Der selbstgebastelte „Impfstoff“ aus Lübeck

Eigentlich würde ich vom Thema Impfstoffe hier gerne etwas wegkommen, wenn ich endlich wieder mehr Zeit zum Schreiben habe, aber irgendwas ist dann doch immer. Ich hatte ja schon vor einem Dreivierteljahr damit gerechnet, dass Leute sich etwa jetzt darüber aufregen würden, wer wann geimpft wird und warum wir nicht schon viiiiieeeeeelllll mehr Impfstoff haben. Ich hatte auch schon damit gerechnet, dass die üblichen Verschwörungsschwurbler Schauermärchen über erfundene Impfschäden erzählen. Ich hatte damit gerechnet, dass Pseudoexperten, deren einzige jemals vollbrachte wissenschaftliche Leistung eine soziologische Masterarbeit ist, mit Tatsachenverdrehungen über moderne Impfstoffe auf der Spiegel-Bestsellerliste landen. Mir war auch von Anfang an klar, dass Altenaivmediziner anfangen würden, homöopathische oder „geistige“ Impfungen zu verhökern. Hätte mir allerdings jemand erzählt, dass sich, noch nach der Zulassung seriöser Impfstoffe, Menschen dafür begeistern würden, Amateure mit ungetesteten Impfstoffkandidaten an ihrem Immunsystem herumpfuschen zu lassen, und dass etablierte Medien das noch anstacheln würden, dann hätte ich der betreffenden Person unterstellt, sie hätte zu viel Breaking Bad gesehen.

Im Moment werde ich aber von diversen Seite mit Anfragen, gerne garniert mit zynischen Bemerkungen gegen die Pharmaindustrie, zum angeblichen Wunderimpfstoff bombardiert, den ein Herr Stöcker aus Lübeck im Labor seiner Medizintechnikfirma entwickelt haben will. Aktuell kocht das Ganze total über, weil der Spiegel sich darüber ausgelassen hat, Stöcker habe „statt Lob und Anerkennung“ eine Strafanzeige bekommen – und um das vorwegzunehmen, ich frage mich, ob sich beim Spiegel irgendjemand zur Sach- und Rechtslage kundig gemacht hat, bevor man hier auf die Idee gekommen ist, Lob und Anerkennung könnten überhaupt zu Diskussion stehen. Oder, um die international renommierte Impfstoffgutachterin Petra Falb zu zitieren: Er hat sich definitiv massiv strafbar gemacht.“ Das Zitat habe ich hier nachträglich eingefügt – ich hatte mich in dem Punkt erst mal zurückgehalten, weil diesbezügliche Rechtsfragen nicht mein Thema sind. Ich empfehle ihren Kommentar generell zum Lesen. Inzwischen (7.3.) hat sie auch einen eigenen Blogartikel zum Thema online. Das ist unglaublich wertvoll, weil sie von der eigentlichen Problematik (ich kenne das ja nur von der Marktseite, von der grundsätzlichen Frage der Wissenschaftlichkeit her und von dem, was ich mir im Verlauf der Pandemie angelesen habe) wirklich tiefgreifende Ahnung hat. Die wichtigste Passage: „[…] es ist völlig unverständlich, wie sich hier jemand, der das Gesetz und auch die Arzneimittelsicherheit derart mit Füßen tritt, auch noch als Opfer darstellen kann. Leider muss man auch den betreffenden Journalisten, die diesen Bericht zu verantworten haben, schlechte Recherche vorwerfen – was hier zu sehen ist und vor allem wie dieses Thema aufbereitet wurde ist alles andere als objektiv und fachlich korrekt und trägt extrem zu Verwirrung und Verbreitung falscher Informationen bei.“ Lesenswert ist auch der Twitterthread des promovierten Neurobiologen Lars Dittrich, der inzwischen der MaiLab-Redaktion angehört.

Was mich ein bisschen verwundert hat, war zunächst, wer Stöcker zu diesem Hype verholfen hat, aber nach einem Hinweis aus der Twitter-Community dämmert mir langsam, aus welcher Ecke solch treue Gefolgschaft kommt. In seinem Blog wettert er gegen „Klimahysterie“ und geschlechtsneutrale Formulierungen, erklärt, die AfD habe „heute in vielen Sachfragen die besten Argumente“ und ruft wegen der Aufnahme von Flüchtlingen zum „Sturz der Kanzlerin Merkel“ und zu einem „Aufstand der Anständigen“ auf.

Was hat er aber jetzt bei seinem „Impfstoff“ gemacht: Er hat einen Bestandteil des SARS-CoV-2 Virus im Labor nachgebaut. Seine Idee ist, man spritzt diesen Bestandteil in einen Patienten, das Immunsystem reagiert auf dieses fremde Antigen, baut eine Immunreaktion auf, und die schützt dann auch gegen das ganze Virus. Das ist vom Prinzip her nicht viel anders, als praktisch alle westlichen Impfstoffkandidaten gegen Covid-19 funktionieren. Stöckers „Impfstoff“ wäre, falls er denn wirkte, ein Protein-Subunit-Impfstoff (die unterschiedlichen Impfstofftypen gegen Covid-19 habe ich schon im August erklärt) – sowas gibt es im Prinzip schon länger gegen Grippe, und es sind auch mehrere seriöse Kandidaten in der Entwicklung gegen Covid-19.

Warum ist aber nun bei den Impfstoffen und Impfstoffkandidaten der seriösen Labore und Hersteller alles doch ein bisschen komplizierter? Nun, die Erfahrung hat über viele Jahre gezeigt, dass, wenn man einfach nur ein fremdes, wirkungsloses Protein in hinreichender Menge in einem Muskel spritzt, das Immunsystem zwar reagiert und auch Antikörper produziert, die Wirkung aber weder stark noch andauernd genug ist, um einen längerfristigen Schutz zu erzeugen. Damit das Immunsystem dennoch einen entsprechenden Schutz aufbaut, verwendet man in der Regel einen der folgenden Tricks:

  • Man präsentiert dem Immunsystem das Antigen über einen längeren Zeitraum immer wieder, indem man z.B. Körperzellen dazu bringt, es nachzuproduzieren. Das tun die in meinem Artikel genannten RNA-, DNA- und Vektorvirusimpfstoffe.
  • Man bindet das Antigen in eine Struktur ein, die irgendwie virusähnlich aussieht (virus like particle, VLP), um dem Immunsystem etwas Gefährliches vorzutäuschen. Solche Impfstoffe sind gegen Covid-19 noch nicht in fortgeschrittenen Entwicklungsphasen. Falls zugelassen, wäre auch die Produktion nicht einfach.
  • Man sorgt dafür, dass durch eine lokale Entzündung am Ort der Injektion das Immunsystem wild auf alles losgeht, was gerade dort auftritt, also vor allem auf das dort injizierte Antigen. Das erreicht man mit sogenannten Impfadjuvantien (das historisch bekannteste davon sind übrigens die von Verschwörungsgläubigen gerne verteufelten und heute eher selten verwendeten Aluminiumsalze). So funktionieren praktisch alle seriösen Protein-Subunit-Impfstoffe, die gegen Covid-19 in der fortgeschrittenen Entwicklung sind. Das sind nach aktuellem Stand allein schon 24 Impfstoffkandidaten – ein weiterer wurde im Lauf der Patientenstudien schon aufgegeben.

Könnte es theoretisch sein, dass aus irgendeinem ominösen Grund ein solo gespritztes Protein trotzdem zu einer schützenden Immunreaktion führt, wenn es nicht von einem seriösen Hersteller, sondern von Stöcker kommt? Denkbar ist vieles. Zum Beispiel könnte eine bei ihm produktionsbedingte Verunreinigung zufällig als noch unbekanntes Impfadjuvans wirken. Das ist eben nur sehr, sehr, sehr unwahrscheinlich. Wesentlich wahrscheinlicher wäre, dass eine solche Verunreinigung zufällig gesundheitsschädlich ist. Wie es mit systematischer Adjuvierung von Stöckers Impfstoff aussieht, ist vollkommen unklar. Auf seiner Homepage erklärt er tatsächlich, der Impfstoff sei mit Alhydrogel (ja, dem angeblich doch so bösen, bösen Aluminium!!!) adjuviert, während er in Interviews wie dem verlinkten Spiegel-Video regelmäßig behauptet, es handele sich nur um ein Antigen. Eine dieser Behauptungen kann offensichtlich nicht stimmen.

Nun behauptet Stöcker aber, sein „Impfstoff“ schütze trotzdem. Ob das stimmt, weiß ich nicht. Was ich aber weiß, ist, dass er es auch nicht weiß. Und Christian Drosten und Hendrik Streeck, von denen er behauptet, sie hätten die Wirksamkeit bestätigt (die das aber offenbar öffentlich nicht bestätigen wollen), können das ebenfalls nicht wissen. Dazu müsste man nämlich sehen, dass die damit Geimpften signifikant weniger häufig erkranken als Ungeimpfte. Genau das ist es, was die Entwicklung eines seriösen Impfstoffs so teuer und bei den meisten anderen Erkrankungen auch langwierig macht. Genau dieser Nachweis macht den Unterschied aus zwischen einem Impfstoff und irgendwas, was sich irgendwer in irgendeinem Labor zusammengebraut hat – und von dem in diesem Fall wie schon erwähnt auch sehr, sehr, sehr unwahrscheinlich ist, dass es schützt.

Wenn man nicht ausschließen kann, dass Stöckers Protein auch ohne ein gezielt eingesetztes Adjuvans wirkt, könnte man ja zumindest sagen, vielleicht hat er keinen Impfstoff, aber möglicherweise einen Kandidaten für die Impfstoffentwicklung? Im Prinzip schon. Das ist der erste und banalste Schritt in der Entwicklung eines Arzneimittels – man baut sich ein Molekül zusammen, von dem man hofft, dass es eine Wirkung hat und niemanden umbringt. Das hat auch gegen Covid-19 nach exakt dem gleichen Prinzip eine ganze Reihe von Pharmaherstellern schon vor einem Jahr getan. Die haben einen Bestandteil des SARS-CoV-2-Virus (in der Regel das Spike-Protein oder ein Teil davon mit irgendwas drangehängt) genommen und im Labor nachgebaut und mit unterschiedlichen Adjuvantien in Zellkultur- und Tierversuchen getestet, wie sie die beste Immunreaktion bekommen. Genau auf dem Stand ist er jetzt. Es ist allerdings auffällig, dass von dieser Art Impfstoffe noch keiner zugelassen ist. Offenbar ist es selbst mit sorgfältig ausgewählten und in ihrer Dosierung optimierten Adjuvantien nicht ganz trivial, aus einem Protein-Impfstoff eine gute, verträgliche Schutzwirkung gegen Covid-19 zu bekommen. Der fortgeschrittenste derartige Kandidat, von Novavax, steht aber inzwischen in mehreren Ländern kurz vor der Zulassung.

Dass viele Moleküle (mehr als 99,9%) den Schritt vom vielversprechenden Laborkandidaten zum zugelassenen Arzneimittel nie schaffen, ist ganz normal. Die meisten derartigen Entwicklungen, die in einzelnen Zellen noch gut gewirkt haben, müssen schon nach Tierversuchen aufgegeben werden. Diesen vor allem für die Sicherheit der Testpersonen wichtigen Zwischenschritt hat der gute Mann ganz offensichtlich einfach ausgelassen und gleich mal Menschen als Versuchskaninchen benutzt. Nun gut, es scheinen zufällig alle überlebt zu haben. Also, hoffentlich. So genau weiß er das ja nur selbst. Wer so etwas seriös betreibt, muss seine Patientenversuche vorher öffentlich nachvollziehbar registrieren, damit man unliebsame Daten nicht verschwinden lassen kann.

Wenn Tierversuche gut laufen, macht man Verträglichkeitstests (Phase I) an Freiwilligen, in denen man bei einem Impfstoff auch erkennt, ob das Immunsystem wenigstens kurzfristig Antikörper und eine T-Zell-Reaktion produziert. Entsprechende Daten hat Stöcker nicht veröffentlicht (und ich habe große Zweifel, ob die meisten dafür erforderlichen Informationen jemals erhoben wurden), aber er würde wahrscheinlich behaupten, eine Phase-I-Studie hätte er mit seinem illegalen Verspritzen gemacht – eine angebliche Phase-I-Studie ohne die zum Schutz der Versuchspersonen erforderliche Genehmigung, ohne Ethikkommission, ohne medizinische Überwachung der Versuchspersonen und ohne sachgerechte Dokumentation der Ergebnisse. Dafür behauptet Stöcker, die Gespritzten hätten danach Antikörper gegen SARS-CoV-2 gehabt. Wie erwähnt, irgendeine Immunreaktion bekommt man eigentlich immer, aber ein dauerhafter Schutz wäre sehr, sehr, sehr unwahrscheinlich. Und er müsste, wenn er denn existierte, erst mal bewiesen werden. Genau dazu gibt es die folgenden Erprobungsphasen, die Stöcker mal eben als „bagatellartige Immunisierung“ abtut, die aber die einzige Möglichkeit sind, eine Schutzwirkung zu erkennen.

Nach erfolgreicher Phase I kann man die Ergebnisse also mal einer Ethikkommission und dem Paul-Ehrlich-Institut vorlegen, ob der zu erwartende Nutzen das Risiko rechtfertigt, das Zeug einer größeren Probandenzahl (so 500 bis 2000) in der Phase II zu verabreichen, in der man dann schon systematischere Aussagen zur Sicherheit bekommt. Bei anderen Arzneimitteln sieht man in der Phase II auch meist schon eine Wirkung – dafür hat man aber bei einem Impfstoff, gerade bei der Häufigkeit von SARS-CoV-2-Infektionen in den meisten Ländern, noch viel zu wenig Probanden.

In der Phase III braucht man dann so zwischen 30.000 und 50.000 Probanden in Gebieten mit relativ hoher Infektionstätigkeit, um nachweisen zu können, dass die Immunreaktion tatsächlich vor einer Erkrankung schützt. Wenn man das geschafft hat, und alle zugelassenen Impfstoffe haben das geschafft, dann kann man eine Zulassung beantragen.

Insofern, ja, mit einem zwei- bis dreistelligen Millionenbetrag für Patientenstudien könnte Stöcker in sechs bis neun Monaten soweit sein, dass das Zeug zugelassen wird – falls es denn tatsächlich irgendwie schützt und sicher ist. Nur sind da eben schon 24 Andere mit dem identischen Ansatz besser umgesetzt (nämlich mit Adjuvans) und nochmal 52 Andere mit anderen Impfstoffansätzen, die alle auf genau diesem Weg schon viel, viel weiter sind.

Es gibt aber noch ganz andere Erfahrungen mit der Entwicklung von Covid-Impfstoffen nach Stöckers Muster. CSL-Sequirus, einer der weltgrößten Hersteller von Grippeimpfstoffen, hat sein Projekt für die Entwicklung eines Protein-Subunit-Impfstoffs gegen Covid-19 aufgegeben, offensichtlich weil sich in Patientenstudien ergeben hat, dass der Impfstoff nicht gleichzeitig sicher und wirksam einsetzbar hinzubekommen war. Sanofi und GSK, zwei Pharmariesen mit breiter Impfstofferfahrung, hängen in ihrer Entwicklung eines solchen Impfstoffs seit vielen Monaten in frühen Patientenstudien fest und peilen jetzt eine Markteinführung frühestens zum Jahresende an. Ein weiterer der weltgrößten Impfstoffhersteller, MSD, hat seine Entwicklung eines Vektorvirusimpfstoffs aufgeben müssen und wird seine Produktionskapazität jetzt wohl an andere Hersteller vermieten. Es gibt also wesentlich kompetentere Leute mit wesentlich mehr Geld, die vor einem Jahr auch da waren, wo Stöcker jetzt ist, und die in der Zwischenzeit einsehen mussten, es funktioniert nicht. Es ist in der Arzneimittelentwicklung vollkommen normal, dass Substanzen, die vor und noch in Phase I extrem vielversprechend aussehen und unter Umständen schon mehrere hundert Millionen Euro verschlungen haben, sich dann in den großen Patientenstudien als unbrauchbar herausstellen. Stöcker möchte seinen „Impfstoff“ praktischerweise ohne diese kritischen Studien auf die Menschheit loslassen: „Denn eine Zulassung würde zu viel Zeit beanspruchen, in Deutschland bestimmt Jahre. Aber man bedarf in der aktuellen katastrophalen Situation keiner langwierigen Doppelblindversuche…“ Komischerweise haben die seriösen Covid-Impfstoffe, von denen wir aus Patientenstudien wissen, dass sie tatsächlich wirken und sicher sind, für eine Zulassung in Deutschland aber eben keine Jahre gebraucht. Die sind ja schon im Einsatz.

Und wenn man bis dahin das Stöcker-Zeugs außerhalb einer genehmigten, medizinisch überwachten Studie irgendwem spritzt, dann ist das keine Impfung, sondern schlicht Quacksalberei und Körperverletzung.

Und was mich an der ganzen Sache besonders ärgert, ist, dass sich deutsche Medien, nach ersten Meldungen schon im vergangenen Jahr, in den letzten Monaten alle paar Wochen wieder von diesem Selbstdarsteller an der Nase herumführen lassen.

Erster Wirksamkeitsnachweis bei einem SARS-CoV-2-Impfstoff – was heißt das?

Es ist heute sicher die Nachricht des Tages: Der deutsche Impfstoffentwickler BioNTech und der Pharmakonzern Pfizer haben bekanntgegeben, dass sie die Wirksamkeit und Sicherheit ihres SARS-CoV-2-Impfstoffkandidaten BNT162b2 nachweisen konnten.

Das bedeutet nicht, dass die Pandemie vorbei ist. Es bedeutet nicht, dass der Winter nicht noch richtig schlimm werden kann – und in vielen Ländern sogar ziemlich sicher, in Deutschland vielleicht auch, richtig schlimm werden wird. Es heißt nicht, dass wir die derzeitigen Kontaktbeschränkungen wieder aufheben können – und ich habe nach wie vor große Bedenken, ob wir sie vor Ostern wieder aufheben können, wenn wir sie nicht erst mal deutlich verschärfen.

Trotzdem ist es eine gute Nachricht, nicht nur wegen dieses Impfstoffs, sondern weil es auch ein gutes Zeichen für die Wirksamkeit weiterer moderner Impfstoffentwicklungen ist, die zwar in unterschiedlicher Weise auf das Immunsystem wirken, aber überwiegend eine ähnliche Reaktion gegen das Virus auslösen. Was ist aber nun tatsächlich über die neuen Ergebnisse bekannt? Die Berichte in den Medien beziehen sich auf eine Pressemeldung von Pfizer und BioNTech, die den Erfolg meldet. Was außerdem über die Studie bekannt ist, ist die Vorregistrierung bei der National Library of Medicine. Also, werfen wir mal einen Blick in beides.

Die Meldung bezieht sich auf einen Zwischenbericht zur Phase-III-Studie des Impfstoffs, der von einer unabhängigen Expertengruppe erstellt wurde, nachdem in der Studienpopulation (Geimpfte plus Placebogruppe) mindestens 62, tatsächlich waren es 94, nachgewiesene Infektionen mit SARS-CoV-2 aufgetreten waren. Der Impfstoff soll danach einen 90-prozentigen Schutz vor Infektion geboten haben. In Presseartikeln war von rund 40.000 Probanden die Rede, und naiv könnte man von 20.000 Geimpften und 20.000 Placeboprobanden ausgehen und daraus die Verteilung der Fälle hochrechnen wollen. So einfach ist es aber nicht, denn die Gruppen waren nicht annähernd gleich groß. Der Grund ist erstens, dass unterschiedliche Dosierungen des Impfstoffs getestet wurden,  zweitens dass man die Placebogruppe nur für den Nachweis der Wirksamkeit braucht, nicht für die Suche nach Nebenwirkungen. Nach der Pressemeldung haben 38.955 von 43.538 Probanden den Impfstoff erhalten. Da der Impfstoff keinen Wirkverstärker enthält (es handelt sich um einen der von Clemens Arvay und anderen Verschwörungsideologen gerne verteufelten RNA-Impfstoffe), hat die Placebogruppe auch eine einfache Placeboimpfung mit Kochsalzlösung bekommen, keinen Impfstoff gegen etwas anderes, wie das sonst zum Teil nötig ist. Das Gefasel von Impfgegnern, es gäbe ja kein echtes Placebo, trifft hier also nicht zu (nicht dass es sonst irgendeinen Sinn ergäbe).

Statistisch war die Infektionsrate unter den Geimpften (nicht angegeben ist, ab welcher Dosierung das der Fall war) laut Pressemeldung um 90 Prozent niedriger als in der Placebogruppe, und das ist eine großartige Nachricht. Erstens wurde im Sommer noch darüber diskutiert, dass ein Impfstoff eventuell nur 50 Prozent Schutz bieten und dennoch zugelassen werden könnte. Man hätte sich auch schon über einen Impfstoff gefreut, der Infektionen nicht verhindert, sondern nur schwere Verläufe vermieden hätte. Damit hätte man zwar die Ausbreitung der Pandemie nicht stoppen können, aber wenigstens die Risikogruppen geschützt. Bei 90 Prozent Infektionsschutz genügen rechnerisch 70 bis 75 Prozent Impfquote für eine wirksame Herdenimmunität, und die sollten wir eigentlich gut erreichen können, wenn wir die Zustimmung zu den bisherigen Seuchenschutzmaßnahmen und den aktuellen Run auf Grippeimpfstoff (es tut mir schon fast leid, dass welcher für mich verbraucht wurde) betrachten. Was wir noch nicht wissen (und auch noch eine Zeit lang nicht wissen werden) ist, wie lange die Schutzwirkung anhält.

Die Sicherheit des Impfstoffs sieht auch extrem gut aus. Unter den 38.955 Geimpften wurde kein Fall schwerer Nebenwirkungen berichtet. Um das mal in Perspektive zu rücken: Wenn es nie einen Impfstoff gegeben hätte, hätten sich rein statistisch früher oder später rund 30.000 von diesen Personen infiziert, und 200 bis 300 davon wären daran gestorben (außer die Therapie hätte bis dahin erhebliche Fortschritte gemacht).

Die US-Zulassungsbehörde FDA hat aber eine Untergrenze von Probanden für den Sicherheitsnachweis genannt, die noch etwas höher liegt. Die soll in der dritten Novemberwoche erreicht und dann sofort die Zulassung beantragt werden. Da Pfizer schon im September erklärt hat, mit der Produktion anzufangen, sollte bei erteilter Zulassung sehr schnell Impfstoff ausgeliefert werden – geplant sind 50 Millionen Dosen (für 25 Millionen Patienten) noch in diesem Jahr. Ein Wermutstropfen aus deutscher Sicht: In der Meldung ist nur von einem Zulassungsantrag bei der FDA die Rede; die europäische Zulassungsbehörde EMA wird nicht erwähnt. Die FDA ist für Pfizer aber auch wichtiger, denn für die USA gibt es schon seit Sommer Verträge über die Lieferung dieser 50 Millionen Dosen (vorbehaltlich Zulassung) noch in diesem Jahr. Die 200 Millionen Dosen, die der EU zugesagt sind, sollen ohnehin erst 2021 kommen, und unnötig Zeit verschenken werden die Hersteller bei der europäischen Zulassung auch nicht. Dass die Produktionskapazität bei Pfizer/BioNTech nicht riesig ist, hatten die Beraterkollegen von McKinsey schon im Juli berichtet, und der Kauf der Marburger Produktion von Novartis durch BioNTech hat das nur ein Stück weit verändert.

Der wichtigere Impfstoff für Europa (und für viele andere Länder) ist der ursprünglich an der Universität Oxford entwickelte Kandidat von AstraZeneca (AZ). Im Vertrauen darauf, den aussichtsreichsten Kandidaten im Rennen zu haben, hat AZ schon früh angefangen, weltweit riesige Kapazitäten von anderen Herstellern vertraglich zu binden und 300 bis 400 Millionen Dosen für 2020 und 2021 daraus der EU zugesagt. Eine Zulassung hatte AZ schon für den Oktober angestrebt, aber im Sommer trat bei einer Probandin in Großbritannien nach der Impfung eine Erkrankung des Nervensystems auf. „Nach der Impfung“ heißt aber bei einer so großen Probandenzahl nicht „wegen der Impfung“ – Menschen erkranken immer mal, und man muss im Einzelfall prüfen, ob ein Zusammenhang mit der Impfung bestätigt werden kann. In Brasilien ist ein 28jähriger Studienteilnehmer (ebenfalls von AZ) nach der Impfung an Covid-19 erkrankt und gestorben. Es stellte sich aber heraus, dass er zur Placebogruppe gehört hatte, sein Tod mit dem Impfstoff also ganz offensichtlich nichts zu tun haben konnte. Die Erkrankung der Probandin in Großbritannien wurde als schon vor der Impfung bestehende, aber nicht erkannte Multiple Sklerose diagnostiziert. In Großbritannien und Brasilien wurde die Studie daraufhin schnell fortgesetzt, aber in den USA führte der Fall zu einer Unterbrechung der Studie über sieben Wochen – und die USA sind wegen ihrer vielen Infizierten ein wichtiges Testland für diese Studien. In Großbritannien waren die Infiziertenzahlen über den Sommer ja fast so niedrig wie in Deutschland, was es sehr schwer macht, die Schutzwirkung eines Impfstoffs nachzuweisen. Der AZ-Impfstoff wird auch vermutlich in Europa zuerst zugelassen werden, denn für diesen läuft bei der EMA ein sogenannter Rolling Review: Informationen zur Produktion und Zwischenergebnisse aus der Studie werden an die Behörde weitergegeben, sobald sie dem Unternehmen vorliegen, und nicht erst wenn der Zulassungsantrag komplett ist. Das würde man auch nicht machen, wenn die Zwischenstände nicht alle ermutigend aussähen. Schauen wir mal, was da in den nächsten Wochen kommt.

Das sind auch nicht die einzigen Kandidaten. Bei der WHO sind inzwischen 10 Impfstoffe in der klinischen Phase III gemeldet, darunter mit Janssen ein weiterer Hersteller, der bereits Vorverträge mit der EU abgeschlossen hat. Moderna, ebenfalls aussichtsreich, hat auch schon Sondierungen mit der EU geführt. Zu den 10 gehört auch der russische Impfstoff von Gamaleya, über den immer wieder widersprüchliche Berichte kursieren, ob er nun trotz noch fehlenden Wirksamkeits- und Sicherheitsnachweises schon für größere Patientengruppen angewendet wird oder nicht. Außerdem gehören zu den Top 10 das kleine US-Unternehmen Novavax, das einen guten Teil seiner Produktionskapazität vom tschechischen Partner Praha Vaccines bekommt, sowie insgesamt fünf chinesische Projekte, von denen wir auf dem europäischen Markt voraussichtlich wenig sehen werden, die aber, falls erfolgreich, für die Versorgung vor allem von Schwellen- und Entwicklungsländern wichtig werden könnten, weil drei davon ganz klassische Totimpfstoffe sind, die auch von weniger modernen Herstellern in Lizenz produziert werden könnten. Update 10.11.20: Die Erprobung eines solchen Totimpfstoffs der chinesischen Firma Sinovac in Brasilien ist nach einem nicht näher bezeichneten Problem bei einem Probanden gestern unterbrochen worden. Wie schon erwähnt, sind solche Unterbrechungen bei Arzneimittelerprobungen zum Schutz anderer Probanden völlig normal, aber sie führen natürlich zu Verzögerungen, die sich auch auf den Zulassungstermin auswirken. Mit dem Impfstoff laufen derzeit drei Studien mit zusammen 27.700 Probanden in Brasilien, Indonesien und der Türkei. Eine Erprobung in China ist wegen der erfolgreichen Kontrolle der Pandemie durch Regierungsmaßnahmen dort nicht sinnvoll.

Inzwischen bin ich gefragt worden, ob nicht ein anderer Hersteller den Pfizer/BioNTech-Impfstoff nachbauen und durch „Rechtsbruch und Piraterie“ Menschenleben retten könnte. Die Frage geht aber am eigentlichen Problem vorbei. Wenn ein Hersteller heute freie Kapazitäten für die Herstellung eines RNA-Impfstoffs anzubieten hätte, könnte man sich mit Pfizer, BioNTech und den potentiellen Abnehmerländern sicher schnell über Kooperationen, Auftragsfertigungen oder Lizenzverträge einigen. Anders ist AZ auch nicht innerhalb weniger Monate auf fast die zehnfache weltweite Impfstoffproduktionskapazität (2,7 Milliarden Dosen bis Ende 2021) wie Pfizer gekommen, obwohl das Unternehmen nur halb so groß ist. Wer solche Kapazitäten hat, hat aber entweder einen eigenen Impfstoffkandidaten in der Entwicklung oder in der Regel schon einen Vertrag für den Kandidaten eines anderen Herstellers. Wer sich auf die Produktion des Vektorvirusimpfstoffs von AZ oder der Proteinimpfstoffe von Sanofi oder GlaxoSmithKline eingestellt hatte, kann auch nicht von heute auf morgen den RNA-Impfstoff von Pfizer herstellen. Dazu sind die Impfstoffe zu unterschiedlich. Den Rückstand, dass Pfizer und AZ schon vorproduziert haben, kann sowieso keiner aufholen. Wir werden aber sicherlich sehen, dass sich Kapazitäten neu verteilen, wenn die ersten fortgeschrittenen Entwicklungen aus dem Rennen aussteigen. Ein Kandidat könnte zum Beispiel mit MSD einer der weltweit führenden Impfstoffhersteller sein, der schon im Juli betont hat, dass Produktion und Vertrieb ja ein großes Problem für alle neuen Impfstoffe sein könnten. MSD hat zufällig eine riesige Produktion nebst entsprechendem Vertrieb und ist mit seinen eigenen Projekten noch in der ersten klinischen Phase…

So oder so bin mir inzwischen sehr sicher, meine Wette zu gewinnen, dass wir im ersten Quartal in Deutschland medizinisches Personal und Risikogruppen impfen werden. Und da ich selbst höchstens gelegentlich mal ein halbes Glas trinke, werde ich wohl nach dem Ende der Kontaktbeschränkungen ein paar Freunde des badischen Weins zu mir einladen können.

 

Sucharit Bhakdi ist für Covid-19 nicht bloß kein Experte – es ist viel schlimmer

Eigentlich wollte ich zu Sucharit Bhakdi hier nichts schreiben. Anders als der kleinere Pseudoexperte der Schwurbelszene, Clemens Arvay, zu dem sich bis zu meinem Artikel hier so gut wie niemand von wissenschaftlich-kritischer Seite geäußert hatte (was sich inzwischen zum Glück ändert und sogar ein Stück weit auf Wikipedia niedergeschlagen hat), hat Bhakdi ja durchaus kritische Aufmerksamkeit bekommen. Anders gesagt, seine wirren Thesen zu Covid-19 sind schon seit März wieder und wieder und wieder und wieder auseinandergenommen worden. Eigentlich muss jetzt nicht noch ein unbedeutender Physikblogger über Bhakdi schreiben.

Dass ich es jetzt doch tue, hat zwei Gründe: Erstens geht es mir mal ganz grundsätzlich um die Frage, was jemanden eigentlich zum Experten macht, und zweitens bin ich einfach wütend. Ich bin wütend, weil Sucharit Bhakdi jetzt schon seit sechs Monaten wieder und wieder und wieder nachgewiesen wurde, dass er über Covid-19 einfach Blödsinn erzählt, aber etablierte Medien ihm wieder und wieder und wieder Sendezeit und Druckspalten einräumen und so den Eindruck erwecken, er sei für dieses Thema ein Experte mit einer abweichenden Meinung. Ganz aktuell tut das, leider nicht zum ersten Mal, die Fuldaer Zeitung – aber sie verweist dabei selbst auch auf ein aktuelles Interview bei der Deutschen Welle.

Die Deutsche Welle, immerhin DER internationale Informationskanal für die (und im Eigentum der) Bundesrepublik Deutschland, präsentiert Bhakdi in einem Musterbeispiel grotesker False Balance im Dialog mit dem Münchener Biometrieprofessor Ulrich Mansmann und bemerkt dazu, in Sachen Coronavirus seien die beiden „nicht immer einer Meinung“. Mansmann hat sich aus mir nicht erfindlichen Gründen schon mehrfach für ein solches „wissenschaftliches Streitgespräch“ mit Bhakdi hergegeben.

Was ist also nun von diesen Experten zu halten?  Auf den ersten Blick tragen beide Professorentitel (auch wenn Bhakdis Zeit als aktiver Professor schon lange zurück liegt), und beide sind oder waren an Universitätskliniken tätig. Mansmann wird gerne als Epidemiologe vorgestellt, Bhakdi als Virologe und Epidemiologe, weil er mal Direktor des Mainzer Instituts für medizinische Mikrobiologie und Hygiene war. Für Tageszeitungsniveau scheint das auszureichen, um einen Experten auszuweisen, aber in der Praxis ist es leider nicht so einfach. Sehen wir uns die beiden Kontrahenten also näher an und vergleichen sie mal mit zwei anderen Professoren, die aktuell als Experten für Covid-19 durch die Medien geistern, nämlich den Virologen Christian Drosten und Hendrik Streeck.

Nachtrag 2.11.20: Inzwischen hat sich auf Scienceblogs Christian Meesters mit einer recht ähnlichen Herangehensweise neben (deutlich knapper als hier) Bhakdi auch noch den Rest der MWGFD, Bhakdis Verein von, äh, lupenreinen Demokraten, angesehen.

Nachtrag 6.11.20: Ende Oktober (und damit für meinen Geschmack ein gutes halbes Jahr zu spät, aber immerhin) hat jetzt auch die Uni Mainz gleich auf der Startseite seines früheren Instituts eine deutliche Distanzierung von Bhakdis pseudowissenschaftlichem Unsinn veröffentlicht. Ähnliches ist von der Uni Kiel, wo seine Frau und Koautorin noch beschäftigt ist, schon länger zu lesen, nur nicht ganz so auffällig platziert.

Das klingt auf den ersten Blick nicht allzu drastisch, und in der Tat könnte man sich das, vor allem wenn man selbst noch dort tätig ist und seinen eigenen Ruf von Bhakdis Machenschaften mit geschädigt sieht, noch deutlicher wünschen. Man muss es aber im Vergleich dazu sehen, wie zurückhaltend Hochschulen sonst die unwissenschaftlichen Aktivitäten ihrer aktuellen und ehemaligen Professoren kommentieren. Mein früheres Max-Planck-Institut hat zu den wüsten, physikalisch nicht begründeten und für das allgemeine Verständnis der Physik massiv schädlichen öffentlichen Spekulationen seines ex-Direktors Hans-Peter Dürr leider nie ein kritisches Wort verloren, sondern im Gegenteil noch einen lobhudelnden Nachruf veröffentlicht. Die Hochschule Furtwangen hat zur pseudowissenschaftlichen Skalarwellenlehre ihres Professors Konstantin Meyl lediglich öffentlich erklärt, er dürfe sie nicht in seinen Vorlesungen unterrichten. Von der Ostfalia-Hochschule warte ich bis heute auf eine Distanzierung von Professor Claus Turturs pseudowissenschaftlichen Nullpunktsenergie-Phantastereien und seinem Auftritt auf einer Veranstaltung, auf der öffentlich der Holocaust geleugnet wurde (ja, von jemand anders, aber klar vorher zu erwarten). Immerhin, in der aktuellen Version der Hochschulhomepage werden seine Thesen nicht mehr wiedergegeben, und die Verlinkung zum rechten Kopp-Verlag ist auch weg (er darf dazu aber noch auf die Wayback Machine verweisen).

Verglichen damit sind die Stellungnahmen der Unis in Kiel und Mainz zu Bhakdi so ziemlich die akademische Version von „Halt’s Maul, du Arschloch!“

Zur meiner nun folgenden grundsätzlichen Betrachtung von Bhakdi und seinem angeblichen Expertenstatus empfehle ich auch dieses Video von Mailab vom 7. Oktober, dass ich fahrlässigerweise erst jetzt angesehen habe.

Bei der Frage, was eigentlich ganz grundsätzlich ein Experte ist, nehme ich einfach mal mein eigenes früheres Arbeitsgebiet als Beispiel. In der heutigen Wissenschaft ist die Zeit von Universalgelehrten wie Goethe, Galilei oder Ibn Sina lange vorbei. Genau genommen war sie das schon zu Goethes Zeiten, was für diesen eine gewisse Tragik ausmacht, aber das ist eine andere Geschichte. Kurz gesagt, wie es Florian Aigner im Ferngespräch-Livestream zur Wissenschaftskommunikation so schön zusammengefasst hat: Fast jeder ist zu fast jedem Thema ein Laie. In meiner Zeit am CERN, dem Max-Planck-Institut für Physik und dem Brookhaven National Laboratory Ende der 1990er Jahre habe ich mich mit der Entwicklung sogenannter Spurendriftkammern und der Analyse von Messfehlern darin beschäftigt. Das ist ein relativ alter Typ von Teilchendetektor, der heute vor allem noch in der Analyse von Kollisionen schwerer Atomkerne verwendet wird. Für die vielleicht zwei oder drei Handvoll Menschen weltweit, die sich damals für diese Messfehler interessiert haben, dürfte ich als einer der Experten gegolten haben. Jedenfalls haben Professoren aus dem Ausland mich nach meinen Ergebnissen und Einschätzungen gefragt.  Mit den Leuten, die das 20 Jahre später, zum Beispiel am ALICE-Experiment am CERN tun, könnte ich vermutlich immer noch ein halbwegs kompetentes Gespräch führen, und vielleicht würde mir sogar noch der eine oder andere nützliche Tip einfallen, der irgendwie nie aufgeschrieben wurde und in Vergessenheit geraten ist. Die Experten dafür sind aber die Leute, die das jetzt tun, nicht mehr ich. In der sonstigen Erforschung von Kollisionen schwerer Atomkerne verstehe ich noch ganz gut, was die Forscher tun. Früher war ich da noch deutlich näher dran, aber selbst damals hätte ich jemandem, der dazu einen anderen Detektortyp verwendet oder gar die theoretischen Modelle entwickelt, nicht sagen können, ob seine Arbeit gut oder schlecht und seine Ergebnisse richtig oder falsch sind. Das war noch in meinem engeren Fachgebiet, aber schon so weit weg, dass ich deren Ergebnisse einfach akzeptieren musste. Ich konnte sie aber verstehen, wiedergeben und auch Dritten erklären. Wenn ich heute zum Beispiel im Quantenquark-Buch andere Themen aus der Physik, etwa zum Higgs-Boson oder zur extrem ungeschickt so bezeichneten „Quantenteleportation“ erkläre, dann muss ich mich dazu vorher in das Thema einlesen. Ich kann mich dazu aber schneller und in der Regel besser einlesen, als jemand, der nicht Physik studiert hat. Würde ich mich jedoch hinstellen und erklären, das am CERN nachgewiesene Higgs-Boson sei gar kein Higgs-Boson, dann würde es in Genf – völlig zu Recht – nicht mal jemand für nötig halten, mir zu widersprechen. Ich kann den wissenschaftlichen Konsens in anderen Bereichen meines Fachs zwar erklären, aber mir fehlt jede Grundlage, um ihn kompetent in Frage zu stellen. Wenn ich die Physik verlasse und mir die Medizin ansehe, was ich in letzter Zeit pandemiebedingt ja öfter mal tue, dann bin ich noch ein Stück weiter weg und kann mich in der Regel noch ein wenig langsamer und schlechter einlesen, als das jemand könnte, der in der Medizin, dort aber in einem anderen Bereich tätig ist. Ich kann es aber immer noch besser als jemand, der nie wissenschaftlich gearbeitet hat oder aus einem Feld kommt, das ganz andere Methoden verwendet als die in der Hinsicht recht ähnlichen Felder Medizin und Naturwissenschaften, also zum Beispiel ein Philosoph, ein Historiker oder ein Jurist.

Was aber jeder können sollte, der wissenschaftliches Arbeiten gelernt hat, ist, mit überschaubarem Aufwand festzustellen, ob jemand für ein Thema Experte ist oder nicht. Dafür gibt es nämlich sehr einfache Methoden. Wer in einem Feld forscht, veröffentlicht seine Ergebnisse in wissenschaftlichen Fachzeitschriften. Ohne das geht es nicht, denn ohne Veröffentlichung gibt es keine gegenseitige Überprüfung. Also: Keine Veröffentlichung – keine Wissenschaft. Alle Veröffentlichungen in den seriösen Fachzeitschriften eines Gebiets lassen sich in entsprechenden Datenbanken recherchieren. Die wichtigste derartige Datenbank für die Medizin ist Pubmed, betrieben von der National Library of Medicine. Wenn jemand in der Medizin zu einem Thema wissenschaftliche Leistungen vollbracht hat, dann findet man das in Pubmed. Dort kann jeder recherchieren. Man hat nicht unbedingt kostenlosen oder auch nur erschwinglichen Zugang zu den Artikeln, aber man findet, wo die Artikel stehen, und dabei steht eine Zusammenfassung.

Was erwarten wir nun also von einem Experten für Covid-19? So eine Krankheit ist selbst wieder extrem komplex, und es arbeiten Spezialisten aus unterschiedlichen Teilbereichen der Medizin, Pharmazie und Mikrobiologie daran. Wenn es um Ansteckung, Ausbreitung und Gefährlichkeit geht, können einem aber am ehesten Experten aus zwei Themenbereichen weiterhelfen: Entweder sie forschen am Virus selbst (das tun überwiegend Virologen) oder an seiner Ausbreitung (das tun eher Epidemiologen). Einen Experten für das SARS-CoV-2-Virus würde man daran erkennen, dass er genau dazu wissenschaftliche Artikel veröffentlicht hat, idealerweise auch schon vorher zu anderen Coronaviren wie SARS, MERS, den Erkältungsviren oder tierischen Coronaviren. Ein Experte für die Epidemiologie von Covid-19 sollte eben darüber veröffentlicht haben, und vielleicht schon vorher zur Ausbreitung anderer Atemwegsinfekte wie Grippe oder grippalen Infekten.

Wenn Sucharit Bhakdi jemals zu irgendwelchen Coronaviren geforscht hat, dann sollte sich das in Pubmed sehr leicht finden lassen, schon über die sehr einfache Suchabfrage „Sucharit Bhakdi Coronavirus“. Sie liefert 0 Treffer. „Ulrich Mansmann Coronavirus“ liefert ebenfalls 0 Treffer – das ist aber nicht sonderlich überraschend. Ulrich Mansmann ist kein Virologe, sondern Mathematiker und in der Medizin ein absoluter Methodenspezialist für komplexe mathematische Modelle. Dementsprechend ziehen sich seine Publikationen durch alle möglichen Teilbereiche der Medizin, mit Schwerpunkten bei Krebs und Malaria. Wenn man die schwierig zu erfassende epidemiologische Situation rund um Covid im und nach dem Lockdown im Frühjahr mathematisch modellieren will, wäre Mansmann sicherlich jemand, der zumindest beratend hilfreich dabei sein könnte. Vielleicht tut er das auch gerade, vielleicht hat er es getan, aber nicht in hinreichend zentraler Rolle, um als einer der Autoren aufzutauchen. Wieviel Mansmann selbst zu SARS-CoV-2 oder Covid-19 geforscht hat, ist aber auch gar nicht wichtig, denn was er in den Streitgesprächen tut, ist, er erklärt den wissenschaftlichen Konsens. Man muss selbst kein Experte zu einem Thema sein, wenn man einfach nur das erklärt, was die Experten sagen. Wenn man hingegen die Experten alle für dumm oder korrupt ausgibt, sollte man schon belegen können, dass man selbst entsprechend Ahnung hat.

Machen wir den gleichen Test mal mit unseren Vergleichs-Virologen. Die Suchanfrage „Hendrik Streeck Coronavirus“ ergibt fünf Treffer, alle aus dem Jahr 2020. Das ist kein Wunder, denn Streeck gilt als Experte für HIV und hat bekanntermaßen erst im Zuge des Ausbruchs von Covid-19 angefangen, zu SARS-CoV-2 zu forschen. Die Suchanfrage „Christian Drosten Coronavirus“ ergibt 149 Treffer von 2020 bis zurück ins Jahr 2003. Das ist (neben seiner hervorragenden Wissenschaftskommunikation und seiner angenehmen Eigenheit, dabei sich selbst gegenüber der Sache zurückzunehmen) genau der Grund, weshalb so viele Leute Wert auf Drostens Einschätzungen zu Covid-19 legen: Es gibt wahrscheinlich niemanden in Deutschland, vielleicht niemanden in Europa, der mehr zu menschlichen Coronaviren geforscht hat als Christian Drosten.

Wenn Sucharit Bhakdi also nicht zu Coronaviren geforscht hat, dann vielleicht zur Epidemiologie von viralen Atemwegserkrankungen? Er wird ja gerne auch als Epidemiologe verkauft. Die Suchanfrage „Sucharit Bhakdi respiratory“ ergibt vier Treffer – keiner davon hat irgendetwas mit Viruserkrankungen zu tun, schon gar nicht mit Grippe oder Ähnlichem. Was ist denn aber dann mit dem angeblichen Virologen Sucharit Bhakdi? Zu irgendwelchen Viren wird er ja wohl geforscht haben? Die Suchanfrage „Sucharit Bhakdi virus“ ist einigermaßen ernüchternd: Sie liefert genau drei Treffer. Einer der Artikel beschreibt eine tatsächliche eigene Studie, in der es um den Schaden geht, den Dengueviren (die mit Coronaviren nichts zu tun haben) an Blutgefäßwänden anrichten können. Bhakdi ist einer von 20 Autoren und war vermutlich an der Studie beteiligt, weil er lange zu Blutgefäßwänden geforscht hat. Der zweite Treffer ist ein Konferenzvortrag, in dem Bhakdi über einen Sonderforschungsbereich berichtet hat, dessen Sprecher er war und in dem er selbst über (Überraschung!) Blutgefäßwände geforscht hat, während andere Forscher darin auch an Viren, vor allem Hepatitisviren geforscht haben. Der dritte Treffer ist aus dem Jahr 2009, eine Spekulation über mögliche Risiken für (eben!) Blutgefäßwände durch Grippeimpfstoffe mit Wirkverstärkern. Hier werden also tatsächlich Grippeviren erwähnt, es geht aber inhaltlich nicht um die Grippe, schon gar nicht um das Virus, sondern nur um die Impfverstärker. Nachdem solche Wirkverstärker seit Jahren bei einer Vielzahl von Impfstoffen eingesetzt und die Effekte in großen Studien überwacht werden, kann man mit Sicherheit sagen, dass die von Bhakdi damals herbeispekulierten Nebenwirkungen nicht eingetreten sind. Solche Spekulationen sind ein normaler Teil eines wissenschaftlichen Prozesses. Dass Bhakdi Spekulationen über Schäden durch Grippeimpfungen damals gerade während der (unvorhersehbar zum Glück relativ harmlos verlaufenen) Schweinegrippepandemie veröffentlicht hat, lässt aber bei ihm ein Muster erahnen, das sich möglicherweise heute wieder zeigt.

Das war es mit Sucharit Bhakdis Arbeiten, die mit Viren zu tun haben. Tatsächlich geforscht hat er zunächst vor allem zu Bakterien, später hat er eine Außenseitermeinung zur  Entstehung von Atherosklerose (also der Verhärtung von Blutgefäßwänden) vertreten. Darauf, beziehungsweise auf einen Teilaspekt davon, sogenannte ADAM-Proteasen, beziehen sich auch alle Artikel, die in Pubmed noch mit seinem Namen auftauchten, nachdem er  vor knapp 10 Jahren das Rentenalter erreicht hat. Auch Außenseitermeinungen sind als Beiträge zur Wissenschaft wertvoll – wenngleich in der großen Mehrzahl der Fälle falsch.

Auch darauf kommt es aber nicht an. Entscheidend ist, Bhakdi widerspricht zu Covid-19 dem wissenschaftlichen Konsens der Experten, und das ist in diesem Fall eben keine wissenschaftliche Außenseitermeinung, denn dazu müsste Bhakdi selbst Experte in diesem Feld sein. Es gibt aber in Bhakdis kompletter Publikationsliste nicht den geringsten Hinweis darauf, dass er von Coronaviren oder auch nur von irgendwelchen anderen Atemwegsviren oder von Viren überhaupt (abgesehen vielleicht von der Wirkung von Dengueviren auf die Gefäßwände) irgendeine fachliche Ahnung hat. Er äußert sich schlicht zu Dingen, von denen er selbst nichts versteht, versteigt sich aber dazu, den Fachleuten zu widersprechen, wo er bestenfalls ihre Ergebnisse erklären sollte.

Und dennoch wird er von der Deutschen Welle und vielen anderen Medien als Experte (mit einer ach so interessanten Außenseitermeinung) ausgegeben.

Sucharit Bhakdi ist aber nicht bloß kein Experte – es ist viel schlimmer. Was mich wirklich wütend macht, sind die Aussagen von Bhakdi in seinem Interview mit der Deutschen Welle, das am 3.10. veröffentlicht wurde. Es kann sich auch nicht um eine zu diesem Zeitpunkt schon lange zurückliegende Aufzeichnung handeln, denn Bhakdi spricht darin von März und April als „vor sechs Monaten“. Im nächsten Satz kommt aber die entscheidende Aussage von Bhakdis Behauptungen: „Jetzt aber, nachdem die Epidemie definitiv vorbei ist…“ Am 3. Oktober 2020 erklärte Sucharit Bahkdi, die Covid-19-Epidemie sei definitiv vorbei. Das hat nichts mit der Frage zu tun, ob jemand ein Experte für Coronaviren oder für Epidemiologie von Atemwegserkrankungen ist. Es hat schlicht damit zu tun, dass es nichts mit der Realität zu tun hat. Zu diesem Zeitpunkt gab es in Deutschland pro Tag schon wieder über 2000 nachgewiesene Neuinfektionen, mehr als fünfmal so viele wie beim Minimum im Sommer. Weltweit gab es jeden Tag mehr als 300 000 nachgewiesene Neuinfektionen und innerhalb eines Monats 165 000 Tote, bei denen Covid-19 nachgewiesen war. Wieviel höher die Zahl der tatsächlichen Todesopfer in Ländern wie dem Iran, Indien oder Teilen Afrikas gewesen sein muss, kann man nur raten. Selbst in den USA mit ihrem gut ausgebauten Gesundheitssystem lag die Übersterblichkeit während der gesamten Pandemie fast 50% über den gemeldeten Covid-19-Toten. In Italien wurden im März „nur“ 12 000 Covid-19-Tote registriert – es starben aber zwischen 25 000 und 30 000 Menschen mehr als sonst im gleichen Zeitraum. In Deutschland war zum Zeitpunkt von Bhakdis „definitiv vorbei“ auch die Zahl der Covid-19-Patienten in Intensivstationen schon wieder deutlich am Steigen, und in Spanien näherte sich das Gesundheitssystem bereits wieder der Überlastung. Alle diese Informationen waren für jeden verfügbar und problemlos nachzurecherchieren.

Ich weiß nicht, was Sucharit Bhakdi Anfang Oktober zu seiner Aussage bewegt hat, die Epidemie sei „definitiv vorbei“ – ich kann ihm ja nicht in den Kopf sehen. Mir fallen für eine Person, die zu diesem Zeitpunkt öffentlich eine solche Aussage gemacht hat, aber eigentlich nur drei denkbare Erklärungen ein: Pure Dummheit, bewusste Lüge oder ein durch Verschwörungsglauben ausgelöster Realitätsverlust, der eigentlich nur mit dem von Xavier Naidoo oder Attila Hildmann vergleichbar ist.

Update 29.1.2021:

Guten Flug, Herr Bhakdi; lassen Sie sich gerne Zeit mit dem Zurückkommen. Und wenn Sie Deutschland totalitär finden, dann können Sie sich in Thailand ja mal kritisch über den König äußern.

Mal was Positives: Wissenschaftliches Denken für die Schule

Eigentlich müsste ich heute anlässlich des Physik-Nobelpreises wohl einen Artikel über Roger Penrose und seine wüsten Spekulationen, das Gehirn sei ein Quantencomputer, schreiben. So schnell bin ich aber nicht und beschränke mich zu diesem Thema auf den Hinweis, dass ich Penrose hier schon erwähnt habe und ein paar Zeilen mehr über ihn im Quantenquark-Buch vorkommen. Wo Penrose noch nicht vorkam, ist mein Artikel darüber, dass ein Physikstudium und selbst ein Nobelpreis eben nicht davor schützen, Quantenquark zu verzapfen. An dieser Stelle beschränke ich mich aber auf den Hinweis, dass er für seine bedeutenden Arbeiten zur Relativitätstheorie und dort insbesondere zu schwarzen Löchern ausgezeichnet worden ist – und natürlich nicht für seine quantenphysikalische Schnapsidee, für die allerlei Schwurbler aus Matrix 3000, Tattva Viveka etc. den Preis sicher als Bestätigung ausgeben werden. Erst einmal möchte ich aber auf etwas Erfreulicheres kommen:

Auf Twitter wird momentan eifrig über unseren „Ferngespräch“-Livetalk zum Thema Schule mit Tommy Krappweis diskutiert, weil er jetzt gerade auf Hoaxilla als Podcast verfügbar ist. Bei dem Thema bin ich ja nun alles Andere als ein Experte, auch wenn Schulpolitik mich seit meinen Junge-Union-Zeiten in den 90ern beschäftigt. In der Skeptikerszene kursiert die Klage über mangelhafte Bildung zu den Grundprinzipien der Wissenschaft auch schon seit ich erstmals bei der GWUP aufgetaucht bin und mehrfach versucht habe, Arbeitskreise zu wissenschaftlichem Denken in der Schule zu initiieren oder wenigstens zu unterstützen. Ganz selbstkritisch muss man dazu anmerken, dass da seit den wunderbaren, aber eben der Zeit entsprechend noch aus handgemalten Overhead-Vorlagen bestehenden Materialsammlungen von Wolfgang Hund nicht wirklich viel herausgekommen ist.

Die spannendsten Ergebnisse zur naturwissenschaftlichen Bildung in der Schule, die mir in jüngerer Vergangenheit begegnet sind, stammen aus der Arbeitsgruppe für Biologiedidaktik um Professor Dittmar Graf in Gießen. Mit Anna Beniermann, die sich dort mit Verständnis und Akzeptanz von Evolution beschäftigt und dann viel zum Evokids-Projekt beigetragen hat, durften wir ja erfreulicherweise auch auf Twitch diskutieren.

Nach den erschreckenden Ergebnissen der Analyse von Elvira Schmidt zu Lehrbüchern, wenn es um Medizin und „Alternativmedizin“ geht, kam wieder die Erkenntnis: Man müsste doch mal. Der Unterschied ist diesmal, sie hat es tatsächlich getan, und so freut es mich, das Unterrichtsmaterial „Medizin und Wissenschaft“ von Elvira Schmidt und Dittmar Graf kurz vorzustellen – auch wenn ich eben gerade kein Didaktiker und auch kein Praktiker aus der Schule bin.

Das Spannende ist; das Buch ist weit mehr als das, was der Untertitel verspricht, nämlich „Grundlagen für eine sachgerechte Gesundheitsförderung“. So geht es im zweiten von elf Modulen (für jeweils eine Doppelstunde) ganz grundsätzlich um die Frage, was eigentlich Wissenschaft ist, wie sie zu Erkenntnissen gelangt und man sie von unwissenschaftlichen Vorgehensweisen abgrenzen kann. Eingeleitet von Beispielen werden Kriterien für die Wissenschaftlichkeit von Aussagen wie Prüfbarkeit oder Widerspruchsfreiheit in Gruppen erarbeitet. Indem die Zusammensetzung der Gruppen (jeder bearbeitet ein anderes Thema/alle bearbeiten zusammen dasselbe Thema) zwischendurch gewechselt wird, wird gleichzeitig verdeutlicht, was eine Person zum Experten macht und was man von Experten erwarten kann. Im abschließenden Arbeitsblatt sollen die Schüler unterschiedliche Aussagen als wissenschaftlich oder nicht wissenschaftlich einordnen.

Im folgenden Modul wird das Thema auf Wissenschaftlichkeit in der Medizin zugespitzt und ausführlich auf die Abfolge der Studien bei der Zulassung von Arzneimitteln eingegangen. Hier hätte man meines Erachtens weniger ambitioniert sein können, indem man zunächst auf die grundsätzlichen Herausforderungen der Forschung mit Patienten im Vergleich zu einer Laborwissenschaft mit im Prinzip beliebig oft wiederholbaren Experimenten eingeht. Die Schüler lernen diesen für mich besonders wichtigen Aspekt in den folgenden Modulen mehr oder weniger nebenbei kennen – das setzt aber voraus, dass wirklich alle Module bearbeitet werden.

Anhand von Beispielen rund um Mund und Magen wird in den weiteren Modulen ein Laborversuch mit einem Arzneimittel (gegen Sodbrennen) bearbeitet, ein „Patientenversuch“ (zum Erkennen von Getränken am Geschmack) einfach- und doppelblind durchgeführt und dann über drei Module die Homöopathie als alternativmedizinisches Konzept eingeführt und im Laborversuch mit dem medizinischen Arzneimittel verglichen. Der Unterschied der Homöopathie zur Medizin wird schön verdeutlicht, wobei vermutlich kein Homöopathiegläubiger ernsthaft erwartet, dass Rosskastanien-Globuli tatsächlich eine Säure neutralisieren.

Grundsätzlicher wird es wieder im Modul 9 mit der Frage, was bei der Alternativmedizin tatsächlich wirkt. Da sich das Thema weniger für einen Versuch anbietet, erfolgt dies eher klassisch mit einem Arbeitsblatt in Einzel- oder Gruppenarbeit und einer Diskussion im Plenum.

Sehr schön umgesetzt ist das Modul 10, das mit dem Impfen ein Einzelthema der Gesundheitsförderung heraushebt. Nach der Auseinandersetzung mit den Gründen für Impfungen und den Argumenten von Impfgegnern illustriert ein Simulationsspiel das Prinzip des Herdenschutzes bei unterschiedlichen Impfquoten.

Spannend stelle ich mir die Diskussion mit vorgegebenen Rollen (z.B. Pharmavertreter/in oder Heilpraktiker/in) in Modul 11 vor, vor allem wenn Schüler dabei in Rollen landen, die außerhalb ihrer Komfortzone liegen. Nicht minder spannend dürfte allerdings die Reaktion alternativmedizingläubiger Eltern werden, wenn die Sprößlinge den abschließend zum Photokopieren und Ausschneiden abgedruckten „Universellen Therapiegenerator“ zum Erfinden neuer Therapiebezeichnungen nach Hause bringen…

Und ich muss jetzt nur noch dem Drang widerstehen, sämtliche Lehrer in meinem Bekanntenkreis, ganz unabhängig von ihrer Fachrichtung, mit diesem Buch zwangszubeglücken.

 

Was quakt wie Wissenschaft muss noch lange keine Wissenschaft sein

Update 18.2.21: Da ich keine Lust habe, noch mehr meiner Lebenszeit auf diesen Menschen zu verschwenden und in diesem Volksverpetzer-Artikel auch alles über Arvays Desinformation zu MaiLab gesagt ist, empfehle ich aktuell einfach mal, den zu lesen:
https://www.volksverpetzer.de/corona-faktencheck/cgarvay-mailabder/
Einzige, aber wichtige Korrektur dazu; der Volksverpetzer schreibt: „Er behauptet aber auch veraltete Sachen, so z.B: dass „die Impfstoffe“ (er formuliert das ständig so pauschal, ohne konkret zu sagen, welchen Impfstoff er eigentlich meint) nicht in der Lage seien, die Infektiosität zu senken, was laut aktuellen Studien noch gar nicht abschließend beurteilt werden kann.“
Abschließend vielleicht nicht, aber bei halbwegs vernünftiger Interpretation der verfügbaren Datenlage ist vollkommen offensichtlich, dass die Covid-Impfstoffe, bei denen dazu etwas untersucht wurde (von Pfizer und AZ) die Wahrscheinlichkeit einer Weitergabe ganz erheblich reduzieren. Was Arvay da verbreitet, ist also mal wieder nicht bloß veraltet, sondern einfach vollkommen falsch, und da er ja offenbar wenigstens ab und zu in Forschungsdaten reinschaut, frage ich mich schon, wie das sein kann, dass er das nicht auch selbst weiß.
Insofern freue ich mich auch schon auf den kommenden Artikel über ihn im lesenswerten Rechercheportal MedWatch, den Arvay freundlicherweise schon selbst angekündigt hat. Dann muss ich hoffentlich wirklich nicht nochmal selbst etwas über ihn schreiben.

 

Nach dem Politfossil mit ferner Vergangenheit im Gesundheitsamt, Wolfgang Wodarg, dem lange in Pension gegangenen Bakterien- und (zu dem Thema schon damals umstrittenen) Atheroskleroseforscher, der jetzt gerne so tut als wäre er Virologe, Sukharit Bhakdi (Update 5.10.20: Ulf J. Froitzheim hat Bhakdi und seinem seltsamen Netzwerk von Verschwörungsgläubigen inzwischen ausführlicher nachrecherchiert, Teil 2, vergisst aber zu erwähnen, dass Bhakdi in seiner lange zurückliegenden Zeit in der Wissenschaft kaum etwas zu Viren und gar nicht zu Corona-, Grippe oder Erkältungsviren, sondern fast nur nur zu Bakterien und Atherosklerose publiziert hat. Interessant ist auch der hier zusammengefasste Faktencheck zu Bhakdis Buch in der Süddeutschen Zeitung.), und dem Schwindeldoktor Bodo Schiffmann rückt in der Szene der Verschwörungsgläubigen gerade ein neuer Pseudoexperte in die erste Reihe: Der österreichische Autor Clemens Arvay. Anhänger des bizarren, antisemitischen QAnon-Verschwörungskults präsentieren Arvay ebenso als Experten für Covid-19 und für Impfstoffe wie der russische Propagandakanal RT Deutsch. Dass in derselben Videoreihe von RT Deutsch wie Arvay inzwischen auch mein alter Bekannter und früherer Skeptikerkollege Mark Benecke aufgetreten ist, finde ich… naja, sagen wir bedauerlich, aber das ist ein anderes Thema.

Damit sind wir dann mal wieder mitten im Covid-19-Thema und weit weg von den Quanten – und irgendwie muss ich sagen, dass ich mich ein bisschen nach der vergleichsweisen Harmlosigkeit der Quantenschwurbler zurücksehne. Aber nachdem ich mir das Impfthema ja jetzt schon mehrfach vorgenommen habe, was soll’s, es ist eben aktuell das Wichtige. Also, in for a penny, in for a pound!

Im Frühjahr hat Arvay noch hauptsächlich gegen den Mund-Nasen-Schutz agitiert; heute spielt er für die Verschwörungsmythenszene vor allem den Kronzeugen gegen RNA-Impfstoffe. Was es mit RNA-Impfstoffen und anderen modernen Impfstoffkonzepten auf sich hat, habe ich Anfang August in einem längeren Artikel erklärt, den ich noch für eine Weile versuchen werde, halbwegs aktuell zu halten. Was ist aber nun von Arvay und seiner Argumentation zu halten?

Update 23.9.2020: Um es gleich mal vorwegzuschicken, Arvay selbst hat in einem ziemlich ausführlichen Video auf diesen Artikel reagiert. Ein paar Punkte darin sind inhaltlich diskussionsfähig, andere sind eher ein Herausreden – kann man sich ansehen, wenn man viel Zeit hat.

Update 27.9.2020: Am 26. hat er noch ein weiteres Video online gestellt, in dem er sich jetzt ganz offen als Verschwörungsgläubiger outet: „Corona ist ein großer Aufzeiger, wie unsere Gesellschaft unterwandert ist.“ Dazu kreiert er eine bizarre Verschwörungsgeschichte um sich selbst, nach der er im Auftrag der Pharmaindustrie von Wikipedia, dem Genetikprofessor im Ruhestand Wolfgang Nellen (der nach seriösen wissenschaftlichen Publikationen von Arvay gesucht und wenig gefunden hat) und natürlich von mir verfolgt wird. Dabei hat er immerhin meine Firmenwebsite gefunden (Kunststück, die ist oben unter „Der Autor“ verlinkt), war aber offensichtlich nicht in der Lage zu erkennen, dass es sich um eine Strategieberatung und nicht, wie er sich einbildet, um eine PR-Agentur handelt. Ich kenne ja einige Pharmaunternehmen ganz gut, und ohne mich jemals mit deren PR-Abteilungen beschäftigt zu haben, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass jemand, der auf Youtube Pseudowissenschaft verbreitet, denen etwas anderes als vollkommen egal ist. Arvays gesellschaftliche Relevanz liegt ausschließlich darin, dass er Stichwortgeber für antidemokratische Gruppierungen ist. Dass es Menschen gibt, die sich einfach so in ihrer Freizeit für Demokratie und Wissenschaft engagieren, ist für Arvay offensichtlich vollkommen unvorstellbar, was vielleicht auch einiges über ihn aussagt. Im Video beruft sich Arvay beim Versuch, sich als seriösen Wissenschaftler auszugeben, mehrfach auf den Psychiater Raphael Bonelli, der mit seinem erzkatholischen RPP-Institut in Österreich als aggressiver Covid-Verharmloser in Erscheinung tritt, trotz Fallzahlen in Österreich, die zum Zeitpunkt (Update 23.10.20) doppelt so hoch waren wie in Deutschland, Social Distancing als „extrem schädlich für die Menschen“ bezeichnet hat, früher „Psychiatrie am Telefon“ auf Radio Maria angeboten und auch schon einen „Homo-Heiler“ zu einem seiner Kongresse eingeladen hat. Beim Versuch, sich zu rechtfertigen, demontiert Arvay ganz nebenbei noch seine ohnehin bescheidene eigene wissenschaftliche Reputation – und die seiner früheren Hochschule gleich mit. Das Video ist also echt sehenswert.

Vorgestellt wird er bei seinen Absonderungen zu RNA-Impfstoffen als „Biologe“, was offenbar Sachkompetenz vorspiegeln soll – schließlich könnte ein Human- oder Molekularbiologe tatsächlich zum menschlichen Immunsystem oder zu Impfstoffen geforscht haben. Hat er aber nicht. Arvay ist Diplomingenieur in „Angewandten Pflanzenwissenschaften“ von der Universität für Bodenkultur Wien (Update 23.9.20: Bemerkung über die Universität für Bodenkultur entfernt). Update 27.9.20: Inzwischen hat Arvay in einem Video selbst erklärt, dass er seine offenbar einzige ernstzunehmende Leistung an einer wissenschaftlichen Institution überhaupt, nämlich seine Masterarbeit, am dortigen Institut für Gartenbau abgelegt hat – und zwar über die Soziologie von Selbstversorgern. Über einen Abschluss in Biologie verfügt er nicht. Eine Doktorarbeit, in der er überhaupt in relevantem Umfang geforscht haben könnte, hat er nicht gemacht. Nun gehöre ich ja nicht zu den Leuten, die meinen, dass eine Promotion der erste Schritt zur Menschwerdung sei. Die meisten Menschen, die promoviert haben, einschließlich mir, brauchen das für ihre tägliche Arbeit überhaupt nicht, aber in Arvays Fall ist das tatsächlich relevant: Seinen Versuchen, wissenschaftlich klingende Artikel zu verfassen, ist nämlich deutlich anzumerken, dass er wissenschaftliches Arbeiten schlicht nie gelernt hat.

Arvay ist also nicht vom Fach was Impfungen angeht. Nun habe ich schon bei meinem letzten Artikel zum Thema klargestellt, mein Fachgebiet ist das auch nicht. Ich kann, weil ich eben wissenschaftliches Arbeiten gelernt habe, den wissenschaftlichen Konsens in einem fremden Fachgebiet wiedergeben und erklären – das ist es aber auch. Ich würde mir nicht anmaßen, denen, die in einem Fachgebiet forschen oder denen, die beruflich deren Ergebnisse zusammenfassen (bei Impfstoffen zum Beispiel dem Paul-Ehrlich-Institut) zu erzählen, wie sie ihre Arbeit zu machen haben. Deswegen bemühe ich mich zum Beispiel auch, vorsichtig mit Äußerungen zum „Insektensterben“ zu sein, obwohl mir (mit meinem Hintergrund in einer experimentell arbeitenden Naturwissenschaft) beim Design der Studien, die dieses Sterben belegen sollen, die Haare zu Berge stehen. Das ist etwas vollkommen anderes, wenn ein pseudowissenschaftliches Glaubenssystem wie die Homöopathie „wissenschaftliche“ Studien verbreitet, die nicht den Standards im eigenen Fachgebiet (also der evidenzbasierten Medizin) entsprechen und zur Begründung Behauptungen aufstellt, die fundamentalen Erkenntnissen experimentell wesentlich zuverlässigerer Naturwissenschaften widersprechen.

Arvays Verkaufsargument ist „Ökologie“. Was er darunter versteht ist allerdings eher eine Art mystisch aufgeladene Naturromantik mit steilen Thesen zum Beispiel über gesundheitliche Effekte des Betrachtens von Bäumen, die er um immer dieselben aus dem Zusammenhang gerissenen Aussagen aus immer derselben Handvoll fragwürdiger Studien herum ausschmückt.

Seine vermeintliche Glaubwürdigkeit zu Impfstoffen gründet sich darauf, dass es ihm irgendwie gelungen ist, im Juli einen Artikel über „Genetische Impfstoffe gegen COVID-19“ in der Schweizerischen Ärztezeitung (SÄZ) unterzubringen. Einen ähnlichen Coup mit der Fachzeitschrift eines Berufsverbandes hatte er schon 2018, als er es geschafft hat, einen esoterischen Artikel über die angebliche Heilkraft des Waldes der Deutschen Apothekerzeitung (DAZ) unterzujubeln. Eine wissenschaftliche Begutachtung der Artikel (peer review) gibt es bei beiden Blättern nicht, sondern „Die Redaktion prüft eingereichte Beiträge nach den Kriterien der Qualität, Originalität und Aktualität“, wie es bei der SÄZ heißt.

Aktuell und, äh, ja, irgendwie auch originell ist Arvays SÄZ-Artikel wirklich, nur mit der Qualität ist das so eine Sache. Es handelt sich im Wesentlichen um ein offenbar per Schlagwortsuche zusammengetragenes Sammelsurium von Bedenken zu modernen Impfstofftechniken aus völlig unterschiedlichen Quellen und Motivationen. Verstanden hat Arvay von dem, was er da angesammelt hat, ganz offensichtlich nicht viel. So schreibt er, die Verabreichung von DNA-Impfstoffen erfolge standardmäßig über stark beschleunigte Goldpartikel mit einer sogenannten Genkanone. Alle derzeit an Patienten getesteten DNA-Impfstoffe werden jedoch durch eine ganz normale Injektion verabreicht. Das ist auch kein Wunder, denn um eine gute Impfquote erreichen zu können, muss eine Impfung ja ohne aufwendige technische Geräte in einer Hausarztpraxis zu verabreichen sein. Zu RNA-Impfstoffen zitiert er (auch bei RT Deutsch) Überreaktionen in Tierversuchen zu anderen Coronaviren, hat aber offensichtlich nicht verstanden, dass gerade dieses Risiko bei traditionellen Lebend- und Totimpfungen viel größer wäre. Das geringere Risiko von Überreaktionen ist ja eben der Hauptgrund, warum in westlichen Ländern moderne Impfstoffe (z.B. die auf RNA- und DNA-Basis) favorisiert werden. Noch größer wäre ein solches Risiko von Überreaktionen natürlich, wenn exakt dieselben Antigene wie bei einer Totimpfung durch aktive Viren bei einer normalen Covid-19-Infektion eingebracht würden – und man darf nicht vergessen, dass ohne Impfstoff früher oder später (je nach sonstigen Maßnahmen) rund drei Viertel der Bevölkerung so infiziert würden. Bei Arvays haarsträubender Übertreibung in der SÄZ, eine Phase-III-Studie dauere „typischerweise 4–6 Jahre“ muss man sich die Frage stellen, ob es sich hier ebenfalls um Unkenntnis oder doch eher um bewusste Desinformation handelt.

Das tatsächliche Problem bei Arvay ist aber nicht das, was er in der SÄZ geschrieben hat, wo allzu offensichtlicher Unsinn der Redaktion dann wohl doch aufgefallen wäre. Auf RT Deutsch erklärt er, bei RNA-Impfstoffen würde „manipulierte genetische Information […] vom Körper inkludiert […] in die eigenen genetischen Abläufe“. In dieser Formulierung ist das keine direkte Lüge, je nachdem, wass man unter genetischen Abläufen verstehen will, aber es erweckt ganz gezielt den falschen Eindruck, als würde damit das menschliche Erbgut verändert. Eine nicht ganz so bizarre These, die sowohl in der SÄZ als auch bei RT Deutsch auftaucht, bezieht sich auf DNA-Impfstoffe (die sich durchweg noch in der Phase-I-Erprobung oder in der vorklinischen Phase befinden). Bei diesen, so Arvay, könnte DNA aus dem Impfstoff zufällig ins Erbgut einzelner Körperzellen integriert werden. Falls wiederum zufällig eine sehr ungünstige Stelle des Erbguts betroffen wäre, könnte das fremde DNA-Stück dort ein Gen zerstören, das das Wachstum der Zelle kontrolliert – das könnte dann zu Krebs führen. Auch hier erweckt er allerdings den Eindruck, es könne das Erbgut von mehr als einzelnen Zellen betroffen sein. Schon eine Schicht tiefer in der Schwurbelszene, bei Wolfgang Wodarg, wird daraus die schwachsinnige Behauptung, DNA- und RNA-Impfungen seien gentechnische Veränderungen des Menschen. Weiterhin kehrt Arvay unter den Teppich, dass selbst die von ihm in der SÄZ angegebene Quelle ausdrücklich erklärt, dass es für diesen angenommenen Effekt experimentell kaum Bestätigungen gibt. Was bei dieser Hypothese völlig untergeht, ist, dass die gleiche Integration fremder DNA in das Erbgut mit dem gleichen Tumorrisiko natürlich ebenso bei jedem beliebigen der ständig im Körper vorkommenden Bakterien oder Viren passieren könnte, insbesondere bei solchen, die wie der Impfstoff DNA in Plasmidringen enthalten. Dafür ist es nämlich völlig belanglos, welcher fremde DNA-Schnipsel da zufällig an einer verheerend ungünstigen Stelle im Erbgut einer einzelnen Zelle landet.

Kurz gesagt, Arvay benutzt im typischen Stil moderner Verschwörungsideologen ein Gemisch aus Halbwahrheiten, unzulässigen Verkürzungen und aus dem Zusammenhang gerissenen Details, um den Eindruck zu erwecken, es gäbe globale dunkle Machenschaften, hinter denen, wie er ausdrücklich betont, Bill Gates stecke. (Update 23.9.2020: Dagegen wehrt er sich inzwischen, spricht aber schon im nächsten Moment in Bezug auf Gates Engagement von „einer Seilschaft mit verschiedenen Pharmakonzernen“.) Dementsprechend ist es auch kein Wunder, dass seine Aussagen im Wesentlichen von den typischen Fake-News-Schleudern der Verschwörungsmythenszene verbreitet werden.

Anders als die meisten Verschwörungsideologen scheint er jedoch weniger politische als Marketingzwecke zu verfolgen, denn rein zufällig erscheint in wenigen Tagen sein neues Buch, dessen Untertitel die Arvay’sche Phantasiewelt wunderbar zusammenfasst: „Wie Umweltzerstörung die Corona-Pandemie auslöste und warum ökologische Medizin unsere Rettung ist“.

 

 

 

Sputnik oder Tschernobyl? Impfstoffentwicklung in Zeiten der Pandemie

Ja, es gibt hier nach langer Zeit mal wieder einen Artikel, nicht nur mit Hinweisen auf Videos und Interviews, sondern mit ausführlichem Inhalt. Und, nein, es geht schwerpunktmäßig nicht um Physik, sondern eher um ein Thema, mit dem ich gelegentlich berufliche Berührungspunkte habe. Es sind halt seltsame Zeiten.

„Es ist ein Sputnik-Moment,“ erklärte Kirill Dmitriev, der Geschäftsführer des Investmentförderfonds der russischen Regierung, zur für den 10. August angekündigten Zulassung eines russischen Impfstoffs gegen Covid-19. Die Meldung führte zu einer bemerkenswerten Kehrtwendung beim russischen Staatskanal RT Deutsch, der noch vor zwei Wochen gegen Covid-Impfstoffentwicklungen agitiert und dazu dem außerhalb der Hardcore-Verschwörungsszene nirgends mehr ernstgenommenen Pandemieverharmloser Wolfgang Wodarg ein Podium geboten hat. Jetzt ist plötzlich der russische Impfstoff zu feiern – komplett mit der Behauptung, die russischen Entwicklungen seien sicherer als die kritisierten Impfstoffentwicklungen aus dem Westen.

In Deutschland spricht hingegen bei einer denkbaren Verfügbarkeit erster Impfstoffe in einigen Monaten nicht nur die AfD von „übereilter Zulassung“, und nicht nur der Impfgegner-Papst und gelernte Milchwirt Hans Tolzin schwadroniert auf Extremnews über „sehr häufige“ Nebenwirkungen der kommenden Impfstoffe (die angeblichen Nebenwirkungen sind einfach nur die ganz normalen Impfreaktionen wie Rötung und Druck an der Einstichstelle oder leichtes Fieber, die zeigen, dass die Impfung wirkt). Der deutsche Arbeitskreis medizinischer Ethikkommissionen hat eine erleichterte Genehmigung von Impfstoffstudien noch im Mai als gefährlich für Patienten bezeichnet. „Experten“ (bei denen es sich einfach um Politiker mit Medizinstudium wie Karl Lauterbach handelte) warnten noch im Juni vor Hoffnungen auf einen baldigen Impfstoff und erklärten, es werde noch „mindestens ein Jahr“ dauern, bis ein Impfstoff einsetzbar sei. Ebenfalls im Juni stellte spektrum.de in Frage, ob es überhaupt einen Sars-CoV-2-Impfstoff geben werde, und auch der Leiter der „Heinsberg-Studie“, Henning Streeck wird in ähnlicher Weise zitiert. Hat sich also in wenigen Wochen eine völlig neue Sachlage ergeben, ist die russische Impfstoffforschung der westlichen so weit voraus, oder ist die russische Entscheidung, die (Update 11.8.20) inzwischen offiziell in Kraft getreten ist, schlicht fahrlässig?

Um das einzuordnen, aber auch einfach um einen Überblick zu bekommen, wo wir in der Impfstoffentwicklung eigentlich stehen, lohnt es sich, zwei Fragen etwas eingehender zu beleuchten: Wie sollen die in der Entwicklung befindlichen Impfstoffe funktionieren, und wie unterscheidet sich die beschleunigte Erprobung zur Zeit eigentlich von der normalen Arzneimittelentwicklung?

Offiziell sind bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO) aktuell 165 Projekte zur Entwicklung von SARS-CoV-2-Impfstoffen gemeldet, und es gibt mit Sicherheit noch weitere. Die Art und Weise, wie die Impfstoffe zusammengesetzt sein und im Körper wirken sollen, ist dabei durchaus unterschiedlich:

  • Traditionelle Tot- oder Lebendimpfstoffe: Praktisch alle schon länger bei Menschen eingesetzten Impfstoffe verwenden komplette Krankheitserreger, die entweder abgetötet (Totimpfstoff) oder nur abgeschwächt (Lebendimpfstoff) werden. Ob es zwischen beiden Formen im Effekt wirklich systematische Unterschiede gibt, ist umstritten. Allerdings gab es mit Lebendimpfstoffen in der Vergangenheit gelegentlich Probleme, was ein Grund ist, warum statt der Schluckimpfung gegen Polio aus meiner Kindheit heute ein kombinierter Totimpfstoff als Injektion verwendet wird.
    Auch gegen SARS-CoV-2 befinden sich solche traditionellen Impfstoffe in der Entwicklung. Die WHO listet eine ganze Reihe von Totimpfstoffentwicklungen in China, der Türkei, Ägypten und Kasachstan auf, wobei mehrere Projekte der chinesischen Unternehmen Sinovac und Sinopharm schon sehr fortgeschritten sind und auch in der Erprobung am Menschen gute Zwischenergebnisse zeigen.
    Christian Drosten verweist in seinem Podcast darauf, dass ein Erfolg dieser Projekte wegen der relativ einfachen, in vielen Ländern möglichen Herstellung sehr hilfreich wäre, um schnell und kostengünstig auch Menschen in weniger entwickelten Ländern impfen zu können. Er spricht jedoch auch von einer „ungewissen Wirkung“ und der Gefahr von Überreaktionen, die sich in der Entwicklung von Impfstoffen gegen andere Coronaviren bei Tieren gezeigt habe. In Europa und den USA, aber auch in Russland, wurde daher fast durchgehend auf innovative Impfstoffkonzepte gesetzt, bei denen man kontrollieren kann, gegen welche Teile des Erregers genau der Körper eine Immunantwort entwickeln soll.
  • Proteinbasierte Impfstoffe: Die Bestandteile an der Oberfläche des Virus, gegen die man eine Immunreaktion haben will, um einen Schutz zu erreichen, sind chemisch in der Regel Proteine. Bei SARS-CoV-2 gilt zum Beispiel das Spike-Protein, das für das Eindringen des Virus in eine Wirtszelle wichtig ist, als aussichtsreicher Angriffspunkt. In der einfachsten Form wird ein solches Protein selbst als Impfstoff verwendet. Impfadjuvantien sollen dann dafür sorgen, dass das Immunsystem auf den an sich harmlosen Fremdstoff angemessen heftig reagiert und einen längerfristigen Schutz aufbaut. Inzwischen gibt es eine Vielzahl von Entwicklungsprojekten nach diesem Konzept, darunter auch von großen Herstellern wie Sanofi und GSK. Sie gehören aber nicht zu den aktuell fortgeschrittensten und aussichtsreichsten Kandidaten gegen SARS-CoV-2.
  • DNA- und RNA-Impfstoffe: Neben den Adjuvantien ist eine weitere Möglichkeit, das Immunsystem zu einer starken Reaktion gegen ein Protein und damit einem langanhaltenden Schutz zu bewegen, es einfach mehr und länger mit diesem Protein zu konfrontieren. Da der Impfstoff aber auch produziert werden muss und man Patienten nicht alle paar Tage wieder impfen kann, benutzt man einen Trick: Körperzellen werden durch die Impfung dazu gebracht, das fremde Protein selbst zu produzieren. Den Bauplan für dieses Protein erhalten die Zellen in Form von RNA (sozusagen schon abgelesenem Erbgut), wie sie auch das SARS-CoV-2-Virus benutzt, um seinen Bauplan auf Wirtszellen zu übermitteln, oder in Form von DNARingen, wie sie auch in Bakterien vorkommen. Das fremde Material wird von den Zellen nicht in ihr eigenes Erbgut eingebaut, aber zur Produktion des Proteins abgelesen, bis es von den zelleigenen Recyclingmechanismen abgebaut wird. Zu den aussichtsreichsten Impfstoffkandidaten dieser Art zählen die RNA-Impfstoffe der US-Firma Moderna, die im März den ersten SARS-CoV-2-Impfstoff überhaupt an Patienten getestet hat, und der Mainzer BioNTech, die hierbei mit dem Weltkonzern Pfizer kooperiert. Auch andere Projekte mit deutscher Beteiligung, wie das von CureVac und das der OpenCorona-Kollaboration mit dem Uniklinikum Gießen-Marburg, nutzen diesen Ansatz.
    Impfgegner nutzen gerne die alte, naja… sagen wir ganz vorsichtig bildungsferne, Angst vor Gentechnik, um Stimmung gegen diese Art von Impfstoffen zu machen, und erwecken dabei den falschen Eindruck, diese Art von Impfung hätte etwas mit dem menschlichen Erbgut zu tun. Nach dem Fact Sheet des Science Media Center Germany hingegen sind RNA-Impfstoffe „toxikologisch gut charakterisierte Biopharmazeutika, die keine Infektionsrisiken bergen, bereits in niedrigen Dosen wirken und daher auf Wirkverstärker (Adjuvanzien) in der Regel verzichten könnten“.
  • Vektorvirusimpfstoffe: Die wohl trickreichste Variante eines Impfstoffs verwendet ein für den Menschen harmloses Virus, das genetisch so verändert wird, dass es in seiner RNA oder DNA den Bauplan des Proteins trägt, gegen das man eine Immunantwort erreichen will. Eine von diesem Vektorvirus befallene Zelle reproduziert dann nicht das Virus, sondern eben das Protein. Das so produzierte Protein entspricht in seiner Struktur (Faltung und Glykolisierung) besonders genau den Proteinen an einer Virusoberfläche, und es kann sogar verbunden mit Teilen der Virusoberfläche produziert werden. Davon erwartet man sich eine stärkere, länger anhaltende Immunantwort. Vektorvirusimpfstoffe werden seit einigen Jahren gegen Ebola eingesetzt. (Korrektur 1.1.2021) Man unterscheidet zwischen replizierenden Vektorviren, die sich im menschlichen Körper noch vermehren können, aber nicht krank machen, und nicht replizierenden Vektorviren. Die derzeit in der Erprobung fortgeschrittensten Projekte dieser Art, von der Universität Oxford in Zusammenarbeit mit dem Hersteller AstraZeneca sowie von der chinesischen CanSino, verwenden nicht replizierende Vektorviren. Dasselbe gilt für den Impfstoffkandidaten der russischen Gamaleya, der in zwei Wochen eingesetzt werden soll.

Man kann also schon einmal festhalten, dass der russische Impfstoff nichts revolutionär Anderes ist als vergleichbare Projekte aus Europa oder den USA. Grundsätzlich andere, nämlich altmodischere Impfstoffentwicklungen kommen eher aus China und Indien – diese folgen aber von den Testprotokollen und Entwicklungszeiten den gleichen Standards wie die westlichen Projekte. Auch eine Verbindung des russischen „Sputnik-Moments“ zu britischen Spionagevorwürfen ist zumindest nicht offensichtlich: Die grundlegende Covid-19-Forschung passiert ohnehin in internationaler Zusammenarbeit, und in den Details unterscheidet sich der russische Vektorvirusimpfstoff von dem fortgeschrittenen Projekt aus Oxford allein schon durch die Verwendung eines vom Menschen stammenden Adenovirus Typ 26  (das normalerweise eine Bindehautentzündung auslöst) anstatt eines Virus, das normalerweise Affen befällt.

Wie sieht es aber nun mit dem Entwicklungs- und Erprobungsstand des Gamaleya-Projekts im Vergleich zu anderen Impfstoffentwicklungen aus, die erst Monate später zugelassen werden sollen? Die Erprobung von Impfstoffen erfolgt grundsätzlich in den gleichen Phasen wie die von anderen neu zuzulassenden Arzneimitteln:

  • Präklinik: Die präklinische Erprobung umfasst alle Tests, für die noch keine menschlichen Probanden erforderlich sind. Das reicht von rein chemischen Versuchen über die Erprobung in Zellkulturen bis zum Tiermodell.
  • Phase I: In der klinischen Phase I wird an einer kleinen Zahl von Freiwilligen (in der Regel weniger als 50) getestet, ob der Wirkstoff in welcher Dosis verträglich ist. Dabei werden auch Laborwerte überwacht, zum Beispiel ob der Wirkstoff im Körper dort ankommt, wo er wirken soll. Bei Impfstoffen kann man auch schon erkennen, ob der Impfstoff eine Immunreaktion auslöst und zum Beispiel neutralisierende Antikörper produziert werden.
  • Phase II: Anschließend wird getestet, ob der Wirkstoff im Patienten tatsächlich wirkt, ob zum Beispiel ein Impfstoff also tatsächlich vor einer Infektion schützt. Hierzu braucht man normalerweise eine placebokontrollierte, randomisierte Vergleichsstudie (RCT), um die Wirkung von Wirkerwartung, Zeit- und Zufallseffekten unterscheiden zu können. Die Zahl der Probanden hängt von der Deutlichkeit des erwarteten Effekts ab. Bei der Behandlung akuter Erkrankungen liegt sie oft unter 200.
  • Phase III: Bei den folgenden, wesentlich größeren RCTs geht es vor allem um die Suche nach regelmäßig auftretenden Nebenwirkungen. Hierzu braucht man oft eine fünfstellige Zahl von Probanden, was diese Tests auch sehr teuer macht. Gleichzeitig lässt sich aus diesen größeren Tests auch die Wirksamkeit noch einmal genauer und verlässlicher dokumentieren. Phase-III-Studien bilden die wichtigste Grundlage für die Nutzen-Risiko-Abwägung bei der Arzneimittelzulassung.
  • Anwendungsbeobachtung: Die sogenannten Phase-IV-Studien erfolgen nach der Zulassung und dienen der Suche nach selteneren Nebenwirkungen. Da es dabei keine Vergleichsgruppe gibt, lässt sich keine Aussage mehr über Wirksamkeit machen und auch nicht festlegen, ob eine gemeldete Nebenwirkung tatsächlich durch das Mittel verursacht wird oder aus anderen Gründen bei den Patienten aufgetreten ist.

Normalerweise laufen diese Studien hintereinander ab, so dass Menschen erst einem Wirkstoff ausgesetzt werden, wenn er nach Tierversuchen unbedenklich ist und an größeren Zahlen von Kranken erst dann getestet wird, wenn sowohl Unbedenklichkeit als auch Wirksamkeit an einer kleineren Zahl von Probanden nachgewiesen sind.

Wie ist es aber nun möglich, dass dieser insgesamt normalerweise zwischen fünf und 15 Jahren umfassende Prozess bei der Entwicklung von Covid-19-Impfstoffen auf wenige Monate gestrafft werden kann?

Den größten Effekt macht dabei aus, dass der Hauptteil der präklinischen Erprobung schon lange vor dem Beginn der Pandemie abgeschlossen war. Die Covid-19-Impfstoffentwicklung setzt unmittelbar auf Impfstoffprojekte gegen die eng verwandten SARS- und MERS-Erreger von 2002 und 2012 auf, die nicht mehr an Patienten getestet wurden, weil es keine SARS-Patienten mehr und nur noch einzelne MERS-Ausbrüche gab. Es handelt sich also technisch um Weiterentwicklungen, ähnlich wie bei den Grippeimpfungen, bei denen jedes Jahr nach den gleichen Methoden auf neue Erreger optimiert werden. So konnte Moderna seine Phase-I-Tests im März ohne einen einzigen vorherigen Tierversuch mit dem neuen Impfstoff beginnen. Insgesamt war die Zahl der Tierversuche klein, weil als geeignetes Modell fast nur die teuren, häufig angefeindeten Versuche mit Affen in Frage kamen.

Phase-I-Tests haben bei allen mir bekannten Impfstoffentwicklungen gegen SARS-CoV-2 relativ normal stattgefunden, aber eine Beschleunigungsmöglichkeit ist zum Beispiel, nach dem Vorliegen der Ergebnisse nicht erst die offizielle Veröffentlichung abzuwarten, bevor man die Phase-II-Tests einleitet. Man kann auch Probanden für folgende Phasen schon rekrutieren, bevor die Tests genehmigt sind – das ist nur ein finanzielles Risiko, falls die Tests geändert, verschoben oder abgesagt werden müssen.

Eine große Beschleunigung ergibt sich schließlich noch durch die Zusammenfassung von Phase II und Phase III. Um in einer Covid-Epidemie überhaupt nachweisen zu können, dass ein Impfstoff vor Infektionen schützt, braucht man ja zwangsläufig eine große Zahl von Probanden in einem Risikogebiet. Ein Rechenbeispiel: Will man halbwegs schlüssig statistisch zeigen, dass ein Impfstoff die Zahl von Infektionen verringert, weiß aber, dass dieser Schutz nicht 100% effektiv sein wird, dann braucht man in der Impfgruppe und in der Kontrollgruppe jeweils rund 100 Infektionsereignisse, bei denen eine ungeimpfte Person vermutlich infiziert würde. Bei aktuell rund 500 Infektionsereignissen pro Tag unter 80 Millionen Deutschen bräuchte man für diese 100 Ereignisse, wenn man sie in 100 Tagen haben wollte, in der Test- und Kontrollgruppe jeweils völlig unrealistische 160.000 Probanden. Das deutlich schlimmere Infektionsgeschehen in den USA, Brasilien und Abu Dhabi, wo aktuell die größten Patientenstudien laufen, macht es überhaupt erst möglich, einen Wirksamkeitsnachweis in erträglicher Zeit zu erbringen. Auch dafür braucht man aber insgesamt fünfstellige Probandenzahlen. Man ist damit für belastbare Phase-II-Studien zwangsläufig bei Probandenzahlen, die normalerweise schon für eine Phase-III-Studie ausreichen. Für alle der WHO gemeldeten Projekte, bei denen schon Phase-III-Studien laufen, wurden diese daher entweder mit der Phase II in eine Studie zusammengefasst oder schon vor Abschluss der Phase-II-Studie gestartet.

Solche Phase-III-Studien laufen derzeit von der Universität Oxford (mit AstraZeneca) für ihren Vektorvirusimpfstoff in Brasilien, von BioNTech (mit Pfizer) sowie von Moderna für jeweils ihre RNA-Impfstoffe in den USA, von Sinovac für einen Totimpfstoff in Brasilien und von Sinopharm für einen Totimpfstoff in Abu Dhabi. Bei den dortigen hohen Fallzahlen ist davon auszugehen, dass die für einen Wirksamkeitsnachweis erforderliche Statistik mit typischerweise 15.000 bis 30.000 Probanden innerhalb einiger Wochen bis einiger Monate erreicht ist. Update 11.8.20: Inzwischen hat auch Curevac eine Phase-II/III-Studie ab September oder Oktober in Brasilien angekündigt. Bisherige Ergebnisse stimmen optimistisch: Es gab bislang zumindest noch keine Meldungen, dass eine der großen Patientenstudien wegen schwerer Nebenwirkungen hätte abgebrochen werden müssen, und die schon veröffentlichten Ergebnisse von Phase-I-Studien zeigen eine starke Reaktion des Immunsystems, zum Teil stärker als bei Patienten, die eine tatsächliche Infektion durchlaufen haben. Update 20.9.2020: Die Phase-III-Studie von AstraZeneca war wegen neurologischer Probleme bei einer Probanden kurzzeitig unterbrochen. Diese stellten sich jedoch als ein zuvor bestehender aber noch nicht diagnostizierter Fall von Multipler Sklerose heraus. In Großbritannien wurden die Tests schon wieder aufgenommen. Die Verzögerung beim wichtigsten Teil des Tests in den USA dürfte sich aber auf den Zulassungstermin auswirken.

Nach der Universität Oxford, die schon im April angekündigt hatte, im September einen einsatzfähigen Vektorvirus-Impfstoff haben zu wollen, haben inzwischen auch BioNTech/Pfizer für ihren RNA-Impfstoff eine Zulassung und erste Auslieferung im Oktober angekündigt. Erste Lieferverträge für diese Impfstoffe bestehen auch schon: AstraZeneca und ihre Partner (mit aktuell der größten Kapazität weltweit) haben Verträge zum Selbstkostenpreis mit der EU (400 Mio. Dosen), UK, USA und zwei Verbänden weiterer Länder (weitere 700 Mio. Dosen) und wollen außerdem eine Milliarde Dosen für weniger entwickelte Länder bereitstellen – allerdings in 2020 und 2021 zusammen. BioNTech/Pfizer haben Verträge über 30 Millionen Dosen mit UK und über 100 Millionen Dosen mit den USA (wobei bei diesem Impfstoff pro Patient zwei Dosen geplant sind). Der Preis im US-Vertrag liegt mit 19,50 Dollar pro Dosis unter dem eines typischen Grippeimpfstoffs. Falls beide Impfstoffe sich in ihren Phase-III-Studien bewähren (und alle vorliegenden Daten aus den vorherigen Phasen sprechen dafür), dann würde das also einen erheblichen Beitrag zur Bekämpfung der Krise leisten. Insgesamt ermittelt das Beratungsunternehmen McKinsey eine weltweite Produktionskapazität von einer Milliarde Impfdosen noch im Jahr 2020 und weiteren 7,4 Milliarden im Jahr 2021. Dazu müssen allerdings noch Kapazitäten in Form von Lizenzen, Auftragsfertigung oder anderen Kooperationen neu verteilt werden, je nachdem, welche der laufenden Entwicklungsprojekte eine Zulassungsreife erreichen. Update 20.9.2020: Ein Schritt zu dieser Umverteilung ist gerade erfolgt, indem BioNTech erklärt hat, die Impfstoffproduktion von Novartis am Traditionsstandort Marburg (Beringwerke) mit einer Kapazität von 250 Millionen Impfdosen im 1. Halbjahr 2021 zu übernehmen. Die mäßigen Preise sind bei etwas Branchenkenntnis nicht überraschend: Im Gesundheitssystem sieht man sich nicht nur zweimal, sondern jedes Jahr wieder. Ein Hersteller, der versuchte, in einer solchen Notsituation seine Machtposition auszunutzen, müsste befürchten, in den Folgejahren bei den Preisverhandlungen für seine anderen, in der Summe weitaus einträglicheren Produkte unter erheblichen politischen Druck zu geraten. Gleichzeitig ist eine solche gigantische Einmalanstrengung für die Hersteller mit erheblichen Kosten in Entwicklung, Produktion und Vertrieb verbunden. So dürfte bei SARS-CoV-2-Impfstoffen für die Hersteller der ideelle Wert für Mitarbeiter, Kunden und Investoren, aber auch gegenüber Staaten und Regulierungsbehörden, den kurzfristigen finanziellen Ertrag bei weitem übertreffen.

Update 6.8.20: Sanofi und GSK verhandeln inzwischen über Lieferverträge für einen gemeinsamen proteinbasierten Impfstoff, der aber noch nicht an Patienten getestet wird und erst in der ersten Hälfte 2021 verfügbar sein soll. Wenn die aktuell laufenden Projekte erfolgreich sind, könnten dann mindestens je ein Tot-, RNA- und Vektorvirusimpfstoff schon seit einem halben Jar am Markt sein, und es könnte zwischenzeitlich die Frage aufkommen, ob die Produktionskapazität der beiden Branchenriesen nicht besser in Lizenz für einen Impfstoff genutzt würde, der schon zugelassen ist. Andererseits haben sie zumindest die Chance, der erste reine Proteinimpfstoff zu sein, was wegen der geringen Komplexität rein theoretisch ein gutes Risikoprofil erwarten lässt.

Kommen wir aber zurück zur Sicherheit: Bedeutet dieses beschleunigte Prüf- und Zulassungsverfahren in den westlichen Ländern, dass bei der Sicherheit Abstriche gemacht werden? Werden, wie auch von Ärzten gelegentlich behauptet, unzureichend getestete Impfstoffe durchgewunken? Für die letztlich geimpften Patienten kann man ein solches zusätzliches Risiko klar verneinen: Die für die Sicherheit entscheidenden Phase-III-Studien mit ihren fünfstelligen Probandenzahlen unterscheiden sich in Methodik und Umfang nicht von denen herkömmlicher Arzneimittelzulassungen. Ein gewisses zusätzliches Risiko ergibt sich jedoch für die Probanden in den Studien, weil die ihnen jeweils verabreichten Impfstoffe vorher weniger im Tiermodell oder an kleineren Patientenzahlen getestet wurden, als dies eigentlich üblich wäre. Dies schreckt bei der Wichtigkeit des Themas potentielle Probanden jedoch ganz offensichtlich nicht ab: Für die Phase-I-Studie zum RNA-Impfstoff von CureVac mit ganzen 50 Probanden meldeten sich beim Universitätsklinikum Tübingen 4000 Freiwillige.

Wie sieht es nun aber mit dem eingangs erwähnten Impfstoff des Gamaleya-Instituts aus, der in Russland schon Mitte August zugelassen werden soll? Unter den fortgeschrittenen Entwicklungsprojekten, die sich bereits in Phase III befinden, taucht die „sichere und effiziente Lösung für das größte Problem der Welt“ aus Moskau hier ja nicht auf. Die erfolgreiche Patientenstudie, deren Ergebnisse noch nicht veröffentlicht sind, auf die sich die Moskauer Verantwortungsträger aber berufen, ist jedoch bei der WHO gemeldet und in der Datenbank der amerikanischen Gesundheitsbehörden registriert worden. In der Registrierung ist von einer Phase-I/Phase-II-Studie die Rede; nach den Details der Registrierung handelt es sich jedoch um eine reine Phase-I-Studie: Der Impfstoff wurde insgesamt an nur 38 Probanden Update 4.9.2020: am 4.9.2020 veröffentlicht wurden, wird zwar als Phase-1/2-Studie bezeichnet, es handelt sich jedoch faktisch um eine gewöhnliche Phase-I-Studie: Der Impfstoff wurde in zwei Varianten an jeweils 38 Probanden (laut Verteidigungsministerium handelt es sich um „freiwillige“ Soldaten) getestet; es gab keine Kontrollgruppe und keine Placebos, und der gemessene Zielparameter war nicht das tatsächliche Verhindern von Infektionen, sondern nur Laborwerte wie der Nachweis von Antikörpern. Update 20.9.2020: Inzwischen haben 37 internationale Wissenschaftler, darunter Spezialisten für Betrug in der Wissenschaft, in einer „Note of Concern“ an die veröffentlichende Zeitschrift ernsthafte Bedenken an der Glaubwürdigkeit der Ergebnisse der russischen Phase-I-Studie angemeldet. Unter anderem tauchen bei unterschiedlichen Messdaten von unterschiedlichen Patienten auffällig oft dieselben Werte auf – häufig ein Zeichen von Datenmanipulationen. Russland lässt bei der Zulassung schlicht die Erprobungsphasen aus, die die Wirksamkeit und Sicherheit des Impfstoffs hätten belegen müssen. Präzisierung 17.8.2020: Dann, nach der Zulassung, wenn der Impfstoff schon in der breiten Bevölkerung eingesetzt wird, noch eine Phase-III-Studie nachzuschieben (Update 4.9.20: die ausschließlich in Russland erfolgen soll, was Ergebnisse erst spät in 2021 erwarten lässt, falls die Epidemie dort nicht massiv schlimmer ist oder wird, als aktuell berichtet wird, und die am 2.9. noch nicht mit der Rekrutierung von Probanden begonnen hatte), ist für die internationale Vermarktung unvermeidlich, verbessert die Situation für die dann schon Geimpften aber nicht. Das kann sich am Ende als erfolgreich herausstellen: Angesichts der Ähnlichkeit zum weit fortgeschrittenen Oxforder Projekt dürften die Chancen nicht einmal schlecht stehen, dass der Gamaleya-Impfstoff tatsächlich einen Schutz bietet und die Nebenwirkungen sich in Grenzen halten. Das Moskauer Va-Banque-Spiel kann aber auch üble Folgen haben. Realistisch betrachtet ist die Sicherheit dieses Impfstoffs weniger getestet als seinerzeit die von Contergan. Faktisch macht man die Bevölkerung, vor allem aber das zuerst zu impfende medizinische Personal, zu Probanden eines riesigen Arzneimitteltests ohne Placebokontrolle. Dass man sich darauf einlässt, könnte eine Folge von Geltungsbedürfnis und Großmachtphantasien sein, wie Dmitrievs Sputnik-Vergleich nahelegt. Als Motivation kommt aber auch schlichte Verzweiflung angesichts einer immer noch unkontrollierten Epidemie in Frage. In Russland sind seit den Spitzenwerten die Fallzahlen mit offiziell gemeldeten 5000 neuen Fällen täglich nur geringfügig gesunken, es gibt schon über 14.000 Tote,  und der Herbst rückt näher. So erscheint für Russland selbst ein realistischer Worst Case mit erheblichen Nebenwirkungen und in der Folge Tausenden von Toten gerechtfertigt, wenn der Impfstoff denn hilft, die Epidemie unter Kontrolle zu bekommen. Gerade das könnte dann aber bei uns verheerende Folgen für die Akzeptanz auch wesentlich besser getesteter Impfstoffe haben.

So bleibt letztlich nur die Hoffnung, dass der Sputnik-Moment am Ende nicht zum Tschernobyl-Moment gerät.

Diabetes heilen mit Quantenheilung?

Eigentlich wollte ich nur mal wieder einer besonders unappetitlichen Geschichte über unseren alten Bekannten Karl Probst nachgehen, als ich auf das folgende Video gestoßen bin:

Das Video wird auf einem Youtube-Kanal namens „Quantenheilung TV“ verbreitet, und im Lauf des Videos wird immer wieder eine Bauchbinde eingeblendet, in der für Quantenheilung und eine Webseite „Anleitung Quantenheilung“ geworben wird. Der gezeigte Film stammt jedoch aus der NDR-Reihe „Die Ernährungs-Docs„. (Falls also das Video irgendwann nach Erscheinen dieses Artikels bei Youtube verschwunden sein sollte, könnte ich mir vorstellen, dass der NDR diese Verwendung nicht lustig fand.) Tatsächlich waren alle von mir angesehenen Videos auf „Quantenheilung TV“ aus Sendungen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, äh…, entnommen und mit Werbeeinblendungen für Quantenheilung versehen.

Nun kann man schon an der NDR-Sendung selbst so einiges kritisieren:

  • Als Beispiel für einen Patienten des Diabetes Typ 2 (sogenannten Alterdiabetes, typischerweise nur ein Aspekt des sogenannten metabolischen Syndroms) zeigt der Film, wenig repräsentativ, einen deutlich übergewichtigen, aber ansonsten offenbar völlig gesunden Mittfünfziger.
  • Dass in solchen Fällen schlichtes Abnehmen wichtiger ist als Medikamente und alleine zu einer Normalisierung des Blutzuckers führen kann, die der im Film gezeigte Diabetologe Heilung nennt, ist eine Binsenweisheit und bezeichnenderweise sogar in der Deutschen Apotheker Zeitung nachzulesen. Dass ein insulinpflichtiger, aber ansonsten relativ gesunder Typ-2-Diabetiker, nachdem er abnimmt, wieder mit oralen Antidiabetika anstatt Insulin auskommt, ist nun wirklich nicht überraschend.
  • Der übergewichtige, diabetische Patient erklärt allen Ernstes, er sei noch nie von einem Arzt darauf hingewiesen worden, dass er seine Ernährung umstellen sollte, und sein Diabetologe habe das ausdrücklich abgelehnt. Nun bin ich weder Arzt noch übergewichtig, aber nach allem, was ich von übergewichtigen Bekannten über ihre Arztbesuche höre, erscheint mir das recht unwahrscheinlich.
  • Für diese Ernährungsumstellung wird als heißeste neue Erkenntnis der Ernährungsmedizin, ohne den Namen zu nennen, die seit 1907 bekannte und seit Jahrzehnten in den Diätseiten diverser Frauenzeitschriften propagierte Trennkost verkauft. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung sieht das bekanntermaßen anders, was wiederum Leute wie Probst für abstruse Verschwörungsmythen nutzen.
  • Der gezeigte Diabetologe behauptet, das gleichzeitige (nicht aber das zeitversetzte) Essen von Fett und Kohlenhydraten mache süchtig und zeigt als Beleg zwei Ratten, die einen frischen, zerkleinerten Hamburger einem Schälchen mit Trockenfutter vorziehen. Der Kommentartext der Sendung bezeichnet Nahrung mit Fett und Kohlenhydraten in der Folge als „Fressmischung“. Ich hätte ja gerne mal die Gegenprobe gemacht, wie die Ratten auf ein paar frische Salatblätter oder ein saftiges Stück Gurke im Vergleich zum Trockenfutter reagiert hätten, aber da das nicht geht, beschränke ich mich auf den Hinweis, dass eine solche Kombination aus Fett und Kohlenhydraten nicht nur im Hamburger (z.B. 8% und 29% bei McDonald’s) sondern auch in eben solchem Trockenfutter für Ratten (z.B. 9% und 54% bei Mixerama) enthalten ist.

Was man den NDR-Redakteuren aber auf jeden Fall nicht vorwerfen kann: Die sogenannte Quantenheilung, für die in der Einblendung und im Text unter dem Video geworben wird, ist in der ganzen Sendung mit keinem Wort erwähnt. Mit Quantenheilung habe ich mich schon des Öfteren im Blog und recht ausführlich im Buch beschäftigt. Wer dennoch noch wissen möchte, was Quantenheilung eigentlich ist; bei längeren Vorträgen führe ich immer gerne mal eine genau solche Quantenheilung „nach der zwei-Punkt-Methode“ live im Saal vor und heile jemanden, zum Beispiel hier 2018 beim Ratio Science Forum in Sofia:

Kurz zusammengefasst handelt es sich um eine sehr plumpe Suggestionstechnik, die mit Quanten- oder sonstiger Physik nicht das Geringste zu tun hat. Rechtlich gehören die Quantenheiler laut Rechtsprechung des BGH zu den Geistheilern. Nun ist es natürlich zutreffend, dass vor allem bei entsprechend leichtgläubigen Menschen selbst eine sehr plumpe Suggestionstechnik unter Umständen nützlich sein kann, um eine beschlossene Ernährungsumstellung tatsächlich durchzuhalten. Das Ratten-„Experiment“ in der Sendung ist ja eigentlich auch nichts anderes als plumpe Suggestion. Noch besser hilft natürlich ein Kamerateam, das einen nach drei Monaten wieder besuchen wird, um über die erwartete Gewichtsabnahme im Fernsehen zu berichten…

Das wirklich Ärgerliche ist aber, dass durch den Kontext, in dem das Video auftaucht, und durch die Einblendungen in der Bauchbinde ganz eindeutig der Eindruck erweckt wird, Quantenheilung hätte eine spezifische Wirkung gegen Diabetes oder könne sogar Insulin ersetzen. Wie problematisch das ist, zeigt der Auslöser für meine kleine Recherche: Da schrieb mich (als Reaktion auf einen meiner Karl-Probst-Artikel) ein durch genau solche Videos verunsicherter Diabetiker an, der ernsthaft vor hatte, ohne Rücksprache mit seinem Arzt sein Insulin abzusetzen.

 

Homöopathie und die Quantendynamik des (Kopf-) Schüttelns

Wenn man mit halbwegs rationalen Menschen über Homöopathie spricht, begegnet einem häufig die Aussage: „Wenn nichts drin ist, ist es vielleicht ein Placebo, aber dann schadet es ja auch nicht.“ Was für ein verheerender Fehlschluss das sein kann, hat sich ja ganz aktuell wieder bei Tina Turner gezeigt, die es fast nicht überlebt hätte, als sie von einem „homöopathischen Arzt“ aus Frankreich zwar nicht mit klassischer Homöopathie, aber ähnlich wirkungslos behandelt wurde.

Die Homöopathiegläubigen versuchen aber natürlich immer wieder zu erklären, Homöopathie sei eben kein Placebo, obwohl nichts drin ist. In den vergangenen Wochen geisterte durch diverse Homöopathiegruppen auf sozialen Netzwerken ein englischsprachiger Artikel mit dem Titel „Die Quantendynamik der homöopathischen Verschüttelung“, der einmal wieder die Wirksamkeit von Homöopathie auf Basis der Quantenmechanik begründen will. Dementsprechende Ideen, üblicherweise basierend auf der Verschränkung oder dem Welle-Teilchen-Dualismus, habe ich hier ja schon das eine oder andere Mal auseinandergenommen. So lohnt sich auch hier ein Blick – bei solchen Versuchen gibt es schließlich immer etwas zu lachen.

Rufen wir uns zunächst einmal in Erinnerung, warum eine solche Begründung notwendig wäre, wenn man ernsthaft glauben sollte, Homöopathie hätte eine Wirkung – außer als Placebo natürlich.

Homöopathische „Arzneimittel“ werden hergestellt, indem man eine Substanz – häufig etwas wie Arnika- oder Tollkirschenextrakt, aber auch gerne mal Hundekot, Nasenschleim von kranken Pferden oder wie im Bild Reste der Berliner Mauer – stark (meist 1:10 oder 1:100) verdünnt, nach einem festgelegten Ritual schüttelt, die verschüttelte Verdünnung dann wieder verdünnt und so weiter. Bei den meisten Homöopathika wird das viele Male wiederholt, wobei durch diesen Ritus sichergestellt ist, dass selbst nach wenigen Verdünnungsschritten (sogenannte Niedrigpotenzen) kaum noch etwas von der eigentlichen Substanz im fertigen Mittel enthalten ist. Nach ein paar Schritten mehr enthält ein homöopathisches „Mittel“ dann schon mehr Verunreinigungen aus dem verwendeten destillierten Wasser als angeblichen Wirkstoff. Nach 24 Verdünnungsschritten 1:10 (als D24 bezeichnet) oder 12 mal 1:100 (C12) wäre es ein extremer Zufall, wenn überhaupt noch ein einziges Atom der ursprünglichen Substanz enthalten ist. Im Fall von Globuli wird dann eine kleine Menge dieses geschüttelten Wassers auf die Zuckerkügelchen aufgesprüht. Nach dem homöopathischen Dogma nimmt die Wirkung dieser Kügelchen und damit die Wirkung des (ab D24) reinen Wassers mit jedem weiteren Verdünnen mit Wasser noch zu.

An dieser Stelle kann man die Betrachtung der Homöopathie aus physikalischer Sicht eigentlich auch beenden. Dass ein Wirkstoff vorhanden sein muss, um eine Wirkung zu haben, sollte normalerweise keine Erklärung mehr brauchen. Um sich aus diesem offensichtlichen Widerspruch zu grundlegenden Tatsachen der Natur herauszuwinden, schleppt die Homöopathie sich regelmäßig wiederholende Ausreden an: Nicht näher spezifizierte „Information“, „feinstoffliche“ oder „geistartige“ Wirkungen, oder eben… die Quanten. Wenn man solche Texte mit einer gewissen naturwissenschaftlichen Sachkunde liest, drängt sich in der Regel der Eindruck auf, die Autoren hätten etwas viel geistartige Getränke zu sich genommen – womit wir beim aktuellen Beispiel wären.

Die Autorin, die Australierin Christina Munns, nennt sich Diplom-Homöopathin und behauptet von sich, sie hätte Entdeckungen veröffentlicht zu physikalischen Fragen wie „dunkle Materie/Energie, Quantengravitation, Supersymmetrie, kardiozentrische Kosmologie und ein vereinigtes M-Theorie-Modell“. Unfreiwillig komisch ist die Platzierung der „kardiozentrischen Kosmologie“ mitten im Satz – einen solchen Begriff gibt es in der Physik nämlich gar nicht. Bevor wir jetzt das Nobelkomittee anschreiben, sollten wir einen Blick auf ihren Artikel werfen, um abzuschätzen, ob eine Hoffnung besteht, dass Frau Munns weiß, was ihre aufgelisteten Begriffe eigentlich bedeuten. Spoiler-Alarm: Es sieht nicht gut aus…

Die Grundidee von Frau Munns‘ Artikel ist, dass die Information der Ausgangssubstanz übertragen wird durch das Besetzen höherer Energiezustände in den Atomen der Lösung.

Elektronen befinden sich in einem Atom oder Molekül in bestimmten Energiezuständen, die auch als Schalen oder Orbitale bezeichnet werden und in den Anfängen der Quantenmechanik für Bahnen gehalten wurden, auf denen die Elektronen kreisen sollten. Führt man einem Elektron Energie zu, dann kann es in einen höheren, angeregten Energiezustand (auf eine äußere Schale oder in ein größeres Orbital) gehoben werden und je nach Energie und Art des Atoms oder Moleküls für eine kurze Zeit dort verweilen, bis es die Energie wieder abstrahlt und in den Grundzustand zurückfällt. In solchen höheren Energiezuständen sieht Frau Munns also die Information der Ursubstanz auf eine homöopathische Verdünung übertragen. Auch wenn Frau Munns immer von Atomen schreibt, soll es sich also offensichtlich um die Energiezustände von Wassermolekülen handeln, denn etwas anderes (insbesondere irgendwelche einzelnen Atome) kommt in der Lösung nach dem Verdünnen ja nicht mehr vor. Dabei schreibt sie ausführlich über die Bezeichnungen dieser Energiezustände, die sie offensichtlich von einigen Physiklernseiten im Internet abgeschrieben hat. Beim Versuch, ihren Mechanismus so zu erklären, verstrickt sie sich allerdings in eine Kette von Problemen, aus denen überdeutlich wird, dass sie das, wovon sie da schreibt, schlicht nicht verstanden hat.

Problem 1: Sie behauptet erst einmal, die höheren Energiezustände würden durch das Verschütteln besetzt, denn durch das Verschütteln würde den Elektronen Energie zugeführt. In Wirklichkeit ist die Energie, die man braucht, um Elekronen in höhere Energieniveaus zu bringen etwa in der Größenordnung der Energien, die in chemischen Reaktionen umgesetzt werden. Vergleichen Sie einfach mal die Energie, die Sie brauchen, wenn Sie 100 Milliliter Wasser schütteln, mit der Energie, die frei wird, wenn Sie 100 Milliliter Benzin verbrennen oder die Sie brauchen, um 100 Milliliter Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff aufzuspalten. Vergleichen Sie es gedanklich – probieren Sie es bitte nicht aus! Kleiner Tip: Mit den 100 Millilitern Benzin fährt ein Auto ungefähr 1500 Meter weit. Beim Verschütteln wird die Energie aber auch viel zu zufällig (und damit als Wärme) auf alle Wassermoleküle verteilt: Würde man dem Wasser durch sehr intensives Schütteln extrem viel Energie zuführen, dann würden die Wassermoleküle einfach verdampfen und nicht angeregt werden. Man kann auch sehen, dass das nicht funktioniert: Wenn man die Elektronen von Wassermolekülen durch Schütteln in angeregte Zustände bringen könnte, dann müsste Wasser bei sehr intensivem Schütteln anfangen zu leuchten. Das hat offensichtlich irgendwann jemand versucht, Frau Munns zu erklären, denn an anderer Stelle in ihrem Text schreibt sie nun, durch das Schütteln würde Sauerstoff mit dem Wasser vermischt, so dass dessen Elektronen die höheren Zustände besetzen. Das bringt uns direkt zu…

Problem 2: Frau Munns ist nach ihrem Text offenbar nicht klar, dass es ein Unterschied ist, ob höhere Energiezustände durch die Anregung von Elektronen aus niedrigeren Zuständen desselben Moleküls besetzt werden oder durch zusätzliche Elektronen aus anderen Molekülen. Tatsächlich schreibt sie, mit jedem Verdünnungsschritt würden zusätzliche Zustände besetzt. Elektronen sind aber negativ geladen, und die Zahl der Elektronen, die ein Molekül im neutralen Zustand enthält, ist durch die positiven Ladungen in den Atomkernen festgelegt. Die Moleküle müssten also immer stärker ionisiert, also negativ aufgeladen werden. Das Wassermolekül H2O kann jedoch nicht einmal ein einziges zusätzliches Elektron an sich binden. Wenn Wasser Ionen bildet, spaltet es sich in ein positives H+ und ein negativ geladenes OH – die Zahl der Elektronen ist in der Summe also immer noch konstant. Selbst Atome oder Moleküle, die mit Elektronen von außen negativ geladene Ionen bilden, tun das nur mit einer genau festgelegten Zahl von Elektronen, meist einem oder zwei. Zusätzlich angebotene Elektronen würden einfach nicht aufgenommen und hätten somit überhaupt keinen Effekt.

Problem 3: Sauerstoff gibt gar keine Elektronen ab – im Gegenteil. Wenn ein Atom oder Molekül ein Elektron an ein anderes abgibt, dann ist das eine chemische Reaktion, eine sogenannte Redoxreaktion. Molekularer Sauerstoff gehört zu den Stoffen, die in solchen Reaktionen am stärksten Elektronen aufnehmen – er gibt aber ganz sicher keine ab.

Problem 4: Was hat das Ganze mit der Ausgangssubstanz zu tun? Unabhängig davon, dass Sauerstoff keine Elektronen abgibt und Wasser keine aufnimmt, soll durch den behaupteten Prozess ja die Information von der Ursubstanz auf die Verdünnung, letztlich auf reines Wasser, übertragen werden. Die Ursubstanz kommt in der behaupteten Reaktion aber gar nicht vor. Und ehe ich Frau Munns hier auf irgendwelche Ideen bringe: Nein, Hundescheiße ist auch kein geeigneter Katalysator, um Elektronen von Sauerstoff- zu Wassermolekülen zu übertragen.

Problem 5: Welche Information soll da gespeichert sein? Frau Munns behauptet, ein Elektron könnte unendlich viele angeregte Zustände einnehmen. Sie erklärt dazu, die Zustände, die im nicht angeregten Zustand nicht von Elektronen besetzt sind, entsprächen denjenigen Verdünnungen, in denen kein Molekül der Ursubstanz mehr enthalten ist. Was unter dieser Entsprechung zu verstehen ist, erklärt sie nicht. Der einzige aus ihrem Text erkennbare Zusammenhang ist: Eine Besetzung dieser Zustände existiert in der Natur nicht, und der Wirkstoff existiert in der Verdünnung nicht, also muss beides dasselbe sein.

Problem 6: Wieviel Information soll so ein angeregtes Elektron speichern können? In den Anregungen der Wassermoleküle müsste ja zumindest irgendwie codiert sein, welche der zigtausend homöopathischen Ausgangssubstanzen denn verwendet wurde. In einem bestimmten angeregten Zustand eines Atoms oder Moleküls kann aber nur entweder ein Elektron oder kein Elektron sein. Wäre die Anzahl der im Prinzip verfügbaren Elektronen also beliebig, dann könnte man dennoch in jedem Zustand nur eine ja/nein-Information, also ein Bit, speichern. Frau Munns behauptet dazu, pro Atom seien unendlich vieler solcher angeregten Zustände denkbar, die jeweils eine solche Information tragen könnten. Rein rechnerisch stimmt das, aber der höchste denkbare Anregungszustand wäre natürlich, dass das Elektron sich ganz aus dem Atom löst und frei herumfliegt. Je höher der Anregungszustand, desto kleiner der Unterschied zu einem freien Elektron. Durch Unschärferelation und Tunneleffekt würde kein Elektron sehr lange in einem solchen extrem hohen Anregungszustand bleiben, sondern einfach davonfliegen, womit eine darin gespeicherte Information verloren wäre. Und damit sind wir auch schon bei…

Problem 7: Die Lebensdauer dieser Information. Offenbar auf Grund von Kritik an früheren Versionen des gleichen Textes spricht Frau Munns selbst das Problem an, dass Elektronen, die in höhere Zustände angeregt wurden, von allein nach kurzer Zeit wieder in den Grundzustand zurückfallen würden. An dieser Stelle nimmt sie also selbst offenbar wieder an, dass die höheren Zustände durch angeregte Elektronen aus dem eigenen Molekül besetzt werden und nicht wie zuvor erwähnt durch zusätzliche. Aus dem resultierenden Dilemma redet sie sich heraus, indem sie erklärt, die Energie des Schüttelns (jetzt ist es wieder die Energie des Schüttelns, nicht die der Elektronen aus dem Sauerstoff) bliebe aufgrund des Energieerhaltungssatzes in den angeregten Elektronenzuständen erhalten. Vom Energieerhaltungssatz, der von Freie-Energie-Jüngern gerne mal ganz vergessen wird, kennt sie aber offensichtlich auch nicht mehr als den Namen. Sonst müsste sie wissen, dass dieser nur für abgeschlossene Systeme gilt, in die keine Energie hinein und aus denen keine heraus gelangen kann. Ein Wassermolekül im Wasser ist aber alles Andere als ein abgeschlossenes System: Es kann Energie nicht nur über elektromagnetische Strahlung aufnehmen und abgeben, sondern auch ganz direkt als Bewegung/Wärme an die umliegenden Moleküle. Der Versuch von Frau Munns, sich vor einem physikalisch gut begründeten Einwand zu retten, offenbart am Ende also nur ihren krassen Mangel an Grundlagenwissen.

Im letzten Satz schreibt Frau Munns: „Ich glaube, dieser neue Einblick in die Physik des Verschüttelungsprozesses wird zu dem Ziel beitragen, zweifelsfrei zu beweisen, dass homöopathische Medizin tatsächlich ein valides Medizinsystem ist, wenngleich auf Physik auf der Quantenskala basierend.“ Tatsächlich beweist ihr Text einmal mehr die absurden Verdrehungen von Physik, die Homöopathen beim Versuch bemühen, ihr noch absurderes Pseudomedizinsystem mit elementaren Naturgesetzen unter einen Hut zu bringen.

Immerhin muss man Frau Munns eines zugute halten: Aus ihrem Text ist deutlich zu erkennen, dass sie den hanebüchenen Unsinn, den sie verbreitet, tatsächlich auch selbst glaubt. Niemand, der absichtlich versuchte, seine Leser durch pseudophysikalische Phrasen und sinnfreie Gleichungen zu blenden, würde dermaßen erschreckende eigene Wissenslücken so offen zu Tage treten lassen.

 

Karl, mei‘ Trobbe – aber bitte nicht die von Karl Probst

„Karl, mei Trobbe!“ Als Skeptiker muss ich natürlich darauf aufmerksam machen, dass es höchst umstritten ist, ob Mama Hesselbach ihren berühmten Stoßseufzer jemals wirklich gesagt hat. Dass die Familie Hesselbach mir bis heute ein Begriff ist, obwohl die HR-Fernsehserie schon in meiner frühen Kindheit nur noch als Wiederholung lief, mag damit zu tun haben, dass auch mein Großvater eine kleine Firma hatte und von ihm in unserem Haus eigentlich immer nur als „der Chef“ gesprochen wurde. Der Ruf nach den Herztropfen ist aber nicht nur mir im Gedächtnis geblieben, sondern rund um Frankfurt 50 Jahre nach dem Ende der Serie immer noch ein geflügeltes Wort.

Karl, mei Trobbe. Das war auch so ziemlich das erste, was mir durch den Kopf ging, als ich anfing, mich mit den Behauptungen von Dr. med. Karl J. Probst zu beschäftigen. Nötig wurde das beim Versuch, dem Bürgermeister von Bergheim begreiflich zu machen, dass es keine gute Idee ist, die städtische Kongresshalle für einen Esoterikkongress mit vielfältigen Reichsbürger-Verbindungen zu vermieten. Karl Probst ist sicherlich einer der bizarrsten unter den Referenten, die für den Akasha-Congress angekündigt sind, wobei es mir fern liegt, eine Rangliste der Skurrilität innerhalb dieses Gruselkabinetts zu erstellen. Der Grund, warum er Jahre nach seiner Emigration nach Bolivien wieder auf Kongressen in Deutschland auftaucht, ist offenbar, dass er, wie er in einem Video, das uns hier noch beschäftigen soll, erklärt, eine Privatklinik in der Nähe von Dresden plant. Aktuell findet man ihn im Netz jedoch als Inhaber eines „Wellness-Energie-Zentrums“ in Trier.

Über Probsts politische Aktivitäten am rechten Rand habe ich schon im letzten Artikel geschrieben – das soll uns hier nicht noch einmal beschäftigen. Vielmehr möchte ich ein paar seiner Behauptungen ganz gezielt naturwissenschaftlich hinterfragen – vor allem solche, die auch sonst immer mal an den Rändern der Alternativmedizinszene auftauchen. Quantenquark im engeren Sinne ist nicht dabei: Ich habe den Eindruck, für eine Wiedergabe von Inhalten der Quantenphysik oder Relativitätstheorie, selbst in absurden Fehlinterpretationen, fehlt Probst schlicht das naturwissenschaftliche Verständnis.

Einen grundlegenden Überblick über die Inhalte, die Probst in letzter Zeit so verbreitet, hat die Kölner Skeptikerin Monika Kreusel für einen Artikel zusammengetragen, der bislang nur auf Facebook veröffentlicht ist und von dem ich hier als Einleitung zu Probst einige Passagen (natürlich mit ihrer Zustimmung) übernehmen möchte:

Am Wochenende nahm ich mir die Internetseite und einen Artikel über Biofilme vor, in welchem Dr. Karl J. Probst explizit neben Schwefel zur Darmsanierung Petroleum und Leichtbenzin empfiehlt. Ich habe also das Wochenende damit verbracht, mich über Biofilme zu informieren, deren tatsächliche mögliche Gefahren für die Gesundheit und die von diesem Naturheilarzt empfohlenen Behandlungsmethoden. Aber auch darüber hinaus habe ich recherchiert. Ich sah mich veranlasst dazu durch das auf seiner Internetseite eingefügte Video seines Interviews bei Jo Conrad, desweiteren wegen des Verweises auf Helmut Wandmaker und auch wegen einzelner Formulierungen in seinem Artikel über Biofilme in der von Helmut Wandmaker gegründeten Zeitschrift. Mal abgesehen von den Schreckensszenarien, die er zeichntet darin, so fragte ich mich, wessen Geistes Kind dieser Arzt eigentlich ist.

Bei dem Video handelt es sich um die folgende 50-minütige Interviewsendung des Reichsbürger-Aktivisten Jo Conrad mit Probst auf Conrads rechtsesoterischem Videoportal Bewusst.tv:

Wer viel Zeit und eine hohe Schmerztoleranz hat, kann sich das ansehen. Es ist… ach, man weiß nie, ob man lachen oder weinen, sich aufregen oder einfach resignieren sollte.

Nun will ich an dieser Stelle direkt zurück zu Dr. med. Karl Probst und dessen Vorstellungen zur Behandlung chronischer Krankheiten, wobei er wesentlich auch auf Darmsanierung und Entgiftung setzt. Bei der Darmsanierung empfiehlt er Schwefel, wobei er Paracelsus einen Pionier nennt. Das macht für mich deutlich, dass dieser Naturheilarzt, wie er sich selbst bezeichnet, gerne ungeachtet moderner evidenzbasierter Medizin auf alte Heilmethoden zurückgreift. Auch vor Paracelsus macht er dabei nicht halt.

Paracelsus wurde 1493 oder 1494 als Theophrastus Bombast von Hohenheim in Egg im Kanton Schwyz geboren und starb am 24.09.1541 in Salzburg. Seit 1529 nannte er sich Paracelsus. Zu seiner Zeit gab es unsere moderne Medizin nicht. Eigentlich ist es überflüssig, das ausdrücklich zu erwähnen.

Es befremdet mich daher, das heute in der Gegenwart ein Arzt auf Darmsanierung zur Behandlung von Krankheiten setzt, dabei Paracelsus als Pionier bezeichnet, während er den Gebrauch von Schwefel empfiehlt und das ganze im Kontext von Biofilmen. Paracelsus war zu seiner Zeit gewiss weit entfernt von Kenntnissen über Biofilme und wie mit ihnen umzugehen sei bei der Behandlung von Krankheiten.

Das ist allerdings nicht die einzige fragwürdige Therapie, für die Probst wirbt:

Zum letzteren wären die genannten fragwürdigen vermeintlich natürlichen Heilmethoden zu nennen. So lobt er Jim Humble für die als Mineral Miracle Supplement (MMS) bezeichnete bei Einnahme gefährliche Chemikalie Chlordioxid als „Therapie von Krankheiten aller Art“ und begründet dies mit der „antimikrobiellen Wirksamkeit“. Dieser Arzt erklärt allen Ernstes, diese ätzende und keinesfalls zur Einnahme geeignete und schon gar nicht als Arzneimittel zugelassene Chlorbleiche sei, ich wiederhole es, eine Therapie von Krankheiten aller Art. Dabei spricht er auch selbst das Verbot von MMS in Europa und in den USA an, nicht etwa zum Schutz vor Vergiftungen und Verätzungen, sondern als Hilfe für die Medizinindustrie, wie er meint. Das sah das Landgericht Hildesheim im vergangenen Herbst anders, als es jemanden wegen des Verkaufs von MMS zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilte.

Eine weitere Methode, die sehr wohl unter Umständen, bei Arteriosklerose nämlich, gefährlich werden kann, ist die Chelat-Therapie, von der er behauptet, diese habe sich seit Jahrzehnten bewährt im naturheilkundlichen Bereich „bei allen Arten chronischer und invalidisierender Erkrankungen“. Da sind wir eindeutig bei der Pseudomedizin. Es gibt eine einzige wirkliche medizinische Indikation für eine Chelat-Therapie mit EDTA und zwar eine schwere (!) nachgewiesene Vergiftung durch Schwermetalle.

Eine solche Behandlung ist aufwendig, langwierig und teuer. Das weiß auch Dr. med. Karl J. Probst, womit ich dann gleich auch zum Petroleum komme.

„Allerdings benötigt die Chelattherapie therapeutische Begleitung durch einen Arzt oder Heilpraktiker und ist zudem sehr teuer. Deshalb sollen nachstehend einige weitere höchst wirksame Therapien angegeben werden, die jedermann zu Hause allein durchführen kann ohne auf Therapeuten irgendwelcher Art angewiesen zu sein. Es ist sozusagen die Hohe Schule der Befreiung vom gesamten Medizinsystem. “

[…]

„Allerdings wirken die Erdölprodukte wie Petroleum oder Leichtbenzin noch schneller als Schwefel, vermutlich durch die direkte Zerstörung der Biofilme der Mikroorganismen, und können daher als Panazee, also als Universalheilmittel, bei Erkrankungen aller Art wirksam sein.“

Nun habe ich aber genug zitiert und möchte auf ein paar der von Probst propagierten Ideen etwas genauer eingehen. Dass er gleich von mehreren Therapien behauptet, sie seien zur Behandlung buchstäblich aller Krankheiten geeignet, ist für jemanden, der Medizin studiert haben soll, natürlich schon haarsträubend genug, aber ein paar Punkte aus seiner Gedankenwelt lohnen schon einen genaueren Blick. Dazu hangele ich mich der Einfachheit halber (mit Zeitmarken) an seinem Interview mit unserem alten, äh… Freund Jo Conrad entlang:

  • Die berühmte Übersäuerung: (5:00) „pH-Wert von 0 bis 7 ist sauer, das ist eben nicht gesund, da kann Krankheit überhaupt sich ansiedeln. pH-Werte von 7 bis 14 sind alkalisch, und das hat sich inzwischen selbst in der Schulmedizin herumgesprochen, dass der pH-Wert des Körpers von Bedeutung für die Gesundheit ist.“ Wer, wie offenbar Herr Probst, Zweifel daran hat, dass ein zu hoher pH-Wert für den Körper genauso schädlich ist wie ein zu niedriger, möge sich bitte vor Augen führen, was Abflussreiniger – pH-Wert 14 – aus den im Küchenabfluss steckengebliebenen Lebensmittelresten macht. Ansonsten regelt unser Stoffwechsel den pH-Wert praktisch überall im Körper mit hoher Genauigkeit selbst. Das ist auch notwendig, weil eben viele chemische Reaktionen nur im richtigen pH-Bereich in der notwendigen Form und Geschwindigkeit ablaufen. Das tut der Körper sehr effektiv. Nahrung zum Beispiel wird bei der Verdauung zunächst durch die Magensäure auf pH-Werte um 2 gebracht, dann neutralisiert und hat dann im Darm einen basischen pH-Wert von ungefähr 8. Kurzfristige Schwankungen sind zum Beispiel in Muskeln möglich, wenn bei starker Beanspruchung zu wenig Sauerstoff im Muskel ankommt und die Muskelfasern als kleine Energiereserve eine chemische Reaktion nutzen, bei der Milchsäure produziert wird. Das spürt man als brennenden Muskelschmerz bei Überlastung (nicht etwa später als Muskelkater – der hat offenbar mit der Milchsäure nichts zu tun). Dagegen hilft: Belastung reduzieren, Atmen. Sobald genügend Sauerstoff vorhanden ist, wird die Milchsäure langsam wieder abgebaut. Deutlich schlimmer ist es, wenn der Säuregehalt im Blut nicht mehr richtig geregelt werden kann. Eine solche metabolische Azidose tritt als Folge schwerer Erkrankungen (unbehandelter Diabetes, Nierenversagen, akute Vergiftungen, extremer Durchfall) auf und ist ohne sofortige Behandlung lebensbedrohlich.
    Die zur Zeit allgegenwärtige „Übersäuerung“ hingegen ist eine Modediagnose der Heilpraktikerszene. Pardon, „Diagnose“ sollte man in diesem Kontext unbedingt in Anführungszeichen setzen, denn mit einer einer Diagnose wie in der seriösen Medizin hat das nichts zu tun. „Die Symptome einer langsam entstandenen Übersäuerung sind vielfältig und nicht sehr spezifisch,“ ist dazu auf einschlägigen Seiten wie www.saeure-basen-ratgeber.de zu lesen. Vorsichtshalber wird dazu auch gleich angemerkt, dass eine tatsächliche Messung des pH-Werts im Blut durch den Arzt (aus den oben genannten Gründen) sehr wahrscheinlich keine Abweichung anzeigt. Stattdessen wird zum Führen eines Ernährungstagebuchs geraten, in dem Nahrungsmittel nach einer Tabelle in Säurebildner und Basenbildner eingeteilt werden – andere Seiten verwenden etwas offener gleich die bezeichnenden Begriffe Gut und Böse. Die entsprechenden Tabellen sind auch einigermaßen bizarr: Es fehlen nicht nur jegliche quantitativen Angaben (woher sollten die auch stammen?), auch die Zuordnung der Lebensmittel zur einen oder anderen Seite wirft Fragen auf. Was saurer Rhabarber oder Sauerampfer bei den „basischen“ Lebensmitteln zu suchen haben, kann man ja eventuell noch dadurch erklären, dass sie angeblich zu irgendwas Basischem verstoffwechselt werden, aber „Wilde Kräuter“??? Für die basenfastenden Heilpraktiker wirken offenbar alle Kräuter gleich. Kleiner Spoiler zu den Tabellen noch: Alles, was man für gewöhnlich gerne isst, ist natürlich böse. Schokolade ist nach der einen Tabelle selbstverständlich böse, nach der anderen zwar säurebildend, aber trotzdem gut – aber nur, wenn sie selbst hergestellt ist. Entstanden sein sollen die Tabellen durch die Messung des pH-Werts im Urin nach dem Verzehr der jeweiligen Lebensmittel. Da der Urin eben die Reststoffe abführt, die übrig bleiben, nachdem der Körper unter anderem seinen pH-Wert stabisiert hat, und da der Körper auch keinen Grund hat, den Säuregehalt dessen zu regeln, was er ohnehin ausscheidet, verwundert es nicht, dass der pH-Wert dort je nach Nahrung etwas schwanken kann. Um so unklarer ist aber, wozu es gut sein soll, ausgerechnet einen basischen Urin zu haben – leicht saurer Urin schützt nämlich vor Blasenentzündungen, weshalb man die, wenn sie häufiger auftreten, auch mit harnansäuernden Mitteln behandelt. Ein basischer Urin (allerdings auch ein extrem saurer) begünstigt auch die Bildung von Nierensteinen.
    [5.11.2019 Da der Artikel offenbar immer noch gerne gelesen wird, füge ich hier mal eine wunderschöne aktuelle Illustration zur Selbstregulierung des pH-Werts im Körper vom skeptischen Kiwi ein:]

    Probst hat für das nicht existierende Problem der Übersäuerung auch gleich eine Rosskur parat und empfiehlt (5:54) schlicht die Einnahme von Natron. Natron wurde früher gegen Sodbrennen verwendet. Es ist (ausnahmsweise tatsächlich) basisch und neutralisiert die Magensäure. Dabei enststeht allerdings Kohlendioxid, was nicht nur zu Blähungen führen, sondern auch das Sodbrennen verstärken kann. Außerdem kann Natron die Magenschleimhaut schädigen, weshalb man heute lieber Mittel verwendet, die die Bildung neuer Magensäure reduzieren.
  • Elektronen und das Redoxpotential: (ab 5:22) „Wir brauchen viele Elektronen, freie Elektronen in einem System, alle Stoffwechselvorgänge brauchen Elektronen.“ Probst erklärt hier, wir bräuchten für unsere Stoffwechselvorgänge Stoffe mit einem negativen Redoxpotential, die also in chemischen Reaktionen Elektronen abgeben oder, anders ausgedrückt, oxidiert werden können. Da hat er Recht. Oxidiert werden können in unserem Stoffwechsel vor allem Kohlenhydrate, Fette und Eiweiße. Wenn man das pseudophysikalische Geschwafel weglässt, sagt Probst hier also folgendes: Damit unser Stoffwechsel funktioniert, brauchen wir Nahrung. Immerhin, das hat er verstanden.
    Dann (7:00) ist es mit der Nachvollziehbarkeit seiner Argumentation allerdings auch wieder vorbei. Um Elektronen aufzunehmen, empfiehlt er nämlich auch Barfußlaufen in feuchtem Gras oder am Strand. Die Erde sei nämlich ein großer Kugelkondensator, an desssen Oberfläche wir über die Fußsohlen Elektronen aufnehmen. Nein, Herr Probst: Der Erdboden ist, wie schon aus dem Begriff hervorgeht, geerdet. Die Luftionisatoren, die er gleich im Anschluss anpreist, sollen uns auch Elektronen zuführen, die den gleichen Zweck erfüllen sollen wie die, die wir mit der Nahrung zu uns nehmen. Nun mag es stimmen, dass negativ geladene Ionen, das man zum Beispiel einatmet, Elektronen abgeben. Das passiert allerdings nicht in Form einer Redox-Reaktion, sondern die Elektronen erzeugen schlicht eine statische Aufladung, und sobald man eine leitende Verbindung zum Erdboden hat, fließen sie dorthin ab. Der Sinn von Luftionisatoren ist einfach nur, Staubpartikel statisch aufzuladen, so dass sie sich schneller absetzen.
    Als nächstes (9:30) erklärt Probst dann, dass Zucker (natürlich) schädlich ist, und widerspricht damit genau seiner Argumentation von eben, denn Zucker kann der Körper sogar ganz hervorragend oxidieren.
  • Schwefel zur Darmsanierung (ab 10:27): Zu sogenannten Darmsanierungen kursiert im Moment mal wieder aller möglicher Unsinn. Probsts weitgehendes Alleinstellungsmerkmal dabei ist seine Schwefelkur. Zunächst mokiert sich Probst über Warnungen vor der Gefährlichkeit von Schwefel, und Interviewer Jo Conrad probiert dazu plakativ auch gleich eine Fingerspitze voll Schwefel direkt aus der Tüte.  (15:00) Dieser Schwefel tötet laut Probst gezielt genau die bösen Darmbakterien ab, die angeblich die Darmwand durchlöchern, so dass unverdaute Speisen ins Körperinnere gelangen können. Dieses sogenannte Leaky-Gut-Syndrom (löchriger Darm) ist eine derzeit häufig präsentierte Begründung für „Darmsanierungen“, wobei zu einer schlüssigen Diagnose ebenso wenig zu finden ist wie zu belastbaren Nachweisen, dass diese Krankheit überhaupt existiert. Mit dem angeblichen Leaky Gut sollen durch den Schwefel auch „alle anderen Beschwerden, bis hin zur multiplen Sklerose, auch Krebs“ sowie Rheuma und chronische Müdigkeit zurückgehen. Ein diagnostisches Mittel, um zu erkennen, wann man die Behandlung abgeschlossen hat, nennt Probst auch: „Solange es unanständig riecht, wissen Sie, da brauchen Sie gar keinen Doktor, keine Darmspiegelung, keine Stuhluntersuchung, nichts, da wissen Sie, o Weh, o Weh, da sind noch Bösewichter, die noch weg müssen.“ (13:50)
    Nun riechen aber bekanntermaßen menschliche Fäkalien und die in gleicher Richtung entweichenden Gase eigentlich immer unangenehm. Grund dafür sind vor allem die Schwefelatome, die in den Eiweißmolekülen unserer Nahrung vorkommen. Wenn das Eiweiß (vom Körper oder von Darmbakterien) als Energie verwertet wird, bleibt dieser Schwefel in Form einfacher Verbindungen wie Schwefelwasserstoff oder Schwefeldioxid übrig und entweicht dann mit den bekannten olfaktorischen Showeffekten. Wir haben in unserem Verdauungstrakt also ohnehin ständig einen Überschuss an nicht verwertetem Schwefel. Zusätzlich noch etwas elementaren Schwefel zuzuführen, kann daher die stinkenden Gase allenfalls noch etwas vermehren. Deswegen steht im Sicherheitsdatenblatt  von Schwefel auch nicht etwa, dass der Stoff giftig sei, sondern dass man nach Verschlucken lediglich den Mund ausspülen und nur im Fall von Unwohlsein einen Arzt anrufen solle. Immerhin ist beim Verschlucken größerer Mengen unter Umständen mit Blähungen zu rechnen, die in diesem Fall auch für sich in der Nähe aufhaltende Personen besonders unangenehm sein könnten. Womit Probst die angeblich wunderbare, selektive Wirkung seines Schwefels ausgerechnet auf die angeblich die Darmwand durchlöchernden Bakterien nachgewiesen haben will, bleibt hingegen im Dunkeln. Plausibel ist sie angesichts des ohnehin im Darm schon im Überfluss vorhandenen Schwefels jedenfalls nicht.
  • Petroleum, Benzin und Terpentin als Heilmittel: Ab 20:00 erklärt Probst zur Giftigkeit seiner Heilmittel: „Alles, was uns irgendwie madig gemacht wird […] immer das Gegenteil denken!“ Als Beispiele nennt er neben seinem Schwefel auch Petroleum und Terpentin und verweist auf einen eigenen Artikel, in dem er zur Einnahme von Schwefel, Petroleum und Leichtbenzin erklärt: „Jedermann kann sich im Internet über diese Therapien selber informieren und auf eigene Verantwortung einen Therapieversuch starten.“ Das empfiehlt er „als Universalheilmittel, bei Erkrankungen aller Art“ und erklärt: „Es ist sozusagen die Hohe Schule der Befreiung vom gesamten Medizinsystem.“
    Wie schädlich sind diese Stoffe, die uns da „madig gemacht“ werden, also tatsächlich? Über Benzinvergiftungen gibt es viele Quellen, aber sucht man im Internet nach Informationen über die Giftigkeit von Petroleum, findet man – erst einmal nicht viel, weder in der einen noch in der anderen Richtung. Das liegt vor allem daran, dass einerseits heute kaum mehr jemand in seinem Alltag mit Petroleum in Kontakt kommt, anderseits auch kaum ein geistig gesunder Mensch von sich aus auf die Idee kommen würde, die stinkende Brühe zu trinken. Im Sicherheitsdatenblatt findet sich immerhin die Information: „Kann bei Verschlucken und Eindringen in die Atemwege tödlich sein“ sowie der toxikologische Hinweis: „Einatmen konzentrierter Dämpfe sowie orale Aufnahme führen zu narkoseähnlichen Zuständen und zu Kopfschmerzen, Schwindel, etc.“ Das meint Probst wohl mit „madig machen“.
    Ausführlichere Hinweise findet man im Netz vor allem zu Lampenöl – aber das ist nicht dasselbe wie Petroleum, obwohl es in Wikipedia anders steht und man auch heute noch gelegentlich von Petroleumlampen spricht. Lampenöl ist (seit es nicht mehr parfümiert werden darf, um die Gefahr des Verschluckens durch Kinder zu reduzieren) in der Regel reines Paraffinöl. Paraffinmoleküle sind Ketten von Kohlenstoffatomen, die rundum vollständig von Wasserstoffatomen gesäumt sind. Paraffine sind bei entsprechender Erhitzung brennbar, aber ansonsten so reaktionsträge, dass sie, einmal glücklich im Magen angelangt, den Verdauungstrakt in kleineren Mengen weitgehend wirkungslos und unverändert durchlaufen. (Ihren liebsten „wie geschmiert“-Witz können Sie hier gerne selbst einsetzen.)
    Von Paraffinöl geht aber, wie auch von den drei oben genannten Substanzen, eine Gefahr aus, die mit unmittelbarer Giftigkeit eigentlich nichts zu tun hat: Bei solchen sehr dünnflüssigen Ölen (Speiseöle sind in der Regel viel dickflüssiger) kann der Kehldeckel nicht verhindern, dass beim Schlucken Teile der Flüssigkeit in die Luftröhre geraten. Da die Schutz- und Transportmechanismen der Atemwege auch nicht geeignet sind, solche Öle wieder auszuwerfen, können sie sich bis in die Lunge ausbreiten und dort eine unter Umständen tödliche Lipidpneumonie (auch das Hauptrisiko für Artisten beim Feuerspucken) auslösen. Bei Kindern, die von Lampenöl getrunken haben, soll eine Lipidpneumonie in 40 Prozent aller Fälle vorkommen. Bei Erwachsenen wird beim Schlucken von 25 Millilitern (also einem guten Schnapsglas) solcher Öle von der Gefahr schwerer Lungenschäden ausgegangen. So viel Petroleum, Terpentin oder Benzin werden hoffentlich auch Probsts Anhänger nicht auf einmal zu sich nehmen. Da diese Substanzen aber kaum verdunsten, können sie sich bei längerfristiger Einnahme auch in der Lunge anreichern.
    Petroleum, auch „gereinigtes“ Petroleum (Oleum Petrae album rectif.), besteht aber eben nicht nur aus Paraffinöl, sondern ist ein buntes Gemisch von so ziemlich allem, was im Erdöl vorkommt und bei Temperaturen zwischen 160 und 280 Grad verdampft. Es enthält also letztlich alles, was in der Raffinerie zwischen dem leichteren Benzin und dem schwereren Diesel oder Heizöl anfällt. Damit enthält Petroleum unter anderem auch alle Bestandteile des Kerosins Jet A-1, das als Standardtreibstoff für Verkehrsflugzeuge eingesetzt wird. Häufig werden die Begriffe Petroleum und Kerosin auch als gleichbedeutend verwendet, obwohl bei der Gewinnung von Kerosin für Flugzeuge eine niedrigere Obergrenze der Verdampfungstemperatur gewählt wird. In Kerosin ist also nur ein Teil dessen enthalten, was alles im Petroleum steckt. Ein großer Teil dieses Gemischs besteht tatsächlich aus Paraffinen und den ähnlich reaktionsträgen Cycloalkanen, es enthält aber auch ringförmige Strukturen von Kohlenstoffatomen mit weniger Wasserstoffatomen, sogenannte Aromate. Diese Aromate verursachen unter anderem den typischen Benzin- und Ölgeruch, sind zum großen Teil giftig und vor allem krebserregend. Das bekannteste Aromat im Petroleum ist Naphthalin, das inzwischen nicht einmal mehr in Mottenkugeln verwendet wird und aus Fußböden oder Dämmstoffen die Luft in vielen öffentlichen Gebäuden vor allem der ehemaligen DDR verpestet. Im Benzin, das Probst ja ebenfalls zum Selbstversuch empfiehlt, ist vor allem das giftige und krebserregende Benzol enthalten.
    Mit Terpentin meint Probst vermutlich Terpentinöl, denn das eigentliche Terpentin,  frisches Harz, aus dem dieses Öl destilliert wird, wird kaum jemand trinken wollen. Die genaue Zusammensetzung variiert je nach angezapfter Baumart. Als ätherisches Öl hat Terpentinöl mit den anderen genannten Substanzen wenig gemeinsam und wird in der seriösen Pflanzenheilkunde durchaus verwendet, allerdings äußerlich zum Einreiben.  Dennoch kann es Hautreizungen und beim Einatmen der Dämpfe Entzündungen der Atemwege auslösen. Früher wurde es auch als Farbverdünner und Pinselreiniger verwendet, später aber aus Kostengründen durch Universalverdünner aus Mineralöl, sogenannten Terpentinersatz, verdrängt – womit wir wieder beim Benzin wären.
    Karl, mei Trobbe!
  • Die bösen Biofilme: Die Begründung, die Probst dafür liefert, dass man Petroleum trinken solle, sind angeblich gefährliche Biofilme im Darm. Biofilme sind dünne, schleimige Schichten an Oberflächen von Flüssigkeiten oder Festkörpern, in denen gleiche oder unterschiedliche Mikroorganismen (Bakterien, Algen, Pilze, Einzeller) jeweils eine Lebensgemeinschaft bilden. Im Biofilm ist die Vermehrung und Fortbewegung der Mikroorganismen gebremst und das Nahrungsangebot begrenzt; dafür bietet die Schicht einen gewissen Schutz vor dem Immunsystem sowie vor chemischen Bedrohungen wie Antibiotika oder sogar Desinfektionsmitteln. Andererseits ernähren sich bestimmte Schnecken, Fische und Krebstiere dadurch, dass sie gezielt Biofilme abweiden. Biofilme sind aber nicht nur biologisch relevant, sondern können zum Beispiel auch Fragen für den Denkmalschutz aufwerfen. Sie kommen fast überall vor und sind alles andere als eine neue Herausforderung für den Menschen: Seit Beginn der Evolution der Tiere existieren Biofilme um uns herum, auf uns und in uns, und möglicherweise sind auch die Zellen höherer Lebewesen ursprünglich aus Biofilmen entstanden. Anders als gelegentlich behauptet wird, sind sie auch keine neue Entdeckung. Zahnbelag, Pilzinfektionen auf Schleimhäuten, Algenteppiche auf Gewässern und so weiter sind seit Jahrhunderten bekannt. Neu ist nur, dass man alle diese Phänomene seit den 1990er Jahren unter einem gemeinsamen Blickwinkel und eben dem Begriff Biofilm betrachtet. Dadurch bietet sich diese scheinbar neue Entdeckung natürlich dafür an, mit dem Begriff allerlei Schindluder zu treiben. Wie wenig Ahnung Probst von Biofilmen hat, beweisen Aussagen wie: „Der Biofilm hat eine Polarität, und zwar ist er negativ geladen.“ Das ist nicht nur physikalisch Unsinn – die Wahrheit wäre sehr einfach in entsprechenden Studien nachzulesen gewesen.
    Da im Darm nicht nur einige möglicherweise ungewollte, sondern auch die lebensnotwendigen Mikroorganismen in Biofilmen vorkommen, wäre es jedenfalls definitiv nicht wünschenswert, alle Biofilme im Darm aufzubrechen, wie es Probst dem Petroleum (ungerechtfertigterweise) zuschreibt. Es gibt sogar den Ansatz, durch spezielle Gelatine gezielt solche Biofilme im Darm zu fördern, die die Ansiedlung schädlicher Colibakterien hemmen sollen.
    Nebenbei empfiehlt Probst gegen Biofilme und „zur erfolgreichen Therapie von Krankheiten aller Art“ auch noch die berüchtigte Chlorbleiche MMS. Einer der zwei Hauptbestandteile von MMS, Chlordioxid, wird tatsächlich erfolgreich eingesetzt, um Biofilme von Legionellen zu bekämpfen – die findet man allerdings in der Form nicht im Menschen, schon gar nicht im Darm, sondern in Rohrleitungen.
    Grundsätzlich ist aber festzuhalten, dass alle therapeutisch versuchten Einflussnahmen auf die Darmflora Eingriffe in ein hoch komplexes, bis heute nur in Teilen verstandenes aber zum Glück weitgehend selbststabilisierendes System sind. Was dabei genau unter welchen Bedingungen wie wirkt, muss jeweils nach wissenschaftlichen Grundsätzen in randomisierten, prospektiven, placebokontrollierten Interventionsstudien nachgewiesen werden, bevor man damit auf Patienten losgeht. Für die Rosskuren, die Probst und Konsorten propagieren, fehlen solche Nachweise natürlich völlig.

Weiter hinten im Video behauptet Probst dann auch noch, Algenkapseln (die mit seinem Namen verkauft werden) könnten Gifte aus dem Bindegewebe lösen (um 30:00). Danach (um 40:00) stellt er noch einmal seine, äh, besonderen naturwissenschaftlichen Kenntnisse zur Schau, indem er erklärt, wenn Heilerde zu fein vermahlen würde, könnten dadurch die enthaltenen Aluminiumatome aus dem Kristallgitter herausgelöst werden. Ich erlaube mir, mich und den Leser mit Details wenigstens zu diesem Unsinn zu verschonen.

Wie gut, dass sich Herr Probst nach eigener Aussage nicht mit esoterischem Geschwafel beschäftigen will: „Mich interessiert nur die wissenschaftliche Primärliteratur!“ (10:20) Vielleicht sollte er erst mal mit Lehrbüchern anfangen. Ich könnte da was empfehlen:

Mal wieder ein Schwurblerkongress in einer öffentlichen Einrichtung

In den letzten Jahren musste ich mich ja schon mehrfach darüber aufregen, dass Kongresse mit Inhalten von Quantenheilung über Verschwörungstheorien bis Reichsbürgerpropaganda in von Steuergeldern gebauten Stadthallen und Konferenzzentren stattfinden durften.

Dieses Jahr ist es mal wieder soweit – mit dem dritten derartigen Kongress innerhalb von zwei Jahren in immer derselben städtischen Halle in Bergheim, weswegen ich dieses Mal einen offenen Brief an den Bürgermeister verfasst habe, für den ich auf die Schnelle 26 Mitunterzeichner gefunden habe – von Bürgern aus der Region bis zu Europas wohl renommiertestem Professor für Alternativmedizin.  Ein paar Hintergrundrecherchen gab es für die Kommune auch noch. Mal sehen, was daraus wird.

Offener Brief Bürgermeister Bergheim

Recherchen Akasha-Congress

Update 25.1.18: Inzwischen gibt es eine Reaktion der Stadt, in bester Tradition dessen, was man in Amerika als CYA (cover your ass) bezeichnet… nur leider ohne das eigentliche Problem zu erkennen.

Man könnte ja sagen, in so einer Situation könnte man auch die Stadt erst einmal vertraulich auf die problematische Veranstaltung aufmerksam machen, ehe man an die Öffentlichkeit geht. Leider zeigt unsere Erfahrung mit ähnlichen Veranstaltungen in Hessen, dass man da nicht einmal als örtlicher Bürger eine vernünftige Antwort erhält. Zudem ist die Stadt Bergheim ja sozusagen Wiederholungstäter, und Proteste gab es schon gegen den Quer-Denken-Kongress dort 2016.

Vordergründig handelt es sich beim Akasha-Congress um eine reine Altenaivmedizinveranstaltung ohne offensichtliche politisch extremistische Inhalte. Nicht, dass der medizinische Unsinn nicht schlimm und gefährlich genug wäre. Eine Frau Grünberg hält einen Vortrag mit dem Titel: „Brustkrebs mit Metastasen – na und?“.  Der Heilpraktiker Rainer Körner vermarktet sein „BioLogisches Heilwissen“, das er, wie er auf seiner eigenen Homepage schreibt, aus Ryke Geerd Hamers Germanischer Neuer Medizin entwickelt hat. Gleich drei Referenten kommen aus der MMS-Szene: Ätzende Bleichmittel als angebliche Medizin. Dazu ist vom GWUP-Blog bis zu Publikumsmedien und Behörden inzwischen so viel geschrieben worden, dass ich mir das an dieser Stelle denke ich sparen kann – auch wenn man beim Kopp-Verlag Bücher bestellen kann, die meinen, auch da ginge Probieren über Studieren. Klar, man kann auch probieren, ob es wirklich gefährlich ist, an eine Hochspannungsleitung zu fassen… aber halt nur einmal. Die Kongressreferentin Kerri Rivera praktiziert übrigens eine Form von MMS-Wahn, die ich immer für aufgebauschte Einzelfälle einiger Verwirrter gehalten habe: In ihrer Klinik in Mexiko traktiert sie autistische Kinder mit Chlorbleiche-Einläufen. Und nur für den Fall, dass jemand in diesem Kontext den Quantenquark vermisst: Mit von der Partie ist natürlich auch wieder Enrico Edinger, dessen bizarre Ansammlung akademischer Titel von lustigen Instituten aus Russland jedes Jahr anders auszusehen scheint – vermutlich aus juristischen Gründen. Ob Edinger in seinem Verfahren wegen Betrugs und Titelmissbrauchs vor zwei Jahren eigentlich verurteilt worden ist, kann ich auf die Schnelle nicht herausfinden. Wie schon beim letzten Akasha-Kongress 2016 (auch in Bergheim) und bei Reichsbürger-Aktivist Michael Vogts Quer-Denken-Kongressen 2014, 2015 und 2016 (letzterer auch in Bergheim) und geplant auch für den Gießener WIR-Kongress 2016 erzählt Edinger von der Überlegenheit russischer Weltraummedizin. Er wird also wahrscheinlich mal wieder seinen ENKI Disconder vermarkten, den man sich zum Preis von 1800 Euro um den Bauch binden kann, um die Quanteninformationen seines Unterbewusstseins umzuprogrammieren. Vielleicht stellt er ja auch seine ENKI-Bandanahaube zum Preis von 180 Euro vor, über die im Shop irgendwas mit Infrarotstrahlung fabuliert wird und die wohl tatsächlich funktioniert – als Mütze jedenfalls.

Auch wenn es oberflächlich so aussieht, als wäre das alles – der Akasha-Congress hat auch eine Anzahl höchst bedenklicher politischer Bezüge. Aufgefallen ist mir das zugegebenermaßen selbst als erstes, weil mich das Webdesign irgendwie an den verhinderten WIR-Kongress in Gießen erinnerte, bei dem ja auch Reichsbürger-König Peter Fitzek eine Audienz zugesagt hatte, die er aber ohnehin nicht hätte geben können, weil er da schon im Knast saß.

Akasha-Congress:

WIR-Kongress:

Ja, der Motivations-Betz, der zu meistgefragen Themen bei Sekteninfo NRW gehört, ist auch wieder dabei, aber ich kann mich irgendwie nicht dazu bringen, den interessant zu finden. Da gibt es Schlimmeres.

Die Kongresswebsite schreibt selbst, dass die Moderatorin Vesna Kerstan ihre Karriere bei Jan van Helsings Verschwörungskanal secret.tv begonnen hat – ja, der van Helsing, dessen bekanntestes Buch jahrelang als volksverhetzend beschlagnahmt war. Referent Enrico Edinger berichtet auf der Seite seiner eigenen Firma, dass er schon auf einer Veranstaltung des Honigmanns gesprochen hat, der wegen seiner unbelehrbaren Vorliebe für nationalsozialistische Symbole gerade zur Zeit eine Haftstrafe absitzt. Auf den Referenten Karl Probst berufen sich nicht nur die Vertreter der Germanischen Neuen Medizin. Psiram berichtet noch über ein paar Leichen aus seinem Keller, die ich nach so langer Zeit leider nicht mehr nachrecherchieren kann. Er soll schon 2004 gegenüber seinen Patienten Reichsbürgerideologie vertreten haben (als die noch kaum einer kannte), und weil er demnach auch seine Steuern nicht zahlen wollte, soll es in einem Ermittlungsverfahren des bayerischen Staatsschutzes auch eine Hausdurchsuchung bei ihm gegeben haben. Darüber soll er sich dann auch noch im Neuschwabenlandforum des unfreiwilligen Verschwörungstheorie-Internetstars Dr. Axel Stoll ausgelassen haben. Anfangs- und Schlussredner des letzten Akasha-Kongresses 2016, auch in Bergheim, waren Jo Conrad und Michael Vogt, die Initiatoren der Reichsbürgerkongresse Aufbruch Gold-Rot-Schwarz. Gerade über Vogt habe ich hier ja eigentlich schon genug geschrieben. Die Akasha-Congress-Website verlinkt auch noch ein Video von Initiator Ali Erhan im Interview mit Jo Conrad auf dessen Kanal bewusst.tv und ein Video von Stein-Zeit.tv. Andere Gäste auf Stein-Zeit.tv dürfen regelmäßig über „Die Souveränitätslüge“ fabulieren, unwidersprochen behaupten, die Bundesrepublik Deutschland sei eigentlich kein Staat oder für den „Freundeskreis Heimat und Recht“ werben.

Bei Reichsbürgern hört der Spaß nun wirklich auf.

Wobei, die Akasha-Congress-Website verlinkt ja auch diverse Sendungen des Onlineradios Okitalk, und wenn ich auf youtube sehe, wie Okitalk noch im Januar 2018 Werbung für die vom Insolvenzverwalter zerfledderten Reste von Peter Fitzeks Königreich Deutschland macht, während der im Knast sitzt, muss ich doch wieder lachen.