Nikola Tesla, der Wechselstrom und mein gespaltenes Verhältnis zu einer Achterbahn

Das wird wieder mal ein Artikel, den ich schon länger vor mir herschiebe. Ich wollte ihn schon schreiben, lange bevor ich zum ersten Mal in der Achterbahn Voltron gesessen habe, aber jetzt muss es einfach sein. Achtung, es wird mal wieder lang, es wird auch hart, für mich, weil ich Dinge nochmal nachlesen muss, und für Euch, weil wir mal wieder etwas tiefer in die Physik einsteigen müssen. Also, hebt Euch den Artikel gerne für etwas später auf, aber wenn Ihr bereit seid: Einsteigen, Arme hoch, damit der Sicherheitsbügel schließen kann, los geht’s.

Ich mag Achterbahnen. Je schneller, wilder, steiler, desto besser. Ich mag sie, seit ich als Austauschschüler in Six Flags Great Adventure schnelle, wilde, steile Achterbahnen erlebt habe, während sich Freizeitparks in Deutschland noch mit ihrer ersten Bahn mit einem Looping schmückten. Aktuell kommt man da in Deutschland nicht an der Voltron im Europa-Park vorbei. Aus der Distanz sieht das Ding eher unauffällig aus, nicht wahnsinnig hoch, recht kompakt – aber das ist nur der engen, in sich verschlungenen Streckenführung geschuldet. Wenn sich vor dem Start der Bahn das Tor öffnet, sieht man die Schienen vor sich praktisch senkrecht nach oben ragen – und gefühlte zwei Sekunden später ist man zum ersten Mal über Kopf. Es folgen irrsinnige Beschleunigungen in alle möglichen Richtungen, eine Rückwärtspassage und eine Fahrtdauer von drei Minuten, die man auf der überschaubaren Fläche kaum erwartet hätte.

Der Wartebereich ist als ein durch irgendeinen Zwischenfall beschädigtes Wasserkraftwerk gestaltet, und in der Wartehalle erwarten einen an der Decke die größten Plasmalautsprecher, die mir je begegnet sind. Die Teslaspulen dürften einen Durchmesser von rund einem Meter haben, und die entstehenden Gasentladungen erreichen locker zwei Meter. Es war dann aber weder die Hochspannungsshow noch die Fahrt, bei der mir etwas unwohl wurde. Es war eine (gar nicht mal übermäßig alberne) animierte Puppe, die Nikola Tesla darstellt und lautstark erklärt, man werde jetzt an einem Experiment teilnehmen. Klar, Tesla, man ist ja im kroatischen Themenbereich des Parks, aber es kommt natürlich, wie es kommen muss. Achtet man auf die Details der aufwendig gestalteten Deko (so richtig habe ich das erst bei der dritten oder vierten Fahrt getan, aber keine Angst, diese Bahn wird auch bei noch mehr Fahrten nicht langweilig), stellt man fest: Ja, in der erzählten Geschichte geht es um Teleportation. Die Thematisierung der Bahn greift also mitten in die Kloake des Teslaschwurbels. Dazu gibt es wohl auch noch einen 4D-Film im Kino des Parks, den ich mir vorsichtshalber gespart habe – das wäre mir dann doch zu gruselig.

Tesla und die Teleportation

Nikola Tesla mit angeblicher Teleportation in Verbindung zu bringen, erfreut sich in der Popkultur ziemlicher Beliebtheit. In dem Film Prestige – Die Meister der Magie, zu dem ich ein ähnlich gespaltenes Verhältnis habe wie zur Voltron, hilft David Bowie als Tesla einem von Hugh Jackman gespielten Magier mit einer echten Teleportationsmaschine zu sensationellen Auftritten. Im Manga Record of Ragnarok und der gleichnamigen Netflix-Animationsserie beherrscht eine Figur namens Nikola Tesla neben anderen Superkräften auch die Fähigkeit, sich selbst zu teleportieren. Der Roman The Astounding, the Amazing, and the Unknown von Paul Malmont soll eine Geschichte über Nikola Tesla sein, wobei dieser als Entwickler einer Superwaffe dargestellt wird. Beteiligt ist auch eine Forschergruppe, die im sogenannten Philadelphia-Experiment ein ganzes Kriegsschiff teleportiert haben soll. Schon lange angekündigt, aber noch nicht erschienen ist Tesla: Beyond Imagination, ein biographischer Film, der Tesla eine direkte Mitarbeit am angeblichen Schiffsexperiment andichtet. Die Philadelphia-Experiment-Verfilmungen von 1984, 1993 und 2012 erwähnen Tesla meines Wissens nicht, aber in dem Verschwörungsmythos, der den Filmen zugrunde liegt, ist er fest verankert.

Das Yacht-Fanportal Dailynautica hat die Geschichte kompakt zusammengefasst, nach der der (1942 ja schon 86-jährige) Tesla gemeinsam mit Einstein das Experiment vorbereitet habe, sich dann aber wegen moralischer Bedenken zurückgezogen haben soll. Der Mathematiker John von Neumann soll weniger Skrupel gehabt und die Umsetzung geleitet haben. Neumann hat an der Entwicklung der Nagasaki-Bombe mitgearbeitet, und seine bewusstseinsbasierte Interpretation der Quantenmechanik plagt die Physik bis heute, aber diese Zuschreibung hat er ganz sicher nicht verdient. Auf Deutsch findet sich die Räuberpistole zum Philadelphia-Experiment samt Tesla ganz ernsthaft und ohne kritische Einordnung auf der Website des History Channel. Wer sich die ganze Geschichte ausführlich von einem Gläubigen antun will, findet sie von Commander K., auf dem Blogportal medium.com, das bei seinen Autoren anscheinend nicht wahnsinnig wählerisch ist. Der Verschwörungsautor Andrew Bisaggio verlangt bis heute von der US-Regierung die Offenlegung ihrer geheimen angeblichen Teleportationstechnologie.

Was Tesla vermutlich in die irre Geschichte hineingebracht hat, ist, dass in den Erzählungen des angeblichen Experiments häufig Teslaspulen erwähnt werden. Dabei handelt es sich um eine Form des Transformators, in dem eine der Spulen oft einen auffällig großen Durchmesser, aber nur wenige Windungen hat. Damit lassen sich große Spannungen, aber nur geringe Stromstärken erzeugen, so dass sie vor allem für spektakuläre Showeffekte verwendet werden – wie eben im erwähnten Wartesaal der Voltron.

Dass wiederum ausgerechnet zur Zeit des Zweiten Weltkriegs Teslaspulen mit verschwindenden Schiffen in Verbindung gebracht werden, könnte mit ganz anderen, noch viel größeren Spulen zu tun haben, die seit eben dieser Zeit zum Entmagnetisieren von Kriegsschiffen verwendet werden. Dadurch wird das magnetische Signal des Schiffs minimiert, um für magnetsensitive Seeminen und Torpedos schlechter erkennbar zu sein. Dass die Schiffe dadurch weder teleportiert noch unsichtbar werden, versteht sich von selbst, aber auch „Tarnkappenbomber“ sind ja lediglich im Radar schwerer zu erkennen.

Das angebliche Genie

Der Kult, den Esoteriker um Tesla treiben, hört aber längst nicht mit vermeintlicher Teleportation auf. Einige Beispiele finden sich auf einer Facebookseite, die mit sogenannten Cloudbustern (einer funktionslosen Art Skulptur, meist aus Gießharz und Metallrohren) und „Sphärenharmonie“ sogenannte Chemtrails abwehren, die Umwelt heilen und Wüsten begrünen will. Dort heißt es, Tesla habe ein „unsichtbares Frequenzsystem hinter der sichtbaren Realität“ erforscht und so die „etablierten Machtstrukturen“ bedroht:

https://www.facebook.com/photo/?fbid=1406997901452846&set=pcb.1406997964786173

Auf TikTok fabuliert ein User namens „Bali“ über die Heilkraft der Teslaspule. In seinen anderen Posts bietet er Alchemie und Numerologie an und wirft bevorzugt mit Phrasen auf Sanskrit und mit KI-generierten Esoterikbildern um sich. Ich muss zugeben, nach einer Fahrt in der Voltron habe ich durchaus ein gewisses Hochgefühl, aber das habe ich bislang immer eher mit der Bahn in Verbindung gebracht als mit einer Heilkraft der Spulen im Wartesaal.

https://vm.tiktok.com/ZGdQrfQqF/

Diverse Kanäle, vor allem auf TikTok, bringen Tesla mit den Zahlen 3-6-9 in Verbindung, die als „Tesla-Code“ mal für Körper, Geist und Universum, mal für Manifestation, Balance und Vollendung stehen, irgendwas mit Resonanz, mit Chakren und natürlich ganz viel mit Genie zu tun haben sollen. Das einzige Detail, das dabei natürlich immer fehlt, ist, wie das Ganze eigentlich funktionieren soll, nebst irgendwelchen Quellen. Sogar der verschwörungsideologisch-esoterische Onlinekanal Pravda-TV widerspricht und erklärt, es gebe „keinerlei Belege dafür, dass Tesla jemals eine mathematische Theorie oder eine Manifestationsmethode ‚369‘ entwickelt hat.“

https://vm.tiktok.com/ZGdQrj2JD/

Dann hat laut TikTok Tesla die unvermeidliche Zeitmaschine erfunden, sie dann aber vernichtet, weil die Menschheit zu schlecht dafür sei. Und schließlich ist sein Tod im zarten Alter von 86 Jahren allein in einem Hotelzimmer natürlich total rätselhaft. Und selbstverständlich hat Tesla die „freie Energie“ erfunden. Damit ist allerdings nicht der Fachbegriff aus der Thermodynamik gemeint, sondern schlicht und ergreifend ein Perpetuum mobile.

https://vm.tiktok.com/ZGdQrAjt8/

Was es damit auf sich hat, versteht man besser, wenn man sich erst mal seine tatsächlichen Leistungen anschaut. Die sind auch durchaus beachtenswert – sonst würden wir heute Werte der magnetischen Flussdichte wohl kaum in Tesla angeben.

Der wirkliche Tesla

Nikola Tesla wurde 1854 im damaligen Kaisertum Österreich, genauer im Westen des heutigen Kroatiens, als Sohn eines serbisch-orthodoxen Priesters geboren, weshalb sich Kroatien und Serbien bis heute um ihn streiten. Ein Studium hat er zweimal angefangen, aber nie abgeschlossen. Stattdessen fand er eine Anstellung als Techniker im Firmengeflecht des Erfinders und Unternehmers Thomas Alva Edison und gelangte so über Frankreich in die USA, wo er bald seine erste eigene Firma gründete.

Das ist wichtig (wobei ich mir hier wahrscheinlich viele Elektroingenieure zum Feind mache): Tesla war nie ein Wissenschaftler, weder von der Bildung noch vom Arbeitsverhältnis noch von seinen Arbeitsinhalten her. Er war ein gewerblicher Erfinder, der basierend auf den wissenschaftlichen Ergebnissen von vor allem James Clerk Maxwell und Heinrich Hertz praktische technische Anwendungen entwickelte. Wirklich neue wissenschaftliche Erkenntnisse seiner produktiven Zeit wie den Nachweis des Elektrons durch J.J. Thomson 1897 und die darauf folgenden Anfänge der Quantenmechanik lehnte er ab und versuchte noch 1937 im hohen Alter, die Quantenmechanik und die Relativitätstheorie zu widerlegen.

Anders als in der Esoterikszene gerne behauptet wird, hat Tesla auch keineswegs für „die Allgemeinheit“ gearbeitet, sondern seine Ergebnisse systematisch durch Patente vor dem Zugriff anderer geschützt. Mit einem gewissen Hang zur Selbstdarstellung fand er auch immer wieder Geldgeber für seine Projekte, denen damit aber in der Regel auch die Haupteinnahmen aus den Ergebnissen zufielen. Wirtschaftlich war er also nur zum Teil erfolgreich, was in Verbindung mit einem nicht sonderlich sparsamen Lebensstil (von seinen ersten unternehmerischen Erfolgen bis zu seinem Tod lebte er überwiegend in New Yorker Luxushotels) immer wieder zu Engpässen führte.

Tesla werden häufig psychische Probleme, darunter Zwangsstörungen, zugeschrieben. Insbesondere ist von einem Waschzwang, Angst vor Bakterien und einer Fixierung auf mathematische Spielereien die Rede. Dabei handelt es sich aber natürlich nicht um ärztliche Diagnosen, sondern um Zuschreibungen aufgrund seiner Selbstdarstellung, Beschreibungen seines Verhaltens und zum Teil schlichter Gerüchte.

Seine Arbeitsgebiete waren zunächst hauptsächlich Anwendungen des Wechselstroms, später die Anfänge der Funktechnik. Ab etwa 1905 verlor er immer mehr den Anschluss an aktuelle Entwicklungen der Elektrotechnik, glitt in seinen Texten und Vorträgen immer mehr vom Erfinderischen ins Visionäre und Phantastische, schließlich ins Versponnene ab, hatte aber noch einigen Erfolg mit Erfindungen zur Strömungstechnik wie Turbinen oder Ventilen. Auch die scheinen mir übrigens in der Gestaltung des Wasserkraftwerksthemas an der Voltron aufgegriffen worden zu sein. In Vorträgen fabulierte Tesla immer noch von bahnbrechenden elektrischen Innovationen, darunter immer wieder Strahlenwaffen, aber zu konkreten Entwürfen brachte er es nicht mehr. Als er 1943 starb, während große Teile der amerikanischen Wissenschaft auf Rüstungsforschung wie das Manhattan-Projekt ausgerichtet waren, wurde sein Nachlass zunächst von den US-Behörden sichergestellt, nach wenigen Jahren aber als militärisch bedeutungslos eingestuft und an seinen Neffen im kommunistischen Jugoslawien übergeben.

Tesla und der Wechselstrom

Auch hier eins vorweg: Nikola Tesla war nicht der Erfinder des Wechselstroms. Schon die allerersten elektromagnetischen Generatoren, vor Teslas Geburt, erzeugten (wie ein einfacher Fahrraddynamo) zunächst einmal Wechselstrom, der mit trickreichen Mechanismen in gepulsten Gleichstrom umgewandelt werden musste. Auch der Transformator wurde im Prinzip schon 1831 von Michael Faraday entdeckt, und nach mehreren Zwischenentwicklungen 1882 von Gaulard und Gibbs als tatsächlich nutzbringendes Gerät patentiert.

Um Teslas Beiträge verstehen zu können, müssen wir uns kurz ansehen, was hinter diesen Begriffen eigentlich steckt, also zu meiner großen Freude ein bisschen in die Physik einsteigen. Ein Stück weit habe ich das schon an anderer Stelle getan und dabei auch Tesla erwähnt, aber hier möchte ich noch etwas grundlegender anfangen.

Um elektrische Energie entnehmen zu können, brauchen wir zwei elektrische Leiter, zwischen denen eine Spannung anliegt, so dass dazwischen ein Strom fließen kann, den wir nutzen können, zum Beispiel um einen Glühdraht zu erhitzen, damit er leuchtet. Ja, ich weiß, Leuchtdioden sind viel effizienter, aber wir bleiben hier mal beim einfachsten Beispiel. Die verfügbare Leistung, also die Energie pro Zeit, ergibt sich aus Spannung mal Stromstärke. Für viel Energie brauchen wir also entweder viel Strom oder eine hohe Spannung. Das ist eine Abwägung – beides hat seine Nachteile. Die Absolutwerte, zwischen denen die Spannungen anfallen, werden als Potentiale bezeichnet. Einer der beiden Leiter kann mehr oder weniger direkt mit der Erde verbunden sein; dann liegt er auf Potential null und wird als Neutralleiter oder ganz kreativ als Nullleiter bezeichnet. Bei Zügen ist die Phase die Oberleitung, der Nullleiter einfach die Schienen.

Beim Gleichstrom liegt die Phase auf einem konstanten Potential. Bei vielen Straßenbahnen hat die Oberleitung zum Beispiel -600 Volt. Das sieht dann also als Diagramm so aus, wobei das Rote unten (weil eben minus 600V) die Oberleitung ist:

Eine solche Gleichspannung erzeugen zum Beispiel Batterien oder Solarzellen.

Erzeugt man den Strom mit einem Dynamo oder einer ähnlichen Vorrichtung mit einem drehenden Magneten an einer Spule, dann bekommt man ohne weitere Umwandlungen eine Wechselspannung. Die Spannung wechselt in einer harmonischen Schwingung ihre Polung, und der Strom fließt hin und her. Der Glühbirne ist das egal, weshalb ich hier auch keine Leuchtdiode als Beispiel genommen habe. Mit den Werten unseres Stromnetzes, also 230 Volt Effektivspannung und 50 Hertz, sieht das Diagramm dann so aus:

Was von beiden ist jetzt besser? Das kommt – natürlich – darauf an. Moderne Mikroelektronikbauteile brauchen in der Regel Gleichstrom niedriger Spannung. Die Netzteile solcher Geräte setzen also nicht nur die Spannung herunter, sondern übernehmen auch gleich die Umwandlung in Gleichstrom.

In den Leitungen eines Stromnetzes gibt es einen entscheidenden Unterschied, der damit zusammenhängt, dass ein fließender elektrischer Strom um den Leiter herum ein Magnetfeld erzeugt. Der sich stetig verändernde Wechselstrom erzeugt also auch ein sich stetig veränderndes Magnetfeld. Dieses kann sich als Welle im Raum ausbreiten, wodurch Energie verloren geht. In längeren Leitern kann der Fluss von Wechselstrom auch durch komplexere Welleneffekte behindert werden. Wechselstrom hat also bei gleicher Stromstärke in der Praxis meist höhere Leitungsverluste als Gleichstrom. Das sich verändernde Magnetfeld kann man aber auch nutzen. Die Veränderung eines Magnetfeldes kann nämlich wiederum eine Spannung in einem anderen elektrischen Leiter erzeugen (induzieren), und weil der ursprüngliche Wechselstrom einer harmonischen Schwingung folgt, ist auch die erzeugte Spannung wieder eine harmonisch schwingende Wechselspannung mit gleicher Wellenform. Wickelt man beide Leiter zu Spulen auf und koppelt sie magnetisch zum Beispiel durch einen Eisenkern, dann kann man durch das Verhältnis der Wicklungen in den Spulen bestimmen, in welchem Verhältnis auch die beiden Spannungen stehen werden. Eine solche Konstruktion nennt man Transformator, und damit kann man bei Wechselstrom die Energie sehr einfach von einer Spannung auf eine ganz andere übertragen. Man kann also von z.B. 400 Volt am Generator eines Kraftwerks bis auf 110.000 Volt für die Überlandleitung transformieren, dann wieder auf 20.000 Volt für die Versorgung einzelner Stadtviertel und schließlich auf 230 Volt bis zur Steckdose im Haus. Die fast 500fache Spannung auf der langen Strecke ermöglicht es, die gleiche Energie bei 1/500 der sonst erforderlichen Stromstärke zu übertragen, mit entsprechend viel dünneren Leitungen und weniger Leitungsverlusten. Mit Gleichstrom funktioniert das so einfach nicht. Erst für sehr lange Strecken, zum Beispiel von den Wasserkraftwerken in Norwegen nach Deutschland, lohnt sich die aufwendigere Umwandlung der hochtransformierten Wechselspannung in Gleichspannung, um die Verluste noch weiter zu reduzieren.

Zur Zeit von Teslas erster Unternehmensgründung 1885 gab es so lange Leitungen noch nicht. Bei den ersten entstehenden lokalen Stromnetzen mit meist nur einem Generator konkurrierten die Gleichspannungsnetze von Edisons Firma (der späteren General Electric) gegen die Wechselspannungsnetze von Westinghouse Electric. Je nach Entfernungen und Kundenbedürfnissen konnte jeweils die eine oder die andere Lösung vorteilhaft sein – und Edison hatte die entscheidenden Patente auf Glühbirnen. Die mit Wechselstrom möglichen Hochspannungen galten auch noch als wenig erforscht und potentiell gefährlich. Erst mit dem Entstehen großräumiger Netze mit Überlandleitungen setzte sich zwangsläufig der Wechselstrom durch. Diese Konkurrenzsituation wurde viele Jahre später zum „Stromkrieg“ hochstilisiert und die Ängste vor Wechselstrom (die sich in Wirklichkeit auf die ja durchaus nicht ungefährliche Hochspannung bezogen) ins Lächerliche gezogen.

Tesla, ursprünglich von Edison für die Arbeit an seinen Gleichstromnetzen in die USA geholt, fand im Wechselstrom das weitaus spannendere Arbeitsgebiet. Nach einer ersten Pleite entwickelte er mit einer zweiten Firma spezielle Zweiphasen-Wechselstromgeräte und konnte Westinghouse für die Vermarktung gewinnen. Für diese Erfindungen musste man dem Netz eine zweite Phase mit einer zeitverschoben schwingenden Spannung hinzufügen.

Das ermöglichte Tesla unter anderem die Konstruktion besonders einfacher Elektromotoren, die sich für Westinghouse zum Verkaufsschlager entwickelten. Der Zweiphasenwechselstrom sollte Teslas größter Erfolg werden und ihm noch im hohen Alter ein Einkommen sichern, auch wenn das meiste Geld damit sicherlich Westinghouse verdiente. Unumstritten waren Teslas Patente allerdings auch nicht, weil zeitgleich in Italien der Professor Galileo Ferraris ähnliche Ideen erforscht und veröffentlicht hatte.

Langfristig durchsetzen sollte sich allerdings der ebenfalls fast zeitgleich von Dobrowolski für die Edison-Abspaltung AEG in Berlin entwickelte Dreiphasen-Wechselstrom. Dabei ermöglicht (stark vereinfacht) die Kombination der drei Phasen eine höhere Effektivspannung und damit eine bessere Energieübertragung als die drei Phasen jeweils einzeln gegen einen Nullleiter (bei den in Deutschland üblichen Spannungen 400 Volt gegenüber 230). Einen Dreiphasenanschluss („Starkstrom“) haben zum Beispiel bis heute die meisten deutschen Haushalte in der Küche für den Herd.

Tesla und die „Freie Energie“

In den 1890er Jahren verlor Tesla zunehmend das Interesse an normaler Stromversorgung und wandte sich höheren Spannungen, aber auch höheren Frequenzen zu. Das ermöglichte ihm unter anderem öffentliche Vorführungen mit Funken, Lichtbögen und anderen spektakulären Effekten.

Wie schon erwähnt, breitet sich um einen Leiter, durch den ein Wechselstrom fließt, eine elektromagnetische Welle in die Umgebung aus. Bei den in der Stromversorgung üblichen niedrigen Frequenzen um 50 Hertz ist dieser Effekt überschaubar, aber bei höheren Frequenzen wird der Anteil der abgestrahlten Energie immer bedeutender: Der Leiter wird zur Antenne. Tesla erkannte dies als Möglichkeit, Signale zu übermitteln – ihn faszinierte aber auch die Idee, auf diesem Weg Energie drahtlos zu übertragen.

Im Prinzip funktioniert das wie beim Transformator: Das vom einen Leiter ausgehende elektromagnetische Wechselfeld induziert eine Wechselspannung im anderen Leiter. Das Problem ist: Ohne die Kopplung über den Eisenkern und mit zunehmendem Abstand kommt ein immer kleinerer Teil der eingesetzten Energie beim Empfänger an. Der Rest geht an der Empfängerantenne vorbei und landet in irgendeinem Objekt, in dem ebenfalls Ströme induziert werden können: In Bäumen, Gebäuden, Felsen, dem Erdboden… Ein Teil der Energie entweicht auch einfach ins All. Bei den damals erprobten Funkfrequenzen und Antennenformen war es auch kaum möglich, die Wellen sinnvoll in Richtung auf einen Empfänger zu bündeln. Mit Mikrowellen ist das einfacher, aber die können dafür von Hindernissen auf dem Weg absorbiert werden und würden diese dabei auch noch möglicherweise gefährlich aufheizen. Solange es nur darum geht, Informationen, zunächst in Form von Morsezeichen, zu übermitteln, ist der Energieverlust nicht schlimm, solange es beim Empfänger noch irgendwie möglich ist, das winzige Signal der abgestrahlten Energie, das eintrifft, so zu verstärken, dass es messbar wird. Für die Energieübertragung sind solche Verluste aber natürlich verheerend.

Das heißt nicht, dass es nicht Konstellationen gibt, in denen eine drahtlose Energieübertragung praktikabel wird. Das Esoterikportal Gaia verweist darauf, dass in den USA drahtlose Energieversorgung für Kleingeräte mit einer Reichweite bis zu einem Meter zugelassen ist und empört sich darüber, dass Tesla ja schon so viel weiter gewesen wäre. Tatsächlich halten sich bei so kleinen Abständen die Verluste in Grenzen, und mit heutiger Technik ist es auch möglich, die Energie automatisch nur dann zu senden, wenn auch tatsächlich ein ladebereiter Empfänger in Reichweite ist. Gängige RFID-Chips zur Identifizierung von z.B. Gepäckstücken erhalten ihre Energie ausschließlich drahtlos vom jeweiligen Lesegerät. Prinzipiell wäre es möglich, solche Konzepte auf ganze geschlossene Räume zu erweitern. In diesen Räumen säße man dann aber, solange ein zu versorgendes Gerät vorhanden ist, permanent in einem relativ starken elektromagnetischen Wechselfeld. Ob die häufig auch Elektrosmog-gläubige Esoterikklientel ernsthaft bereit wäre, wie im Gaia-Video ihr Kind in einem solchen Raum spielen zu lassen, halte ich für ziemlich fraglich.

Tesla hielt aber am Ziel der Energieübertragung fest und experimentierte mit immer größeren Anlagen, deren Herstellung und Stromverbrauch schließlich auch seine Einnahmen aus den Wechselstrom-Patenten aufzehrten. Er träumte von einem Welt-Energie-System, bei dem alle Kraftwerke ihre Energie einfach in die Umwelt strahlten und alle Verbraucher sie einfach per Antenne anzapfen konnten. Auch wenn man die Kosten dafür natürlich mittels Zählern abrechnen könnte, wird Teslas Idee häufig mit einem kostenlosen Zugang zu Energie, „free energy“ identifiziert. Das nutzen Esoteriker, um es zu Energie aus dem Nichts, also letztlich einem Perpetuum mobile, zu erklären, obwohl Teslas Ideen natürlich darauf aufbauten, dass die ausgestrahlte Energie aus gewöhnlichen Kraftwerken kommen sollte.

Dem wird entgegengehalten, Tesla habe doch durchaus auch mit der Nutzung „freier Energie“ aus der Umwelt experimentiert und dazu auf sein US-Patent No. 685,957 „Apparat zur Nutzung von Strahlungsenergie“ aus dem Jahr 1901 verwiesen. Zum Nachlesen und Ansehen von Teslas Zeichnungen kann man einfach beim US Patent Office die Patentnummer 0685957 eingeben. Eine Geistesgröße auf TikTok, die ich jetzt nicht nochmal raussuchen will, stellt dazu die Frage, wem denn dieses Patent jetzt gehört und wer also der Menschheit die Nutzung dieses Wunderapparats vorenthält. Die Antwort ist in Google Patents nachzulesen: Das Patent ist 1918 abgelaufen. Schon seit über 100 Jahren darf jeder, der Lust hat, Teslas tollen Apparat nachbauen. Ich sehe beim Überfliegen des Patents auch keinen Grund, warum das Gerät nicht funktionieren sollte. Das Problem ist eher die Strahlungsenergie, die der Apparat nutzen soll – davon  gibt es in unserer Umwelt nämlich zum Glück für uns und unsere DNA nicht so wahnsinnig viel. Nutzbar wären von der natürlichen Strahlung in allererster Linie mal die Myonen aus der kosmischen Strahlung, über die ich hier vor ein paar Jahren schon was geschrieben habe. Davon erreichen den Erdboden ca. 100 Stück pro Quadratmeter und Sekunde, und die haben jeweils eine durchschnittliche Energie von 4 Gigaelektronenvolt (GeV). Das klingt nach viel, aber Elektronenvolt sind halt eine sehr kleine Einheit. 4 GeV sind 6,4⋅10-10 Joule. Anders gesagt, die Strahlungsleistung, die wir da aus der Natur einsammeln könnten, liegt bei 0,000000064 Watt pro Quadratmeter von Teslas Apparat. Nun gut, Tesla schreibt im Patent ja selbst, dass „die Energie mit einer sehr niedrigen Rate eintrifft“… Man könnte natürlich nachhelfen, indem man mit einer radioaktiven Quelle für mehr Strahlung sorgt, aber natürliche Quellen mit so richtig viel Umpf findet man auch nicht viele. Wenn man dagegen einen Kernreaktor nähme… da nutzt man die Strahlung aber effizienter über eine Dampfturbine… äh, Moment… hatten wir schon? Na gut. Wenn man die grundsätzliche Idee hingegen mit heutiger Technik auf Halbleiterebene umsetzt und entsprechend weiterentwickelt, könnte man auch Strahlung nutzen, bei der die Energie auf mehr einzelne Strahlungsquanten verteilt ist, zum Beispiel Sonnenlicht… Genau, das ist dann eine Solarzelle. Tesla hatte eine grobe Idee, nach der irgendwie so ähnlich auch Solarzellen funktionieren, was sich aber nur mit Halbleitern realisieren lässt. Eine solche Idee hatten zu der Zeit aber ziemlich sicher auch tausend andere. Da wurde nämlich gerade der photoelektrische Effekt erforscht.

Das ändert auch alles nichts daran, dass Teslas Welt-Energie-System hoffnungslos ineffizient, umweltschädlich und in der Nähe der absurd leistungsstarken Sender durch im Körper induzierte Wirbelströme lebensgefährlich wäre.

So wundert es nicht, dass Tesla, als er schließlich mit dem Bankier J.P. Morgan wieder einen potenten Geldgeber fand, die Informationsübertragung und nicht die Energieübertragung in den Mittelpunkt seiner Entwicklungstätigkeit stellen musste. Mit Morgans Geld entstand 1901 auf Long Island östlich von New York City Teslas ikonischer Funkturm Wardenclyffe Tower, dessen Form auch in der Deko der Voltron aufgegriffen wird.

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Nachdem Guglielmo Marconi mit seinem eigenen patentierten Funksystem schon Ende 1901 die erste Funknachricht über den Atlantik senden konnte und 1904 die ersten kommerziellen Nachrichtensendungen für Schiffe anbot, war das Schicksal von Teslas Funkturm besiegelt. 1917 wurde der schon lange stillgelegte Turm abgerissen. Heute sind die übrigen Gebäude der Anlage ein Museum und offenbar ziemlich unbekannt. Jedenfalls konnte ich monatelang gerade 10 Kilometer entfernt im Brookhaven National Laboratory forschen, ohne dass es irgendeiner der lokalen Physikerkollegen für nötig befunden hätte, mir zu erzählen, dass man gleich um die Ecke die ehemalige Wirkungsstätte von Nikola Tesla besuchen kann.

Zusammenfassend bleibt bei mir der Eindruck, dass Tesla natürlich ein bedeutender Erfinder war. Es ist mir aber eigentlich nur durch seine herausragende Selbstdarstellung erklärbar, dass er so viel bekannter ist als Leute wie Dobrowolski oder Ferraris, die gleichzeitig praktisch identische Leistungen vollbracht haben, bekannter sogar als der viel erfolgreichere Marconi. Und nur zu oft verbindet sich diese Bekanntheit mit Dingen, die absolut nichts mit seinen tatsächlichen Leistungen zu tun haben.

Genau deshalb nervt es mich, wenn eine Achterbahn den Tesla-Mythos unter Leuten weiterverbreitet, die vermutlich mehrheitlich überhaupt nichts über Teslas tatsächliche Leistungen wissen oder wissen wollen.

Aber… wenn ihr die Gelegenheit habt, fahrt das Ding – es ist geil!