aber nun mit dem Casimir-Effekt Energie gewinnen? Es gibt ja eine Kraft, die die Platten zusammendrückt. Gibt man dieser Kraft nach und bewegt die Platten noch näher zusammen, wird dabei natürlich Energie frei, ähnlich wie eine alte, mechanische Wanduhr Energie daraus erhält, dass sich ihre Gewichte im Laufe der Zeit absenken. Soll die Uhr längerfristig laufen, muss man die Gewichte natürlich wieder hochziehen. Dazu braucht man genau die Energie, die die Gewichte beim Absenken abgegeben haben, und genau das passiert mit den Platten beim Casimir-Effekt. Um sie wieder auseinanderzubewegen braucht man ebensoviel Energie, wie beim Zusammenbringen frei wurde, und am Ende gewinnt man – nichts.

Jetzt kommt Professor Turtur auf einen Trick, den er für genial hält: Er will eine der Platten durch eine Art Rotor aus schrägen Teilplatten ersetzen und meint, durch die Anziehungskräfte müsste dieser in Drehung versetzt werden. Das ist aber genauso, als wolle man ein Windrad mit eisernen Flügeln dadurch in Drehung versetzen, dass man einen Magneten vor das Rad hält: Da bewegt sich nichts. Das Windrad bewegt sich erst dadurch, dass etwas an ihm vorbeiströmt (oder man zum Beispiel den Magneten bewegt, was wieder Energie erfordert). Beim Casimir-Effekt strömt aber nichts – das ist ein rein statischer Effekt zwischen den Platten.

Mit dem Unterschied von statischen und dynamischen Effekten scheint der Herr Professor ohnehin seine Probleme zu haben. Auf seiner Institutsseite hat er einen Artikel, in dem er die gesamte Theorie seiner Energiegewinnung aus Vakuumenergie darstellt. Als Grundlage berechnet er die Energie bewegter elektrischer Ladungen und der daraus resultierenden veränderlichen elektrischen Felder nach der Elektrostatik, also der Theorie unbewegter Ladungen und unveränderlicher Felder. Dabei findet er eine Differenz zwischen erwarteter und errechneter Energie – kein Wunder, wenn man die falsche Theorie verwendet. Für Turtur ist das aber der Beweis für die gesuchte Vakuumenergie. Anschließend treibt er fast identischen Unfug mir der Relativitätstheorie: Er berechnet, wie sich ein unveränderliches elektrisches Feld mit Lichtgeschwindigkeit im Raum ausbreitet. Ein unveränderliches Feld breitet sich aber nicht aus – es ist die ganze Zeit da, weil eben unveränderlich. Ausbreiten könnte sich nur eine Veränderung des Feldes – dafür ist dann aber mal wieder die Elektrostatik der falsche Ansatz.

Könnte einem auffallen, wenn man Professor in der Elektrotechnik ist…

Natürlich behauptet Professor Turtur auch noch, einen experimentellen Nachweis für seine Energieerzeugung gefunden zu haben. Dabei soll sich ein auf Öl schwimmender Rotor von wenigen Gramm Masse unter dem Einfluss einer Hochspannung von fast 30.000 Volt in einer Stunde ungefähr einmal um die eigene Achse gedreht haben. Turturs Versuchsanordnungen aus Materialien wie Streichhölzern, Aluminiumfolie und aus Baukästen für Kinder wirken allerdings wie Vorrichtungen zur Maximierung von Messfehlern, so dass man aus dem am Ende resultierenden kleinen Differenzen von großen Zahlen absolut nichts herauslesen kann.

Zu diesem Ergebnis kamen auch zwei Turtur eigentlich eher zugetane Bastler aus Österreich beim Versuch, seine Ergebnisse zu reproduzieren.

Das sollte dann auch eigentlich der Punkt sein, wo man Turturs Phantastereien endgültig zu den Akten legen sollte. Und tatsächlich schreibt er auf seiner Website, genau das hätte er wenigstens vorläufig getan:

Bedauerlicherweise hält ihn das nicht davon ab, sich in seiner online verfügbaren Präsentation als Opfer hinzustellen, zu behaupten, die Physik hätte Angst vor der Raumenergie und seine Wundertechnologie werde im Auftrag der Energiewirtschaft unterdrückt.

Irgendwie kann er einem tatsächlich leid tun.

Quantenquark und braune Sauce

Was hat rechte Esoterik eigentlich mit Quantenquark zu tun? Am Ende des vorletzten Artikels

Zwei Vortragstermine – relativ quantenfrei

hatte ich diese Frage aufgeworfen. Der entscheidende Punkt dabei ist, dass es bei rechter Esoterik eben nicht nur um Vorstellungen von fackeltragenden SS-Männern auf der Wewelsburg oder um Verschwörungstheorien über Hitlers angebliche Geheimwaffen oder Zufluchtsorte in der Antarktis geht. Es gibt auch ganz andere, zunächst völlig unpolitisch daherkommende Formen von Esoterik, die rechtsextreme Propaganda oder Reichsbürger-Ideologie untermauern, verbreiten oder finanzieren. Das wird vor allem im Umfeld der sogenannten alternativen Medien im Internet deutlich, deutlicher vielleicht als in der Offline-Welt, in der Politik eher von klassichen Partei- oder Bürgerinitiativen-Strukturen geprägt ist. Betrachtet man zum Beispiel das Angebot des Sammelportals alternativ.tv, so findet sich dort auf der Titelseite zwar vor allem rechte Politik, aber im Angebot der dort gesammelten Kanäle sind Esoterik und Verschwörungstheorien praktisch allgegenwärtig.

Ja, „alternative Medien“ – können Sie sich noch an die Zeiten erinnern, als man bei dem Wort „alternativ“ noch an langhaarige, Sandalen tragende Linke dachte? Heute hat man es da eher mit langhaarigen Rechten zu tun, die auch noch stolz darauf sind, wenn man ihnen bescheinigt, wenig politische Skrupel zu haben:

Nicht nur Verschwörungstheorien, auch Quantenquark auf rechten Internet-Kanälen gibt es. Damit meine ich jetzt nicht, dass Frank Baars bei bewusst.tv mit dem Reichsbürger-Aktivisten Jo Conrad über „Quantengeheimnisse“ plaudert. Baars versteht unter Quantengeheimnissen nämlich tatsächlich seine Vorstellung, dass man alle möglichen Krankheiten heilen könne, indem man auf seinen Füßen herumdrückt. Diese augenzwinkernde Begriffsverwendung ist mir ja schon fast wieder sympatisch – im Gegensatz zum Rest des Videos und der ganzen Seite.

Ein paar Dinge aus der Richtung hatte hier auch schon einmal angesprochen. Da wäre zum Beispiel quer-denken.tv von Michael Vogt, einem Reichsbürger-Buddy von Jo Conrad, der Hitlers Stellvertreter Rudolf Heß gerne als „Friedensflieger“ bezeichnet. Dort kann unter anderem Walter Thurner seine Quantentherapiegeräte bewerben und behaupten, Elementarteilchen seien Wesen und hätten ein Bewusstsein. Michael Vogts Online-TV-Kanal verlinkt auch zu den diversen Videos mit dem Mediziner Enrico Edinger ein paar… sagen wir… interessante Quantenprodukte. Da wäre zum Beispiel ein Quantenkraftstein, ein etwa handtellergroßes farbiges Objekt aus gepresstem Holz zum Preis von sensationellen 800 Euro. Die ausführliche Produktbeschreibung des Herstellers enthält in einem Absatz so viele bizarre Behauptungen zur Physik, dass ich hier einen eigenen Artikel bräuchte, um auf alle einzugehen. Interessant ist auch ein Gerät, das für 1800 Euro die Quanteninformationen unserer Psyche überschreiben soll – indem man es sich um den Bauch bindet. Solche Produkte sind natürlich per se nicht politisch, aber wenn beim „redaktionellen Inhalt“ so direkt Produktdatenblätter verlinkt werden, dann liegt es nahe, dass der Verkauf der Produkte irgendwie zur Finanzierung des Programms beiträgt. Noch etwas deutlicher wird es, wenn „Matrix Power Quantenheilung“ mit „13-Strang-DNS-Aktivierung“ auf der selben Seite einmal als redaktioneller Inhalt und einmal als Werbebanner auftaucht.

Tatsächlich besteht der größte Teil der Rubrik „Quantenphysik“ auf quer-denken.tv aus Videos, in denen Produkte vorgestellt werden. Zu dem quer-denken-Programm, das offenbar so mitfinanziert wird, gehört dann aber zum Beispiel die Behauptung, die Morde des NSU seien keine Morde des NSU. Daneben werden zum Beispiel der „herrschenden Klasse“ und unserer „Kanzlerdarstellerin“ satanische Rituale unterstellt, und behauptet, die EU sei die Umsetzung eines Plans aus dem Dritten Reich.

Quantenquark dient in diesen Beispielen also ganz offensichtlich zur Finanzierung von Verschwörungstheorien und rechter Propaganda. Das ist aber nicht alles. Quantenquark ist an anderer Stelle auch Teil der Rechtfertigung und Argumentation stark rechtslastiger Vorstellungen, vor allem im Zusammenhang mit Verschwörungstheorien. Das zeigt sich zum Beispiel auf Secret.tv, einem Internetangebot, das von Jan van Helsing (Jan Udo Holey) gegründet wurde. Van Helsing wurde vor allem durch glorifizierende Verschwörungstheorien um angebliche Wundertechnologien des Dritten Reiches bekannt. Das „Manifest“ von van Helsings Nachfolger beruft sich auf die Quantenphysik für die Behauptung, es gäbe keine physische Realität und Wahrheit sei etwas rein Subjektives. Ob sich so etwas tatsächlich aus der Quantenphysik folgern lässt, ist ein Thema, über das ich auch mal einen Artikel schreiben muss. Hier wird diese Behauptung jedenfalls als Rechtfertigung benutzt, um allerlei Verschwörungstheorien zu verbreiten.

Auch bei den Verschwörungstheorien rund ums CERN, auf die ich schon mehrfach im Detail eingegangen bin, spielt öfters rechtsextreme Propaganda eine Rolle. Schon da tauchte der Honigmann-Blog auf, der weniger für Honig als für Antisemitismus, Ausländerhass und Verschwörungstheorien bekannt ist. Im Februar soll bei einem Honigmann-Treffen ein mir unbekannter Referent namens Oliver Barth über „Von der Quantenphysik zum Bewußtsein“ sprechen. Der Titel lässt auf Quantenquark vom Feinsten schließen, aber so richtig übel wird es im Umfeld dieses Vortrags. Der Vortrag direkt davor bezeichnet „Masseneinwanderung“, also offenbar die Flüchtlingswelle seit 2015, als „Angriff auf Deutschland“. Am gleichen Tag bekommt dort auch noch das Chemtrail-Schwurbler-Fossil Werner Altnickel das Wort – genau, der aus dem wenig-Skrupel-Tweet oben. Wer Altnickel noch nicht kennt, kann sich in seinem aktuellen Video „Militärische + Wirtschafts- Nachrichten Januar 2017“ ansehen, wie er (ab Minute 16:28) die Europäische Union auf einen Plan zurückführt, Europa zu einer „negroid-asiatischen Mischrasse“ umzuformen, „mit Unterstützungsgeldern übrigens von Rockefeller und Co“. Was der Honigmann höchstpersönlich schon morgens über die aktuelle politische Lage zu berichten hat, will ich dann gar nicht mehr so genau wissen. Wer sich gruseln will, kann sich ja mal die Honigmann-Nachrichten reinziehen.

Auf der Seite „Aufwachen 2014“ verbinden sich Quantenquark und Antisemitismus noch viel direkter. Unter dem Titel „Wacht auf oder geht zugrunde“ fabuliert die russisch-amerikanische Philosophin Irene Caesar über eine Quantensprung-Technologie, die offenbar auf den Gesetzmäßigkeiten der Quantenphysik beruhen soll. Mit dieser Quantensprung-Technologie begründet sich unter anderem das bioaktive Wasser zur Behandlung unheilbarer Krankheiten, das man bei Caesars Firma kaufen kann, ebenso wie die Mini-Tesla-Generatoren für 1000 bis 2000 Dollar. Diese sollen nicht, wie der Name vermuten lässt, Energie aus nichts erzeugen, sondern ein Hologramm gesunder Zellen durch den Körper verbreiten. So weit, so Quark. Dazu beschwert sich Caesar aber, dass dieser Quantensprung von den Zionisten sabotiert wird. Diese Zionisten haben für Caesar auch die Ukraine gegründet, wollen den armen, friedfertigen Wladimir Putin eliminieren, und, wie könnte es anders sein, selbst Hitler war für Caesar nur ein Projekt der Zionisten. Und der Gegner der Zionisten ist der Nationalismus. Wenn alle Nationen für sich nationalistisch sind, dann ist an alle Nationen gedacht – das soll mit den Gesetzmäßigkeiten der Quantenphysik im Einklang stehen, weil es irgendwie holographisch sei, meint Frau Caesar, die von Hologrammen offensichtlich genauso wenig versteht wie von Quantenphysik. Wenn Sie nicht glauben wollen, dass jemand so etwas tatsächlich sagt oder sie ganz viel Langeweile und schwarzen Humor haben, können Sie sich das Interview auch in zwei Teilen je einer Stunde im Original auf Video ansehen.

Zwischen Quantenquark als reiner Geldquelle für rechte Medien und unmittelbar rassistischem oder antisemitischem Quantenunsinn gibt es allerdings noch diverse Abstufungen. So kann man auch um die Unterdrückung angeblicher „freier Energie für alle Menschen“ durch „die da oben“ eine Verschwörungstheorie stricken, auf der dann andere ihr ideologisches Süppchen kochen können. Über die angebliche Unterdrückung solcher Technologien sprach zum Beispiel der Wolfenbütteler FH-Professor Claus Turtur auf der achten „Antizensurkonferenz“ (AZK) in der Schweiz. Auf derselben Konferenz redete dann auch Sylvia Stolz, die ehemalige Anwältin des Holocaust-Leugners Ernst Zündel, über ein angebliches Verbot, diesen zu verteidigen. Vom damaligen Verfahren war sie unter anderem deshalb ausgeschlossen worden, weil sie eine Beschwerde an das Gericht mit „Heil Hitler“ unterschrieben hatte.  In ihrem Vortrag auf der Antizensurkonferenz  leugnete sie dann selbst den Holocaust, wofür sie einmal wieder zu einer Haftstrafe verurteilt wurde.

Ein Video mit dem volksverhetzenden Vortrag von Frau Stolz werde ich hier nicht verlinken, aber der Vortrag von Turtur ist auch aus Quantenquark-Sicht interessant. Er rechtfertigt nämlich seine Behauptung einer angeblich unbegrenzt verfügbaren freien Energie unter anderem mit dem physikalischen Konzept der Vakuumenergie, und auf das bin ich hier noch nie näher eingegangen. Die Vakuumenergie wird daher der abschließende Teil dieser kleinen dreiteiligen Artikelserie werden:

Die Energie von Professor Turturs Vakuum

Dr. Axel Stoll hat auch tot noch keine Ahnung von Physik…

Eigentlich sollte mein nächstes Posting ja die Fortsetzung des Vortragsposts sein und auf Quantenquark in der braunen Esoterik eingehen, aber da das hier gerade aktuell hereinkommt, schiebe ich einen kurzen Kommentar dazwischen. Mit einer Form von brauner Esoterik hat es ja auch zu tun. Und weiter unten im Text möchte ich einem Missverständnis vorbeugen, das sich die Freie-Energie-Spinner zunutze machen könnten.

Axel Stoll hat offensichtlich immer noch keine Ahnung von Physik. Das ist an sich nicht sonderlich überraschend, denn er ist ja inzwischen seit zweieinhalb Jahren tot…

Der Hintergrund ist natürlich der Film „Ein Interview mit Dr. Axel Stoll“, zu dem ich damals ein paar Expertenkommentare abgegeben hatte.

Stoll hatte in dem Interview behauptet, in geheimen Nazi-Laboren sei eine beispiellos harte Legierung erzeugt worden, indem unterschiedliche Metalle bei Temperaturen nahe am absoluten Nullpunkt unter extremem Druck verquetscht habe – Quetschmetall, wie er das nannte. Das ist natürlich Blödsinn: Bei Temperaturen nahe des absoluten Nullpunkts werden Festkörper (auch Metalle) immer weniger elastisch, und wenn man sie dann großen Kräften aussetzt, bekommt man keine harte Legierung, sondern nur Brösel. Das funktioniert sogar schon bei den vergleichsweise milden -196°C (und somit 77K über dem absoluten Nullpunkt) von flüssigem Stickstoff:

Viel spannender als das ist aber der Spektrum.de-Artikel, der in dem Tweet verlinkt ist. Da ist es also einer Forschergruppe gelungen, in einem sehr kleinen, schwingenden Bauteil die Schwingungen extrem zu reduzieren, was man als Kühlung bezeichnet. Dazu setzten sie sogenannte gequetschte Mikrowellen ein. Das sind elektromagnetische Wellen, bei denen unterschiedliche Frequenzen so trickreich überlagert sind, dass unvermeidliche quantenmechanische Störungen nicht die übertragene Energie beeinflussen, sondern die Wellen nur verschieben. Gequetscht war also nicht das Metall, sondern die Wellen, mit denen die Schwingungen des Metalls gebremst wurden (und auch für die ist der Begriff „gequetscht“ irgendwie wenig erhellend).

Das Experiment ist interessant für Präzisionsmessungen, für die Erforschung von Quanteneffekten in mechanischen Schwingungen und letztlich auch für eine denkbare Form von Speichern in Quantencomputern. Leider könnte der Artikel auch einen falschen Eindruck erwecken: Der Titel „Kälter als die Quanten erlauben“ kann nämlich den Eindruck entstehen lassen, es sei gelungen, dem Bauteil die Nullpunktsenergie seiner Schwingungen zu entziehen. Die Nullpunktsenergie wird aber in der „Freie-Energie“-Szene gerne als Begründung dafür missbraucht, dass es doch möglich wäre, ein Perpetuum mobile zu bauen. Nun brauchte man natürlich auch in diesem Experiment um viele Größenordnungen mehr Energie für den Betrieb der Anlage, als man dem Bauteil entzogen hat, aber Leute wie Claus Turtur sind ja gerne kreativ in ihrer Interpretation von Messungen…

Nun geht es bei der Quantengrenze, unter die man das Bauteil hier abgekühlt hat, aber gar nicht um die Nullpunktsenergie, sondern um die sogenannte quantum back action. Dafür gibt es offenbar noch keine einheitliche deutsche Übersetzung – ich finde entweder einfach nur „Rückwirkung“ oder, weniger einfach, „Quantenstrahlungsdruckrauschen“. Deshalb hat sich der Autor des Spektrum-Artikels offenbar ein bisschen darum gedrückt, diese „niedrigste mögliche Energiemenge“ näher zu bezeichnen. Etwas vereinfacht geht es um den (wie man jetzt gefunden hat nur fast) unvermeidlichen, unkontrollierten Austausch von Energie zwischen Messgerät und beobachtetem Objekt durch Quantenfluktuationen. Das ist eine der quantenmechanischen Grenzen bei Messungen, und quantenmechanisch ist das Kühlen auch eine Form von Messung. Wenn man die trickreich umschiffen kann, dann ist das allemal einen Artikel wert.

Es liegt mir auch fern, mit dieser Anmerkung Spektrum-Autor Lars Fischer zu kritisieren. Er ist meines Erachtens neben Florian Freistetter einer der besten Wissenschaftsblogger/-journalisten in deutscher Sprache. Als jemand, der hobbymäßig ab und zu mal ein paar Zeilen zu grenzwissenschaftlichen Themen zusammentippt, kann ich mich vor dem, was er früher auf Fischblog und jetzt auf Spektrum geschrieben hat und schreibt, nur verneigen.

Nur falls Ihnen nun irgendwo jemand begegnet, der meint, es sei doch jetzt sogar der Mainstreamwissenschaft gelungen, Bauteilen ihre Nullpunktsenergie zu entziehen: Die Antwort ist nein. Man kommt mit dieser Methode nur näher an die Nullpunktsenergie heran, die im Originalartikel als „motional ground state“ bezeichnet ist. Das war bislang nur bei Bauteilen möglich, die mit extrem hohen Frequenzen schwingen und dadurch auch eine relativ hohe Nullpunktsenergie haben. Mit dieser neuen Methode schafft man das dann auch bei Bauteilen mit niedrigerer Frequenz, wo das bislang durch Quanteneffekte bei der Messung/Kühlung nicht möglich war.

Insofern – alles gut, Ihr Physikbuch stimmt noch. Man kann weder Objekten ihre Nullpunktsenergie entziehen noch Quetschmetalle herstellen.

 

Kein Esoterikkongress in Gießen – dafür drei sehenswerte skeptische Veranstaltungen

Wenn in diesem Blog in den vergangenen Wochen relativ wenig Neues aufgetaucht ist, dann  liegt das zu einem gewissen Teil an einer Indienreise, zum Teil an einem Buchprojekt und zum Teil an der Tatsache, dass man ja irgendwann auch noch Geld verdienen muss. Es liegt aber auch zu einem nicht unerheblichen Teil an einem tollen Projekt, das ein kleiner Kreis von Ehrenamtlichen seit Juli in Gießen auf die Beine gestellt hat: Den Aktionstagen gegen geistige Brandstiftung.

Im Laufe des Sommers wurde bekannt, dass ein Zusammenschluss von Esoterikern, Verschwörungstheoretikern und rechten Reichsbürgern einen Kongress in Gießen angekündigt hatte. Die Referentenliste war beeindruckend erschreckend: Zu den bekanntesten Angekündigten gehörten wohl Motivationsguru Robert Betz, Reichsbürger Jo Conrad, „die Ursache deiner Krankheit liegt in dir selbst“-Dahlke, und Franz Hörmann, ein Wirtschaftsprofessor, der empfiehlt, seine Kredite einfach nicht zurückzuzahlen und meint, dass Gaskammern nichts mit Gaskammern zu tun gehabt hätten. Quantenquark war auch reichlich im Angebot: Michael König bietet eine Ausbildung zum Quantenpraktiker an (und meint damit nicht Fußpflege), Konstantin Meyl will die Relativitätstheorie widerlegt haben, nimmt dafür aber die Existenz sogenannter elektromagnetischer Skalarwellen an, die nie jemand finden konnte, und Nassim Haramein wäre eigentlich einen ganzen eigenen Artikel wert. Tatsächlich gerne mal live hören würde ich Simon Parkes, dessen Gruppenmeditation im September 2015 dem Teilchenbeschleuniger am CERN nicht genügend Energie zuführen konnte, um das Raumtor zu öffnen, so dass dann einige außerirdische Reptilienwesen auf der Erde festsaßen – das schreibt er zumindest auf seiner Homepage. Später wurde dann auch noch der gerade Haft sitzende oberste Souverän des Reichsbürger-Königreichs Deutschland angekündigt.

chemtrails

Mit ein paar Leuten, die schon beim Protest gegen den Quer-Denken-Kongress 2015 in Friedberg dabei waren, ist es gelungen, ein Gegenprogramm zu planen und gleichzeitig die Stadtpolitik über den anstehenden Kongress und die Problematik damit aufzuklären. Irgendwie schaffen es rechtsesoterische Veranstalter  immer wieder, für ihre Unsinn öffentliche, aus Steuergeldern finanzierte Stadthallen anzumieten. In Friedberg und Neu-Isenburg dürfte die Verwaltung nach den dortigen Quer-Denken-Kongressen wachsamer sein, also hatte man dieses Mal in Gießen die Kongresshalle gemietet. Tatsächlich haben wir es aber auch in Gießen wieder geschafft, ein breites, parteiübergreifendes Bündnis von Junger Union bis Linksjugend und vom Humanistischen Verband bis zum Rat der Religionen für einen Protest gegen den Kongress zusammenzubekommen.

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Erfreulicherweise hat es dann aber die städtische GmbH durchgesetzt, nach einem Wechsel des offiziellen Veranstalters ihre peinlichen Mieter wieder loszuwerden, so dass der Kongress in Gießen nicht mehr stattfinden kann. Es gibt aber andernorts trotzdem noch genug von der Sorte. Im November steigt wieder ein Quer-Denken-Kongress, diesmal in Köln, mit einem großen Teil der Redner, auf die Gießen nun glücklicherweise verzichten durfte. Vom Rest der Redner konnte man die meisten (nur Simon Parkes nicht, der würde mich wirklich interessieren…) schon Anfang Oktober beim Kongress des Kopp-Verlags in Stuttgart sehen.

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Was aber (unter anderem auch wegen der vielen ähnlich gelagerten Kongresse) trotzdem in Gießen stattfinden wird, sind drei wunderbare Aufklärungsveranstaltungen, die eigentlich gegen den Kongress protestieren und über diesen aufklären sollten. Die Veranstaltungen werden vom ganzen Bündnis unterstützt – veranstaltet werden sie von der Gesellschaft zur Wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP), dem Allgemeinen Studierendenausschuss der Justus-Liebig Universität und dem Humanistischen Verband Deutschlands (HVD) Hessen. Also kein Esoterikkongress in Gießen, dafür drei richtig gute skeptische Veranstaltungen. Da kann man nur sagen, der Anspruch als Wissenschaftsstadt wird voll erfüllt.

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Schon am Donnerstag, 13.10.2016 um 20 Uhr läuft im kommunalen Kino im Jokus, Ostanlage 25 in Gießen der Dokumentarfilm Die Mondverschwörung. Wer sich beim Lesen dieses Artikels gefragt hat, was Esoterik eigentlich mit rechtsextremem Gedankengut zu tun hat, ist bei diesem Film genau richtig. Hier ist der Trailer, aber am 13.10. haben wir noch viel mehr zu bieten. Im Anschluss an den Film steht der Regisseur Thomas Frickel für eine ausgiebige Diskussion zur Verfügung, und die ist mit ihm erfahrungsgemäß ähnlich unterhaltsam wie der Film, nur eben mit der Möglichkeit, nachzufragen.

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Für Montag, den 17.10.2016 um 20 Uhr im Margarete-Bieber-Saal der Universität, Ludwigstraße 34, konnten wir einen juristischen Experten und engagierten Blogger über die Reichsbürgerszene gewinnen: Oliver Gottwald schreibt den Eisenfrass-Blog und macht Fortbildungen für hessische Justizbeamte zum Thema. Passend zu den Reichsbürger-Rednern, die Gießen erspart geblieben sind, spricht er über Peter Fitzek, das Königreich Deutschland und die Reichsbürger. Wer noch keine Ahnung hat, wer Peter Fitzek ist; das auf dem Screenshot unten ist nicht etwa der Prinz Karneval, sondern der oberste Souverän persönlich, und beim Draufklicken kommt man auf eine längere Doku des MDR, vielleicht zum Vorgruseln vor Olivers Vortrag. Infos zum Nachlesen finden sich auch bei unseren Unterstützern vom Sonnenstaatland.

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Unsere Hauptveranstaltung wird dann der große Infoabend am 20.10. um 19.30 im großen zoologischen Hörsaal der Universität, Stephanstraße 24. Unter dem Titel „Schwurbler, Nazis, Scharlatane?“ werfen wir einen unterhaltsamen Rundumblick auf das Gedankengut, das auf rechtsesoterischen Kongressen und Internetseiten so verbreitet wird. Ich stelle Kongresse dieser Art und ein paar der eher realsatirischen Referenten (hatte ich schon erwähnt, dass ich Simon Parkes auf eine gruselig-bizarre Art interessant finde?) kurz vor. Später am Abend werde ich dann auch noch eine Quantenheilung zelebrieren und damit hoffentlich ganz viele Zuhörer heilen – also, vom Glauben an Quantenheilung wenigstens. Die beiden großen Jungs vom Heißluftdampfer machen eine Live-Podcastaufzeichnung über Reichsbürger, bei der auch Experte Oliver Gottwald wieder mit an Bord sein wird. Der Physiker und skeptische Blogger (Nullius in Verba) Sebastian Schmalz, mit dem ich letztes Jahr in Friedberg viel Spaß als Vortragsduo hatte, knöpft sich populäre Mainstreamesoteriker wir Robert Betz und Rüdiger Dahlke vor und erklärt, warum deren Vorstellungen eben nicht sanft und harmlos sind. Der Ingenieur Dr. Norbert Aust, der auch gerne über Homöopathie schreibt, spricht über die angeblich unbegrenzt verfügbare Freie Energie, deren Aushängeschild Klaus Volkamer Gießen auch erspart geblieben ist. Der Gießener Satiriker und Autor Jörg Schneider liest: „So werde ich Nazi – Welcher Extremismus passt zu mir?“. Durch den Abend führt der Musiker und Kolumnist Frank Mignon.

Vielen Dank an alle Beteiligten, die mitgeholfen haben, das Programm auf die Beine zu stellen. Es hat schon im Vorlauf und bei unseren Treffen mit den vielen Leuten aus den ganz unterschiedlichen Parteien und Organisationen einen Riesenspaß gemacht.

Danke auch an Alexander von Alistration, der uns vier von seinen großartigen Comics für unsere Aktionstage zur Verfügung gestellt hat. Hier ist nochmal einer von seiner eigenen Seite:

fb.com/alistration
fb.com/alistration

 

Quanten- und schlimmerer Quark (das gab es mal) im Shop des Deutschen Museums

Update:

DeutschesMuseum4

Das war eine schnelle und richtige Reaktion vom Deutschen Museum. Respekt! Und auch die Shop-Betreiber haben nicht nur zugesagt, sondern auch gehandelt:

DeutschesMuseum5

Sicherlich ein gutes Vorbild für andere Händler, bei denen der eine oder andere Leser vielleicht die gleichen Produkte als „Lernspielzeug“ findet.

„Das Deutsche Museum mit seinen Zweigmuseen ist ein herausragender Ort für die Vermittlung von naturwissenschaftlich-technischer Bildung und für einen konstruktiven Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft.“ So heißt es auf der Homepage dieser altehrwürdigen Einrichtung. Wer diesen herausragenden Ort der Bildung besucht hat und entsprechend beeindruckt war, möchte sich oder dem werten Nachwuchs möglicherweise etwas zur Bildung und Erbauung mitbringen und sucht den Souvenirshop des Museums auf – oder eben später dessen offiziellen Onlineshop. Wie könnte der Nachwuchs besser zu naturwissenschaftlich-technischer Bildung gelangen als mit einem Experimentierkasten. Und weil sich im Deutschen Museum ja so viel um Energie dreht und Energietechnik ja auch ein wichtiger Aspekt für den Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft ist, landet man dann schnell bei diesem Experimentierkasten hier:

DeutschesMuseum1

Wenn man in Physik gut aufgepasst hat, könnte einem hier etwas seltsam vorkommen: Es handelt sich ja erkennbar um einen Elektronik-Experimentierkasten, aber „freie Energie“, so wie die seriöse Physik den Begriff versteht, kommt aus der Thermodynamik.

Eigentlich wollte ich an dieser Stelle eine verständliche, anschauliche Erklärung verlinken, was freie Energie in der Thermodynamik eigentlich bedeutet. Das Dumme ist, ich finde tatsächlich keine, also versuche ich mich als kurzen Einschub schnell selbst daran: Freie Energie ist die Energie, die man einem System zuführen oder entnehmen kann, wenn sich die Temperatur im System dabei nicht ändert. Dummerweise ändert sich die Temperatur meistens, wenn man einem System Energie zuführt oder entnimmt (wenn man zum Beispiel ein Gas zusammenpresst, wird es heiß, und die Erwärmung führt zu einem verstärkten Gegendruck), so dass Prozesse, in denen die freie Energie eine Rolle spielt, meistens sehr langsam ablaufen – dann kann ein Temperaturausgleich mit der Umgebung erfolgen. Kurzfristig ist die freie Energie sozusagen gerade nicht frei. Im Alltag spielt die innere Energie (Energiezufuhr ohne Wärmeausgleich mit der Umgebung) meist eine wichtigere Rolle als die freie Energie. Den Unterschied kann man sich hier ganz gut visualisieren, wobei die farbige Fläche ein kompressibles Medium, also zum Beispiel ein Gas, in einem Zylinder darstellt:

FreieEnergie

Genau um diese freie Energie geht es in dem Experimentierkasten im deutschen Museum aber nicht. Soweit der Beschreibung auf der Seite und beim Hersteller Franzis zu entnehmen ist, handelt es sich um einfache Elektronikexperimente wie Batterien aus Alltagsmaterialien oder Spielereien mit elektrostatischer Aufladung. Gegen einen Kasten mit solchen Experimenten ist im Prinzip natürlich überhaupt nichts einzuwenden. Entscheidend ist, welche physikalischen Vorstellungen damit vermittelt werden, und da liegt der Hase im Pfeffer. Die „freie Energie“, die der Name des Experimentierkastens ankündigt, ist nämlich ein Begriff aus der Esoterik – die Pauschalerklärung dafür, warum manche Bastler behaupten, ihr Perpetuum mobile funktioniere doch, obwohl den meisten Leuten heutzutage klar ist, dass ein Perpetuum mobile eben nicht funktioniert. Freie Energie ist die fiktive Energiequelle für alle Maschinen, die angeblich Energie aus nichts erzeugen sollen. Alternativ werden auch andere physikalische Begriffe dafür verbogen oder zweckentfremdet und man spricht von „Raumenergie“, „Vakuumenergie“ oder „Nullpunktenergie“. Der Unsinn bleibt immer der gleiche, auch wenn die Szene sich gerne im Umfeld der erneuerbaren Energieträger einschleichen will. Die wichtigsten Akteure in Deutschland sind Klaus Volkamer und Claus Turtur. Die meisten dieser Maschinen wandeln einfach so lange Energie von einer Energieform in die nächste um, bis man völlig den Überblick verloren hat, wo überall Energie zugeführt wurde und wieviel davon am Ende übrig bleibt. Realistisch betrachtet sind das alles Maschinen zur Umwandlung von nutzbarer Energie, zum Beispiel Strom, in Abwärme.

Der pseudowissenschaftliche Hintergrund des Experimentierkastens erschließt sich von außen bedauerlicherweise allenfalls im Kleingedruckten. So findet sich in der Beschreibung folgender Text: „Forscher sprechen von riesigen, bisher ungenutzten freien Energiequellen. Doch ihre Existenz wird von der Schulphysik verneint.“ Und genau diese von der Schulphysik verneinte freie Energie soll der mit dem Mitbringsel aus dem Deutschen Museum beschenkte Enkel oder die Enkelin dann „entdecken, nutzen damit experimentieren.“ Zu den außen angekündigten Experimenten gehört unter anderem ein „Spannungsoszillator nach Bedini“. Der Namensgeber ist John Bedini, einer der Gurus der amerikanischen Freie-Energie-Szene.  Bei Amazon kann man erfreulicherweise nachrecherchieren, dass der Entwickler des Experimentierkastens Peter Lay auch Autor eines Buches zu freier Energie ist. In dem Buch geht es neben Energie aus nichts auch um angebliche kalte Kernfusion, um das eingebildete „Brummton-Phänomen“, das wohl am ehesten der Massenpsychologie zuzuordnen ist, und um erfundene Wirkungen elektromagnetischer Wellen auf das Pflanzenwachstum. Außerdem hat er ein Buch darüber geschrieben, dass man mit Überlichtgeschwindigkeit kommunizieren könne und eines zur Kirlian- oder Auraphotographie, über deren absurde Anwendungen in der Scharlatanerie sich der Leser dann „für die eine oder andere Seite entscheiden“ soll.

Vom gleichen Autor und auch aus dem Franzis-Verlag, der den Experimentierkasten herstellt, gibt es auch noch ein Buch über Experimente zur freien Energie (in Auszügen hier herunterzuladen). Es enthält ein wüstes Sammelsurium aus technischen Spielereien wie der Lichtmühle, nicht funktionierender Technik wie der kalten Fusion und esoterischem Unsinn wie dem Orgonakkumulator, dem im Buch unter „Kurioses“ immerhin drei Seiten gewidmet sind. Selbst zu echter erneuerbarer Energie wie der Windkraft enthält das Buch Absurdes: Statt eines Windrades sollte man Segel an Piezokristallen anbringen, also an Materialien, in denen bei Verformung eine elektrische Spannung auftritt. Das Problem dabei erkennt der Autor offenbar selbst, erwähnt es aber nur ganz kurz am Ende des Abschnitts: Man hätte damit eine Windkraftanlage gebaut, die bei gleichbleibendem Wind überhaupt keine Energie gewinnt, sondern nur Schwankungen des Winddrucks nutzen könnte…

Nun könnte es natürlich theoretisch sein, dass der gleiche Autor und der gleiche Verlag beim Experimentierkasten im Shop des Deutschen Museums plötzlich seriös geworden sind. Auf Amazon beschwert sich immerhin ein Rezensent, mit dem Paket könne man ja gar keine freie Energie erzeugen. Auf einen Testkauf des absurden Pakets habe ich aber verzichtet. Dafür gibt es im Shop des Deutschen Museums noch einen zweiten Experimentierkasten, auch zu freier Energie und auch von Franzis:

DeutschesMuseum2

Über dieses „Lernpaket“ finden sich auführlichere Informationen auf Youtube. Die Videoblogger von MG Productions haben es mal zerlegt, unter dem Namen „Prof. Quax“, in einem in der Form wenig professoralen und recht eigenwilligen aber inhaltlich sehr aufschlussreichen Filmchen. Neben ein paar ziemlich banalen Elektronikbauteilen fanden sie ein Heft unter anderem mit Anleitungen für „Paramedizinische Messung am Computer“, für einen „Kaltfusionsreaktor“ und einen „Schaltplan zur Wasserelektrolyse“. Die Elektrolyse von Wasser zu Wasserstoff und Sauerstoff ist eine beliebte Spielerei in der Freie-Energie-Szene. Dummerweise verbraucht sie nicht nur viel mehr Strom, als man aus der Verbrennung der Endprodukte zurückgewinnen kann, sondern die bei unprofessionellen Anordnungen entstehende Mischung aus Sauerstoff und Wasserstoff ist auch hochexplosiv.

quax

Im Video heißt es, das „Lernpaket“ sei vom Kopp-Verlag. Der Hersteller ist natürlich Franzis, aber in der Tat – verkauft werden die Franzis-Experimentierkästen zu freier Energie, „Tesla-Energie“ und Stirlingmotoren nicht nur im Deutschen Museum, sondern auch von den Verlag-gewordenen Gralshütern rechtsesoterischer Verschwörungstheorien. Natürlich kann ein Autor oder Spieleentwickler kaum verhindern, dass ein Onlinehändler einen in seinen Shop nimmt (man kann dort sogar die Dissertation des Verschwörungstheorie-Kritikers und erklärten Kopp-Gegners Sebastian Bartoschek bestellen), aber die Aufmachung der Sets passt doch zu genau in den Themenschwerpunkt Energie-Verschwörungstheorien bei Kopp, und in die Kaufempfehlungen der völkisch-okkultistischen „Thule-Gesellschaft“ muss man es auch erst mal schaffen. Der „herausragende Ort für die Vermittlung von naturwissenschaftlich-technischer Bildung“ bewegt sich also in erlesenster Gesellschaft.

Und das ist noch nicht alles. Ebenfalls von Franzis findet sich im Shop des Deutschen Museums auch noch das Paket „Elektrosmogdetektor selbst bauen“, komplett mit der platten Erklärung: „Zu viel Elektrosmog schadet der Gesundheit.“ Das ist sachlich nicht falsch. Wenn man mit dem Begriff Elektrosmog zum Beispiel Mikrowellenstrahlung wie beim Mobilfunk meint, dann wäre zu viel genau dann erreicht, wenn durch Überhitzung des Körpers Verbrennungen auftreten. Davon ist man bei dem, was landläufig als Elektrosmog bezeichnet wird oder was man mit dem im Museumsshop verhökerten Feldmessgerät nachweisen kann, aber seeeeehr weit entfernt. Die maximale Sendeleistung irgendeines heute noch gebräuchlichen Handys (das wäre ein D-Netz-Gerät bei GSM-Empfang) liegt bei 2 Watt, typische durchschnittliche Sendeleistungen beim Telephonieren bei 0,2 Watt. Davon geht mehr als die Hälfte am Körper vorbei. Um mit 0,1 Watt das nächstgelegene Kilogramm Körper (oder vielmehr Kopf) auch nur um 1 Grad zu erwärmen, bräuchte man rund eine Kilokalorie, also gut vier Kilojoule und damit die Sendeleistung von über 11 Stunden. Selbst bei voller Sendeleistung (weil man sich zum Beispiel in einem mit viel Metall umschlossenen Raum befindet, in dem das Gerät gerade noch Kontakt zur Sendestation bekommt oder den Empfang seines Handys mit irgendwelchen esoterischen Gadgets abgeschirmt hat) bräuchte man dafür immer noch über eine Stunde. In dieser Zeit hätte der Blutkreislauf diese Wärme aber im Rest des Körpers verteilt und über die Haut abgegeben. Durch das Anfassen eines vom Batteriebetrieb erwärmten Smartphones nimmt man wahrscheinlich mehr Wärme auf als über dessen Sendeleistung.

DeutschesMuseum3

Letztlich ist es beim Elektrosmogbaukasten wie bei der freien Energie: Das Problem ist nicht die enthaltene Technik, sondern die Interpretation der Ergebnisse, und die entlarvt sich schon in der Wortwahl des Titels. Wer elektromagnetische Wellen als Elektrosmog bezeichnet, verbreitet damit irrationale Ängste. Wer Elektronikspielereien als Experimente zur Freien Energie bezeichnet, erweckt irrationale Hoffnungen auf Energie aus nichts. Wer beides in Produkten für Kinder und Jugendliche tut, handelt im besten Fall verantwortungslos.

Da es in diesem Blog ja schwerpunktmäßig um denjenigen physikalischen Unsinn geht, der mit Quantenmechanik und Relativitätstheorie zu tun hat, stellt sich natürlich die Frage, findet sich im Shop des Deutschen Museums auch echter Quantenquark? Das wäre schon etwas erschreckend. Schließlich ist Museums-Generaldirektor Wolfgang Heckl nicht nur ein großer Freund des Reparierens und politisch korrekter Bekämpfer der Wegwerfgesellschaft, sondern war an der LMU Professor für Experimentalphysik und ausgewiesener Experte für Nanotechnologie, der das kleinste Loch der Welt erzeugt haben soll. Da geht es nicht ohne ausgiebige Beschäftigung mit Quantenmechanik, und man würde auf Bücher zu diesen Themen vielleicht einen kritischeren Blick erwarten als auf Elektronik-Experimentierkästen. Tatsächlich macht die Buchauswahl zum Thema Physik einen insgesamt soliden Eindruck. In der Kurzbeschreibung von Brigitte Röthleins Schrödingers Katze findet sich zwar die unsägliche Behauptung: „Kaum eine Theorie ist so umstritten wie die Quantentheorie, die selbst Einstein mit vehement ablehnte,“ aber das Buch selbst erscheint beim stichprobenhaften Hineinlesen weitaus seriöser, als der Kurztext vermuten lässt.

Quantenquark, wenngleich von der eher subtilen Sorte, findet sich unter den ausgewählten 32 Physikbüchern im Shop dann aber doch, und auch der hat mit Erwin Schrödingers unglücklich gewähltem Versuchstier zu tun. (Schrödingers Laborratte hätte als Gedankenexperiment die Menschen wahrscheinlich weitaus weniger umgetrieben, es wäre weniger Unsinn darüber zusammenspekuliert worden, und Stephen Hawking hätte sich seine Gewaltphantasien sparen können.) Auch im Shop des Deutschen Museums ist nämlich der alte Bekannte John Gribbin (aus meinem Nobelpreisträger-Artikel) auf der Suche nach Schrödingers Katze. Gribbin versteht es grandios, einerseits physikalische Einzelheiten ordentlich und sogar recht verständlich zu erklären, andererseits die Schlussfolgerungen so blumig und übertrieben zu formulieren, dass er seinen Lesern die absonderlichsten Flausen in den Kopf setzt. So folgert er schon im Prolog seines Katzenbuches aus der quantenmechanischen Unbestimmtheit des Ortes klassischer Teilchen, eine Realität gäbe es nach der Quantenmechanik nicht. Anscheinend darf Realität für Herrn Gribbin nur aus festen Gegenständen bestehen – ein höchst bedauerliches Weltbild für jemanden, der seinen Lesern moderne Physik nahebringen möchte. Kurz gesagt, kein Buch für den Giftschrank, aber es wäre ganz sicher nicht auf meiner Liste der ersten 32 Bücher, die ich zum Thema Physik anbieten würde.

Natürlich gibt es diese Produkte nicht nur im Shop des Deutschen Museums, aber wer solche Bücher und „Lernpakete“ verkauft, übernimmt damit eine Verantwortung und verbindet seinen eigenen Leumund mit dem seiner Produkte. Das gilt vor allem, wenn man erkennbar ein überschaubares Sortiment ausgewählter Angebote vermarktet. Deswegen ist es auch ein Unterschied, ob man solche Produkte beim Kopp Verlag, bei Amazon oder beim Deutschen Museum bestellen kann. Natürlich finde ich es auch ärgerlich, wenn man das Verdummungssortiment von Franzis in normalen Spielwaren- oder Elektronikgeschäften findet, wie zum Beispiel hier im Herbst 2015 bei Conrad Electronic in Frankfurt. Aber dort gehen diese Angebote irgendwo in einem wesentlich größeren Gesamtsortiment von allem Möglichem unter, und Conrad Electronic behauptet auch nicht, „ein herausragender Ort für die Vermittlung von naturwissenschaftlich-technischer Bildung“ zu sein. Hoffe ich jedenfalls.

Conrad

 

Vortrag Heiler – Heil – Geschäftemacher von Skeptics in the Pub Köln jetzt auf Youtube

Ein besonders unappetitlicher Kontext, in dem man immer wieder auf Quantenquark stößt, ist die Verquickung von Esoterik mit antisemitischem oder anderweitig Hass schürendem Gedankengut.

Für Skeptics in the Pub Köln habe ich mir rechte Esoterik im Internet-TV vorgenommen. Dabei konnte ich natürlich das Bewusstsein von Herrn Thurners Quanten auf Quer-Denken.tv nicht auslassen.

Weitere Absurditäten aus der Welt der angeblichen Physik, die in dem Vortrag Erwähnung finden mussten:

  • Das Buch „Quantenäther – die Raumenergie wird nutzbar“ im Shop des Honigmann-Blogs
  • Matrix-Power-Quantenheilung in einer Anzeige auf der Quer-Denken-Seite
  • Klaus Volkamers feinstofflicher Körper und seine Universelle Verschränkung, nachweisbar durch das Wiegen der Seele
  • Ein Gerät, das man sich um den Bauch bindet, um die alten Quanteninformationen seiner Psyche 108-fach zu überschreiben
  • Bunte „Quantensteine“, die „+ geladene, uns zerstörende Plancksche Körperchen“ verdrängen
  • Ein Gerät für Unternehmensberater, das unternehmensrelevante Informationen aus der Quantenfeld-Cloud bezieht
  • Warum man ein Erdungskabel für das Bett braucht und warum Elektrosmog zu Sex, Porno und Perversion führt…
  • …und eine Mütze, die den Kopf wärmt

Quanten sind Wesenheiten mit einem Bewusstsein. Das meint der ernst.

Immer, wenn man meint, es geht nicht mehr schlimmer, treibt jemand den Quantenquark in neue Höhen.

Meinen aktuellen Favoriten hat ein aufmerksamer Leser auf dieser Seite hier gefunden:

winsindeins

Die Seite selbst verbreitet in ihren anderen Artikeln alles Mögliche von buddhistischer Meditation und „Hochsensitivität“ bis hin zu Werbung für den Bruno-Gröning-Freundeskreis (samt Link zum Kopp-Verlag) und Reichsbürgerpropaganda. Der eingebundene Film passt da bestens ins Bild – er stammt nämlich aus Quer-Denken.tv, und das Interview führt Quer-Denken-Macher Michael Vogt, der sich in der Reichsbürgerszene ganz offensichtlich auch pudelwohl fühlt. Mit Quer-Denken.tv und ähnlichen rechtsesoterischen Videoprojekten werde ich mich am 26.1. bei Skeptics in the Pub in Köln unter dem Titel „Heiler, Heil, Geschäftemacher – rechte Esoterik im Internet-TV“ ausführlicher beschäftigen, und wer mehr über Reichsbürger wissen möchte, dem sei der Eisenfraß-Blog empfohlen.

Hier soll es ja um Quantenquark gehen, und in dem verlinkten Video gibt es reichlich davon.

Herr Vogts Interviewpartner Walter Thurner kommt nach eigener Angabe aus der Freie-Energie-Szene, er glaubt also, dass man Energie aus nichts erzeugen kann, und das begründet er… mit was wohl… natürlich mit Quanten. Im hinteren Teil des einstündigen Videos demonstriert er immerhin ziemlich eindrucksvoll, wie er aus seinen seltsamen Quantentheorien Geld erzeugen kann. Da preist er nämlich seine Therapien und Geräte an, was wohl der Hauptzweck des ganzen Interviews sein dürfte.

Davor kommen aber ein paar echte Höhepunkte des Quantenquarks. Den Anfang macht gleich Michael Vogt, der in seiner Anmoderation erst mal voraussetzt, dass Quanten und Bewusstsein dasselbe sind. Das kann Herr Thurner aber locker überbieten, indem er den fälschlich so bezeichneten Beobachtereffekt der Quantenmechanik benutzt, um kleinsten Teilchen Intelligenz zuzuschreiben: „Die Quanten sind sehr extreme Wesenheiten, wenn die wissen, bei einem Versuch, ob ich hinschau oder wegschau, die haben keine Augen, die wissen aber, dass ich hinschau und bringen andere Ergebnisse als wenn ich wegschau.“ So ist für Herrn Thurner klar: „Das müssen Wesenheiten sein; die müssen ein Bewusstsein haben.“ Wohlgemerkt, wir sprechen hier von Elementarteilchen. Immerhin, das Bewusstsein würde erklären, warum Frauen mit den Quanten sprechen können.

Nur mal zur Klarstellung: Der angebliche Beobachtereffekt kommt daher, dass man zum Beobachten kleinster Teilchen große Messgeräte braucht, deren Wechselwirkung mit den Teilchen das Gesamtsystem verändert. Ob auf das Messgerät tatsächlich ein Beobachter draufschaut oder ob die Messergebnisse niemals von irgendwem gesehen und auch nicht gespeichert werden, ist für diesen Effekt völlig egal, weswegen ich den Begriff „Messungseffekt“ vorziehen würde. Fachlich korrekt spricht man in der heutigen Physik von „Dekohärenz“.

Das hält aber Herrn Thurner nicht auf. Als nächstes nimmt er sich den Welle-Teilchen-Dualismus vor, den er genausowenig verstanden hat: „Was wir in der Quantenwelt entdecken, dass es […] Welle und Teilchen gleichzeitig ist, das wirkt sich ja in unserer Welt auch aus. Damit ist ja gesagt, unsere Welt gibt’s nicht. Das ist ja nur eine Illusion.“

Dieser Schluss ist natürlich sehr praktisch, wie er im Weiteren erläutert. Dass ein Schwerstkranker sich selbst als Besitzer einer defekten Niere erlebt, sei ja nur eine Information. Wenn man diese Information in der Quantenwelt ändert, könne er sich dann einfach wieder mit einer gesunden Niere erleben. Dazu braucht man dann nur noch die Geräte, die Herr Thurner verkauft.

Mit diesen Geräten erspart man sich auch noch die Einnahme möglicherweise unangenehm schmeckender Medikamente: „Ob ich jetzt den Kamillentee trink und die Substanzen im Magen hab, die ich dann verdaue, aber neben den Substanzen trägt die Kamille ja auch eine Information. Und nicht die Substanzen kommen zur Wirkung, sondern die Information. Und wenn ich die Information auf andere Art den Zellen zuführe, dann ist es auch gut, und das machen wir eben über die Quanten.“

Die Technologie, mit der Herr Thurner zu diesen Erkenntnissen gelangt ist, ist, wie er selbst erklärt, der Tensor. Bedauerlicherweise spricht er dabei nicht von der Tensorrechnung, die in der Quantenmechanik wie in vielen anderen Bereichen der Physik tatsächlich eine große Bedeutung hat. Was Thurner und diverse Esoteriker als Tensor bezeichnen (andere benutzen auch den Begriff Einhandrute), ist einfach ein Handgriff, an dem über eine lange, federnde Verbindung ein Gewicht befestigt ist. Das Ganze hat große Ähnlichkeit mit einem Katzenspielzeug aus dem Heimtierbedarf und dient letztlich dem gleichen Zweck wie ein Pendel oder eine Wünschelrute: Es schaukelt winzige, unwillkürliche Bewegungen der Hand auf und macht sie dadurch sichtbar, wozu man sich dann allerlei Unsinn zusammenschwurbeln kann, nicht zuletzt auch, dass man damit Zugang zur Quantenwelt erhält.

Bleibt die Frage, wie kommt man auf solches Zeug? Eine mögliche Erklärung dafür findet sich schon ziemlich am Anfang des Interviews: „Man muss ja eigentlich bei dieser Technologie, beim Tensorn, den Verstand ausschalten.“ Vielleicht sollte Herr Thurner einfach nicht so viel tensorn.