5G-Mobilfunk und die Party der Verschwörungs-Schwurbler

Ich sag’s gleich vorweg: Das wird mal wieder lang – aber wenn man zu dem Thema fundiert etwas sagen will, kommt man an ein paar Hintergründen nicht vorbei, und der Artikel ist durchaus auch mal zum späteren Nachlesen und zum Weitergeben an verunsicherte oder sonstwie besorgte Zeitgenossen gedacht. So richtig viel Fundiertes gibt es zu dem Thema ja noch nicht, auch wenn ich gerade sehe, dass mir der sehr geschätzte Physikerkollege Florian Aigner mit einem Artikel um ein paar Stunden zuvorgekommen ist, den ich als Ergänzung und etwas kürzere Zusammenfassung ebenfalls empfehle.

Panikmache auf rechtsesoterischen Verschwörungsseiten

Wenn man auf Youtube das Stichwort „5G Strahlung“ in die Suchfunktion eingibt, kann man gleich unter den ersten Suchergebnissen den Eindruck gewinnen, der zukünftige 5G-Mobilfunkstandard brächte eine Form von Killerstrahlung mit sich, die in der Lage sein müsste, ganze Landstriche zu entvölkern.

„WARNUNG vor 5G !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!Wollen sie uns Kochen??Strahlung im Microwellenbereich!!!“ ist dort zu lesen, „Dringender Weckruf: 5G ist Gefahr für Leib und Leben!“ sowie „5G=Globaler „MIKROWELLEN- HERD“ OHNE ENTRINNEN- Alle 200m ein Sender!“. „5G kommt! Verstrahlt im Namen der NWO!“[neue Weltordnung] titelt ein selbsternannter „Freund der Wahrheit“ in seinem Videokanal, und gleich der erste Kommentator erklärt darunter: „Das 5G ist ein Mikrowellenwaffensystem. Diese Strahlen werden uns geistig und körperlich völlig zerstören.“

Der überwiegende Teil der Youtube-Kanäle, die diese Videos und Schlagzeilen verbreiten, gehört zu dem üblichen, sich regelmäßig gegenseitig referenzierenden Netzwerk von Seiten, die für Verschwörungsmythen, rechte Propaganda, antisemitische Anfeindungen gegen jüdische Unternehmer, Hetze gegen Flüchtlinge sowie Werbung für abstruse Pseudomedizin bekannt sind. Eine ganze Reihe von 5G-Videos dieser Art kommt von Ivo Saseks Klagemauer.tv. Darin findet sich auch das in diversen Videos dieser Art verbreitete Märchen, bei einem 5G-Test (den es dort gar nicht gab) seien in Den Haag tote Vögel vom Himmel gefallen. In anderen Videos solidarisiert sich der Kanal mit Rechtsextremen, erklärt gemäß klassisch antisemitischem Verschwörungsdenken den Kommunismus zum Ziehkind der „Hochfinanz“ (wobei im Zielpublikum jedem klar sein dürfte, dass damit die Juden gemeint sind) und den islamistischen Anschlag von Straßburg zu einer Inszenierung der französischen Regierung. Die Flüchtlingskrise ist für Klagemauer.tv eine vom jüdischen Unternehmer George Soros eingefädelte „Verschwörungstatsache“. Sasek, der selbst in der Schweiz schon wegen Holocaustleugnung und Rassendiskriminierung angeklagt war, hatte 2012 auf seiner Antizensurkonferenz Sylvia Stolz, der ehemaligen Anwältin der Holocaustleugner Ernst Zündel und Horst Mahler, einen Vortrag ermöglicht, den er anschließend sichtlich gerührt bejubelte. Für eben diesen Auftritt ist Sylvia Stolz inzwischen selbst in Deutschland wegen Holocaustleugnung zu einer Haftstrafe ohne Bewährung verurteilt worden.

Auf bewusst.tv agitiert gegen 5G der dortige Stammmoderator Jo Conrad, der auch schon als Veranstalter von Reichsbürgerkonferenzen in Erscheinung getreten ist. Selbstverständlich darf auch der ehemalige Greenpeace-Aktivist Werner Altnickel nicht fehlen, der sonst inzwischen lieber über Chemtrails fabuliert, Reichsbürgerideologie verbreitet und stolz darauf zu sein scheint, wenn er zur rechten Szene gezählt wird:

In einigen Fällen ist der Hintergrund der Panikmache klar, wenn zum Beispiel unter der Schlagzeile „Angriff auf unsere Zirbeldryse durch Fluorid & 5G Strahlung!“ Enrico Edinger, der sich inzwischen als Prof.* Dr. nauk* Dr. med. bezeichnet, für den Kauf windiger Nahrungsergänzungsmittel wirbt. Im gleichen Video erklärt Edinger übrigens auch: „Elektroautos sind Mord für den Menschen. Also, auch von der Tumorbildung her.“

Besonders bizarr ist ein Video des Kanals mit dem vertrauenerweckenden Namen Extremnews. Es trägt den Titel „Medienwissenschaftler: Warum 5G hochgefährlich ist“.  Inwiefern die Medienwissenschaft, die die Massenkommunikation aus geistes- und kulturwissenschaftlicher Perspektive untersucht, jemanden dazu befähigen soll, Aussagen über die medizinische Wirkung elektromagnetischer Wellen zu machen, erschließt sich mir nicht. Lustig wird es, wenn man bemerkt, dass der angekündigte Medienwissenschaftler niemand anders ist als Harald Kautz-Vella. Kautz-Vellas abstruse Phantastereien hat selbst der bereits erwähnte Werner Altnickel in einem Interview schon mit den Worten kommentiert: „Wenn unsere Gegner das zitieren, stehen wir vielleicht insgesamt als Idioten da.“ Im Bemühen, in Esoterik und Verschwörungsglauben irgendwie wahrgenommen zu werden, treibt Kautz-Vella alle paar Jahre eine neue Sau durchs Dorf. Der goldene Aluhut hat ein paar witzige Zitate aus der Zeit zusammengetragen, als Kautz-Vella sich primär über die vermeintliche Hautkrankheit Morgellons positionierte – bei der es sich in Wirklichkeit meist um eine Wahnvorstellung handelt. Mein Lieblings-Kautzvellismus ist allerdings Black Goo, ein schwarzes Wunderöl, das von Außerirdischen auf die Erde gebracht worden sein und eine eigene Intelligenz und ein Bewusstsein haben soll.

Wenn das Thema in diesem Umfeld von Antisemitismus, Pseudomedizin und Verschwörungshetze bliebe, müsste man sich möglicherweise nicht so sehr aufregen. Bedauerlicherweise schwappt es von dort immer wieder in die Mainstreammedien herüber, und zwar in erschreckend ähnlichem Tonfall, und häufig auch mit ähnlicher Faktenbasis.

Die gleiche Panikmache in Mainstreammedien

„Strahlendes Experiment“ überschreibt die Zeit einen Artikel, in dem die entscheidende Aussage über Mobilfunk irgendwo im Kleingedruckten untergeht: „Hunderte Studien konnten bisher nicht nachweisen, dass eine Gesundheitsgefahr von diesen elektromagnetischen Feldern (EMF) ausgeht.“ Die angeblich noch unbekannten Risiken, mit denen laut Zeit an der Bevölkerung experimentiert wird, finden sich fast identisch in der Rede des AfD-Abgeordneten Peter Felser am 4. April 2019 im Bundestag: „Uns muss doch klar sein, dass wir noch überhaupt keine Langzeitrisiken dieser Technologien abschätzen können. Wir sind mit diesen Funkstrahlen in einem riesigen Feldexperiment.“ Der Tagesspiegel folgt eher dem Tonfall der Online-Verschwörungshetzer als dem der AfD und behauptet: „Europas Regierungen ignorieren die Gefahr.“ Wie die Zeit verlinkt auch der Tagesspiegel eine der typischen Unterschriftslisten von Elektrosmoggegnern und bezeichnet die Unterzeichner der Einfachheit halber als Wissenschaftler. Ein genauerer Blick auf die beiden Listen zeigt die zum Teil identischen üblichen Verdächtigen aus der Elektrosmogszene, Hausärzte, Naturheiler, Homöopathen und Mitglieder selbsternannter „Kompetenzinitiativen“. Die von der Zeit verlinkte Liste ist neben der Redakteurin des „ElektrosmogReport“ und Harald Walach, dem Erfinder der „schwachen Quantentheorie“ auch vom Quantenesoteriker Ulrich Warnke unterschrieben, zu dem ich einiges in der Neuauflage des Quantenquark-Buchs geschrieben habe. Auf beiden Listen als Wissenschaftler aufgeführt ist Florian M. König, der lustige Elektrosmog-Schutzprodukte zum Einbau in die Stromleitung verhökert und sich dabei auf wissenschaftliche Kapazitäten wie den angeblichen Reichsflugscheibenentwickler Viktor Schauberger und den Orgon-Phantasten Wilhelm Reich beruft.

Der Sender rbb schreibt gleich Forscher fordern Abbruch des 5G-Testlaufs in Berlin.“ Der Link des rbb über die Forderung  der „Forscher“ führt auf das Elektrosmog-Gläubigen-Portal „diagnose:funk“, wo dann die nächste Unterschriftenliste angeblicher Wissenschaftler verlinkt ist. Die hier wenigen deutschen Unterzeichner kennt man überwiegend schon von den beiden anderen Listen – König und Warnke sind auch wieder mit von der Partie. Der wichtigste Experte des rbb-Artikels ist Franz Adlkofer, der mit der Aussage zitiert wird, Mobilfunkstrahlung sei „mit hoher Wahrscheinlichkeit gesundheitsschädlich“. Der frühere Lobbyist für die Tabakindustrie Adlkofer war um 2000 herum Koordinator einer Studie, die Mobilfunk mit Krebs in Verbindung brachte und die nach einer Serie von Datenfälschungsskandalen inzwischen völlig diskreditiert ist. Der rbb erwähnt Adlkofers fragwürdige Vergangenheit nicht, sondern schreibt über ihn nur, er untersuche „seit Jahren, wie sich Mobilfunkstrahlen auf die Gesundheit der Menschen auswirken.“ Außer beim rbb ist Adlkofer gern gesehener Gast beim Verschwörungsmythenkanal KenFM und beim offiziellen Propagandaportal der russischen Regierung RT Deutsch.

Grundlegendes zur Wirkung elektromagnetischer Wellen

Nun kann sich eine mehr oder weniger wissenschaftliche These ihre Anhänger ja nicht aussuchen, und es wäre im Prinzip denkbar, dass die Mobilfunkstrahlung  wenigstens der neuen 5G-Technik doch irgendwie gefährlich ist, trotz der fragwürdigen Vertreter, die diese Gefährlichkeit behaupten. Wie plausibel ist eine solche Schädlichkeit also aus physikalischer Sicht? Werfen wir dazu erst einmal einen Blick darauf, wie elektromagnetische Wellen überhaupt auf biologisches Material wirken können. Dass das je nach der Wellenlänge unterschiedlich ist, hängt tatsächlich mal mit der Quantenphysik zusammen. Wer im Quantenquark-Buch das Kapitel zur Entstehung der Quantenmechanik gelesen hat, hat daher für die folgenden Absätze schon einmal einen kleinen Vorsprung.

Nach dem 1900 entdeckten Planckschen Strahlungsgesetz bestehen Wellen aus winzigen Energiepaketen, die als Quanten oder, im konkreten Fall elektromagnetischer Wellen, als Photonen bezeichnet werden. Je höher die Frequenz, mit der die Welle schwingt, je kürzer also die Wellenlänge, desto größer ist die Energie des einzelnen Photons. Mit Einsteins Berechnung des Photoeffekts aus dem Jahr 1905 ist auch klar, dass ein solchen Photon seine Energie immer auf genau ein geladenes Teilchen (also ein Elektron oder ein Proton) überträgt, mit dem es zusammentrifft. Dasselbe Elektron wird danach in der Regel nicht noch ein zweites Photon derselben Energie absorbieren. Es ist also ein entscheidender Unterschied, ob eine Energiemenge in einem Photon oder auf mehrere Photonen verteilt übertragen wird.

Ionisierende Strahlung

Reicht die Energiemenge eines Photons aus, um ein Elektron vollständig aus seinem Atom, Molekül oder Kristallgitter herauszuschleudern, dann bleibt der Rest des Atoms oder Moleküls als positiv geladenes Ion übrig. Man spricht dann von ionisierender Strahlung. Dabei können auch ansonsten sehr stabile chemische Bindungen zerstört werden. Passiert das im Erbgut einer lebenden Zelle, dann kann das mit sehr geringer Wahrscheinlichkeit (meistens ist die beschädigte Stelle im Erbgut für die Zelle gar nicht relevant, oder sie ist lebenswichtig und die Zelle stirbt einfach) dazu führen, dass die Zelle sich unkontrolliert vermehrt und einen Tumor bildet. Daher kann ionisierende Strahlung Krebs auslösen oder bei der Fortpflanzung zu vermehrten Mutationen in der nächsten Generation führen. Da sich ein Tumor aus einer einzelnen Zelle entwickeln kann, kann wenigstens theoretisch jedes einzelne ionisierende Photon tödlich sein, wenn die körpereigenen Reparaturmechnismen versagen. Ionisierende Strahlung kann also tödlich sein, ohne dass man sie überhaupt bemerkt. Elektromagnetische Wellen sind ionisierend, wenn ihre Wellenlänge kürzer ist als die von sichtbarem Licht. Ionisierend und damit potentiell krebsauslösend sind also ultraviolettes Licht, Röntgenstrahlung und Gammastrahlung.

Das sichtbare Licht zusammen mit dem nahen Infrarot bildet eine Art Übergangsbereich: Es kann Elektronen nicht mehr aus einem Atom herauslösen, sie aber in angeregte Zustände versetzen und somit auch gewisse chemische Reaktionen auslösen – dadurch kann auch unser Auge das Licht wahrnehmen. Die Energie der Photonen des sichtbaren Lichts reicht aber schon nicht mehr aus, um stabile chemische Bindungen wie in der DNA unseres Erbguts zu verändern. Daher ist es auch nicht krebserregend.

Mikro- und Radiowellen

Bei noch größeren Wellenlängen, wie dem fernen Infrarot, den Mikrowellen und den Radiowellen, wird die Energie der einzelnen Photonen so klein, dass diese Quanten vollkommen bedeutungslos werden und die Welle nur noch als Ganzes messbare Energien übertragen kann. Die Energie kann daher nicht mehr auf einzelne Atome übertragen werden, so dass auch keine einzelnen chemischen Bindungen zerstört werden und die Wellen somit keinen Krebs auslösen können.

Schaden anrichten können solche Wellen dennoch, allerdings auf ganz andere Art: Nicht einzelne Photonen, sondern die Welle als ganzes kann elektrische Ladungen, auch innerhalb von großen Molekülen, in Schwingung versetzen. Die Schwingungen äußern sich dann im betreffenden Material als Wärme. In biologischem Material funktioniert das am stärksten in dem Frequenzbereich, in dem Wassermoleküle besonders gut schwingen, und genau dieser Effekt wird im Mikrowellenherd ausgenutzt. Im Prinzip passiert aber genau das gleiche (bei jeweils unterschiedlichen Eindringtiefen ins Material) über den gesamten Frequenzbereich vom Infrarot bis zu den Radiowellen. Werden Körperteile eines lebenden Organismus in dieser Form schneller erhitzt, als die Wärme zum Beispiel über den Blutkreislauf verteilt und aus dem Körper abgegeben werden kann, kann das zu Schäden bis hin zu Verbrennungen oder dem Tod führen. Das kann aber logischerweise kaum unbemerkt passieren, weil wir Temperaturveränderungen spüren. Ebenso kann eine geringfügige Erwärmung auch bei regelmäßiger Wiederholung nicht zu Schäden führen, weil der Körper seine Temperatur ohnehin ständig regeln muss, ob Wärme nun durch elektromagnetische Wellen, durch Wärmeleitung oder durch Verdunstung und Kondensation zugeführt oder abgegeben wird. Die Grenzwerte für Strahlungsintensitäten in diesem Frequenzbereich richten sich daher danach, dass eine eventuell ausgelöste Erwärmung von Körperteilen oder des ganzen Körpers keinen Schaden anrichten darf.

Niederfrequente Wechselfelder

Bei noch niedrigeren Frequenzen, die sich kaum noch sinnvoll als Wellenlänge ausdrücken lassen, spielt dann auch die Erwärmung keine Rolle mehr. Stattdessen führen solche niederfrequenten Wechselfelder in biologischem Material zu elektrischen Strömen. Bekanntermaßen können elektrische Ströme dem Menschen schaden. Allerdings sind dazu Stromstärken erforderlich, die weit über die Schwelle hinausgehen, bei der man die Ströme schon deutlich spüren kann. Solche Wechselfelder begegnen uns praktisch nur durch die 50-Hertz-Wechselspannung unseres Stromnetzes. Wenn man bei Regen unter einer Hochspannungsleitung läuft, kann es vorkommen, dass man die vom Wechselfeld der Leitung verursachten Ströme als Kribbeln wahrnimmt. Bei solchen Frequenzen richten sich die Grenzwerte für zulässige Feldstärken daher am Auftreten solcher unangenehmer Wahrnehmungen, auch wenn noch weitaus größere Intensitäten auftreten müssten, um echte Gesundheitsschäden auslösen zu können.

Nobelpreise, die offenbar niemand abholen will

Die genannten Effekte, Schwingung/Erwärmung und induzierte Ströme, sind die einzigen, die sich auf Basis der bekannten Physik und Chemie für nicht ionisierende elektromagnetische Wellen in biologischem Material ableiten lassen. Die unter anderem von Warnke verbreitete Vorstellung, die DNA des Erbguts könnte von Mikrowellen so stark zum Schwingen gebracht werden, dass sie durchreißt, ergibt physikalisch auch keinen Sinn. Eine solche Schwingung wäre wieder nichts weiter als eine Erwärmung, und DNA ist weitaus hitzebeständiger als die meisten Eiweiße, die sie umgeben. Bevor eine Zelle durch ein von Mikrowellen verursachtes Zerreißen der DNA zur Tumorzelle werden könnte, wäre sie gargekocht und damit tot. Wer behauptet, durch Mikrowellen oder andere nicht ionisierende elektromagnetische Wellen könnten gesundheitliche Schäden anders als durch Überhitzung entstehen, müsste also zunächst einmal einen Wirkmechanismus erklären. Da dieser im Rahmen der Physik nicht existiert, wäre dafür bei entsprechendem Nachweis nicht nur der ohnehin fällige Nobelpreis für Medizin zu bekommen, sondern gleich auch noch einer für Physik. Bislang gibt es dafür keine Kandidaten, zumal die Vertreter der Elektrosmogszene in der Regel lieber panische Schlagzeilen verbreiten, als sich Gedanken darüber zu machen, wie die von ihnen behaupteten Gefahren eigentlich zustande kommen sollen.

Was genau ist eigentlich 5G

„5G“ bezeichnet zunächst einmal einfach die fünfte Generation mobiler Internetverbindungen. Die erste Generation wäre dabei die Datenübertragung über eine analoge mobile Sprechverbindung. Zur zweiten Generation gehören GPRS und EDGE, auf die Nutzer bei schlechter Verbindung heute noch öfters zurückgeworfen sind. Die dritte Generation mit UMTS, löste bei seiner Einführung den ersten großen mobile-Datenverbindungs-Hype aus und spülte in Deutschland im Jahr 2000 über die Versteigerung der Lizenzen zig Milliarden in die Kassen des Bundes. Die vierte Generation entspricht in Deutschland weitgehend dem seit 2010 eingesetzen LTE. Verändert haben sich zwischen den Generationen vor allem die Übertragungsprotokolle und die Art, wie Verbindungen auf nahe beieinanderliegende Frequenzen verteilt werden. Entsprechend haben sich auch die Antennen geringfügig verändert. An der grundlegenden Struktur der Netze hat sich vor allem beim letzten Schritt von UMTS zu LTE wenig verändert.  Mit jeder neuen Generation haben sich aber die erreichbaren Datenraten vervielfacht, und das soll auch in der fünften Generation passieren.

Nun würde eine neue Generation von Übertragungsprotokollen auf ähnlichen Frequenzen wie bisher in einem weitgehend bestehenden Netz wahrscheinlich selbst hartgesottene Elektrosmog-Geschäftemacher kaum noch in Wallung bringen. Durch die Hintertür bringt 5G allerdings einige interessante technische Veränderungen mit sich, denn wenn der neue Standard überhaupt spürbare Vorteile bringen soll, muss eine ganz neue Nachfrage nach Datenübertragung entstehen.

Für heutige Smartphones ist die Datenübertragungsrate von LTE nämlich für alle praktischen Zwecke ziemlich ausreichend. Die höchsten Übertragungsraten, die die meisten User mit ihren Smartphones tatsächlich brauchen, fallen für das Streaming von hochauflösenden Videos an. Dafür braucht man 5G nicht, so dass Nutzer kaum bereit sind, für noch höhere Datenraten auch mehr zu bezahlen. Viele private Nutzer haben ohnehin Tarife, bei denen das monatliche Gesamtvolumen so begrenzt ist, dass Streaming für sie bestenfalls kurzzeitig in Frage kommt. Sie bezahlen also nicht einmal für die vollen Möglichkeiten der heutigen Technik.

Wollen die Anbieter mit ihrem neuen Standard also tatsächlich zusätzliche Einnahmen generieren – und das müssen sie, um dessen Einführung finanzieren zu können – dann muss durch neue Anwendungen ein neuer Bedarf entstehen. Erwartet wird dieser Bedarf vor allem durch das „Internet der Dinge“, also dadurch, dass immer mehr technische Geräte, die nicht primär der Kommunikation dienen, Daten versenden. Das Vorzeigebeispiel ist meist der Kühlschrank, der selbstständig die zur Neige gehenden Vorräte nachbestellt. Tatsächlich sind, wenn man die Kosten in den Griff bekommt, eine Unzahl von Anwendungen denkbar: Maschinen in Fabriken, die ihre Funktion an die Konzernzentrale melden, landwirtschaftliche Geräte, die beim Ernten schon die Mengen in der Mühle anmelden, Frachtstücke und Kühlbehälter, die ihren eigenen Transport überwachen, das Smart Home, das automatisch lüftet und heizt, wenn sich die Bewohner aus dem Urlaub nähern, Arzneimittel, die sich aus dem Arzneischrank melden, wenn ihr Verfallsdatum naht… Gerade die vielen Effizienzgewinne, die sich hier abzeichnen, lassen erwarten, dass private und geschäftliche Kunden bereit sein werden, dafür angemessen zu bezahlen. Die meisten dieser Geräte brauchen für sich genommen keine riesigen Datenraten, aber in der Summe sollte die übertragene Datenmenge dramatisch ansteigen.

Was aber vor allem ansteigt, ist die Anzahl der Endgeräte und damit der Verbindungen, und jede dieser Verbindungen braucht vereinfacht gesagt im Moment der Datenübertragung eine eigene Frequenz, auf der ein Gerät mit einer Basisstation kommunizieren kann, ohne dass ein anderes Gerät innerhalb der Reichweite auf derselben Frequenz dazwischenquakt. Das ist nur durch neue Übertragungsprotokolle nicht zu erreichen. Wenn 5G und das Internet der Dinge den Nutzen bringen sollen, den man sich von ihnen erwartet, brauchen sie deutlich mehr Frequenzen und deutlich mehr Basisstationen.

Arbeitet 5G auf ganz neuen Frequenzen?

Im Bereich der aktuell für den Mobilfunk genutzten Frequenzen zwischen 700 und 2600 MHz wird es allerdings langsam eng. Schon für UMTS und LTE hatte die Bundesnetzagentur zusätzliche Frequenzen freischaufeln müssen, die vorher teils dem Militär, teils dem DVB-T-Fernsehen vorbehalten waren. Im Frequenzplan sieht man, viel dürfte in diesem Bereich nicht mehr zu holen sein. Ein paar kleine Fenster könnte die Bundeswehr vielleicht noch abgeben, und ein paar könnte man effizienter nutzen, indem man die alten Mobilfunknetze abschaltet und die Frequenzen für 5G recyclet – aber dann würden natürlich auch die letzten noch verwendeten Nokia-Knochen nicht mehr funktionieren.

Für die ganz hohen Datenraten kann man physikalisch mit der Frequenz auch nicht sehr weit nach unten gehen: Übertragen werden die Daten ja über Veränderungen eines Funksignals. Damit die Frequenz dieses Signals überhaupt noch erkannt werden kann, muss die Frequenz, mit der es sich ändert (und damit die Bitrate der Datenübertragung), logischerweise deutlich kleiner sein. Daher lassen sich über höhere Sendefrequenzen mehr Daten übertragen. Gleichzeitig werden die Reichweite in unserer realen Umwelt, die Fähigkeit, Wände zu durchdringen oder sich um Hindernisse herumzukrümmen, mit höherer Frequenz immer schlechter. Auch die heutige Sende- und Empfangstechnik hat zu sehr hohen Frequenzen hin ihre Grenzen. Für die nächsten Jahre sind für 5G also neben Lücken bei 2000 MHz zunächst einmal Frequenzen zwischen 3400 und 3700 MHz vorgesehen.

Ist das die gefürchtete Mikrowellenstrahlung und die Nutzung dieser Frequenzen das „strahlende Experiment“, von dem die Zeit schreibt? Wohl kaum. Der angesprochene Bereich liegt genau zwischen den Frequenzen, die wir wir von heutigem Mobilfunk, von DECT, Bluetooth und dem unteren WLAN-Frequenzband kennen und dem oberen WLAN-Frequenzband bei 5000 MHz, von dem Sie mit hoher Wahrscheinlichkeit in ihrer Wohnung und an vielen Arbeitsplätzen umgeben sind. Neu und unbekannt ist diese Art von Strahlung also keineswegs. Natürlich handelt es sich um Mikrowellen – genau wie bei praktisch allen schnellen, drahtlosen Datenverbindungen, mit denen wir täglich zu tun haben.

Längerfristig ist aber auch absehbar, dass bei sehr vielen neuen Geräten mit Internetanbindung in einem kleinen Gebiet auch diese Frequenzen irgendwann nicht mehr ausreichen dürften. Höhere Frequenzen sind zunächst einmal durch Satellitenkommunikation, auch Satellitenfernsehen, sowie Radargeräte belegt, gefolgt von einem Bereich, in dem die Wellen vom Wasserdampf in der Atmosphäre stark absorbiert werden, so dass die Reichweiten extrem kurz und wetterabhängig würden. Wahrscheinlich geeignetere und noch wenig genutzte Frequenzen fände man wieder zwischen 25.000 und 35.000 MHz (25-35 GHz). [Aktualisierung 26.11.19: zwischen 24.000 und 35.000 MHz (24-35 GHz). Gegen die zumindest in internationalen Konferenzen diskutierten Frequenzen bei 24 GHz gibt es jedoch Bedenken, sie könnten Messungen des Wasserdampfgehalts in der Atmosphäre durch Wettersatelliten stören, die einen Frequenzbereich knapp unter 24 GHz nutzen.] Genaue Frequenzen sind dort noch nicht festgelegt, und die technische Machbarkeit wird noch erprobt. Das ist also so oder so Zukunftsmusik und hat mit dem 5G, das ab 2020 allmählich in Betrieb gehen soll, wenig zu tun. Klar ist nur, wenn sehr viele neue Geräte kommen, wird man irgendwann Frequenzen in diesem Bereich nutzen müssen. Aktuell arbeiten dort zum Beispiel Satellitenfunk und spezielle Radargeräte wie Abstandsmesser für autonomes Fahren oder manche Radarfallen. Da wir im Alltag bislang noch eher wenigen Sendern in diesem Bereich begegnen, kann man sich theoretisch schädigende Wirkungen zusammenphantasieren, die noch nicht aufgefallen sein könnten, falls sie selten genug aufträten.  Auch hier wäre aber ein Nobelpreis für Physik fällig, denn nach den Gesetzen der Physik ist auch in diesem Bereich, immer noch weit unter dem Infrarot und noch weiter unterhalb des sichtbaren Lichts und der ionisierenden Strahlung, die einzige Wirkung auf biologisches Material eine Erwärmung.

Einen biologischen Unterschied gibt es allerdings tatsächlich: Die kürzeren Wellen bei diesen Frequenzen geben beim Auftreffen auf den Körper ihre Energie nicht über mehrere Zentimeter Weglänge im Gewebe ab, sondern direkt in der obersten Hautschicht. Der Körper würde also nicht wie durch heutigen Mobilfunk im Gewebe erwärmt, sondern direkt auf der Haut. Die würde sich vor allem bei schlechter Durchblutung möglicherweise schneller aufheizen. Das klingt beunruhigend, aber tatsächlich hätte es einen entscheidenden Vorteil: Auf der Haut haben wir anders als tief im Gewebe Nervenenden, die Wärme wahrnehmen. Eine Annäherung an einen zu starken Sender würde man also viel schneller als heiß empfinden und könnte sich in Sicherheit bringen. Der Effekt würde einem Infrarot-Heizstrahler ähneln, der allerdings bei noch viel höheren Frequenzen strahlt.

Alle 200 Meter ein Sendemast?

Bei den für einen späteren Ausbau vorgesehenen Frequenzen ab 25 GHz ist die Reichweite durch Hindernisse und Absorption in der Luft erheblich geringer als bei heutigem Mobilfunk. Für die Flächenabdeckung ist das natürlich ein Nachteil, aber in Gebieten mit hoher Nutzerdichte eher vorteilhaft, weil man dieselbe Frequenz an einem anderen Sendemast schon in überschaubarem Abstand wieder verwenden kann. Die kurze Reichweite führt also dazu, dass man nicht absurd viele zusätzliche Frequenzen braucht. Sie erfordert aber natürlich tatsächlich deutlich mehr Sendestationen. In gewisser Weise verschwimmt damit in Innenstädten durch 5G der Unterschied zwischen Mobilfunk und öffentlichem WLAN. Die kürzere Reichweite bedeutet natürlich auch, dass die Strahlen-„Belastung“ auf der einzelnen Frequenz trotz mehr Sendestationen im Durchschnitt nicht ansteigt. Man braucht ja einfach nur genug Leistung, dass das Gerät kommunizieren kann. Die insgesamt eingestrahlte Leistung über alle Frequenzen steigt also nur in dem Umfang, wie mehr Geräte eben mehr Frequenzen brauchen.

Die kürzere Reichweite bei den sehr hohen Frequenzen, in Verbindung mit der populistischen Forderung mancher Politiker nach „5G an jeder Milchkanne“ dürfte zu der irrsinnigen Vorstellung geführt haben, ganz Deutschland würde mit Sendemasten im Abstand von 200 Metern zugepflastert. Hohe Dichten an Sendern wird es da geben, so sich viele Menschen aufhalten und sich damit auch viele Geräte ins Netz einwählen werden, also zum Beispiel in Frankfurt auf der Zeil oder in München rund um den Marienplatz. Auch Industriegebiete könnten eine hohe Senderdichte brauchen, wenn dort viele technische Geräte einen Internetzugang bekommen.

Auf dem Land sind die Kapazitäten der heutigen Mobilfunknetze hingegen nicht annähernd ausgelastet, und daran wird sich bei 5G auch dann nichts ändern, wenn alle Traktoren eine Internetanbindung haben und Forsthäuser zu Smart Homes werden. Wollte man die Flächenabdeckung des heutigen Mobilfunks erreichen, dann bräuchte man wegen der dort schon geringeren Reichweite allerdings schon bei den aktuell vorgesehenen Frequenzen von 3400 MHz in gewissem Umfang mehr Sendemasten als heute, die dann zum größten Teil nur zu winzigen Bruchteilen ausgelastet wären. Dass das nicht zu bezahlen wäre, ist offensichtlich auch den Fachleuten in den Ministerien klar, denn die Forderung nach hoher Flächenabdeckung, die es noch in den ersten LTE-Lizenzvergaben gab, kommt in den aktuellen 5G-Lizenzen nicht mehr vor. Will man die heutige Flächenabdeckung mit 5G erreichen, wird es sich kaum vermeiden lassen, heutige 2G- und UMTS-Frequenzen abzuschalten und auf den 5G-Standard zu übertragen – außer, man könnte doch noch niedrigere Frequenzen um 700 MHz freimachen. In diesen Fällen hätte man aber weder mehr Sendemasten noch eine „Belastung“ durch ungewohnte Frequenzen.

Was ändert sich also durch 5G?

Gesundheitlich ändert sich in der Summe nicht viel – in ländlichen Regionen eigentlich gar nichts. In den Innenstädten wird durch die potentiell große Dichte internetfähiger Geräte die Zahl jeweils aktiver Verbindungen und damit die insgesamt gesendete Leistung in gewissem Umfang ansteigen. Dort werden vermutlich auch neue Frequenzen auftauchen, bei denen die Wirkung auf den Körper tatsächlich anders ist, aber nur insofern, als der Körper dann auf der Haut erwärmt wird und nicht mehr unter der Haut.

Was bleibt, sind diffuse Ängste vor einer (einigermaßen) neuen Technologie, geschürt vom Sensationsjournalismus der selbsternannten Qualitätsmedien, die sich zum Steigbügelhalter von Verschwörungsmythen und antisemitischer Hetze machen.

 

 

Wie man Quantenquark potenziert

Ich finde es ja immer faszinierend, wenn es jemand schafft, eine Form von Quark mit einer gänzlich anderen Form von Quark zu begründen und meint, sich damit einen wissenschaftlichen Anstrich zu geben. Besonders lustig ist das zum Beispiel, wenn der Haus-AltenaivAlternativmediziner der rechtsesoterischen Querdenkerfraktion, Manfred Doepp, die Leistung unterschiedlicher Handy-Harmonisierungs-Chips mit Hilfe eines kinesiologischen Muskeltests vergleicht. Da hat er wirklich das optimale Testverfahren gefunden: Um eine funktionslose Technik, die ein nicht existierendes Problem lösen soll, zu testen, kommt eben nur eine Placebomethode in Frage.

Ungefähr auf diesem Niveau bewegt man sich, wenn man die angebliche Wirksamkeit homöopathischer „Arzneimittel“ mit falscher Quantenmechanik erklären will. Und eigentlich sollte man erwarten, dass Harald Walach bei diesem Thema die Nase vorne hat, der ehemalige Leiter von Hogwarts an der Oder. Walachs Schwache Quantentheorie ist schließlich hervorragend geeignet, um so ziemlich jeden pseudowissenschaftlichen Unsinn mit etwas zu untermauern, was wenigstens auf den ersten Blick vage wie Physik aussieht: Walach und seine Koautoren haben ein paar Begriffe aus der Quantenmechanik, ähm, entliehen (vor allem „Verschränkung“ und „Komplementarität“), die für die meisten Menschen schwer verständlich sind, aber immerhin nach Naturwissenschaft klingen. Das wäre für sich genommen ja kein Problem, wenn denn klar würde, dass es dabei um reine Analogien oder einen metaphorischen Gebrauch der Begriffe ginge. Um genau das zu verschleiern, tauchen aber in praktisch jedem Artikel über die Schwache Quantentheorie seitenweise Abhandlungen über Physik auf, was reichlich unsinnig wäre, wenn man die Begriffe ehrlich nur metaphorisch oder als Analogie verwenden würde. Ich hatte das an anderer Stelle schon angemerkt: Wenn man eine empfindliche Person metaphorisch als Mimose bezeichnet, fügt man keine Abhandlung über die Physiologie tropischer Hülsenfrüchtler an. Offenbar um den Eindruck zu verstärken, dass es sich wohl doch um so etwas wie Physik handelt und um Kritik abzuschrecken, sind die meisten Artikel auch noch mit (ebenfalls seitenweise) hochgradig abstrakten theoretischen Modellen beladen, die mathematisch sicherlich korrekt sind, denn Koautor Hartmann Römer ist ein sehr anerkannter theoretischer Physiker. Das Problem bei der ganzen Mathematikschlacht ist: Es wird an keiner Stelle klar, was das ganze eigentlich mit der Realität zu tun hat. Die Physik verwendet Mathematik, um experimentell messbare Sachverhalte zu beschreiben – selbst Theorien, zu denen man aktuell noch nichts messen kann, sind zumindest klar auf dieses Ziel ausgerichtet. Bei der Schwachen Quantentheorie erscheint mir jedoch höchst zweifelhaft, ob die Mathematik dort (außer für Professor Römer selbst, für den das sicher ein faszinierendes Gedankenspiel ist) einen anderen Zweck hat, als die Leser zu verwirren. Walach selbst lehnt schließlich wissenschaftliche Experimente zu den Systemen, die die Schwache Quantentheorie beschreiben soll, ausdrücklich ab: „Im Grunde setzen Experimente kausale Strukturen voraus, die es per definitionem in solchen Systemen eben gerade nicht gibt.“ Anschließend versteigt er sich auch noch zu der hanebüchenen Behauptung, auch die Quantenmechanik sei nicht experimentell geprüft.

Dieses merkwürdige Konstrukt müsste die Homöopathen ja nun eigentlich in helles Entzücken versetzen, und genau das muss Walach auch gedacht haben. Schon im ersten Jahr nach der offiziellen Vorstellung der Schwachen Quantentheorie in Foundations of Physics bezog sich gleich der erste wissenschaftliche Aufsatz über die Anwendungsmöglichkeiten dieser Theorie auf die Homöopathie. Veröffentlicht wurde der Artikel (Autor Harald Walach) überigens in der Zeitschrift Forschende Komplementärmedizin und Klassische Naturheilkunde (Herausgeber Harald Walach). Tatsächlich scheint die schwache Quantentheorie aber in der Esoterikszene so richtig nur die Parapsychologen und die Familienaufsteller zu begeistern. Parapsychologe Walter von Lucadou, der schwach-quantenphysikalische Verschränkungen nicht nur bei der Fußball-Nationalmannschaft, sondern auch bei angeblich hellseherischen Träumen am Werk sieht, ist auch noch selbst einer von Walachs Koautoren. Sucht man hingegen nach Schwacher (oder, wie Walach es heutzutage selbst lieber hört, Generalisierter) Quantentheorie in Verbindung mit Homöopathie, findet man dort neben ihm selbst und seinen Koautoren in erster Linie Artikel von Skeptikern. Überhaupt scheinen sich Skeptiker mehr für dieses pseudophysikalische Konzept zu interessieren als irgendjemand sonst, weswegen ich da jetzt hier auch einen Haken dranmache.

Dass die Homöopathen sich nicht besonders für die Schwache Quantentheorie zu begeistern scheinen, heißt aber nicht, dass sie etwas gegen Quantenquark hätten – ganz im Gegenteil. Zum einen kommt natürlich in jeder Homöopathie-Diskussion, wenn man vorrechnet, dass in Hochpotenzen kein einziges Molekül der Ursubstanz mehr enthalten ist, irgendjemand mit dem alten Käse (Quäse?) um die Ecke, in der Quantenphysik hinge doch alles mit allem zusammen, und deshalb habe Wasser eben ein Gedächtnis. Warum aus der Quantenmechanik eben nicht folgt, dass in irgendeinem sinnvollen Sinne alles mit allem zusammenhängt, habe ich hier schon mal angerissen. Außerdem gibt es in der Homöopedia ausführliche Artikel zum Nicht-Zusammenhang von Quantenphysik und Homöopathie und dazu, warum man sich dafür auch nicht auf den österreichischen Physiker Anton Zeilinger berufen kann. Der harte Kern wie der Zentralverein homöopathischer Ärzte (ich liebe diesen Vereinsnamen – „homöopathische Ärzte“ klingt für mich immer ein bisschen wie „pyromane Feuerwehrleute“ oder „kriminelle Justizbeamte“…) ist zu dem Thema allerdings auch relativ zurückhaltend. Andere haben allerdings aus Quantenquark gleich eine ganz neue Homöopathie gemacht.

Da wäre zum Beispiel die „Quantenlogische Homöopathie“, die der Begründer, Professor Walter Köster, selbst lieber „Quantenlogische Medizin“ nennt, obwohl es dabei um nichts weiter geht als um die Auswahl der richtigen homöopathischen „Arznei“, die dann in dem, was der Patient bekommt, nicht enthalten ist – dank der üblichen homöopathischen „Potenzierung“, der x-mal 10-fachen Verdünnung, durch die die Wirkung nach homöopathischer Logik immer stärker wird. Kösters Anspruch ist eigentlich gar nicht mal schlecht – wegzukommen von der völlig sinnfreien (und alles andere als „ganzheitlichen“) Zuordnung irgendwelcher Stoffe zu irgendwelchen Symptomen nach dem Ritual der homöopathischen „Arzneimittelprüfung“. Köster erhebt also den Anspruch, den Mittelchen jeweils eine „Eigenschaft“ zuzuordnen, für die sie gut sind. Das wäre gegenüber der klassischen Homöopathie, die Köster folgerichtig auch als wissenschaftsfeindlich bezeichnet, in der Tat ein echter Fortschritt. Für diesen Fortschritt bemüht Köster die Quanten – allerdings in einer Weise, über die man nicht einmal mehr lachen kann. Ein Quant ist nach Köster eine „gestaltende Verbindung“ zwischen zwei Extremvarianten, weil seiner Ansicht nach ein Elektron in einem Atom nur an einem von zwei Orten (=Schalen) gemessen werden kann, nie dazwischen.

Das ist natürlich schon nach Anfängerkenntnissen von Quantenmechanik oder Atomphysik so falsch, wie es nur sein kann. Die „Schalen“ sind keine Orte, sondern Energiezustände, und die sind zwar quantisiert (es sind also nur bestimmte Werte möglich, aber viel mehr als zwei), aber nicht messbar. Messbar sind nur die Übergänge dazwischen, bei denen Energie absorbiert oder abgegeben wird. Messbar ist auch der Ort des Elektrons, aber der kann mit unterschiedlichen Wahrscheinlichkeiten an jedem beliebigen Punkt innerhalb und sogar weit außerhalb des Atoms liegen. Bei Herrn Professor Kösters Vorstellungen von Quanten mangelt es ganz offensichtlich an physikalischem Grundlagenwissen auf Abiturniveau, welches man zum Beispiel hier bei „Frustfrei Lernen“ nachholen kann. Entsprechend „quantenlogisch“ ist dann auch seine Herleitung dessen, was er als „das Quant“ bezeichnet, nämlich das Homoöpathische Arzneimittelbild, also die Zuordnung der Mittelchen zu den Symptomen. Die erfolgt bei Köster nämlich offenbar einfach nach umgangssprachlichen Assoziationen. Mit Ambra werden im Darm eines Pottwals Fremdkörper ummantelt, also hilft Ambra gegen alle Symptome, die sprachlich mit Ummanteln oder Verhüllen in Verbindung gebracht werden. Was soll man zu so viel geballter Wissenschaftlichkeit noch sagen? Die Anhänger dieser bizarren Lehre scheinen überwiegend aus meiner hessischen Nachbarschaft zu kommen, was mir irgendwie schon zu denken gibt…

Allein die Tatsache, dass Köster die klassische Homöopathie mit ihrem Guru Samuel Hahnemann als wissenschaftsfeindlich bezeichnet, dürfte ihm schon den Unmut unseres nächsten Kandidaten einbringen. Lothar Brunke betreibt einen Blog namens „Quantenhomöopathie nach Hahnemann“ und hat seine früheren Blogbeiträge in einem Buch unter dem Titel „Wissenschaftliche Homöopathie“ veröffentlicht. In Diskussionsbeiträgen im Forum der homöopathischen Ärzte tut Brunke sich vor allem dadurch hervor, dass er jede Hypothese über die Homöopathie dann für falsch und diskussionsunwürdig erklärt, wenn sie von den unfehlbaren Lehren Hahnemanns abweicht. Die gleiche Unfehlbarkeitskeule trifft dann natürlich auch Walachs Schwache Quantentheorie und die von ihr angenommene pseudophysikalische Verschränkung von Arzneimittel und Symptom: „Diese Aussage widerspricht den Erkenntnissen von Herrn Hahnemann“, erklärt Brunke in seinem Buch, womit die Schwache Quantentheorie für ihn auch schon weitgehend erledigt ist. Andere Homöopathenkollegen, die von der reinen Lehre des Meisters abweichen, bezeichnet Brunke dann auch einfach als Geistheiler. Das klingt natürlich irgendwie mehr nach Vatikan als nach Wissenschaft, und so stellt sich die Frage, was Herr Brunke eigentlich unter „wissenschaftlicher Homöopathie“ oder „Quantenhomöopathie“ versteht. Sein Buch eröffnet Brunke mit einem aus dem Zusammenhang gerissenen Zitat des Mitbegründers der quantenphysikalischen Konzepts der Dekohärenz, Dieter Zeh. Etwas über Dekohärenz zu lernen, würde vielen Quantenquark-Autoren sicher gut anstehen. Zehs hochgradig abstrakte Arbeit, aus der das Zitat stammt, ist dafür aber denkbar ungeeignet. Sie ist für Diskussionen theoretischer Physiker untereinander gedacht und man muss schon ziemlich tief in Grundsatzfragen der Quantenmechanik und die dazugehörige Mathematik eingestiegen sein, um dem folgen zu können. Der Satz, den Brunke dort herausklaubt, klingt so, als bestätige Zeh das berühmte „Alles hängt mich allem zusammen“. Tatsächlich bezieht sich das Zitat aber auf das auch unter theoretischen Physikern umstrittene und obendrein rein theoretische Viele-Welten-Modell zur eher philosophischen Interpretation der Quantenmechanik, von dem eben nur eine Welt für unsere Realität relevant wäre. Es ist schon hilfreich, zu verstehen, was man zitiert… Tatsächlich verlinkt Zeh auf seiner Homepage einen großartigen und (für ernsthaft interessierte Laien mit etwas Mühe) tatsächlich verständlichen Aufsatz, in dem er klarstellt, was da gemeint ist – und das erklärt eine Wirkung nicht vorhandener Wirkstoffe eben gerade nicht.

Damit ist aber immer noch offen, wie denn eine „wissenschaftliche Homöopathie“ laut Brunke wirken soll. Die Antwort findet sich in einem Artikel, den er 2011 für die Allgemeine Homöopathische Zeitung geschrieben hat. Die Antwort ist: Homöopathie wirkt über Biophotonen! Dazu, dass Fritz-Albert Popps Konzept der Biophotonen unsinnig ist, habe ich schon in diesem Post zwei Vorträge von mir verlinkt, und ich hatte eigentlich die Hoffnung, da Popp mit fast 80 Jahren kaum noch öffentlich auftritt, gerät das Thema langsam in Vergessenheit und ich muss es nicht mehr verschriftlichen… Hier also nochmal die lange Version von der SkepKon 2014:

Brunke verbreitet also auch nichts weiter als Quantenquark, was darin gipfelt, dass er Samuel Hahnemann im Klappentext zu seinem Buch als ersten Entdecker der Quantenphysik bezeichnet. Als Max Planck 1900 mit dem Strahlungsgesetz die erste Idee der Quantenphysik aufbrachte, war Hahnemann schon mehr als 50 Jahre tot.

Die gleiche absurde Idee von Hahnemann als erstem Quantenphysiker verbreitet auch Helmut Trott, ein Heilpraktiker aus Südbaden, der mit „miasmatischer Homöopathie“ wirbt. Miasmen sind eine Vorstellung aus der Zeit vor der Entdeckung von Bakterien und Viren, nach der Krankheiten durch üble Gerüche verursacht werden und man sich mit räuchernden Schnabelmasken davor schützen kann. (Bild: Wikimedia)

Trotts Erklärung für eine „quantenphysikalische“ Wirkung der Homöopathie sind sogenannte morphische (auch: morphogenetische) Felder. Die haben dummerweise aber überhaupt nichts mit Quantenphysik zu tun, sondern sind ein Relikt aus der Mottenkiste der Biologie. Mit morphischen Feldern erklärte man (hypothetisch) sich die Entwicklung heranwachsender Organismen, bevor die Bedeutung der DNA als Bauplan für Proteine entdeckt wurde. Die Idee wurde in den 1980ern von Rupert Sheldrake wieder aufgewärmt und mit einem fadenscheinigen physikalischen Anstrich versehen und ist seitdem in der Esoszene recht beliebt. Vielleicht braucht Sheldrake hier auch mal irgendwann einen eigenen Artikel…

Wenn der oben erwähnte selbsternannte Leiter der homöopathischen Glaubenskongregation, Lothar Brunke, einige seiner Homöopathenkollegen als Geistheiler bezeichnet, meint der das ganz offensichtlich als Abwertung, zumal er deren Tätigkeit auch als „gefährliche Scharlatanerie“ bezeichnet. Ein paar andere seiner Kolleginnen, die ihre eigene „Quanten-Homöopathie“ verkaufen, hätten gegen die Bezeichnung Geistheiler aber vermutlich gar nichts einzuwenden, und zwar die Erdschwestern. Dagmar Schneider-Damm und Meike Dörschuck werben nämlich ganz ausdrücklich auch mit „russischen, geistigen und kosmischen Heilweisen – auch Geistheilung genannt“. Was ihre Homöopathie zur Quanten-Homöopathie macht, ist wohl, dass die beiden nebenbei auch noch mit Quantenheilung heilern. Ein bisschen was zur Quantenheilung hatten wir hier schon mal – das muss ich an dieser Stelle nicht wiederholen. Außerdem gehört laut der Inhaltsangabe zu ihrem Buch „Homöopathie-Profile“ zu ihrer Quanten-Homöopathie auch, mittels Kieselerde die Erde zu heilen, und die morphischen Felder sind auch wieder mit von der Partie. Außerdem kann man sich auch meditativ mit den homöopathischen Wirkkräften eines Mittels in Verbindung setzen – alles Physik, natürlich. Und schließlich: „Auch in anderen Bereichen können wir mithilfe der Quantenphysik alles erreichen, wenn wir uns nur dessen bewusst werden.“ Ansonsten besteht ihr Buch aber vor allem aus dem, woraus Homöopathie letztlich immer besteht: Einer langen Auflistung von Mittelchen, jeweils mit einer Liste von Wehwehchen, für die der Patient von diesen Mittelchen – nichts bekommt.

Und schließlich hat die Sinn/Seelenintelligenz-Akademie auch noch eine Sinn/Quanten-Homöopathie im Angebot. Danach entstehen Krankheiten nicht etwa durch Infektionen, Verletzungen oder Alter, sondern durch „unharmonische Schwingungen“ in unseren Organen. Die Sinn/sche Vorstellung von Quanten-Homöopathie, zusammengebraut aus dem Trio Infernale des verdünnten Nichts (Homöopathie, Bachblüten und Schüsslersalze), liefert die notwendigen „feinstofflichen Informationen“ als „Heilfrequenzen“… Was das mit Quanten zu tun hat oder welchen Sinn das überhaupt ergeben soll, steht leider nicht dabei, und das dazu empfohlene Sinn/Körperenergetik-Seminar für 440 Euro wollte ich nun doch nicht belegen, nur um das herauszufinden.

So, und nach so viel Quark verabschiede ich mich – ich brauche jetzt dringend meine Rescue-Tropfen…

 

Physikstudium schützt vor Quark nicht – im Zweifel nicht mal ein Nobelpreis

Vor einigen Tagen schlug es ziemliche Wellen, als mehr als 100 Nobelpreisträger (nach der Veröffentlichung haben sich offensichtlich noch einige angeschlossen – die aktuelle Zahl liegt bei 110) Greenpeace aufgefordert haben, den Widerstand gegen die Agrarbiotechnologie aufzugeben. Nicht nur der Zeitpunkt mitten in der Glyphosat-Debatte, sondern auch der Adressat war offensichtlich rhetorisch gewählt: Greenpeace hat als reine Lobbyorganisation bei dem Thema faktisch natürlich keinerlei Entscheidungsgewalt, und nach einer Kehrtwende bei einem solchen Kernthema könnte sich Greenpeace genausogut gleich selbst auflösen.

Die spannende Frage ist aber eigentlich eine ganz andere: Warum interessiert uns eigentlich, ob der Volkswirtschaftsprofessor Lars Peter Hansen oder der Elementarteilchen-Theoretiker Sheldon Glashow die Risiken der Gentechnik für überschätzt halten? Wissenschaftliche Auszeichnungen bekommt man für besondere Leistungen in einem in der Regel eng begrenzten Fachgebiet, und die sagen oft wenig aus über das Verständnis der Welt im Allgemeinen oder auch nur das Wissen zu anderen Teilbereichen des eigenen Fachs.

Die Relevanz der Unterstützerliste liegt in diesem Fall zum einen in der schieren Zahl der Unterzeichner, zum anderen in der überwältigenden Zustimmung unter den fachnahen Preisträgern. Die Zahl der Unterzeichner übertrifft deutlich die jüngerer Aufrufe zum Klimaschutz (71 Preisträger) und gegen Kreationismus an Schulen (42 Preisträger). Die Unterzeichner des Aufrufs zur Gentechnik machen rund ein Drittel der derzeit überhaupt lebenden Nobelpreisträger aus, und sie kommen ganz überwiegend aus den Naturwissenschaften. Unter den 110 Unterzeichnern finden sich ganze acht Wirtschaftswissenschaftler, nur eine Preisträgerin für Literatur (Elfriede Jelinek) und ein Friedensnobelpreisträger (mit José Ramos-Horta wenig überraschend ein Repräsentant eines Entwicklungslandes, in dem viel Reis angebaut und gegessen wird und der Goldene Reis besonders hilfreich wäre). Vor Elfriede Jelinek ziehe ich in diesem Kontext meinen Hut – ein so klares Bekenntnis zur Gentechnik dürfte ihr unter unseren chronisch fortschrittspessimistischen Intellektuellen wenig Freunde bringen. Die anderen 100 Unterzeichner kommen aus den Fachgebieten Chemie, Physik und Medizin (einen separaten Nobelpreis für Biologie gibt es nicht). Von den neueren Preisträgern für Chemie oder Medizin kann man tatsächlich viele als Experten für Gentechnik bezeichnen, und gerade die haben den Aufruf fast alle mitgetragen. In dieser Zusammensetzung und Geschlossenheit repräsentieren die Preisträger dann eben doch die wissenschaftliche Expertise ihrer Fachgebiete und geben dem Aufruf damit eine gewisse Relevanz, wenn auch wohl gerade nicht für Greenpeace.

Wenn eine solche geschlossene Aussage der Masse fachnaher Nobelpreisträger zumindest eine Trendaussage zum „Stand der Wissenschaft“ ist, heißt das aber nicht, dass auch Aussagen einzelner Nobelpreisträger zu Themen außerhalb ihres Forschungsgebiets immer hilfreich sind. Anderenfalls hätte man sich auch von diesem Herrn hier über Schuhmode beraten lassen können:

Albert Einstein in Plüschpantoffeln

Albert Einstein in Sandalen

Albert Einstein in Bademantel und so einer Art Ballerinas

(die Bilder binde ich nicht mehr ein, dank DSGVO)

Zu den bekannteren traurigen Beispielen von Nobelpreisträgern, die teilweise üblen pseudowissenschaftlichen Unsinn verbreitet haben, gehört der Chemiker Linus Pauling. In seiner wissenschaftlich produktiven Zeit machte er wichtige Entdeckungen rund um chemische Bindungen zwischen Atomen. Ihm wird die Einführung des Begriffs der Elektronegativität zugeschrieben. Daraus, dass jemand im Labor chemische Bindungen untersucht hat, folgt aber leider nicht, dass er auch ein gutes Verständnis der Erforschung von Arzneimittelwirkungen am Menschen hat. Nach seinem Rückzug aus dem aktiven Wissenschaftsbetrieb propagierte Pauling mit geradezu religiösem Eifer (und offenbar auch mit einigem Geschäftssinn) die angeblich positiven Gesundheitseffekte extrem überdosierter Vitamine. Wie viele Menschen seitdem durch seinen „orthomolekularen“ Vitaminwahn gestorben sind, ist schwer nachzuvollziehen, aber allein die Folgen in Südafrika unter der Mbeki-Regierung im vergangenen Jahrzehnt waren dramatisch.

Beim Durchklicken der Gentechnik-Experten unter den Unterzeichnern des Greenpeace-Aufrufs hatte ich dann direkt wieder das Bedürfnis, die Hände über dem Kopf zusammenzuschlagen. Ohne die Polymerase-Kettenreaktion (PCR) wäre die moderne Biotechnologie kaum denkbar, und ihr Erfinder ist offensichtlich jemand, der etwas über Gentechnik zu sagen hat und ein verdienter Nobelpreisträger. Was Kary Mullis sonst so von sich gibt, lässt mich allerdings stark daran zweifeln, ob ich auf ihn als Unterstützer für ein Anliegen allzu großen Wert legen würde. Mullis glaubt an Astrologie und behauptet, von Außerirdischen entführt worden zu sein und seine wissenschaftlichen Erkenntnisse im LSD-Rausch erlangt zu haben. Wenn man ihn erklären hört, warum er nicht glaubt, dass AIDS vom HIV-Virus verursacht wird, drängt sich allerdings der Verdacht auf, dass er es mit den Drogen ein Bisschen übertrieben hat:

Kary Mullis

Womit wir, wie es sich für diesen Blog hier gehört, zu den Physikern kommen. „Aber da ist ein Physiker, der hat gesagt…“ war für mich schon der Anfang von so mancher Horrordiskussion und hat mich vor fast 20 Jahren zur Skeptikerbewegung geführt. Die Vorgeschichte dieses Posts hier war ein Facebook-Meme mit dem Text: „The universe responds to the vibrations you create, think happy and happiness will come to you. You must simply resonate your frequencies with the frequencies of the universe. – Said no physicist ever.“ Ich habe das Bild gerne geteilt, aber im Stillen hatte ich meine Zweifel, ob das „no physicist ever“ tatsächlich zutrifft. Bedauerlicherweise ist mir schon viel zu viel Quantenquark von Autoren begegnet, die es eigentlich besser wissen müssten. Dazu muss man nicht einmal bis zu obskuren Physikern wie Dirk Schneider und seinem Buch mit dem absurden Titel „Jesus Christus Quantenphysiker“ gehen. Ich werde mich im Folgenden auf namhafte Forscher mit einer erkennbaren wissenschaftlichen Biographie beschränken.

Glücklicherweise fallen hier wenigstens die Nobelpreisträger nicht unbedingt durch Quantenunsinn auf, jedenfalls mir bislang nicht. Für anderslautende Hinweise bin ich dankbar – ich werde sie dann in einem späteren Artikel verarbeiten. Der Physiknobelpreisträger von 1973, Ivar Giæver, würde allerdings ganz sicher die Mainauer Deklaration zum Klimawandel nicht unterschreiben, denn er verbreitet einige eher fragwürdige Ideen zur Klimaforschung.

Wenn wir mal mit den harmloseren oder vielleicht auch eher missverstandenen Fällen in der Physik anfangen, ist unter den Ersten sicherlich Hans-Peter Dürr zu nennen. Der 2014 verstorbene Dürr war zwar kein Nobelpreisträger, aber ein angesehener theoretischer Physiker, und hat bis heute viele Fans: Als ich im vergangenen Jahr im Editorial des Physik-Jounals appelliert habe, Physiker sollten sich mehr gegen Quantenunsinn engagieren, bezogen sich alle negativen Reaktionen ausschließlich auf meine Kritik an Dürr. Er ging als Direktor des Max-Planck-Instituts für Physik in München gerade in den Ruhestand, als ich angefangen habe, dort zu promovieren, und etwa seit diesem Zeitpunkt wurden seine Äußerungen auch immer wunderlicher. Seine Aussage „es gibt keine Materie“ wird von Esoterikern besonders gerne zitiert. Als persönliche Spekulationen von jemandem, der eben nicht mehr wissenschaftlich arbeiten muss, sind seine nicht überprüfbaren Aussagen natürlich legitim. Dummerweise werden sie aber bis heute von vielen Leuten als Stand der Wissenschaft aufgefasst, weil sie von einem seinerzeit hochdekorierten Wissenschaftler stammen.

Bei Professoren für theoretische Physik, die mit Begeisterung von Esoterikern zitiert werden, kommt man leider auch nicht am Freiburger Emeritus Hartmann Römer vorbei. Zusammen mit dem Psychologen Harald Walach, der später Hogwarts an der Oder aufgebaut hat, verbreitete er die schwache oder generalisierte Quantentheorie. Ausführlichere skeptische Betrachtungen der schwachen Quantentheorie gibt es von Philippe Leick bei der GWUP und von Joachim Schulz auf SciLogs. Kurz zusammenfassend kann man sagen, die schwache Quantentheorie ist eben keine Quantentheorie, sondern ein Anwenden von Begriffen aus der Quantenmechanik auf Objekte, auf die sie nach den Erkenntnissen der Physik eben nicht anwendbar sind, zum Beispiel die quantenmechanische Verschränkung auf Homöopath und Patient. Walachs Ex-Chef Walter von Lucadou verschränkt auch schon mal Fußballspieler, wie hier schon erwähnt wurde.

Wie auch Walach und Römer stark im religiösen, genauer gesagt katholischen Umfeld verwurzelt ist auch Markolf Niemz, Professor für Biophysik an der Universität Heidelberg. Er beschäftigt sich wissenschaftlich hauptsächlich mit Medizintechnik, vor allem mit der Anwendung von Lasern. Bekannt geworden ist er aber über seine drei Lucy-Bücher. Darin erklärt er, als Roman verpackt aber als Sachbuch gemeint, die Halluzinationen von Menschen, deren Gehirn durch Herzstillstand mit Sauerstoff unterversorgt war, zu Blicken ins Jenseits, und zwar mit abstrusen Begründungen aus der Relativitätstheorie. Im Engel-Magazin behauptet er, beim Sterben würde die Seele auf Lichtgeschwindigkeit beschleunigt. Seine Begründung, auf der die ganze hanebüchene Geschichte aufbaut: Die Schilderungen der Halluzinationen klingen so ähnlich wie Simulationen der Wahrnehmung von Reisenden nach der Relativitätstheorie aussehen müssten, wenn sie sich der Lichtgeschwindigkeit annähern.

Noch ein Biophysiker, der in dieser Reihe natürlich keinesfalls fehlen darf, ist der Biophotonen-Papst Fritz-Albert Popp. Popp war in den 1970er Jahren längere Zeit Dozent an der Universität Marburg. Dass er eine feste Professur erhielt, wurde damals angeblich von Medizin-Dekan Heinrich Oepen verhindert, dem Gatten der Mitgründerin der Skeptikerorganisation GWUP, Irmgard Oepen. Später hat sich Popp jahrelang mit einem eigenen „Forschungsinstitut“ durchgeschlagen, hat Seminare für Heilpraktiker und andere, sagen wir Interessierte, angeboten, Bücher verkauft und jede Menge Vorträge auf Esoterikerkonferenzen gehalten. Ich halte ihn für jemanden, der anfangs durchaus ernsthafte Forschung betreiben wollte, sich dann in eine Außenseitertheorie verrannt hat und sich schließlich damit eingerichtet hat, dass er Applaus nur von der Eso-Fraktion bekommt. Auf Popps Biophotonen-Unsinn bin ich schon in zwei Vorträgen eingegangen, die man beide auf Youtube ansehen kann, einen ausführlichen und einen im handlichen Science-Slam-Format. Verlinkt sind beide hier schon in diesem Post.

Kein Professor, aber ein äußerst erfolgreicher Sachbuchautor mit Doktortitel aus Cambridge ist John Gribbin. 2009 hat ihn die Association of British Science Writers für sein Lebenswerk geehrt, und in der Tat scheint er lichte Momente zu haben. Dieses Zitat erklärt richtig gut, warum viele Menschen solche Probleme haben, die Quantenmechanik zu akzeptieren (das Verstehen ist ja oft gar nicht das Hauptproblem):

Gribbins unwissenschaftlicher Durchbruch war 1974 das Buch The Jupiter Effect, in dem er und Stephen Plagemann orakelten, am 10. März 1982 würde es auf der Erde zu gigantischen Naturkatastrophen kommen, weil dann sämtliche Planeten auf der selben Seite der Sonne stünden. Bis am genannten Datum natürlich nichts passierte, hatte er Zeit, massenweise Bücher zu verkaufen und auch noch in einem Fortsetzungsband zu erklären, warum dann wohl doch keine Katastrophen passieren würden (weil ja schon 1980 der Mt. St. Helens ausgebrochen war). Eine wirkliche Katastrophe, jedenfalls für das Verständnis von Wissenschaft in der Öffentlichkeit, war hingegen Gribbins Buch Auf der Suche nach Schrödingers Katze. Quantenphysik und Wirklichkeit. Kaum ein konstruktivistischer Philosoph, der sein gefährliches Halbwissen über Quantenmechanik herumschwurbelt, kommt ohne Gribbins Katzensermon als Quelle aus. Quantenheiler, Buddhisten, neurolinguistische Programmierer, Mystiker und Heiler mit Schröpfköpfen berufen sich auf Gribbin, wenn sie sich zusammenspinnen, dass Materie aus dem menschlichen Bewusstsein entstünde.

Ebenfalls ein promovierter Physiker mit Abschluss im angelsächsischen Raum ist Fritjof Capra, der Urgroßvater aller Quantenschwurbler. Von Capras Tao der Physik war schon vor 25 Jahren mein Physiklehrer begeistert, und ich hatte schon damals das vage Gefühl, dass da irgendwas keinen Sinn ergibt – nur hatte ich eben nicht das Wissen, um zu sagen, was. Capras Argumentationsmuster ist das gleiche wie bei vielen seiner Nachfolger: Unsere bildlichen und verbalen Beschreibungen dessen, was die Quantenmechanik berechnet, haben mit viel Phantasie eine vage Ähnlichkeit mit den Schriften antiker asiatischer Mystiker. Na klar, da muss doch irgendein Zusammenhang bestehen! Das kann doch kein Zufall sein!

Irgendwie kommt offenbar niemand darauf, dass umgekehrt ein Schuh daraus wird: Unser Gehirn hat sich evolutionär nicht dazu entwickelt, sich subatomare Vorgänge, also das Arbeitsfeld der Quantenmechanik, wirklich realistisch vorstellen zu können. Wer versucht, die Quantenmechanik, möglichst auch noch einfach, zu beschreiben, kommt also nicht umhin, mehr oder weniger brauchbare Metaphern zu finden. Die wird man bevorzugt aus Themenbereichen entleihen, die einem vertraut sind aber dennoch weit genug entfernt vom Alltagsleben und der Alltagsliteratur, um nicht allzu wörtlich verstanden zu werden (was dann natürlich doch immer irgendwer tut). In einer Zeit, in der sich die asiatische Mystik als fremdes und faszinierendes Thema unter Europas Intellektuellen ausbreitete, bot sie den idealen Bilderlieferanten, um über die fremdartige Welt der Quantenmechanik zu philosophieren.

Als Murray Gell-Mann in den 1960er Jahren die neu entstehende Quantenchromodynamik in Worte packen musste, benannte er eine darin auftauchende Ordnung von acht Teilchen nach dem achtfachen Weg der Weisheit aus dem Buddhismus. Als er aber wenig später eine Bezeichnung für die immer in Dreiergruppen auftauchenden Bauteile unserer Kernteilchen suchte, hatte er statt der Yanas offenbar gerade James Joyce gelesen und landete bei den in der Physik dadurch berühmt gewordenen „Three quarks for Muster Mark“. Hier zeigt sich einmal mehr, dass Physiker in der Auswahl ihrer Bezeichnungen und Bilder besonders sorgfältig sein sollten, weil fast überall die seltsamsten Bedeutungen hineingeheimnist werden, wie ja gerade wieder das CERN feststellen muss.

Hätten sich statt der Quantenmechanik die Vorstellungen der „arischen Physik“ um Philipp Lenard als zutreffend erwiesen, würden wir uns heute möglicherweise darüber wundern, welch tiefgründige Einblicke in die Natur der Materie doch die Autoren der Edda hatten…