Sucharit Bhakdi ist für Covid-19 nicht bloß kein Experte – es ist viel schlimmer

Eigentlich wollte ich zu Sucharit Bhakdi hier nichts schreiben. Anders als der kleinere Pseudoexperte der Schwurbelszene, Clemens Arvay, zu dem sich bis zu meinem Artikel hier so gut wie niemand von wissenschaftlich-kritischer Seite geäußert hatte (was sich inzwischen zum Glück ändert und sogar ein Stück weit auf Wikipedia niedergeschlagen hat), hat Bhakdi ja durchaus kritische Aufmerksamkeit bekommen. Anders gesagt, seine wirren Thesen zu Covid-19 sind schon seit März wieder und wieder und wieder und wieder auseinandergenommen worden. Eigentlich muss jetzt nicht noch ein unbedeutender Physikblogger über Bhakdi schreiben.

Dass ich es jetzt doch tue, hat zwei Gründe: Erstens geht es mir mal ganz grundsätzlich um die Frage, was jemanden eigentlich zum Experten macht, und zweitens bin ich einfach wütend. Ich bin wütend, weil Sucharit Bhakdi jetzt schon seit sechs Monaten wieder und wieder und wieder nachgewiesen wurde, dass er über Covid-19 einfach Blödsinn erzählt, aber etablierte Medien ihm wieder und wieder und wieder Sendezeit und Druckspalten einräumen und so den Eindruck erwecken, er sei für dieses Thema ein Experte mit einer abweichenden Meinung. Ganz aktuell tut das, leider nicht zum ersten Mal, die Fuldaer Zeitung – aber sie verweist dabei selbst auch auf ein aktuelles Interview bei der Deutschen Welle.

Die Deutsche Welle, immerhin DER internationale Informationskanal für die (und im Eigentum der) Bundesrepublik Deutschland, präsentiert Bhakdi in einem Musterbeispiel grotesker False Balance im Dialog mit dem Münchener Biometrieprofessor Ulrich Mansmann und bemerkt dazu, in Sachen Coronavirus seien die beiden „nicht immer einer Meinung“. Mansmann hat sich aus mir nicht erfindlichen Gründen schon mehrfach für ein solches „wissenschaftliches Streitgespräch“ mit Bhakdi hergegeben.

Was ist also nun von diesen Experten zu halten?  Auf den ersten Blick tragen beide Professorentitel (auch wenn Bhakdis Zeit als aktiver Professor schon lange zurück liegt), und beide sind oder waren an Universitätskliniken tätig. Mansmann wird gerne als Epidemiologe vorgestellt, Bhakdi als Virologe und Epidemiologe, weil er mal Direktor des Mainzer Instituts für medizinische Mikrobiologie und Hygiene war. Für Tageszeitungsniveau scheint das auszureichen, um einen Experten auszuweisen, aber in der Praxis ist es leider nicht so einfach. Sehen wir uns die beiden Kontrahenten also näher an und vergleichen sie mal mit zwei anderen Professoren, die aktuell als Experten für Covid-19 durch die Medien geistern, nämlich den Virologen Christian Drosten und Hendrik Streeck.

Nachtrag 2.11.20: Inzwischen hat sich auf Scienceblogs Christian Meesters mit einer recht ähnlichen Herangehensweise neben (deutlich knapper als hier) Bhakdi auch noch den Rest der MWGFD, Bhakdis Verein von, äh, lupenreinen Demokraten, angesehen.

Nachtrag 6.11.20: Ende Oktober (und damit für meinen Geschmack ein gutes halbes Jahr zu spät, aber immerhin) hat jetzt auch die Uni Mainz gleich auf der Startseite seines früheren Instituts eine deutliche Distanzierung von Bhakdis pseudowissenschaftlichem Unsinn veröffentlicht. Ähnliches ist von der Uni Kiel, wo seine Frau und Koautorin noch beschäftigt ist, schon länger zu lesen, nur nicht ganz so auffällig platziert.

Das klingt auf den ersten Blick nicht allzu drastisch, und in der Tat könnte man sich das, vor allem wenn man selbst noch dort tätig ist und seinen eigenen Ruf von Bhakdis Machenschaften mit geschädigt sieht, noch deutlicher wünschen. Man muss es aber im Vergleich dazu sehen, wie zurückhaltend Hochschulen sonst die unwissenschaftlichen Aktivitäten ihrer aktuellen und ehemaligen Professoren kommentieren. Mein früheres Max-Planck-Institut hat zu den wüsten, physikalisch nicht begründeten und für das allgemeine Verständnis der Physik massiv schädlichen öffentlichen Spekulationen seines ex-Direktors Hans-Peter Dürr leider nie ein kritisches Wort verloren, sondern im Gegenteil noch einen lobhudelnden Nachruf veröffentlicht. Die Hochschule Furtwangen hat zur pseudowissenschaftlichen Skalarwellenlehre ihres Professors Konstantin Meyl lediglich öffentlich erklärt, er dürfe sie nicht in seinen Vorlesungen unterrichten. Von der Ostfalia-Hochschule warte ich bis heute auf eine Distanzierung von Professor Claus Turturs pseudowissenschaftlichen Nullpunktsenergie-Phantastereien und seinem Auftritt auf einer Veranstaltung, auf der öffentlich der Holocaust geleugnet wurde (ja, von jemand anders, aber klar vorher zu erwarten). Immerhin, in der aktuellen Version der Hochschulhomepage werden seine Thesen nicht mehr wiedergegeben, und die Verlinkung zum rechten Kopp-Verlag ist auch weg (er darf dazu aber noch auf die Wayback Machine verweisen).

Verglichen damit sind die Stellungnahmen der Unis in Kiel und Mainz zu Bhakdi so ziemlich die akademische Version von „Halt’s Maul, du Arschloch!“

Zur meiner nun folgenden grundsätzlichen Betrachtung von Bhakdi und seinem angeblichen Expertenstatus empfehle ich auch dieses Video von Mailab vom 7. Oktober, dass ich fahrlässigerweise erst jetzt angesehen habe.

Bei der Frage, was eigentlich ganz grundsätzlich ein Experte ist, nehme ich einfach mal mein eigenes früheres Arbeitsgebiet als Beispiel. In der heutigen Wissenschaft ist die Zeit von Universalgelehrten wie Goethe, Galilei oder Ibn Sina lange vorbei. Genau genommen war sie das schon zu Goethes Zeiten, was für diesen eine gewisse Tragik ausmacht, aber das ist eine andere Geschichte. Kurz gesagt, wie es Florian Aigner im Ferngespräch-Livestream zur Wissenschaftskommunikation so schön zusammengefasst hat: Fast jeder ist zu fast jedem Thema ein Laie. In meiner Zeit am CERN, dem Max-Planck-Institut für Physik und dem Brookhaven National Laboratory Ende der 1990er Jahre habe ich mich mit der Entwicklung sogenannter Spurendriftkammern und der Analyse von Messfehlern darin beschäftigt. Das ist ein relativ alter Typ von Teilchendetektor, der heute vor allem noch in der Analyse von Kollisionen schwerer Atomkerne verwendet wird. Für die vielleicht zwei oder drei Handvoll Menschen weltweit, die sich damals für diese Messfehler interessiert haben, dürfte ich als einer der Experten gegolten haben. Jedenfalls haben Professoren aus dem Ausland mich nach meinen Ergebnissen und Einschätzungen gefragt.  Mit den Leuten, die das 20 Jahre später, zum Beispiel am ALICE-Experiment am CERN tun, könnte ich vermutlich immer noch ein halbwegs kompetentes Gespräch führen, und vielleicht würde mir sogar noch der eine oder andere nützliche Tip einfallen, der irgendwie nie aufgeschrieben wurde und in Vergessenheit geraten ist. Die Experten dafür sind aber die Leute, die das jetzt tun, nicht mehr ich. In der sonstigen Erforschung von Kollisionen schwerer Atomkerne verstehe ich noch ganz gut, was die Forscher tun. Früher war ich da noch deutlich näher dran, aber selbst damals hätte ich jemandem, der dazu einen anderen Detektortyp verwendet oder gar die theoretischen Modelle entwickelt, nicht sagen können, ob seine Arbeit gut oder schlecht und seine Ergebnisse richtig oder falsch sind. Das war noch in meinem engeren Fachgebiet, aber schon so weit weg, dass ich deren Ergebnisse einfach akzeptieren musste. Ich konnte sie aber verstehen, wiedergeben und auch Dritten erklären. Wenn ich heute zum Beispiel im Quantenquark-Buch andere Themen aus der Physik, etwa zum Higgs-Boson oder zur extrem ungeschickt so bezeichneten „Quantenteleportation“ erkläre, dann muss ich mich dazu vorher in das Thema einlesen. Ich kann mich dazu aber schneller und in der Regel besser einlesen, als jemand, der nicht Physik studiert hat. Würde ich mich jedoch hinstellen und erklären, das am CERN nachgewiesene Higgs-Boson sei gar kein Higgs-Boson, dann würde es in Genf – völlig zu Recht – nicht mal jemand für nötig halten, mir zu widersprechen. Ich kann den wissenschaftlichen Konsens in anderen Bereichen meines Fachs zwar erklären, aber mir fehlt jede Grundlage, um ihn kompetent in Frage zu stellen. Wenn ich die Physik verlasse und mir die Medizin ansehe, was ich in letzter Zeit pandemiebedingt ja öfter mal tue, dann bin ich noch ein Stück weiter weg und kann mich in der Regel noch ein wenig langsamer und schlechter einlesen, als das jemand könnte, der in der Medizin, dort aber in einem anderen Bereich tätig ist. Ich kann es aber immer noch besser als jemand, der nie wissenschaftlich gearbeitet hat oder aus einem Feld kommt, das ganz andere Methoden verwendet als die in der Hinsicht recht ähnlichen Felder Medizin und Naturwissenschaften, also zum Beispiel ein Philosoph, ein Historiker oder ein Jurist.

Was aber jeder können sollte, der wissenschaftliches Arbeiten gelernt hat, ist, mit überschaubarem Aufwand festzustellen, ob jemand für ein Thema Experte ist oder nicht. Dafür gibt es nämlich sehr einfache Methoden. Wer in einem Feld forscht, veröffentlicht seine Ergebnisse in wissenschaftlichen Fachzeitschriften. Ohne das geht es nicht, denn ohne Veröffentlichung gibt es keine gegenseitige Überprüfung. Also: Keine Veröffentlichung – keine Wissenschaft. Alle Veröffentlichungen in den seriösen Fachzeitschriften eines Gebiets lassen sich in entsprechenden Datenbanken recherchieren. Die wichtigste derartige Datenbank für die Medizin ist Pubmed, betrieben von der National Library of Medicine. Wenn jemand in der Medizin zu einem Thema wissenschaftliche Leistungen vollbracht hat, dann findet man das in Pubmed. Dort kann jeder recherchieren. Man hat nicht unbedingt kostenlosen oder auch nur erschwinglichen Zugang zu den Artikeln, aber man findet, wo die Artikel stehen, und dabei steht eine Zusammenfassung.

Was erwarten wir nun also von einem Experten für Covid-19? So eine Krankheit ist selbst wieder extrem komplex, und es arbeiten Spezialisten aus unterschiedlichen Teilbereichen der Medizin, Pharmazie und Mikrobiologie daran. Wenn es um Ansteckung, Ausbreitung und Gefährlichkeit geht, können einem aber am ehesten Experten aus zwei Themenbereichen weiterhelfen: Entweder sie forschen am Virus selbst (das tun überwiegend Virologen) oder an seiner Ausbreitung (das tun eher Epidemiologen). Einen Experten für das SARS-CoV-2-Virus würde man daran erkennen, dass er genau dazu wissenschaftliche Artikel veröffentlicht hat, idealerweise auch schon vorher zu anderen Coronaviren wie SARS, MERS, den Erkältungsviren oder tierischen Coronaviren. Ein Experte für die Epidemiologie von Covid-19 sollte eben darüber veröffentlicht haben, und vielleicht schon vorher zur Ausbreitung anderer Atemwegsinfekte wie Grippe oder grippalen Infekten.

Wenn Sucharit Bhakdi jemals zu irgendwelchen Coronaviren geforscht hat, dann sollte sich das in Pubmed sehr leicht finden lassen, schon über die sehr einfache Suchabfrage „Sucharit Bhakdi Coronavirus“. Sie liefert 0 Treffer. „Ulrich Mansmann Coronavirus“ liefert ebenfalls 0 Treffer – das ist aber nicht sonderlich überraschend. Ulrich Mansmann ist kein Virologe, sondern Mathematiker und in der Medizin ein absoluter Methodenspezialist für komplexe mathematische Modelle. Dementsprechend ziehen sich seine Publikationen durch alle möglichen Teilbereiche der Medizin, mit Schwerpunkten bei Krebs und Malaria. Wenn man die schwierig zu erfassende epidemiologische Situation rund um Covid im und nach dem Lockdown im Frühjahr mathematisch modellieren will, wäre Mansmann sicherlich jemand, der zumindest beratend hilfreich dabei sein könnte. Vielleicht tut er das auch gerade, vielleicht hat er es getan, aber nicht in hinreichend zentraler Rolle, um als einer der Autoren aufzutauchen. Wieviel Mansmann selbst zu SARS-CoV-2 oder Covid-19 geforscht hat, ist aber auch gar nicht wichtig, denn was er in den Streitgesprächen tut, ist, er erklärt den wissenschaftlichen Konsens. Man muss selbst kein Experte zu einem Thema sein, wenn man einfach nur das erklärt, was die Experten sagen. Wenn man hingegen die Experten alle für dumm oder korrupt ausgibt, sollte man schon belegen können, dass man selbst entsprechend Ahnung hat.

Machen wir den gleichen Test mal mit unseren Vergleichs-Virologen. Die Suchanfrage „Hendrik Streeck Coronavirus“ ergibt fünf Treffer, alle aus dem Jahr 2020. Das ist kein Wunder, denn Streeck gilt als Experte für HIV und hat bekanntermaßen erst im Zuge des Ausbruchs von Covid-19 angefangen, zu SARS-CoV-2 zu forschen. Die Suchanfrage „Christian Drosten Coronavirus“ ergibt 149 Treffer von 2020 bis zurück ins Jahr 2003. Das ist (neben seiner hervorragenden Wissenschaftskommunikation und seiner angenehmen Eigenheit, dabei sich selbst gegenüber der Sache zurückzunehmen) genau der Grund, weshalb so viele Leute Wert auf Drostens Einschätzungen zu Covid-19 legen: Es gibt wahrscheinlich niemanden in Deutschland, vielleicht niemanden in Europa, der mehr zu menschlichen Coronaviren geforscht hat als Christian Drosten.

Wenn Sucharit Bhakdi also nicht zu Coronaviren geforscht hat, dann vielleicht zur Epidemiologie von viralen Atemwegserkrankungen? Er wird ja gerne auch als Epidemiologe verkauft. Die Suchanfrage „Sucharit Bhakdi respiratory“ ergibt vier Treffer – keiner davon hat irgendetwas mit Viruserkrankungen zu tun, schon gar nicht mit Grippe oder Ähnlichem. Was ist denn aber dann mit dem angeblichen Virologen Sucharit Bhakdi? Zu irgendwelchen Viren wird er ja wohl geforscht haben? Die Suchanfrage „Sucharit Bhakdi virus“ ist einigermaßen ernüchternd: Sie liefert genau drei Treffer. Einer der Artikel beschreibt eine tatsächliche eigene Studie, in der es um den Schaden geht, den Dengueviren (die mit Coronaviren nichts zu tun haben) an Blutgefäßwänden anrichten können. Bhakdi ist einer von 20 Autoren und war vermutlich an der Studie beteiligt, weil er lange zu Blutgefäßwänden geforscht hat. Der zweite Treffer ist ein Konferenzvortrag, in dem Bhakdi über einen Sonderforschungsbereich berichtet hat, dessen Sprecher er war und in dem er selbst über (Überraschung!) Blutgefäßwände geforscht hat, während andere Forscher darin auch an Viren, vor allem Hepatitisviren geforscht haben. Der dritte Treffer ist aus dem Jahr 2009, eine Spekulation über mögliche Risiken für (eben!) Blutgefäßwände durch Grippeimpfstoffe mit Wirkverstärkern. Hier werden also tatsächlich Grippeviren erwähnt, es geht aber inhaltlich nicht um die Grippe, schon gar nicht um das Virus, sondern nur um die Impfverstärker. Nachdem solche Wirkverstärker seit Jahren bei einer Vielzahl von Impfstoffen eingesetzt und die Effekte in großen Studien überwacht werden, kann man mit Sicherheit sagen, dass die von Bhakdi damals herbeispekulierten Nebenwirkungen nicht eingetreten sind. Solche Spekulationen sind ein normaler Teil eines wissenschaftlichen Prozesses. Dass Bhakdi Spekulationen über Schäden durch Grippeimpfungen damals gerade während der (unvorhersehbar zum Glück relativ harmlos verlaufenen) Schweinegrippepandemie veröffentlicht hat, lässt aber bei ihm ein Muster erahnen, das sich möglicherweise heute wieder zeigt.

Das war es mit Sucharit Bhakdis Arbeiten, die mit Viren zu tun haben. Tatsächlich geforscht hat er zunächst vor allem zu Bakterien, später hat er eine Außenseitermeinung zur  Entstehung von Atherosklerose (also der Verhärtung von Blutgefäßwänden) vertreten. Darauf, beziehungsweise auf einen Teilaspekt davon, sogenannte ADAM-Proteasen, beziehen sich auch alle Artikel, die in Pubmed noch mit seinem Namen auftauchten, nachdem er  vor knapp 10 Jahren das Rentenalter erreicht hat. Auch Außenseitermeinungen sind als Beiträge zur Wissenschaft wertvoll – wenngleich in der großen Mehrzahl der Fälle falsch.

Auch darauf kommt es aber nicht an. Entscheidend ist, Bhakdi widerspricht zu Covid-19 dem wissenschaftlichen Konsens der Experten, und das ist in diesem Fall eben keine wissenschaftliche Außenseitermeinung, denn dazu müsste Bhakdi selbst Experte in diesem Feld sein. Es gibt aber in Bhakdis kompletter Publikationsliste nicht den geringsten Hinweis darauf, dass er von Coronaviren oder auch nur von irgendwelchen anderen Atemwegsviren oder von Viren überhaupt (abgesehen vielleicht von der Wirkung von Dengueviren auf die Gefäßwände) irgendeine fachliche Ahnung hat. Er äußert sich schlicht zu Dingen, von denen er selbst nichts versteht, versteigt sich aber dazu, den Fachleuten zu widersprechen, wo er bestenfalls ihre Ergebnisse erklären sollte.

Und dennoch wird er von der Deutschen Welle und vielen anderen Medien als Experte (mit einer ach so interessanten Außenseitermeinung) ausgegeben.

Sucharit Bhakdi ist aber nicht bloß kein Experte – es ist viel schlimmer. Was mich wirklich wütend macht, sind die Aussagen von Bhakdi in seinem Interview mit der Deutschen Welle, das am 3.10. veröffentlicht wurde. Es kann sich auch nicht um eine zu diesem Zeitpunkt schon lange zurückliegende Aufzeichnung handeln, denn Bhakdi spricht darin von März und April als „vor sechs Monaten“. Im nächsten Satz kommt aber die entscheidende Aussage von Bhakdis Behauptungen: „Jetzt aber, nachdem die Epidemie definitiv vorbei ist…“ Am 3. Oktober 2020 erklärte Sucharit Bahkdi, die Covid-19-Epidemie sei definitiv vorbei. Das hat nichts mit der Frage zu tun, ob jemand ein Experte für Coronaviren oder für Epidemiologie von Atemwegserkrankungen ist. Es hat schlicht damit zu tun, dass es nichts mit der Realität zu tun hat. Zu diesem Zeitpunkt gab es in Deutschland pro Tag schon wieder über 2000 nachgewiesene Neuinfektionen, mehr als fünfmal so viele wie beim Minimum im Sommer. Weltweit gab es jeden Tag mehr als 300 000 nachgewiesene Neuinfektionen und innerhalb eines Monats 165 000 Tote, bei denen Covid-19 nachgewiesen war. Wieviel höher die Zahl der tatsächlichen Todesopfer in Ländern wie dem Iran, Indien oder Teilen Afrikas gewesen sein muss, kann man nur raten. Selbst in den USA mit ihrem gut ausgebauten Gesundheitssystem lag die Übersterblichkeit während der gesamten Pandemie fast 50% über den gemeldeten Covid-19-Toten. In Italien wurden im März „nur“ 12 000 Covid-19-Tote registriert – es starben aber zwischen 25 000 und 30 000 Menschen mehr als sonst im gleichen Zeitraum. In Deutschland war zum Zeitpunkt von Bhakdis „definitiv vorbei“ auch die Zahl der Covid-19-Patienten in Intensivstationen schon wieder deutlich am Steigen, und in Spanien näherte sich das Gesundheitssystem bereits wieder der Überlastung. Alle diese Informationen waren für jeden verfügbar und problemlos nachzurecherchieren.

Ich weiß nicht, was Sucharit Bhakdi Anfang Oktober zu seiner Aussage bewegt hat, die Epidemie sei „definitiv vorbei“ – ich kann ihm ja nicht in den Kopf sehen. Mir fallen für eine Person, die zu diesem Zeitpunkt öffentlich eine solche Aussage gemacht hat, aber eigentlich nur drei denkbare Erklärungen ein: Pure Dummheit, bewusste Lüge oder ein durch Verschwörungsglauben ausgelöster Realitätsverlust, der eigentlich nur mit dem von Xavier Naidoo oder Attila Hildmann vergleichbar ist.

Physikstudium schützt vor Quark nicht – im Zweifel nicht mal ein Nobelpreis

Vor einigen Tagen schlug es ziemliche Wellen, als mehr als 100 Nobelpreisträger (nach der Veröffentlichung haben sich offensichtlich noch einige angeschlossen – die aktuelle Zahl liegt bei 110) Greenpeace aufgefordert haben, den Widerstand gegen die Agrarbiotechnologie aufzugeben. Nicht nur der Zeitpunkt mitten in der Glyphosat-Debatte, sondern auch der Adressat war offensichtlich rhetorisch gewählt: Greenpeace hat als reine Lobbyorganisation bei dem Thema faktisch natürlich keinerlei Entscheidungsgewalt, und nach einer Kehrtwende bei einem solchen Kernthema könnte sich Greenpeace genausogut gleich selbst auflösen.

Die spannende Frage ist aber eigentlich eine ganz andere: Warum interessiert uns eigentlich, ob der Volkswirtschaftsprofessor Lars Peter Hansen oder der Elementarteilchen-Theoretiker Sheldon Glashow die Risiken der Gentechnik für überschätzt halten? Wissenschaftliche Auszeichnungen bekommt man für besondere Leistungen in einem in der Regel eng begrenzten Fachgebiet, und die sagen oft wenig aus über das Verständnis der Welt im Allgemeinen oder auch nur das Wissen zu anderen Teilbereichen des eigenen Fachs.

Die Relevanz der Unterstützerliste liegt in diesem Fall zum einen in der schieren Zahl der Unterzeichner, zum anderen in der überwältigenden Zustimmung unter den fachnahen Preisträgern. Die Zahl der Unterzeichner übertrifft deutlich die jüngerer Aufrufe zum Klimaschutz (71 Preisträger) und gegen Kreationismus an Schulen (42 Preisträger). Die Unterzeichner des Aufrufs zur Gentechnik machen rund ein Drittel der derzeit überhaupt lebenden Nobelpreisträger aus, und sie kommen ganz überwiegend aus den Naturwissenschaften. Unter den 110 Unterzeichnern finden sich ganze acht Wirtschaftswissenschaftler, nur eine Preisträgerin für Literatur (Elfriede Jelinek) und ein Friedensnobelpreisträger (mit José Ramos-Horta wenig überraschend ein Repräsentant eines Entwicklungslandes, in dem viel Reis angebaut und gegessen wird und der Goldene Reis besonders hilfreich wäre). Vor Elfriede Jelinek ziehe ich in diesem Kontext meinen Hut – ein so klares Bekenntnis zur Gentechnik dürfte ihr unter unseren chronisch fortschrittspessimistischen Intellektuellen wenig Freunde bringen. Die anderen 100 Unterzeichner kommen aus den Fachgebieten Chemie, Physik und Medizin (einen separaten Nobelpreis für Biologie gibt es nicht). Von den neueren Preisträgern für Chemie oder Medizin kann man tatsächlich viele als Experten für Gentechnik bezeichnen, und gerade die haben den Aufruf fast alle mitgetragen. In dieser Zusammensetzung und Geschlossenheit repräsentieren die Preisträger dann eben doch die wissenschaftliche Expertise ihrer Fachgebiete und geben dem Aufruf damit eine gewisse Relevanz, wenn auch wohl gerade nicht für Greenpeace.

Wenn eine solche geschlossene Aussage der Masse fachnaher Nobelpreisträger zumindest eine Trendaussage zum „Stand der Wissenschaft“ ist, heißt das aber nicht, dass auch Aussagen einzelner Nobelpreisträger zu Themen außerhalb ihres Forschungsgebiets immer hilfreich sind. Anderenfalls hätte man sich auch von diesem Herrn hier über Schuhmode beraten lassen können:

Albert Einstein in Plüschpantoffeln

Albert Einstein in Sandalen

Albert Einstein in Bademantel und so einer Art Ballerinas

(die Bilder binde ich nicht mehr ein, dank DSGVO)

Zu den bekannteren traurigen Beispielen von Nobelpreisträgern, die teilweise üblen pseudowissenschaftlichen Unsinn verbreitet haben, gehört der Chemiker Linus Pauling. In seiner wissenschaftlich produktiven Zeit machte er wichtige Entdeckungen rund um chemische Bindungen zwischen Atomen. Ihm wird die Einführung des Begriffs der Elektronegativität zugeschrieben. Daraus, dass jemand im Labor chemische Bindungen untersucht hat, folgt aber leider nicht, dass er auch ein gutes Verständnis der Erforschung von Arzneimittelwirkungen am Menschen hat. Nach seinem Rückzug aus dem aktiven Wissenschaftsbetrieb propagierte Pauling mit geradezu religiösem Eifer (und offenbar auch mit einigem Geschäftssinn) die angeblich positiven Gesundheitseffekte extrem überdosierter Vitamine. Wie viele Menschen seitdem durch seinen „orthomolekularen“ Vitaminwahn gestorben sind, ist schwer nachzuvollziehen, aber allein die Folgen in Südafrika unter der Mbeki-Regierung im vergangenen Jahrzehnt waren dramatisch.

Beim Durchklicken der Gentechnik-Experten unter den Unterzeichnern des Greenpeace-Aufrufs hatte ich dann direkt wieder das Bedürfnis, die Hände über dem Kopf zusammenzuschlagen. Ohne die Polymerase-Kettenreaktion (PCR) wäre die moderne Biotechnologie kaum denkbar, und ihr Erfinder ist offensichtlich jemand, der etwas über Gentechnik zu sagen hat und ein verdienter Nobelpreisträger. Was Kary Mullis sonst so von sich gibt, lässt mich allerdings stark daran zweifeln, ob ich auf ihn als Unterstützer für ein Anliegen allzu großen Wert legen würde. Mullis glaubt an Astrologie und behauptet, von Außerirdischen entführt worden zu sein und seine wissenschaftlichen Erkenntnisse im LSD-Rausch erlangt zu haben. Wenn man ihn erklären hört, warum er nicht glaubt, dass AIDS vom HIV-Virus verursacht wird, drängt sich allerdings der Verdacht auf, dass er es mit den Drogen ein Bisschen übertrieben hat:

Kary Mullis

Womit wir, wie es sich für diesen Blog hier gehört, zu den Physikern kommen. „Aber da ist ein Physiker, der hat gesagt…“ war für mich schon der Anfang von so mancher Horrordiskussion und hat mich vor fast 20 Jahren zur Skeptikerbewegung geführt. Die Vorgeschichte dieses Posts hier war ein Facebook-Meme mit dem Text: „The universe responds to the vibrations you create, think happy and happiness will come to you. You must simply resonate your frequencies with the frequencies of the universe. – Said no physicist ever.“ Ich habe das Bild gerne geteilt, aber im Stillen hatte ich meine Zweifel, ob das „no physicist ever“ tatsächlich zutrifft. Bedauerlicherweise ist mir schon viel zu viel Quantenquark von Autoren begegnet, die es eigentlich besser wissen müssten. Dazu muss man nicht einmal bis zu obskuren Physikern wie Dirk Schneider und seinem Buch mit dem absurden Titel „Jesus Christus Quantenphysiker“ gehen. Ich werde mich im Folgenden auf namhafte Forscher mit einer erkennbaren wissenschaftlichen Biographie beschränken.

Glücklicherweise fallen hier wenigstens die Nobelpreisträger nicht unbedingt durch Quantenunsinn auf, jedenfalls mir bislang nicht. Für anderslautende Hinweise bin ich dankbar – ich werde sie dann in einem späteren Artikel verarbeiten. Der Physiknobelpreisträger von 1973, Ivar Giæver, würde allerdings ganz sicher die Mainauer Deklaration zum Klimawandel nicht unterschreiben, denn er verbreitet einige eher fragwürdige Ideen zur Klimaforschung.

Wenn wir mal mit den harmloseren oder vielleicht auch eher missverstandenen Fällen in der Physik anfangen, ist unter den Ersten sicherlich Hans-Peter Dürr zu nennen. Der 2014 verstorbene Dürr war zwar kein Nobelpreisträger, aber ein angesehener theoretischer Physiker, und hat bis heute viele Fans: Als ich im vergangenen Jahr im Editorial des Physik-Jounals appelliert habe, Physiker sollten sich mehr gegen Quantenunsinn engagieren, bezogen sich alle negativen Reaktionen ausschließlich auf meine Kritik an Dürr. Er ging als Direktor des Max-Planck-Instituts für Physik in München gerade in den Ruhestand, als ich angefangen habe, dort zu promovieren, und etwa seit diesem Zeitpunkt wurden seine Äußerungen auch immer wunderlicher. Seine Aussage „es gibt keine Materie“ wird von Esoterikern besonders gerne zitiert. Als persönliche Spekulationen von jemandem, der eben nicht mehr wissenschaftlich arbeiten muss, sind seine nicht überprüfbaren Aussagen natürlich legitim. Dummerweise werden sie aber bis heute von vielen Leuten als Stand der Wissenschaft aufgefasst, weil sie von einem seinerzeit hochdekorierten Wissenschaftler stammen.

Bei Professoren für theoretische Physik, die mit Begeisterung von Esoterikern zitiert werden, kommt man leider auch nicht am Freiburger Emeritus Hartmann Römer vorbei. Zusammen mit dem Psychologen Harald Walach, der später Hogwarts an der Oder aufgebaut hat, verbreitete er die schwache oder generalisierte Quantentheorie. Ausführlichere skeptische Betrachtungen der schwachen Quantentheorie gibt es von Philippe Leick bei der GWUP und von Joachim Schulz auf SciLogs. Kurz zusammenfassend kann man sagen, die schwache Quantentheorie ist eben keine Quantentheorie, sondern ein Anwenden von Begriffen aus der Quantenmechanik auf Objekte, auf die sie nach den Erkenntnissen der Physik eben nicht anwendbar sind, zum Beispiel die quantenmechanische Verschränkung auf Homöopath und Patient. Walachs Ex-Chef Walter von Lucadou verschränkt auch schon mal Fußballspieler, wie hier schon erwähnt wurde.

Wie auch Walach und Römer stark im religiösen, genauer gesagt katholischen Umfeld verwurzelt ist auch Markolf Niemz, Professor für Biophysik an der Universität Heidelberg. Er beschäftigt sich wissenschaftlich hauptsächlich mit Medizintechnik, vor allem mit der Anwendung von Lasern. Bekannt geworden ist er aber über seine drei Lucy-Bücher. Darin erklärt er, als Roman verpackt aber als Sachbuch gemeint, die Halluzinationen von Menschen, deren Gehirn durch Herzstillstand mit Sauerstoff unterversorgt war, zu Blicken ins Jenseits, und zwar mit abstrusen Begründungen aus der Relativitätstheorie. Im Engel-Magazin behauptet er, beim Sterben würde die Seele auf Lichtgeschwindigkeit beschleunigt. Seine Begründung, auf der die ganze hanebüchene Geschichte aufbaut: Die Schilderungen der Halluzinationen klingen so ähnlich wie Simulationen der Wahrnehmung von Reisenden nach der Relativitätstheorie aussehen müssten, wenn sie sich der Lichtgeschwindigkeit annähern.

Noch ein Biophysiker, der in dieser Reihe natürlich keinesfalls fehlen darf, ist der Biophotonen-Papst Fritz-Albert Popp. Popp war in den 1970er Jahren längere Zeit Dozent an der Universität Marburg. Dass er eine feste Professur erhielt, wurde damals angeblich von Medizin-Dekan Heinrich Oepen verhindert, dem Gatten der Mitgründerin der Skeptikerorganisation GWUP, Irmgard Oepen. Später hat sich Popp jahrelang mit einem eigenen „Forschungsinstitut“ durchgeschlagen, hat Seminare für Heilpraktiker und andere, sagen wir Interessierte, angeboten, Bücher verkauft und jede Menge Vorträge auf Esoterikerkonferenzen gehalten. Ich halte ihn für jemanden, der anfangs durchaus ernsthafte Forschung betreiben wollte, sich dann in eine Außenseitertheorie verrannt hat und sich schließlich damit eingerichtet hat, dass er Applaus nur von der Eso-Fraktion bekommt. Auf Popps Biophotonen-Unsinn bin ich schon in zwei Vorträgen eingegangen, die man beide auf Youtube ansehen kann, einen ausführlichen und einen im handlichen Science-Slam-Format. Verlinkt sind beide hier schon in diesem Post.

Kein Professor, aber ein äußerst erfolgreicher Sachbuchautor mit Doktortitel aus Cambridge ist John Gribbin. 2009 hat ihn die Association of British Science Writers für sein Lebenswerk geehrt, und in der Tat scheint er lichte Momente zu haben. Dieses Zitat erklärt richtig gut, warum viele Menschen solche Probleme haben, die Quantenmechanik zu akzeptieren (das Verstehen ist ja oft gar nicht das Hauptproblem):

Gribbins unwissenschaftlicher Durchbruch war 1974 das Buch The Jupiter Effect, in dem er und Stephen Plagemann orakelten, am 10. März 1982 würde es auf der Erde zu gigantischen Naturkatastrophen kommen, weil dann sämtliche Planeten auf der selben Seite der Sonne stünden. Bis am genannten Datum natürlich nichts passierte, hatte er Zeit, massenweise Bücher zu verkaufen und auch noch in einem Fortsetzungsband zu erklären, warum dann wohl doch keine Katastrophen passieren würden (weil ja schon 1980 der Mt. St. Helens ausgebrochen war). Eine wirkliche Katastrophe, jedenfalls für das Verständnis von Wissenschaft in der Öffentlichkeit, war hingegen Gribbins Buch Auf der Suche nach Schrödingers Katze. Quantenphysik und Wirklichkeit. Kaum ein konstruktivistischer Philosoph, der sein gefährliches Halbwissen über Quantenmechanik herumschwurbelt, kommt ohne Gribbins Katzensermon als Quelle aus. Quantenheiler, Buddhisten, neurolinguistische Programmierer, Mystiker und Heiler mit Schröpfköpfen berufen sich auf Gribbin, wenn sie sich zusammenspinnen, dass Materie aus dem menschlichen Bewusstsein entstünde.

Ebenfalls ein promovierter Physiker mit Abschluss im angelsächsischen Raum ist Fritjof Capra, der Urgroßvater aller Quantenschwurbler. Von Capras Tao der Physik war schon vor 25 Jahren mein Physiklehrer begeistert, und ich hatte schon damals das vage Gefühl, dass da irgendwas keinen Sinn ergibt – nur hatte ich eben nicht das Wissen, um zu sagen, was. Capras Argumentationsmuster ist das gleiche wie bei vielen seiner Nachfolger: Unsere bildlichen und verbalen Beschreibungen dessen, was die Quantenmechanik berechnet, haben mit viel Phantasie eine vage Ähnlichkeit mit den Schriften antiker asiatischer Mystiker. Na klar, da muss doch irgendein Zusammenhang bestehen! Das kann doch kein Zufall sein!

Irgendwie kommt offenbar niemand darauf, dass umgekehrt ein Schuh daraus wird: Unser Gehirn hat sich evolutionär nicht dazu entwickelt, sich subatomare Vorgänge, also das Arbeitsfeld der Quantenmechanik, wirklich realistisch vorstellen zu können. Wer versucht, die Quantenmechanik, möglichst auch noch einfach, zu beschreiben, kommt also nicht umhin, mehr oder weniger brauchbare Metaphern zu finden. Die wird man bevorzugt aus Themenbereichen entleihen, die einem vertraut sind aber dennoch weit genug entfernt vom Alltagsleben und der Alltagsliteratur, um nicht allzu wörtlich verstanden zu werden (was dann natürlich doch immer irgendwer tut). In einer Zeit, in der sich die asiatische Mystik als fremdes und faszinierendes Thema unter Europas Intellektuellen ausbreitete, bot sie den idealen Bilderlieferanten, um über die fremdartige Welt der Quantenmechanik zu philosophieren.

Als Murray Gell-Mann in den 1960er Jahren die neu entstehende Quantenchromodynamik in Worte packen musste, benannte er eine darin auftauchende Ordnung von acht Teilchen nach dem achtfachen Weg der Weisheit aus dem Buddhismus. Als er aber wenig später eine Bezeichnung für die immer in Dreiergruppen auftauchenden Bauteile unserer Kernteilchen suchte, hatte er statt der Yanas offenbar gerade James Joyce gelesen und landete bei den in der Physik dadurch berühmt gewordenen „Three quarks for Muster Mark“. Hier zeigt sich einmal mehr, dass Physiker in der Auswahl ihrer Bezeichnungen und Bilder besonders sorgfältig sein sollten, weil fast überall die seltsamsten Bedeutungen hineingeheimnist werden, wie ja gerade wieder das CERN feststellen muss.

Hätten sich statt der Quantenmechanik die Vorstellungen der „arischen Physik“ um Philipp Lenard als zutreffend erwiesen, würden wir uns heute möglicherweise darüber wundern, welch tiefgründige Einblicke in die Natur der Materie doch die Autoren der Edda hatten…