Sind Impfstoffe der Goldesel einer globalen Pharmaverschwörung?

„Eine Sache, die bei mir einen Groschen hat fallen lassen, ist, dass die Impfungen gar nicht so einen großen Anteil am Gewinn der Pharmakonzerne ausmachen.“ Diese Aussage einer Mutter, die jahrelang Impfungen abgelehnt hatte, auf meine Frage, was sie denn schließlich zum Umdenken gebracht habe, ließ mir erst einmal den Mund offen stehen. Wenn man sich wie ich seit mehr als 15 Jahren immer wieder beruflich und privat mit der Wirtschaftlichkeit von Krankenversicherungen, Apotheken und Pharmaunternehmen beschäftigt hat, erscheint einem diese Erkenntnis so selbstverständlich, dass man sie gar nicht mehr erwähnen möchte.

Die vermeintlichen Riesenprofite mit Impfstoffen kommen aber immer wieder in der Argumentation von Impfgegnern vor, und das nicht nur in einigen geschlossenen Facebookgruppen, in denen Verschwörungsglauben mit allem Eifer einer Religion zelebriert und Ketzer sofort exkommuniziert werden. Wenig überraschen dürfte noch, dass die MasernverbreiterWaldorfschul-Postille „Erziehungskunst“ die Entscheidung der sächsischen Impfkommission, Grippeimpfungen für Kleinkinder zu empfehlen mit Investitionen der Pharmaindustrie in Dresden erklärt. Im „Naturheilmagazin“ schafft es eine Autorin, sich einerseits für die Masernimpfung auszusprechen, ihre Ablehnung einer Impfpflicht aber mit einem ironischen Verweis auf die Schweinegrippe-Epidemie 2009/2010 zu begründen: „Wir glauben es, 2010 ist lange her. Es wird quasi plötzlich nur noch zum Wohl der Gesundheit und reinen Herzens geforscht.“ Der marxistische Ärtze-ohne-Grenzen-Abklatsch Medico International beruft sich ebenfalls auf die Schweinegrippe-Impfung und behauptet: „Impfungen, die ehemals zum Kern gesundheitlicher Prävention zählten, stehen im Verdacht, womöglich nur noch in zweiter Linie die Menschen im Blick zu haben.“ In dem Buch „Die Virenlüge“ von Marita Vollborn und Vlad Georgescu, erschienen in einem der großen Publikumsverlage, geht es wieder um die Grippeimpfung: „Das Resultat der letzten Grippehysterie – gefüllte Kassen der Pharmakonzerne, verunsicherte Patienten und eine blamierte Politik – scheint vergessen. Wieder wird Angst geschürt: der lukrative Motor, mit dem Pharmakonzerne Milliarden von Euro verdienen.“ In Martin Hirtes scheinheilig betiteltem „Handbuch für die individuelle Impfentscheidung“ heißt es: „Insgesamt ist also der Impfmarkt hochattraktiv, zumal in Zeiten, wo die Umsätze bei den konventionellen Medikamenten zurückgehen – wegen auslaufender Patente, fehlender Neuentwicklungen und kostendämpfender Eingriffe der Gesundheitsbehörden.“ Implizit wird hier also behauptet, bei Impfstoffen gäbe es keine kostendämpfenden Eingriffe. Nicht jeder dieser Autoren hängt selbst Hardcore-Verschwörungsglauben an, aber alle tragen dazu bei, ihn zu befeuern.

Werfen wir also einen Blick auf die angeblichen Milliardenprofite, die die Pharmariesen motivieren sollen, Impfkommissionen und Gesundheitspolitiker zu korrumpieren, um uns alle mit Aluminium, Wirkverstärkern und abgeschwächten Krankheitserregern vollzupumpen. Wieviel Geld verdient eigentlich wer mit Impfungen? Ich versuche dabei mal bewusst nicht auf Branchenwissen oder Meldungen der entsprechenden Verbände zurückzugreifen, sondern auf öffentliche Quellen und Abschätzungen, die für jeden, der die Grundrechenarten beherrscht, nachvollziehbar sein sollten.

Wer überhaupt Impfstoffe verkauft, ist für Deutschland leicht nachlesbar auf der Seite des Paul-Ehrlich-Instituts, die für jede impfpräventable Krankheit alle jeweils zugelassenen Impfstoffe mit Zulassungsinhaber und Zulassungsdatum auflistet. Die Liste ist einigermaßen unübersichtlich, weil viele Impfstoffe neben dem eigentlichen Hersteller noch von mehreren Importeuren wie Kohlpharma zugelassen sind, deren Geschäftsmodell darauf beruht, die unterschiedlichen Preise zu nutzen, zu denen Originalhersteller ihre Produkte auch innerhalb der EU anbieten. Diese Preisunterschiede, bei denen beileibe nicht immer Deutschland am teuersten ist und die es nicht nur bei Impfstoffen gibt, beruhen einerseits auf Kaufkraftunterschieden von z.B. Deutschland oder Skandinavien gegenüber Griechenland oder Rumänien, andererseits auf der von Land zu Land und oft auch von Krankheit zu Krankheit unterschiedlichen Preisregulierung durch die jeweiligen Regierungen. Streicht man diese Importzulassungen (in den Tabellen des Paul-Ehrlich-Instituts in der ganz rechten Spalte zu erkennen) weg, dann erhält man eine gute Übersicht, wer Impfstoffe herstellt.

Dabei sollte einem zunächst einmal auffallen, dass die drei großen forschenden Pharmaunternehmen aus Deutschland (Bayer, Boehringer Ingelheim und Merck KGaA) unter den Impfstoffherstellern genauso wenig vorkommen wie große Generikahersteller wie Stada oder Hexal. Für die deutschen Pharmariesen sind Impfstoffe also ganz offensichtlich uninteressant. Von den internationalen Pharmakonzernen tauchen Pfizer (die weltweite Nr. 1 der Branche), AbbVie (Nr. 7) und AstraZeneca (Nr. 9) jeweils nur mit einzelnen Impfstoffen auf, die sie zum Teil aus unternehmenshistorischen Gründen noch im Portfolio haben, weil sie einmal zu den Pionieren bei der Entwicklung von Impfungen gegen die jeweilige Krankheit gehört haben. Ähnliches gilt für den australischen Biotechnologiekonzern CSL, der über seine Tochtergesellschaft Sequirus ausschließlich Grippeimpfstoffe herstellt. Seit dem Verkauf der heutigen Sequirus an CSL stellt Novartis (weltweit Nr. 3) gar keine Impfstoffe mehr her, ebensowenig Roche (Nr. 2) und Johnson & Johnson (Nr. 4). Der weit überwiegende Teil der zugelassenen Impfstoffe kommt von drei Unternehmen: Merck Sharp & Dohme (MSD, nicht zu verwechseln mit der deutschen Merck KGaA), Sanofi und GlaxoSmithKline (GSK), somit Nr. 5, 6 und 8 unter den weltgrößten Herstellern verschreibungspflichtiger Arzneimittel. Auch bei diesen drei Unternehmen machen Impfstoffe allerdings jeweils nur zwischen 15 und 20 Prozent des Gesamtumsatzes aus.

Falls Sie den Zahlen der Unternehmen nicht glauben, hilft auch eine ganz einfache Abschätzung weiter. Nehmen wir der Einfachheit halber an, jeder Deutsche würde pro Jahr einmal geimpft. Bei Kleinkindern kommt das natürlich deutlich häufiger vor; die meisten Erwachsenen kommen aber nicht annähernd in diese Größenordnung. Für meinen letztjährigen Grippeimpstoff habe ich in der Apotheke 23 Euro bezahlt. Seltenere Impfungen, zum Beispiel Reiseimpfungen wie Typhus (28,88 Euro), Cholera (51,68) oder Tollwut (60,24 – alle vor meinem letzten Indienurlaub), sind teurer, aber… naja, eben seltener. Rechnen wir der Einfachheit halber mit einem Durchschnittspreis von 50 Euro. Die Marge von Apotheken und Großhandel variiert mit dem Preis, und es gibt die schon erwähnten Importeure, aber ganz grob kann man dann rechnen dass davon 30 Euro beim Hersteller ankommen. Bei 80 Millionen Einwohnern ergäbe das einen Gesamtumsatz mit allen Impfstoffen von 2,4 Milliarden Euro im Jahr. Ich habe diese Zahl nicht gegenrecherchiert, aber ich bin mir sicher, diese Abschätzung ist noch zu hoch. 2,4 Milliarden Euro klingt nach einem Haufen Geld, aber wenn man bedenkt, dass allein die gesetzlichen Krankenversicherungen in diesem Jahr rund 40 Milliarden Euro für Arzneimittel ausgeben werden, wozu ja noch die privaten Versicherungen und die Selbstzahler kommen, wird deutlich, dass die Pharmaindustrie, wenn sie uns mit unnützen Medikamenten vollpumpen wollte, bei anderen Themenbereichen weitaus bessere (und zudem weniger umkämpfte) Aussichten hätte.

Dass sich nur wenige Hersteller überhaupt mit Impfstoffen beschäftigen, liegt neben dem insgesamt eher kleinen Marktvolumen vor allem an der aufwendigen Herstellung. Anders als synthetisch hergestellte, kleine Moleküle (ganz grob gesagt alles, was man schlucken oder inhalieren kann) müssen Impfstoffe, vor allem gegen Viren, biologisch in Tieren, Eiern oder Zellkulturen gewonnen werden und sind danach nur begrenzt lagerfähig. Für forschende Pharmaunternehmen, bei denen normalerweise Forschung und Vertrieb (vor allem die Schulung der Ärzte in der Anwendung der neuen Mittel) die wichtigsten Kostenblöcke sind, haben Impfstoffe ungewöhnlich hohe Produktionskosten. So können auch ältere Impfstoffe ohne Patentschutz nicht einfach von Generikaherstellern kopiert werden. Mit der immer größeren Rolle anderer biologischer Arzneimittel (z. B. aus Antikörpern) könnten diese Unterschiede allerdings in Zukunft etwas an Bedeutung verlieren.

Kommen wir abschließend zu zwei Themenbereichen, bei denen die Pharmaindustrie besonders häufig als Rechtfertigung für Impfverweigerer herhalten muss: Die Masern-Impfpflicht und die Grippeimpfung vor allem im Zusammenhang mit der Schweinegrippe.

Um es vorweg zu schicken: Ich halte eine Impfpflicht gegen Masern für keine gute Idee. Ja, ich weiß, Masern können tödliche Folgen haben, und auch eine normal verlaufende Erkrankung ist alles andere als eine anthroposophisch-naturromantische Bergtour. Ich durfte das vor ein paar Jahren miterleben: Ein Zeltcamp, 60 Kinder aus Osteuropa, ein hörbehinderter kleiner Junge aus Odessa, der von der wahrscheinlich größten und spannendsten Reise seines Lebens erst einmal mehrere Tage im Krankenhaus verbringen musste, eine ukrainische Gebärdendolmetscherin, die es mit ihm auf der Isolierstation aushalten musste, sich dort aber mangels Deutsch- und Englischkenntnissen selbst kaum verständigen konnte, die bange Frage, wo wir die 60 Kinder unterbringen, wenn das Gesundheitsamt eine Schließung des Camps anordnet… Das braucht alles kein Mensch. Ich will, dass so viele Menschen wie möglich gegen Masern geimpft werden. Die Frage ist, ob eine Impfpflicht dazu ein notwendiges und  geeignetes Mittel ist:

  • Uns fehlen nur ein paar Prozent Impfquote in klar abgrenzbaren Milleus, um die Masern in Deutschland auszurotten.
  • Bei Kleinkindern, die man mit der Pflicht hauptsächlich erreicht, sind die Impfquoten ohnehin gut.
  • Der angestoßene Widerstand könnte den Impfquoten bei eigentlich gut akzeptierten Impfungen wie Kinderlähmung, Keuchhusten und Diphterie schaden.
  • Im Internet findet jeder, der das will, Umgehungsstrategien und Ärzte, die diese unterstützen.
  • Gefälschte Impfausweise, vorgetäuschte Impfhindernisse und eingebildete Impfschäden werden dramatisch zunehmen und der Gesundheitsprävention insgesamt schaden.

Außerdem wünsche ich mir eine Gesellschaft, in der staatlicher Zwang immer das letzte Mittel ist. Die Chancen finanzieller Anreize und von Reihenimpfungen in den Schulen durch den öffentlichen Gesundheitsdienst („Das Gesundheitsamt ist da, heute ist Schluckimpfung gegen Kinderlähmung“ war zu meinen Schulzeiten noch ganz normal) sind noch nicht einmal ausprobiert worden – und das in einem Land, in dem Leute, die eigentlich genug Geld haben, die absurdesten Dinge tun, wenn sie dadurch 10 Euro Steuern oder Gebühren sparen können und wo bis heute viele Impfungen einfach aus Bequemlichkeit ausgelassen werden. Kurz gesagt, die Impfpflicht zeigt, dass die Politik zwar das Problem erkannt hat, aber eine öffentlichkeitswirksame Maßnahme wichtiger findet als eine durchdachte Lösung.

Dient die Impfpflicht also, möglicherweise ausschließlich, den Interessen der Hersteller? Rechnen wir einmal nach: Wenn von 800.000 Kindern pro Jahr zwei Prozent mehr die Erstimpfung und sechs Prozent mehr die Zweitimpfung bekämen (das ist unrealistisch hoch; dann hätten wir fast 100% Impfquote), dann wären das pro Jahr 64.000 Impfungen mehr. Selbst wenn man davon ausgeht, dass dabei immer der neue Vierfachimpfstoff mit Windpocken zum Preis von 111 Euro anstatt des nicht mal halb so teuren Mumps-Masern-Röteln-Dreifachimpfstoffs verwendet würde, wäre das ein Gesamtumsatz von gerade mal 7 Millionen Euro. Die müssen sich die beiden Hersteller GSK und MSD noch mit den Apothekern, dem Preisabschlag der gesetzlichen Kassen, dem Großhandel und den Importeuren teilen – und den Impfstoff natürlich auch noch produzieren. Wer ernsthaft glaubt, ein Weltkonzern mit 30 Milliarden Pfund Jahresumsatz würde sich wegen drei Millionen Euro freiwillig in einen imageschädigenden politischen Grabenkampf verwickeln lassen, bei dem kann ich mir auch alle weiteren Erklärungen sparen.

Kommen wir abschließend zur Grippeimpfung und zu der angeblich von der Pharmaindustrie inszenierten Schweinegrippepanik des Winters 2009/2010. Beim Grippeimpfstoff potenziert sich alles, was ich oben über die Probleme bei der Impfstoffproduktion geschrieben habe. Gegen Grippe geimpft wird typischerweise von Oktober bis Januar. Da sich jedes Jahr neue Virenstämme von Ostasien aus über die Welt verteilen und die Stämme sich auch in der Ausbreitung noch verändern, muss der Impfstoff jedes Jahr angepasst werden. Die europäische Arzneimittelagentur EMA legt daher nach Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation WHO im Frühjahr die genaue Zusammensetzung der Impfstoffe für den Herbst fest. Die Hersteller müssen also für einige Monate Produktionskapazitäten aufbauen, die zumindest für Teile der Produktionskette den Rest des Jahres brach liegen. Zur Produktion der Impfstoffe müssen zunächst die Viren vermehrt werden. Da Viren sich, anders als Bakterien, nicht selbst vermehren können, benötigt man dazu lebende Zellen, die infiziert werden. Dies ist inzwischen in Zellkulturen möglich, allerdings relativ teuer, so dass zur Herstellung des größten Teils der heute verwendeten Grippeimpfstoffe immer noch Millionen Hühnereier angebrütet werden müssen. Zu dieser aufwendigen saisonalen Produktion kommt die schlechte Planbarkeit der Nachfrage: Während man für gängige Kleinkindimpfungen einfach von der Zahl der Neugeborenen ein paar Prozent abziehen kann, um eine gute Abschätzung der in einem halben Jahr benötigten Impfdosen zu bekommen, hat die Zahl der nachgefragten Grippeimpfungen in Deutschland in den vergangenen Jahren zwischen 15 und 25 Millionen geschwankt. Zu viel produzierte Dosen können nur noch vernichtet werden. Die (nicht ganz korrekt so bezeichnetete) Schweinegrippe H1N1 wurde Ende April 2009 erstmals isoliert. Im Juni 2009 erfolgte die Pandemiewarnung der WHO – da war die Produktion des normalen Grippeimpfstoffes für diese Saison schon in vollem Gange. Deutschland hatte für solche Notfälle eine Vereinbarung mit GSK. Ende Juli bestellten die deutschen Bundesländer bei GSK Impfstoff für 25 Millionen Menschen im Wert von anfangs geschätzten 700 Millionen Euro. Hinzu kam eine kleinere Menge eines anderen Impfstoffs bei der damals noch in diesem Markt aktiven Firma Baxter. Nachdem sich die Grippe doch nicht so ausbreitete wie befürchtet und die meisten Erkrankungen relativ mild verliefen, ließen sich jedoch nur 5,7 Millionen Deutsche impfen, und trotz Stornierungen und Weiterverkaufsversuchen blieben die Länder auf einem Verlust von 236 Millionen Euro sitzen. In der für den Kontakt zum Gesundheitssystem zuständigen Market-Access-Abteilung bei GSK muss die Riesenbestellung sicher ein Grund zur Freude gewesen sein – für die Produktion ist so etwas ein absoluter Albtraum, zumal ähnliche Panikbestellungen ja auch aus allen anderen Industrieländern kamen. Innerhalb kürzester Zeit mussten Kapazitäten für das doppelte der normalen Jahresproduktion an Grippeimpfstoffen zusätzlich bereitgestellt werden, von denen vorher klar war, dass man sie nach wenigen Monaten nie wieder brauchen würde, und als die zusätzliche Produktion endlich lief, begannen schon die Stornierungen. Dennoch haben die Impfstoffhersteller von der Schweinegrippepanik natürlich profitiert – kurzfristig. Langfristig dürften zumindest in Deutschland die negativen Folgen überwiegen:  Unter Verweis auf die zuletzt so hohen Kosten wurde GSK 2012 auf Grippeimpfstoff ein Rabatt für gesetzliche Krankenkassen von 67 Prozent aufgezwungen. Zudem ließ die Bereitschaft zur Grippeimpfung im Nachgang der Schweinegrippe deutlich nach und hat nie wieder die hohen Werte von vor 2009 erreicht.

Impfstoffe sind also nur für einen kleinen Teil der Pharmaunternehmen überhaupt ein Thema und auch für diese jeweils nur ein Geschäftsfeld von mehreren – zudem eins mit besonderen Tücken.

Trotzdem haben auch für die anderen Pharmaunternehmen im Allgemeinen ein Interesse daran, dass möglichst viele Menschen einen möglichst guten Impfschutz haben – allerdings aus einem ganz anderen Grund, als Sie wahrscheinlich glauben. Die Pharmaindustrie möchte nämlich, dass Sie gesund bleiben. So absurd das klingt, dadurch verdient die Branche insgesamt das meiste Geld. Am besten geht es der Pharmaindustrie, wenn Sie gesund und lange arbeiten können, viel Geld verdienen und entsprechend viel in Ihre gesetzliche oder private Krankenversicherung einzahlen, gesund und fit das Rentenalter erreichen und dann noch ein langes Leben vor sich haben. Die wirklichen, großen Umsatzbringer der Pharmaindustrie, Bluthochdruck, Herzkrankheiten, Diabetes, Schlaganfälle, Krebs, Demenz, Nierenschäden und so weiter – die bringt das Alter von ganz allein.

Alle paar Jahre grüßt das 11.-September-Murmeltier

18 Jahre nach den Anschlägen des 11. September gehört es schon fast zu den regelmäßigen Ritualen, dass es alle paar Jahre die Verschwörunsmythen-Community aufs Neue verkündet: Dieses Mal wäre nun wirklich, echt, ganz unzweifelhaft, eindeutig unwiderlegbar der Beweis erbracht, dass die Anschläge in Wirklichkeit gar keine Anschläge wären, sondern ein perfider Plan der amerikanischen Regierung, der CIA, des Mossad, der Uno, der Freimaurer, der Juden – oder eben von allen zusammen. Normalerweise kann man das alles getrost ignorieren, weil dabei nun wirklich nie irgendetwas Relevantes Neues herauskommt, und Quantenquark im engeren Sinne ist es auch nicht. Da ich dem 11. September aber im Verschwörungsmythen-Buch ein ganzes Kapitel gewidmet habe, möchte ich doch in der Art eines Online-Nachtrags auf die aktuelle Sau eingehen, die dazu durchs globale Dorf getrieben wird. Vorgehen werde ich dabei von der Frage, wer das verbreitet, über ein paar Hintergründe zu der Untersuchung, auf die sich die Meldungen beziehen und einige ganz grundsätzliche Fragen zu den Behauptungen, die in der Untersuchung aufgestellt werden, hin zu ein paar Schlaglichtern auf Details, die angeblich herausgefunden wurden. Das ganze 114seitige Werk auseinanderzunehmen, übersteigt sowohl meine Fachkompetenz in bauingenierwissenschaftlichen Detailfragen als auch meine verfügbare Freizeit, und es würde auch den Rahmen eines Blogartikels sprengen. Lang wird er trotzdem werden. Sollten Sie irgendwann das Gefühl haben, Sie hätten genug gelesen, steigen Sie jederzeit gerne aus – Sie verpassen keine Schlusspointe. Sollten Sie am Ende immer noch nicht genug haben, dann werden Sie sicherlich zu so ziemlich jedem der angesprochenen Themenbereiche detailliertere Analysen vor allem auf amerikanischen Seiten wie Metabunk finden. Dort werden in einer Forumsstruktur Informationen kollaborativ zusammengetragen, ausgewertet und diskutiert, was logischerweise weit über das hinausgeht, was ich als Einzelner an ein paar Abenden meiner Freizeit leisten kann.

Sensationsmeldungen von den üblichen Verdächtigen

„Die Sprengung“ titelt Daniele Ganser im Verschwörungsmythenblog Rubikon News und erklärt, „die ganze Geschichte zum Terroranschlag vom 11. September 2001“ müsse „neu geschrieben werden“. Das Problem mit Ganser ist, dass ihn gerade deutsche und schweizer Linke oft immer noch für einen seriösen Wissenschaftler halten. Der Grund ist offenbar, dass er einst in seiner Doktorarbeit öffentlich bekannte Informationen und Verschwörungsdenken in einer Weise zusammengerührt hat, die möglicherweise geeignet ist, gegen die NATO zu agitieren – wenn man bereit ist, den historischen Kontext der Bedrohung durch den Warschauer Pakt komplett zu ignorieren. Heute tritt Ganser auf Veranstaltungen des rechtsesoterischen Kopp-Verlags auf und veröffentlicht seine Artikel bei Rubikon News, wo sich auch Peter Frey (nicht der vom ZDF) verständnisvoll in die verletzte Seele des jungen Adolf Hitler einfühlen darf und zum Fazit gelangt, Hitler sei kein Unmensch gewesen, sondern ein Gebrochener. So ist es denn auch wenig verwunderlich, dass die gleiche Geschichte wie von Ganser auch von den russischen Auslandspropagandamedien RT Deutsch und Sputniknews verbreitet wird, wobei sie gelegentlich auch in Onlinemedien wie das Technologie-und-Vermischtes-Sammelsurium Telepolis und in die britische Boulevardpresse überschwappt. Als Quelle dieser neuen Erkenntnisse gibt eine Seite mit dem bezeichnenden Titel Grenzwissenschaft-aktuell eine Studie der University of Alaska Fairbanks (UAF) an.

Die Sensation: Ein „Entwurf“ für eine Veröffentlichung

Dass sich ausgerechnet die UAF an der Verbreitung von Verschwörungsmythen beteiligen soll, ist zumindest pikant: Diese Universität betreibt auch das Atmosphärenforschungszentrum HAARP, von dem unter anderem die Innsbrucker Professorin Claudia von Werlhof behauptet, es sei dazu geeignet, als Waffe gezielt Erdbeben in fernen Erdteilen auszulösen. Die UAF wird also selbst oft genug zur Zielscheibe derselben Szene, die sich jetzt auf eine Studie dieser Universität beruft. Es lohnt sich daher auf jeden Fall ein Blick auf diese Studie, die als „Entwurf“ von einer Unterseite der Universitätswebsite herunterzuladen ist. Sie trägt den Titel „Eine strukturelle Neubewertung des Einsturzes von World Trade Center 7“ und beschäftigt sich ausschließlich mit diesem kleineren Wolkenkratzer etwas abseits der Zwillingstürme. Zum World Trade Center 7 (WTC 7) hatte ich schon vor einigen Jahren einen Artikel im Skeptiker verfasst, der auch als Dreiteiler im GWUP-Blog veröffentlicht ist. Das Gebäude ist 2001 durch Brände eingestürzt, die beim Zusammenbruch der Zwillingstürme ausgebrochen waren. Genau diesen Zusammenhang zwischen den Bränden und dem Einsturz bestreitet die „Neubewertung“ aus Alaska.

Ein Autor im Ruhestand und Finanzierung aus der Schwurbelszene

Der Entwurf gibt drei Autoren von unterschiedlichen Institutionen (darunter einen außerordentlichen Professor der Technischen Universität Nanjing in China) an, was den Eindruck einer institutsübergreifenden Zusammenarbeit erweckt. Tatsächlich waren die beiden Koautoren zum Zeitpunkt ihrer Beteiligung jedoch Doktoranden des Hauptautors Leroy Hulsey an der UAF. Beide stammen aus China und sind  erst nach ihrem Bachelorabschluss in die USA gekommen, direkt an die UAF. Der Entwurf war für die beiden auch nicht Teil ihrer Doktorarbeiten, sondern allenfalls eine Nebentätigkeit: Einer hat über die Feuerbeständigkeit von Gipsplatten promoviert, der andere über die Überwachung von Schäden an Brücken. Ob ihr Beitrag zu dem Entwurf über eine reine Datencodiertätigkeit hinausgeht, bleibt also unklar. Hulsey ist an der UAF offiziell Dozent und betreut laut Homepage auch noch wissenschaftliche Arbeiten, befindet sich jedoch mit 78 Jahren schon weit im Ruhestandsalter. Es handelt sich bei dem Text also nicht um eine Veröffentlichung in einem wissenschaftlichen Journal oder um eine offizielle Stellungnahme der Universität, sondern um die Forschungsfreiheit eines Pensionärs, der aufgrund seiner früheren Arbeit noch die Einrichtungen der Universität dafür nutzen darf. Ähnlich wie bei emeritierten Professoren in Deutschland ist es in den USA nicht unüblich, dass solche Professoren keine Lehrverpflichtungen mehr haben, die Ressourcen der Universität aber noch für eigene Forschungen nutzen können, bei deren Themenauswahl ihnen in der Regel niemand mehr hineinredet. Angesichts der katastrophalen Finanznot dieser Universität dürfte das erst recht für Projekte gelten, die aus Drittmitteln finanziert werden. Im Fall der „Neubewertung“ stammen diese Drittmittel ausgerechnet von der Verschwörungsgläubigen-Organisation Architects & Engineers for 9/11 Truth, womit das Ergebnis der Untersuchung dann auch nicht mehr sonderlich überraschend ist. Natürlich ist der Ausgang einer wissenschaftlichen Untersuchung nicht vom Geldgeber abhängig, solange sie seriös durchgeführt und veröffentlicht wird, aber dieser Propagandaverein hätte seine  von besorgten Bürgern eingesammelten Spenden wohl kaum einem Wissenschaftler anvertraut, bei dem das Ergebnis der Untersuchung in Frage gestanden hätte.

Wie seine beiden Doktoranden ist Hulsey tatsächlich Bauingenieur. Es deutet jedoch nichts darauf hin, dass er irgendwelche Erfahrung im Bau oder der Untersuchung von Wolkenkratzern hätte: Seine Veröffentlichungsliste dreht sich, abgesehen von ein paar Arbeiten über Straßenbeläge, fast ausschließlich um die Konstruktion von Brücken unter subarktischen Bedingungen. Hulseys Arbeitsschwerpunkt bei eher horizontalen, frei tragenden Kontruktionen lässt sich in der „Neubewertung“ durchaus wiedererkennen: Mit großer Akribie wird die Modellierung einzelner tragender Teile in den vermutlich zuerst abgestürzten unteren Etagenböden beschrieben, und ihre Eigenschaften unter thermischer Belastung werden detailliert diskutiert. Wo es um die Statik des Gebäudes insgesamt geht, rezitiert er jedoch eher fahrig die Ergebnisse seiner Modellrechnung, ohne auf die Implikationen einzugehen oder auch nur ihre Plausibilität zu hinterfragen.

Der Wissensstand zu World Trade Center 7

Wie bereits erwähnt, geht es in der Studie ausschließlich um das Gebäude WTC 7. Es wurde am 11. September 2001 beim Einsturz des Nordturms schwer beschädigt und geriet in Brand. Nachdem die mit der Gesamtsituation überforderte Feuerwehr die Brände kaum bekämpfen konnte, wüteten diese über mehr als sechs Stunden, bis das Gebäude schließlich einstürzte. Dass Stahlkonstruktionen durch die Hitzeentwicklung bei längeren Bränden an Stabilität verlieren, war schon vor dem 11. September nichts Neues, einerseits weil Stahl bei Temperaturen über 600° weich wird, andererseits wegen der thermischen Ausdehnung von Bauteilen. Da so ein Hochhaus aber eben so unverrückbar stabil aussieht, ist das für viele Leute schwer zu verstehen, und die Behauptungen von Ganser & Co fallen auf fruchtbaren Boden. Die derzeit gründlichste Analyse, was in diesem Fall genau passiert sein dürfte, findet sich im Bericht der amerikanischen Standards- und Eichbehörde NIST aus dem Jahr 2008. Der dreiteilige, rund 920-seitige Bericht, an dem mehr als 100 Personen mitgearbeitet haben, stützt sich neben Bild- und Videoaufnahmen sowie Brandanalysen vor allem auf eine detaillierte Finite-Elemente-Simulation des gesamten Gebäudes. Bei einer solchen Simulation wird ein Bauteil oder ein ganzes Gebäude in eine Vielzahl fiktiver kleiner Einzelteile zerlegt, die sich durch einfache Kennzahlen wie Gewicht, Bruchfestigkeit und Elastizität beschreiben lassen. Diese notwendigen Vereinfachungen sind schwierig und niemals perfekt, weshalb schon im Titel des Abschlussberichts ausdrücklich von einem wahrscheinlichen Einsturzverlauf die Rede ist. Danach brachen durch thermische Ausdehnung vermutlich zuerst Deckenträger in den brennenden unteren Stockwerken aus ihren Halterungen, und durch die abstürzenden Decken verloren einzelne senkrechte Säulen im Gebäude ihre Stabilität. Daraufhin kollabierte zuerst der Gebäudekern und ein paar Sekunden später die Fassade. Etwas ausführlicher beschrieben ist das im entsprechenden Kapitel des Verschwörungsmythen-Buchs.

Jetzt also noch ein Versuch mit der gleichen Methode

Hulseys Studie kontrastiert sich in erster Linie mit dem NIST-Bericht und verfolgt das offensichtliche Ziel, diesen zu diskreditieren. Daneben vergleicht Hulsey seine Ergebnisse auch mit zwei weniger umfassenden Simulationen aus gegensätzlichen Gutachten zu einem Gerichtsverfahren aus dem Jahr 2013: Der Stromversorger Con Ed als Betreiber einer beim Einsturz zerstörten Transformatorstation unter dem Gebäude hatte gegen die Erbauer wegen vermeintlicher Baumängel geklagt. Beide Gutachten kamen zu abweichenden, aber im Grundsatz ähnlichen Ergebnissen wie das NIST, welche Deckenträger genau aus welchem Grund abgestürzt sind und den weiteren Einsturz ausgelöst haben. Hulsey nutzt ebenfalls Finite-Elemente-Simulationen und betont mehrfach, von gleichen Annahmen wie das NIST ausgegangen zu sein – er kommt aber zu ganz anderen Ergebnissen. Danach hätten weder die Etagenböden abstürzen noch deren Absturz den Einsturz der zentralen Gebäudesäulen auslösen sollen, und auch bei einem Einsturz dieser Säulen hätte nach Hulseys Simulation das Gebäude nicht in der beobachteten Form einstürzen dürfen. Hulsey schreibt, er hätte seine Berechnungen parallel mit zwei unterschiedlichen Simulationssoftwares vorgenommen, aber weitgehend gleiche Ergebnisse erhalten. Das ist nicht weiter überraschend: Die Hauptfehlerquelle bei Finite-Elemente-Berechnungen ist nicht die Simulation selbst, sondern die Modellierung der Eingangsparameter mit den unvermeidlichen Vereinfachungen. Bei identischer Modellierung sollten unterschiedliche Softwarepakete sehr ähnliche Ergebnisse liefern. Insgesamt ist die Methode jedoch mit hohen Unsicherheiten behaftet: Im Zusammenhang mit meiner Doktorarbeit hat ein sehr erfahrener Ingenieur solche Simulationen zur Deformation der relativ einfachen Aluminiumstruktur eines Detektorgerüsts unter seinem eigenen Gewicht ausgeführt. Dazu erinnere ich mich an Abweichungen von den später gemessenen Werten um rund ein Viertel. Da in solchen Softwarepaketen in der Regel zum Beispiel die Tragkraft eines Bauteils unabhängig von seiner Ausdehnung und seinem Gewicht definiert werden kann, ist es, wenn man nicht aufpasst, auch durchaus möglich, Modelle zu konstruieren, die grundlegenden Gesetzen der Physik widersprechen. Grundsätzlich gilt für die Finite-Elemente-Methode das einfache Prinzip jeder Simulationsrechnung: Shit-in – Shit-out. Das betrifft die NIST-Berechnung wie die anderen erwähnten Simulationen: Sie sind fehlerbehaftet und immer nur so gut wie ihre Annahmen.

Zumindest in Teilaspekten sollte Hulsey kompetent sein

Zur Qualität der Modellierung von Hulsey in ihren Details und im Vergleich zu den drei anderen Simulationen kann ich nichts sagen. Dazu fehlen mir nicht nur die Fachkompetenz und die Zeit, sondern auch die Detailinformationen, was er in seiner Modellierung eigentlich genau gemacht hat. Das grundsätzliche Problem der Konstruktion von Etagenböden und ihrer Träger erscheint mir jedoch durchaus Ähnlichkeiten zu Hulseys Fachgebiet, dem Brückenbau, zu haben. Man muss also davon ausgehen, dass er und seine Doktoranden grundsätzlich Ahnung hatten, was sie da taten. Der betreffende Teil der Arbeit ist im Text auch einigermaßen gut dokumentiert, wenngleich bei weitem nicht in dem Detailgrad wie im Bericht des NIST. Sofern er nicht bewusst manipuliert hat, sollten die Bewegungen der einzelnen Bauteile durch den Brand durch sein Modell also nicht völlig abwegig berechnet werden. Dasselbe gilt aber eben auch für die Simulationen der beiden Gutachterbüros aus dem Gerichtsverfahren und vor allem für die des NIST, das vor mehr als zehn Jahren zwar noch nicht die heutigen Rechner hatte, aber für Recherche und Modellierung auf wesentlich mehr Ressourcen zugreifen konnte. Hulseys Modellierung ist also nur eine weitere Berechnung, die von der Betrachtung der Modelle her im besten Fall halbwegs gleichwertig neben drei anderen stehen könnte. Auf dieser Detailebene ist ein Abgleich mit der Realität schwierig, weil es um zunächst kleine Verformungen tief im Inneren des Gebäudes geht, von denen keinerlei Aufnahmen existieren und deren Spuren beim endgültigen Einsturz und darauf folgenden Abriss zerstört wurden.

Die Interpretation der Ergebnisse unterstellt eine sehr wirre Verschwörung

Zu einer wesentlich aussagekräftigeren Einschätzung, wie realistisch Hulseys Berechnung ist, gelangt man, wenn man seine Ergebnisse für das Gesamtgebäude einschließlich seiner Schlussfolgerungen daraus ernst nimmt und sich überlegt, was das für die Realität bedeuten würde. Von einer Sprengung ist in diesen Schlussfolgerungen nicht ausdrücklich die Rede – eine solche kommt im gesamten Text überhaupt nicht explizit vor. Hulsey schreibt jedoch: „Das nahezu gleichzeitige Versagen aller Säulen ist das einzige Szenario, das wir gefunden haben, das in der Lage war, das beobachtete Verhalten zu produzieren.“ Dieses „beobachtete Verhalten“ identifiziert Hulsey als einen senkrechten Einsturz mit nahezu Fallgeschwindigkeit. Mit anderen Worten, Hulseys Modell stürzt nur dann senkrecht ein, wenn alle tragenden Säulen gleichzeitig versagen – wenn wie im NIST-Modell zunächst einzelne Säulen ausfallen, stürzt Hulseys Modell entweder gar nicht ein, oder es kippt zur Seite um.

Screenshot aus Hulseys Entwurf, Seite 102.

Für ein solches gleichzeitiges Versagen von 81 Säulen, von denen die dickeren rund 60 Zentimeter Durchmesser hatten, auf Höhe der unteren Stockwerke lässt sich aber nun tatsächlich schwerlich eine andere Erklärung finden als eine präzise gesteuerte Zündung von mindestens 81 einzelnen starken Sprengvorrichtungen. Das wertet Ganser somit als Beweis für eine Sprengung des Gebäudes. Damit unterstellt er der ominösen Macht, die die Sprengung vorgenommen haben soll, allerdings eine ziemlich seltsame Vorgehensweise. Um Sprengmechanismen an allen 81 Säulen anbringen zu können, hätte man im laufenden Betrieb mindestens ein vermietetes Stockwerk vollständig entkernen müssen. Da die äußeren Säulen Teil der Fassadenstruktur sind, wäre es zudem kaum möglich gewesen, Schneidladungen, die eine solche riesige Stahlsäule durchtrennen können, so anzubringen, dass sie nicht außen auf der Fassade zu sehen gewesen wären. Der riesige Aufwand wäre zudem völlig überflüssig gewesen. Bei Abbruchsprengungen strebt man nur deshalb häufig einen senkrechten Einsturz an, weil man Schäden in der Umgebung minimieren will. Am Nachmittag des 11. September waren jedoch alle Gebäude zumindest an der Südseite von WTC 7 wenigstens abbruchreif, wenn nicht schon eingestürzt. Um WTC 7 zum Einsturz zu bringen, hätte es völlig ausgereicht, einige Säulen an der Südseite des Gebäudes zu zerstören, um das Gebäude zumindest nach Hulseys Modell zu dieser Seite umkippen zu lassen, was weitaus eher der naiven Erwartung der meisten Menschen entsprochen hätte, zumal die Schäden durch den Einsturz der Zwillingstürme auch auf der Südseite waren. Stattdessen müsste Gansers ominöse Macht einen gigantischen zusätzlichen Aufwand getrieben haben, nur um eine Sprengung, die nicht als Sprengung erkannt werden sollte, genau wie eine Sprengung aussehen zu lassen. Das wäre jedoch nicht die einzige höchst seltsame Entscheidung dieser Dunkelmänner. Wie auf vielen Videos zu erkennen ist, stürzte das sogenannte östliche Penthaus, ein Dachaufbau für die Gebäudetechnik, rund sieben Sekunden vor dem Rest des Gebäudes ein – und damit lange vor den von Ganser behaupteten und von Hulseys zumindest unterstellten Sprengungen. In der NIST-Berechnung ist dies einfach eine Folge des Zusammenbrechens der ersten Säulen im Gebäudekern. Hulsey schreibt jedoch selbst, dass dieser Penthaus-Einsturz nach seinem Modell nur durch das Versagen von drei Säulen oberhalb des 45. Stockwerks zu erklären ist. Die Verschwörer hätten also wenige Sekunden vor der Sprengung aller 81 Säulen auf der Höhe eines der unteren Stockwerke schon einmal drei dieser Säulen auf der Höhe eines der obersten Stockwerke sprengen müssen. Wozu das hätte gut sein sollen, erklären weder Ganser noch Hulsey.  Man kann also entweder annehmen, dass im WTC 7 eine mächtige Verschwörung mit riesigem Aufwand völlig wirr irgendwelche sinnlosen Sprengungen vorgenommen hat – oder dass Hulseys Modell einfach die Statik des Gesamtgebäudes falsch wiedergibt.

Hulseys Modell beschreibt auch den Einsturz falsch

Will man Hulseys Berechnung ernst nehmen, dann muss man eine Verschwörung annehmen, die allerlei umständliche und überflüssige Handlungen vornimmt. Ein solches Überladen der vermeintlichen Abläufe mit immer neuen Wendungen, um die Widersprüche in der vorigen Version zu erklären, ist ein typisches Merkmal moderner Verschwörungsmythen. Es ist für sich genommen aber kein Beweis, dass Hulseys Modell nicht der Realität entspräche. Betrachtet man seine Ergebnisse jedoch genauer, dann finden sich eine ganze Anzahl unrealistischer Modellaussagen, vor allem bezogen auf das Gebäude als Ganzes.

Im oben eingefügten Ausschnitt aus Hulseys Entwurf kippt als Ergebnis des Ausfalls dreier Säulen im Inneren des Gebäudes der ganze obere Teil des Gebäudes um wie ein Dominostein. Selbst in dem Bereich, in dem sie mit dem noch stehenden Gebäudestumpf kollidiert, wird die kippende Struktur kaum deformiert. Direkt über den ausgefallenen Säulen ist das obere Stockwerke leicht durchgebogen, aber ansonsten bleibt der kippende Gebäudeteil im Fallen merkwürdig stabil. So verhalten sich einstürzende Gebäude dieser Größe normalerweise nicht. Man sieht zum Beispiel beim Einsturz des World-Trade-Center-Südturms WTC 2, dass der oberste Gebäudeteil zwar im ersten Moment in einem Stück kippt, sich aber schon bei einem sehr kleinen Winkel in seine Einzelteile auflöst und als 100.000 Tonnen schwere Trümmerwolke zu Boden stürzt.

Auf Metabunk sammelt Mick West unter anderem Informationen über Hulseys Berechnungen, auch mit der Unterstützung der anderen Forumsteilnehmer. Dazu hat West unter anderem die Folien aus einer Präsentation von Hulsey zur Vorstellung seines „Entwurfs“ vergrößert und als zweites Video zur Verfügung gestellt. Diese Präsentation ist interessant, weil sie nicht nur Animationen zu Hulseys Berechnungen enthält, sondern auch Ansichten, die im Entwurf selbst nicht vorkommen. In dieser Präsentation sieht man, dass die Gebäudestruktur in Hulseys kippender Simulation sogar bei weitaus größeren Neigungswinkeln noch vollkommen unbeeinträchtigt zu sein scheint:

Screenshot aus den Folien zu Hulseys Präsentation

WTC 7 verfügt also in Hulseys Berechnung über eine höchst erstaunliche innere Stabilität. Dass der Erdboden in der Berechnung nicht existiert, das Gebäude also im Boden versinken kann, ist für die eigentliche Fragestellung in der Tat unerheblich. Entscheidend ist jedoch die Frage: War das wirkliche WTC 7 auch so stabil? Die Antwort gibt Hulsey in seiner Präsentation unfreiwillig selbst. Mit einer Gegenüberstellung einer eigenen Animation zu einem Video vom 11. September will er offenbar zeigen, dass das abstürzende Gebäude in seiner Simulation ähnlich schnell fällt wie die abstürzende Fassade von WTC 7 im Video. Wozu das gut sein soll, erschließt sich mir nicht – niemand dürfte bezweifeln, dass er in seinen Berechnungen die korrekte Gravitationskonstante verwendet hat. In dem Video sieht man jedoch deutlich, wie sich während des Einsturzes von WTC 7 nicht nur die Dachkante, sondern auch die darunterliegenden Stockwerke in der Mitte der Nordfassade um mehrere Meter tiefer befinden als an den Seiten. Die Mitte der Gebäudefront beginnt Sekundenbruchteile früher abzustürzen als die Seiten und fällt daher auch schneller. Auf anderen Videos sieht man außerdem, dass die Fassade schon in den Sekunden vor dem Einsturz (und damit vor der von Hulsey unterstellten Sprengung) deutlich vor- und zurückschwankt und Fenster zerbrechen. Während das Gebäude also von außen noch weitgehend aussieht wie ein massives Objekt, hat es seine innere Stabilität längst verloren und die größeren Strukturelemente wie Fassadensäulen sind nur noch vergleichsweise locker miteinander verbunden, während sie unter ihrem eigenen Gewicht nebeneinander her in die Tiefe stürzen. In Hulseys Simulation bildet das Gebäude jedoch weiterhin einen kein bisschen deformierten monolithischen Block, der einfach wie ein Bauklotz nach unten wegsackt.

Screenshot aus den Folien zu Hulseys Präsentation

Was in der Simulation weiter unten passiert, wo dieser Bauklotz ja mit dem darunterliegenden Gebäudestumpf kollidieren muss, zeigt Hulsey vermutlich aus gutem Grund weder in seinem „Entwurf“ noch in der Präsentation.

Die von Hulsey selbst mit verächtlichem Stöhnen vorgeführten NIST-Simulationen entsprechen der auf Videos zu sehenden inneren Instabilität des einstürzenden Gebäudes weitaus realistischer, wenngleich die einzelnen Bewegungen der Fassade möglicherweise nicht in jedem Detail getroffen werden. Alle Details in einer Simulation zu reproduzieren, ist bei einem solchen chaotischen Prozess schlicht unmöglich – Hulseys Simulation ist jedoch nicht chaotisch, weil sich sein Gebäude beim Einsturz überhaupt nicht verformt. Obwohl Hulsey die eigentlichen Daten zu seiner Simulation nicht veröffentlicht hat, kann man also schon aus ihren Ergebnissen deutlich erkennen, dass sein simuliertes Gebäude eine unglaubliche Formstabilität hat, die das tatsächliche Gebäude nicht hatte. Die Ursache dieser Fehler zu finden, ist Hulseys Aufgabe. Bis dahin macht es jedoch genau diese Formstabilität unmöglich, aus Hulseys Simulation irgendwelche Schlussfolgerungen zu ziehen, aus dem Einsturz welcher Säulen sich ein Einsturz eines Gesamtgebäudes in welcher Form ergeben sollte. Mehr noch: Die unrealistische Formstabilität betrifft nicht die senkrechten Säulen des Gebäudes selbst, sondern vor allem die horizontalen Verbindungen zwischen diesen Säulen. Da diese horizontalen Verbindungen vor allem aus den Etagenböden mit ihren Trägern und Fußbodenelementen bestehen, muss man auch Hulseys Simulationen zur Stabilität dieser Bodenkonstruktionen und damit ihre Rolle beim Beginn des Einsturzes mit großem Zweifel betrachten. Anders ausgedrückt: Hulseys Berechnungen beschreiben ein fiktives Gebäude, das mit der am 11. September zu beobachtenden tatsächlichen Stabilität von WTC 7 nur wenig Gemeinsamkeiten hat. Somit ist es fraglich, ob man aus Hulseys Modell überhaupt irgendetwas über den Einsturz von WTC 7 lernen kann.

Das ist noch lange nicht alles

Diese grundlegenden Probleme in den Ergebnissen von Hulseys merkwürdiger Modellierung sind, unabhängig von der Methodik durch die sie entstanden sind, eigentlich hinreichend, um keine weitere Zeit mehr darauf zu verschwenden und den ganzen „Entwurf“ in dem Müll zu werfen. Es ist daher durchaus verständlich, wenn Sie auch keine weitere Zeit auf diesen Artikel verschwenden möchten. Die Forumsteilnehmer bei Metabunk haben jedoch auch eine ganze Anzahl systematischer Probleme in Hulseys Methodik gefunden, sofern diese aus dem, was er öffentlich macht, überhaupt nachvollziehbar ist. Diese Probleme möchte ich hier nur der Vollständigkeit halber stichpunktartig aufführen:

Screenshot aus Hulseys Entwurf, Seite 102
  • In der Bildunterschrift zu diesem Ausschnitt aus dem „Entwurf“ erklärt Hulsey, das Bild sei das Ergebnis einer „linear-statischen Analyse“. Linear heißt in diesem Zusammenhang, dass das Modell voraussetzt, dass wie bei einer Sprungfeder die doppelte Kraft auf ein Bauteil auch die doppelte Verformung auslöst. Eine nichtlineare Analyse würde auch berücksichtigen, dass Bauteile bei zu großer Belastung irgendwann brechen oder dass ein Teil, wenn es gegen ein anderes gedrückt worden ist, nicht weiter nachgeben kann. Statisch bedeutet, dass das Modell nur unveränderliche Kräfte wie Gewichte oder Federkräfte berücksichtigt. Ein dynamisches Modell müsste auch kurzzeitige Kräfte berücksichtigen, die zum Beispiel beim Aufschlag eines fallenden Teils auf ein anderes entstehen. Eine linear statische Analyse ist auf ein einsturzgefährdetes Gebäude also nur anwendbar, bis das erste Bauteil anfängt, sich zu bewegen. Den Verlauf eines Einsturzes mit einem linear statischen Modell zu berechnen, ergibt zwangsläufig vollkommenen Müll. Bei anderen Darstellungen spricht Hulsey zwar von einer dynamischen Analyse, erwähnt aber nicht, ob diese auch die nötigen nichtlinearen Effekte berücksichtigt. Der Begriff der Nichtlinearität kommt in seinem Entwurf nur in dem Zusammenhang vor, dass einzelne Verbindungen in einem ansonsten linearen Modell als „nichtlineare Federn“ modelliert sind.

    Screenshot aus Hulseys Entwurf, Seite 106
  • Hulsey erklärt im Entwurf und in der Präsentation ausdrücklich, das „Versagen“ von Säulen im Gebäude sei dadurch modelliert worden, dass diese Säulen über jeweils acht Stockwerke aus dem Modell entfernt worden seien. Ob dieses Versagen auch zum Einsturz benachbarter Säulen führt, leitet er dann nur daraus ab, wieviel zusätzliches Gewicht diese Säulen nach dem Wegfall der Nachbarn tragen müssen. So kommt er zu der Schlussfolgerung, das vom NIST als Beginn des Einsturzes identifizierte Einstürzen von drei Säulen im Gebäudekern hätte unmöglich den Einsturz der benachbarten Säulen und schließlich des gesamten Gebäudes nach sich ziehen können. Eine brechende Stahlsäule (mit Sprengung oder ohne) löst sich aber nicht in Luft auf: In der Regel knickt sie zur Seite ein. Im ungünstigsten Fall trifft sie dabei eine der benachbarten Säulen und knickt diese ebenfalls ab. Aber selbst im günstigsten Fall, dass der obere Teil der Säule einfach neben dem Stumpf des unteren abgleitet, entstehen über die Querverbindungen wie Deckenträger und Fußböden erhebliche seitwärtige Zugkräfte auf die benachbarten Säulen. Solche 190 Meter hohen und nur 60 cm dicken Säulen (bezogen auf die Länge eines Streichholzes entspricht das gerade der Dicke von zwei menschlichen Haaren) können zwar extreme Gewichtskräfte in senkrechter Richtung aufnehmen, sind aber sehr anfällig gegen Kräfte von der Seite. Die absehbaren Folgen sind in Hulseys Modell nicht enthalten, vermutlich weil sie eben eine nichtlinear-dynamische Analyse erfordert hätten, wie sie das NIST vorgenommen hat.
  • Aufgrund dieser Angaben im Text und in Hulseys Vortrag sowie der präsentierten Resultate geht der Metabunk-Autor Mick West davon aus, dass Hulseys Berechnungen überhaupt keine tatsächliche dynamische Analyse enthalten. Das würde auch die bemerkenswerte innere Stabilität der simulierten Gebäudestruktur erklären: In diesem Fall würde sich das Gebäude nicht verformen, weil diese Verformungen schlicht nicht berechnet werden. Aufgrund der Ergebnisse einer statischen Berechnung (Überlastung bzw. Entfernen tragender Säulen) wäre der über der Schadenstelle liegende Gebäudeteil einfach gemäß der im ersten Moment herrschenden Kräfte entweder zur Seite gekippt oder senkrecht im Boden versenkt worden. In diesem Fall wäre Hulseys „Simulation“ natürlich eine reine Farce und eine bewusste Täuschung der Öffentlichkeit. Tendentiell bestätigt wird Wests Mutmaßung durch eine Videoanalyse einzelner Bildpunkte, nach der sich die einzelnen Strukturelemente in Hulseys Animationen nicht nur sehr wenig, sondern tatsächlich gar nicht bewegen:

    Screenshot aus einem Analysevideo zu Hulseys Animationen, Anklicken zum Ansehen des Videos
  • Wests Vermutung würde auch ein extrem seltsames Verhalten des östlichen Penthauses in Hulseys Simulation erklären. Hulsey unterstellt ja, um den Einsturz dieses Dachaufbaus überhaupt erklären zu können, die Zerstörung von drei inneren Säulen in einem der obersten Stockwerke mehrere Sekunden vor der Zerstörung aller Säulen auf Höhe der unteren Stockwerke. Während nach der NIST-Simulation (im Bild unten auf der linken Seite) das Penthaus einfach dem schon einstürzenden Gebäudekern folgt, zerbricht es bei Hulsey (rechts) in zwei große Teile, die durch mehrere noch intakte Betondecken und deren Stahlträger hindurch abstürzen, aber dann ein paar Stockwerke weiter mehr oder weniger in ihrer ursprünglichen Form steckenbleiben. Dabei handelt es sich beim Penthaus um eine im Vergleich zu anderen Teilen des Gebäudes relativ leichte Konstruktion. Das kann nicht das Ergebnis einer Simulation sein, die Kollisionen zwischen den einzelnen Bauteilen des Penthauses und den durchflogenen Betondecken berechnet. Damit stellt sich natürlich die Frage, was Hulseys „Simulation“ überhaupt berechnet.

    Screenshot aus Mick Wests Analysevideo zu Hulseys Präsentation, Anklicken zum Ansehen des Videos
  • West verweist in seiner Analyse gleich auf mehrere Stellen in Hulseys Text und Vortrag, an denen er die NIST-Simulation in einer Weise kritisiert, die nur dadurch zu erklären ist, dass Hulsey die Arbeit des NIST nicht verstanden hat oder nicht verstehen will. So verwendet er einen beträchtlichen Teil seines Textes darauf, das Abrutschen eines einzelnen Trägers vermeintlich zu widerlegen, den das NIST beispielhaft als einen möglichen Auslöser des letztlichen Einsturzes modelliert hatte. Im NIST-Gesamtmodell des Einsturzes ist dieser Träger für den Ablauf jedoch gar nicht entscheidend. An anderer Stelle kritisiert Hulsey unterschiedliche Strukturen zwischen unterschiedlichen Gebäudeteilen in der NIST-Simulation. Die feiner aufgelöste Struktur für einen Gebäudeteil diente jedoch nur für eine Detailanalyse innerhalb dieses Teils. Bei der Simulation des Gesamteinsturzes wurde das komplette Gebäude mit einer einheitlichen Simulationsstruktur berechnet.

Zusammenfassend muss man sagen, dass Hulseys Modell, was immer es tatsächlich intern tut, offensichtlich völlig ungeeignet ist, um daraus irgendwelche Rückschlüsse auf die Vorgänge am 11. September 2001 zu ziehen. Es beschreibt eine Phantasiewelt, die grundlegendsten Gesetzen der Mechanik widerspricht, in der komplexe Gebäude sich verhalten wie massive Klötze und Stahlträger durch Betonplatten fallen, ohne dabei auch nur abgelenkt zu werden. Man muss auch eigentlich kein Bauingenieur sein, dass einem diese Fehler geradezu ins Auge springen, und Hulsey darf sie aufgrund seiner Qualifikation und Erfahrung eigentlich unmöglich übersehen. Offen bleibt jedoch, ob es sich bei seiner Vorstellung um ein bewusstes politisch motiviertes Täuschungsmanöver handelt (weil möglicherweise eine realistischere Berechnung nicht das gewünschte Ergebnis gebracht hat) oder ob er es einschließlich seiner beiden Doktoranden tatsächlich nicht besser hinbekommen hat.

 

 

Ein Unfall in Nordrussland und was Radioaktivitätsmesswerte bedeuten

Als ich meinen letzten Artikel angefangen habe, wollte ich die Geschichte über den Wodka aus Tschernobyl eigentlich nur als kleinen Aufhänger benutzen, um etwas über veröffentlichte Radioaktivitätsmesswerte und den dabei verwendeten Wust von Einheiten zu schreiben. Dann ist doch wieder eine typische Relativer-Quantenquark-Tirade daraus geworden, und die Erklärung der Einheiten wäre am Schluss einfach zu kurz gekommen – also habe ich da einen Folgeartikel angekündigt, den ich auch ganz schnell liefern will. Allerdings sind mir die tagesaktuellen Nachrichten auch da wieder zuvorgekommen: Aktuell häufen sich in den Medien Berichte über eine Freisetzung von radioaktiven Substanzen in Nordwestrussland. Da man das oft nicht so richtig einordnen kann, der Ort des Geschehens in Nyonoska liegt bei der roten Markierung, also ziemlich abgelegen, aber nicht wahnsinnig weit von Finnland entfernt.

Quelle: Openstreetmap, Lizenz: https://opendatacommons.org/licenses/odbl/1.0/

Welche Gefährdung von den in den Artikeln genannten 1,78 bis 2 Mikrosievert gemessener Dosis pro Stunde über einen Tag hin ausgehen sollte, sollte man am Ende dieses Artikels ganz gut einschätzen können. Dass in der Region viel Gemüse aus dem eigenen Garten verzehrt wird, was, wie im letzten Artikel schon erklärt, die Bewertung beeinflussen sollte, halte ich dort für eher unwahrscheinlich. Die Bilder in russischen Medien sehen primär nach einem Großbrand eines ganz normalen Brennstoffs aus, aber wenn in diesem Brand irgendwo radioaktives Material freigesetzt wird, muss man natürlich schon davon ausgehen, dass das mit dem aufsteigenden Rauch einigermaßen großräumig verteilt wird. Videos auf Youtube, die den Vorfall zeigen sollen und eine riesige, ziemlich offensichtlich von konventionellem Brennstoff stammende, schwarze Rauchwolke zeigen, kursieren allerdings, wie Correctiv herausgefunden hat schon seit 2015 im Netz, so dass nähere Informationen weiterhin rar sind. 

Die Annahme derzeit ist, dass die Explosion bei Tests für den experimentellen russischen Flugkörper SSC-X-9 Skyfall (russische Bezeichnung 9M730 Буревестник „Sturmvogel“) ereignet haben dürfte. Das interessante an diesem Flugkörper, der nach amerikanischen Informationen allerdings bislang nur Abstürze produziert hat, ist, dass er über einen nuklearen Antrieb verfügen soll. Mit dem großen Energievorrat soll er nach einem russischen Video in der Lage sein, jedes Ziel auf der Welt im Tiefflug auf beliebigen Umwegen zu erreichen, was eine Abwehr erschweren soll. Das Video besteht allerdings zum größten Teil aus Computeranimationen – die echten Aufnahmen darin zeigen nur die Startphase, in der ziemlich offensichtlich eine konventionelle Feststoffrakete eingesetzt wird:

Als Physiker interessiert mich natürlich, wie so ein Antrieb funktionieren soll – und das müsste man auch wissen, um die Folgen eines Unfalls einschätzen zu können. Da muss ich zum Glück nicht wieder ausufern und mein eigentliches Thema wieder verschieben, denn dieser lange, aber wirklich gute Artikel mit dem Titel „The Best Bad Idea Ever?“ beleuchtet die wichtigsten technischen Aspekte und die Geschichte der Erforschung nuklear getriebener Flugzeuge und Flugkörper – und er erklärt, warum nie ein solches Flugzeug geflogen ist und wohl besser auch nicht sollte. In dem Artikel wird auch deutlich, was gemeint sein dürfte, wenn in diesem Kontext immer wieder mal eine ähnliche Technologie aus den USA erwähnt wird. Donald Trump twittert sogar, diese sei fortschrittlicher als die russische Skyfall, womit er offensichtlich die höhere Einsatzgeschwindigkeit der amerikanischen reaktorbeheizten Project-PlutoStaustrahltriebwerke meint. Dabei fällt in der Regel unter den Tisch, dass diese amerikanischen Versuche vor 55 Jahren aufgegeben wurden…

Entscheidend für die Einschätzung eines Unfalls ist das enthaltene Material. Wenn man davon ausgeht, dass ein typischer Marschflugkörper im geraden Flug (abgeschätzt nach dem amerikanischen Tomahawk) etwa 3000 Newton Schub braucht und ungefähr 250 Meter pro Sekunde (900 km/h) schnell fliegt, dann leistet das Triebwerk etwa 750 Kilowatt. Rechnet man typische Wirkungsgrade dazu, dann müsste der Reaktor ungefähr ein Zehntel der Leistung des Forschungsreaktors München II haben, der durch Verwendung von hoch angereichertem Uran mit 8 kg Brennstoff auskommt. Der Reaktor des Flugkörpers müsste bei ähnlicher Masseneffizienz also ungefähr ein Kilogramm Uran enthalten. Sollte ein solcher Reaktor außer Kontrolle geraten und von seiner eigenen thermischen Leistung zerrissen werden, dann sollte sich das meiner Ansicht nach in der Umgebung durch weitaus mehr Fallout als die gemessenen 2 Mikrosievert pro Stunde äußern. Ich bin jedenfalls gespannt, was wir zu diesem Unfall noch erfahren werden. Im günstigsten Fall beendet er die Entwicklung dieser skurrilen Höllenmaschine, die heutzutage nun wirklich kein Mensch braucht.

Und damit zum eigentlich geplanten Thema, den Einheiten, die einem in Berichten über genau solche Ereignisse begegnen:

Im letzten Artikel habe ich nur die Einheiten Becquerel (Bq) und Sievert (Sv) verwendet, und das sind meines Erachtens auch die einzigen Einheiten zur Radioaktivität, die man in der Kommunikation mit Nichtphysikern verwenden sollte. Ich muss auch selbst jedesmal nachschlagen, wenn mir jemand Messwerte in antiquierten Einheiten wie Curie oder Milliröntgen um die Ohren haut, nur weil er zu faul ist, die Anzeige seines Messgeräts in aussagekräftige, zeitgemäße Einheiten umzurechnen. Becquerel und Sievert sind die einzigen Einheiten, die es sich meines Erachtens lohnt zu merken. Dazu lohnt es sich dann auch, sich ein paar Vergleichswerte zu merken, um Zahlen, die einem irgendwo begegnen, halbwegs einordnen zu können. Was die anderen Messwerte bedeuten und wie man sie umrechnet, möchte ich am Ende dieses Artikels kurz zusammenstellen.

Zunächst einmal muss man sich bei einer Messung zur Radioaktivität fragen, was man überhaupt messen möchte. Grundsätzlich können Radioaktivitätsmessungen Antworten auf drei ganz unterschiedliche Fragen liefern:

  1. Wieviel Radioaktivität ist da überhaupt? Besser wäre noch die Formulierung „wieviel Radioaktivität passiert da“, denn es geht ja schließlich um eine Aktivität. Anzugeben ist also, wie viele radioaktive Zerfälle (Umwandlungen eines Atomkerns in einen anderen unter Aussenden von Strahlung) in einem Material innerhalb eines gewissen Zeitraums passieren. Wählt man als Zeitraum eine Sekunde, dann kommt man genau auf die Einheit Becquerel (Bq), nämlich Zerfälle pro Sekunde. Wenn man nicht eine genau abgegrenzte Strahlenquelle, sondern ein in größerer Menge vorkommendes Material betrachtet, wird häufig die Aktivität pro Menge in Becquerel pro Kilogramm (Bq/kg) angegeben. Nun ist ein Atom in Größenordnungen unseres Alltags sehr klein, und entsprechend klein sind die bei Zerfällen freigesetzten Energiemengen. Beim Zerfall eines Kern des Wasserstoffisotops Tritium (das vor allem im Kühlwasser von Reaktoren entsteht) werden zum Beispiel 0,000000000000003 Joule Energie frei, davon etwa ein Drittel in Form von biologisch relevanter Betastrahlung (der Rest verbleibt im umgewandelten Atomkern oder verschwindet im nicht mehr nachweisbaren Neutrino auf Nimmerwiedersehen). Da man sich unter einem Joule auch nicht so viel vorstellen kann: Ein Joule ist etwa die Fallenergie von einem halben Pfund Butter, das aus 40 cm Höhe auf den Boden klatscht. Wenn man das halbe Pfund Butter hingegen aufisst, hat es einen Nährwert von etwa 8000 Kilojoule, also 8 Millionen Joule. Für eine physikalisch relevante Gesamtaktivität braucht man also schon einiges an Becquerel. Wenn man im Labor mit einer radioaktiven Quelle arbeitet, mit der man vernünftig etwas messen kann, ohne dass man im Umgang damit besondere Schutzausrüstung braucht, dann hat die in der Regel einige Kilobecquerel. Wenn man liest, dass beim Reaktorunfall von Three Mile Island (Harrisburg) 1979 geschätzte 1665 Terabecquerel (also Billionen Bq) Radioaktivität in Form von Gasen freigesetzt wurden, dann klingt das gigantisch. Zur Einordnung muss man sich allerdings klarmachen, dass auch ältere Bestrahlungsanlagen zur Krebstherapie in Krankenhäusern Kobalt-60-Quellen von einigen hundert Terabecquerel enthalten. Was eine Becquerel-Zahl für den Menschen bedeutet, hängt stark davon ab, um welche Art von Strahlung es sich handelt und wo die Zerfälle auftreten, insbesondere ob die Strahlenquelle sich außerhalb oder innerhalb des Körpers befindet und wie lange sie dort verbleibt. Mit dem 2015 in ein Überlaufbecken auf dem Werksgelände ausgetretenen Reaktorkühlwasser im Kraftwerk Temelin mit einer Tritium-Aktivität von 272 Becquerel pro Liter würde ich mir zum Beispiel bedenkenlos die Hände waschen oder auch darin baden. Trinken würde ich es dagegen nur im Notfall – allerdings immer noch lieber als zum Beispiel ungefiltertes Flusswasser. Gelangt radioaktives Material in den Körper, ist die Frage, wie lange es dort wo verbleibt. Bei der Ventilationsszintigraphie zur Untersuchung der Lunge atmet man 400 bis 800 Megabecquerel eines radioaktiven Edelgases ein. Da ein Edelgas mit praktisch nichts chemisch reagiert, wird es aber auch direkt wieder ausgeatmet. Die 55 Becquerel Tritiumaktivität aus einem Glas Temelin-Kühlwasser würden über den normalen Stoffwechsel des Körpers über die nächsten Tage wieder ausgeschieden. Jod-131, ein Produkt der Kernspaltung, ist der wichtigste Problemstoff in den ersten Wochen nach einem Reaktorunfall. Da bei den meisten Mitteleuropäern, die nicht regelmäßig Fisch essen oder mit Jodsalz kochen, der Jodbedarf des Körpers allenfalls knapp gedeckt ist, wird dieses radioaktive Jodisotop vom Körper gut aufgenommen, in der Schilddrüse eingelagert und kaum wieder ausgeschieden, sondern zerfällt mit einer Halbwertszeit von acht Tagen. Daher können auch relativ kleine Becquerel-Zahlen von Jod-131 im kleinen Volumen der Schilddrüse ein erhebliches Krebsrisiko verursachen. So ist der sonst seltene Schilddrüsenkrebs die einzige Krebsart, für die nach Tschernobyl in der allgemeinen Bevölkerung der Anliegerstaaten Ukraine und Weißrussland (außerhalb der an den Aufräumarbeiten beteiligten Liquidatoren) tatsächlich ein Anstieg erkennbar ist. Glücklicherweise ist Schilddrüsenkrebs zwar eine schwere Erkrankung, die erhebliche Einschränkungen der Lebensqualität mit sich bringt, verläuft aber nur in rund einem Zehntel der Fälle tödlich. Die Einlagerung von Jod in der Schilddrüse ist auch der Grund, weshalb man nach Reaktorunfällen bei gefährdeten Personen versucht, durch hochdosierte Jodtabletten ein Überangebot an nicht radioaktivem Jod zu schaffen, so dass ein möglichst großer Anteil des insgesamt verfügbaren (somit auch des radioaktiven) Jods wieder ausgeschieden wird. Radioaktive Problemstoffe, die sich über viele Jahre in den Knochen oder der Leber anreichern, sind die Brennstoffe Uran und Plutonium sowie die Spaltprodukte Cäsium-137 und Strontium-90. Da sie auch über viele Jahre nur zu kleinen Teilen zerfallen, können sich von diesen Stoffen selbst kleine Becquerel-Zahlen mit der Zeit zu erheblichen Belastungen aufsummieren. Das gilt insbesondere, wenn über einen langen Zeitraum die tägliche Nahrung belastet ist, was den im letzten Artikel erwähnten extrem niedrigen Strontium-90-Grenzwert in der Ukraine erklärt. Wegen dieser Unterschiede in der biologischen Relevanz der Aktivität unterschiedlicher Stoffe ist es auch so problematisch, wenn in dem in Fukushima aus den Reaktorruinen gepumpten Sickerwasser neben den rund einer Million Bq/l Tritium auch nach der Entsalzung noch Mengen von jeweils rund 100 Bq/l von anderen Isotopen gefunden werden. Ginge es nur um die insgesamt 760 Terabecquerel Tritiumaktivität des in Fukushima gespeicherten Wassers, dann könnte ich beim besten Willen nicht verstehen, warum man so zögert, diese einfach ins Meer abzuleiten: Tritium ist chemisch einfach Wasserstoff und reichert sich daher nirgends an, und verglichen mit der natürlichen Radioaktivität und selbst mit sonstigen menschlichen Einleitungen in die Weltmeere wäre diese Menge vernachlässigbar. Wenn man es aber tatsächlich nicht schafft, die Verunreinigungen mit radioaktiven Isotopen von Strontium, Cäsium oder anderen Substanzen, die sich in Fischen anreichern könnten, hinreichend gut zu entfernen, wäre das Verdampfen die teurere, aber sicherere Variante, weil diese Stoffe dabei in sehr kompakter Form zurückblieben. Die Aktivität in Becquerel ist also eigentlich nur in Verbindung mit anderen Informationen zur Beurteilung der Gefährlichkeit geeignet. Aussagekräftiger ist schon die folgende Frage:
  2. Welche Strahlendosis wird von einem (lebenden) Material aufgenommen? Hier handelt es sich um eine absorbierte Energiemenge pro Material, gemessen in Joule pro Kilogramm, bezeichnet als die Einheit Gray (Gy). Die Dosis ist keine zeitbezogene Größe, kann sich also über Jahre aufsummieren. Will man die laufende Belastung an einem bestimmten Ort beschreiben, so verwendet man die Dosisleistung in (gegebenenfalls Milli- oder Mikro-) Gray pro Sekunde, Stunde oder Jahr. Geht es um Strahlungsschäden in technischen Geräten, zum Beispiel bei Halbleitern in Teilchendetektoren oder auf Satelliten, ist die Gesamtdosis über die Einsatzdauer die relevante Kennzahl. Bei lebendem Material, also auch in gesundheitlichen Fragen, ist die Situation komplexer. Für das Auftreten von akuter Strahlenkrankheit ist die innerhalb eines Zeitraums weniger Tage aufgenommene Dosis maßgebend. Über das Krebsrisiko und das Auftreten von Mutationen in der nächsten Generation entscheidet nach der bereits im letzten Artikel erwähnten Linearen Hypothese LNT ausschließlich die Gesamtdosis über die bisherige Lebenszeit ohne jegliche Heilungs- und Reparaturchancen. Wer sich mit der Frage beschäftigen will, wie realistisch das ist, dem empfehle ich den schon dort verlinkten Bericht des zuständigen wissenschaftlichen Ausschusses der Vereinten Nationen. Es wird aber, wie so oft in Gesundheitsfragen, noch komplizierter: Alle drei gesundheitlichen Folgen (Strahlenkrankheit, Krebs und Mutationen) entstehen durch Schäden des Erbguts, also der DNA, durch die absorbierte Energie der Strahlung. Die DNA bildet aber einen Doppelstrang, an dem die Erbinformation jeweils spiegelbildlich hinterlegt ist. Entsteht ein Schaden nur an einem Strang der DNA, so haben die zelleigenen Reparaturmechanismen wesentlich bessere Erfolgschancen, als wenn beide gegenüberliegenden Basen beschädigt oder gar beide Stränge durchtrennt sind. Es macht also einen Unterschied, ob die Energie der Strahlung an lauter isolierten Punkten durch das Gewebe verteilt wird oder ob elektrisch geladene Teilchen im Gewebe jeweils eine Spur der Verwüstung hinterlassen. Das führt zu der Frage:
  3. Welcher Schaden entsteht durch die Strahlung in lebendem Gewebe? Diese Frage beantwortet die Äquivalentdosis in der Einheit Sievert (Sv). Sie errechnet sich einfach durch die Strahlungsdosis in Gray multipliziert mit einem Wichtungsfaktor, der sich nach der Art der Strahlung richtet. Für Teilchenstrahlung direkt aus einem Reaktor oder Beschleuniger sind diese Wichtungsfaktoren recht kompliziert, aber bei der Strahlung aus radioaktiven Zerfällen sind sie ganz einfach: Alphastrahlung, also die geladenen Heliumkerne, die nur von sehr schweren Kernen wie Uran oder Plutonium emittiert werden, hat den Wichtungsfaktor 20, sonstige radioaktive Strahlung den Wichtungsfaktor 1. Alphastrahlung kann die menschliche Haut nicht durchdringen und ist nur schädlich, wenn das radioaktive Material in den Körper gelangt. Daher ist für jede Strahlung, die von außen in den Körper hinein wirken kann, der Wichtungsfaktor 1 und damit die Äquivalentdosis in Sievert gleich der Strahlungsdosis in Gray. Neben den Wichtungsfaktoren für die Strahlungsart gibt es Gewebe-Wichtungsfaktoren, die eine Umrechnung zwischen den Äquivalentdosen einzelner Organe und der Ganzkörperdosis ermöglichen sollen. Da die Wichtungsfaktoren erkennbar den Charakter von Abschätzungen haben, hat es offensichtlich wenig Sinn, sich bei Äquivalentdosen Gedanken um die zweite oder dritte von Null abweichende Ziffer zu machen. Daher gibt es auch eine deutlich komplexere Berechnung der Äquivalentdosis nach sogenannten Qualitätsfaktoren, die für Teilchenstrahlung auf dem zu messenden Energieverlust beruhen, wenn man es wirklich genau wissen will. Für die Einschätzung von Risiken ist es aber eher entscheidend, die wievielte Ziffer einer Äquivalentdosis überhaupt von Null abweicht. Auch für die Äquivalentdosis wird häufig die Dosisleistung, zum Beispiel in Mikrosievert pro Stunde, angegeben.

Nachdem also die entscheidenden Fragen gestellt und grob charakterisiert sind, auf die Messwerte antworten sollen, können wir uns jetzt den einzelnen Einheiten zuwenden, die einem in den Medien begegnen können, wenn es um Radioaktivität geht – angefangen mit den beiden, die man tatsächlich kennen sollte und dafür jeweils ein paar Vergleichsgrößen zur Interpretation solcher Werte.

  • Becquerel (Bq): Das Becquerel ist, wie oben erläutert, eine Einheit für die Aktivität und bezeichnet einen Zerfall pro Sekunde. Angegeben sind häufig auch Becquerel pro Menge eines Materials in Kilogramm oder Liter. Die Aktivitäten unterschiedlicher radioaktiver Substanzen sind hinsichtlich ihrer biologischen Relevanz nur bedingt vergleichbar. Ungefähre Vergleichswerte:
      • 130 Bq: Natürliche Aktivität einer Banane.
      • 4000 Bq: Natürliche Aktivität im Körper eines Erwachsenen.
      • 1 GBq = 1.000.000.000 Bq: Größenordnung der Aktivität, die einem Patienten bei der Positronen-Emissions-Tomographie (PET) injiziert wird (Halbwertszeit maximal wenige Stunden).
      • 100 TBq = 100.000.000.000.000 Bq: Größenordnung der Aktivität in einer älteren Strahlungsquelle zur Krebstherapie.
      • 50.000 TBq = 50.000.000.000.000.000 Bq: Freisetzungsschwelle  zur höchsten Unfallstufe der IAEO-Skala für nukleare Ereignisse (Mayak 1957, Tschernobyl 1986, Fukushima 2011).
    • Sievert (Sv): Das Sievert ist eine Einheit für die Äquivalenzdosis, also die nach biologischer Wirkung gewichtete absorbierte Strahlendosis und hat die Dimension Energie pro Masse. Sie ist die beste bekannte Annäherung an den tatsächlich entstandenen Schaden. Im Gegensatz zum Becquerel ist das Sievert eine sehr große Einheit, so dass in der Regel Millisievert (mSv) oder Mikrosievert (μSv) angegeben werden. Ungefähre Vergleichswerte für die Ganzkörperdosis:
      • 50 μSv = 0,05 mSv: Ein Langstreckenflug.
      • 500 μSv/Jahr = 0,5 mSv/Jahr: Variation der natürlichen Radioaktivität zwischen unterschiedlichen Wohnorten in Deutschland.
      • 5 mSv/Jahr: Durchschnittliche Gesamtstrahlenbelastung in Deutschland (ca. 50% natürlich, 50% medizinisch).
      • 1.000 mSv = 1 Sv in kurzer Zeit: Einsetzen der akuten Strahlenkrankheit
      • 7.000 mSv = 7 Sv in kurzer Zeit: 100% tödlich.

Neben diesen beiden Einheiten, die man sinnvollerweise kennen sollte, um Informationen aus den Medien einordnen zu können, begegnen einem dort immer wieder auch andere Einheiten, die man nicht unbedingt kennen muss, deren Bedeutung und Umrechnung man aber bei Bedarf (z.B. hier) nachschlagen kann:

  • Gray (Gy): Das Gray ist wie schon erwähnt die Standardeinheit für die Dosis, also die aufgenommene Strahlungsenergie pro Masse eines Materials, ohne Gewichtung der biologischen Wirksamkeit. Insofern ist sie zwar nicht veraltet, aber für gesundheitliche Fragen eher uninteressant, und die Werte sind häufig identisch mit denen in Sievert. Für Alphastrahlung aus Uran oder Plutonium gilt 1 Gy = 20 Sv, für alle andere Strahlung aus radioaktivem Material 1 Gy = 1 Sv.
  • Rad (rd): Das Rad (radiation absorbed dose) ist eine seit mehr als 40 offiziell nicht mehr verwendete Einheit für die ungewichtete Dosis. Gerade Autoren mit, sagen wir, überschaubarer Sachkompetenz und vor allem aus dem medizinischen Sektor geben jedoch immer noch regelmäßig Messdaten in Rad an. Mitunter finden sich auch in derselben Tabelle, gedankenlos irgendwo abgeschrieben, untereinander Daten in Gray und in Rad ohne die wirklich triviale Umrechnung: 100 rd = 1 Gy; das entspricht 20 Sv für Alphastrahlung oder 1 Sv für sonstige Radioaktivität.
  • Roentgen (R): Das Roentgen ist eine noch antiquiertere Einheit (es stammt aus der Frühzeit der Atomphysik und gilt schon seit 1953 als veraltet) und beschreibt eine Art Strahlungsintensität von Gamma- oder Röntgenstrahlung, die an einem Ort ankommt, gemessen an ihrer Fähigkeit, elektrische Ladungen aus Luftmolekülen herauszulösen. Das Problem dabei ist, dass die Umrechnung von Roentgen in eine Dosis vom Material abhängt, auf die die Strahlung auftrifft. Trotzdem stirbt auch das Roentgen in den Medien irgendwie nicht aus. In weichem Körpergewebe, das bei Strahlenschäden in der Regel interessiert, entsprechen 100 Roentgen knapp einem Sievert.
  • Rem (rem): Mit dem Rem (Roentgen equivalent in man) wird es endgültig wirr, weil sich das Rem, wie aus dem Namen noch hervorgeht, ursprünglich von der Einheit Roentgen herleitete, es dann aber irgendwann als Äquivalentdosis zum Rad umdefiniert wurde. Dennoch erfreut sich das Rem vor allem in den USA bis heute großer Beliebtheit, wo man ja auch sonst der Meinung zu sein scheint, internationale Standardeinheiten machten das Leben zu einfach. Immerhin ist seit der Anlehnung an das Rad die Umrechnung überschaubar: 100 rem = 1 Sv.
  • Curie (Ci): Das Curie ist eine Einheit für die Aktivität, die allen Ernstes 1910 noch unter Mitwirkung von Marie Curie selbst festgelegt wurde, und zwar als die Aktivität von einem Gramm Radium. Es wird seitdem hartnäckig immer noch benutzt, möglicherweise weil 10 Mikrocurie für eine radioaktive Quelle im Labor oder 45 Megacurie für die Jod-131-Freisetzung in Tschernobyl einfach weniger bedrohlich gigantisch klingen als die gleichen Werte in Becquerel. Leider gibt es für die Umrechnung keine einfach zu merkende Faustregel: 1 Curie entsprechen circa 37 Gigabecquerel…

Wodka aus Tschernobyl – und wie wir mit Risiken umgehen

Ich hatte ja schon länger versprochen, nach den vielen Verschwörungsmythen-Themen, Interviewankündigungen und Anmerkungen zu meinen Büchern bald auch wieder mehr Inhaltliches zur Physik zu bieten, und dem will ich heute mal nachkommen und ein bisschen über Radioaktivität schreiben. Um Quantenquark im engeren Sinne geht es dabei nicht, aber Bezüge finden sich doch reichlich. So findet sich auf der Internetseite zur Vermarktung des Lebensfeldstabilisators nach Quantenquark-Altmeister Dieter Broers die absurde Behauptung, nach dem Reaktorunfall von Fukushima könne man Fisch aus dem Nordpazifik ohne Kontrolle durch Geigerzähler nicht mehr essen. In der Hare-Krischna-Postille Tattva Viveka wird erklärt, da der Geist Materie erschaffe (sozusagen das Mantra des Quantenquarks), könne man durch ein „hohes Bewusstsein“ von Radioaktivität unbeeinflusst bleiben.

Insgesamt schreibe ich hier ja über Radioaktivität und vor allem über Kernenergie eher selten, einfach weil es sich um ein hoch emotional aufgeladenes politisches Thema handelt, bei dem sich Positionen, wie immer in der Politik, nicht nur nach wissenschaftlichen Fakten, sondern eben auch nach persönlichen Wertvorstellungen richten: Ich möchte schlicht keine wissenschaftlich interessierten Leser abschrecken, nur weil sie zur Energiepolitik andere Auffassungen haben als ich. An der Uni hatten wir einen Dozenten, der es mit seinem Sendungsbewusstsein geschafft hat, seine anfangs gut besuchte Vorlesung „Physik und Technologie der nichtkonventionellen Energiegewinnung“ in wenigen Wochen bis auf zwei verbliebene Hörer leerzulesen. Falls sich jemand für meine Meinung dazu interessiert, das Umfallen der CDU nach Fukushima war einer der Hauptgründe, warum ich nach mehr als  24 Jahren Mitgliedschaft aus der Partei ausgetreten bin. Inzwischen bin ich Gründungsmitglied bei Ökomoderne e.V.. Damit bin ich mit dem Thema für diesen Artikel auch durch und werde mich im Folgenden auf Hintergrundwissen beschränken, bei dem es genügend Missverständnisse gibt, dass es sich lohnt, darauf einzugehen.

Was mich jetzt wieder auf das Thema gebracht hat, waren Berichte, dass Professor Jim Smith von der Universität Portsmouth beabsichtigt, einen Wodka namens Atomik aus Getreide zu vermarkten, das in der Sperrzone von Tschernobyl angebaut wurde. Den Prototypen bezeichnet Smith als „die wichtigste Flasche Schnaps der Welt“. Web.de generierte daraus die (inzwischen offenbar geänderte) Schlagzeile „Wodka aus Tschernobyl ist trotz Radioaktivität keine Gefahr für die Gesundheit“, und auch der Spiegel textete: „Der Atomik-Wodka soll harmlos sein“. Mein erster Gedanke war: „Hey, gut für die Ukraine und gut für die Menschen in der Gegend, wenn sich da wirtschaftlich etwas tut. Wenn ich denn überhaupt Alkohol trinken würde, wäre das doch was für mich.“ Mein zweiter Gedanke war: „Moment – Wodka ist keine Gefahr für die Gesundheit?“ Und der dritte: „Wie radioaktiv ist dieses Getreide eigentlich?“ Und genau das war in den deutschen Medien dazu nicht zu lesen.

Zunächst einmal: Warum funktioniert das überhaupt, dass Wodka aus radioaktivem Getreide nicht radioaktiv ist? Normalerweise werden Lebensmittel aus radioaktiv belasteten Rohstoffen ja eher nicht zum Verzehr empfohlen. Dazu muss man sich zunächst einmal ansehen, was da eigentlich radioaktiv ist. Die Radioaktivität, die nach einem Reaktorunfall außerhalb des unmittelbaren Reaktorumfeldes (das auch mit dem schweren und daher wenig mobilen Plutonium kontaminiert sein kann) noch nach mehreren Jahren gemessen wird, stammt fast ausschließlich von den Metallen Cäsium-137 und Strontium-90. Beide sind chemisch von normalem, für den Menschen völlig unschädlichen, Cäsium und Strontium nicht unterscheidbar und liegen im Boden und den darauf wachsenden Pflanzen in Form von Salzen, zum Teil auch in komplexeren Molekülen wie Metalloproteinen, vor. Bei der Wodkaherstellung wird die im Getreide enthaltene Stärke zu Zucker gemaischt, anschließend zu Alkohol vergoren und destilliert. Bei der Destillation wird die Flüssigkeit auf unter 100°C erhitzt, so dass der Alkohol verdampft, das Wasser aber nicht. Aus dem verdampften und separat kondensierten Alkohol entsteht dann der Wodka. Salze und Metalloproteine verdampfen bei solchen niedrigen Temperaturen natürlich nicht, bleiben also mit dem Wasser zurück. Beim Wodka wird das Destillat zudem besonders gründlich gefiltert, um andere leicht verdampfende Bestandteile wie Aromate aus dem Alkohol herauszuholen. Was aus dem Getreide im Wodka landet, ist also tatsächlich nur der besonders reine Alkohol. Alkohol besteht aber eben chemisch nur aus Kohlenstoff-, Wasserstoff- und Sauerstoffatomen, alles kleine Atomkerne, von denen es kaum radioaktive Isotope gibt (Isotope sind Varianten eines Atomkerns mit unterschiedlicher Zahl von Neutronen darin), und sie entstehen auch nicht in Reaktoren als Produkte der Kernspaltung. Radioaktiv wäre beim Kohlenstoff lediglich Kohlenstoff-14, der natürlicherweise in immer gleicher Menge in der hohen Atmosphäre entsteht und daher zur Altersdatierung archäologischer Fundstücke verwendet werden kann. Im Kühlwasser von Kernreaktoren entsteht auch das radioaktive Wasserstoffisotop Tritium, das sich, falls es freigesetzt wird, aber nicht irgendwo niederschlägt oder anreichert, sondern sich mit dem Wasserkreislauf verteilt und in den Unmengen Wasser auf der Erde im Vergleich zu natürlicher Radioaktivität schlicht verschwindet. Der Alkohol kann also rein chemisch keine radioaktiven Substanzen aus dem Reaktorunfall enthalten. Dementsprechend berichten auch die Portsmouther Forscher, sie hätten im Vodka lediglich den schon erwähnten Kohlenstoff-14 gefunden. Der Wodka wäre also tatsächlich kein bisschen radioaktiver als jeder andere Wodka (und jedes andere Lebensmittel außer reinem Wasser) durch den natürlicherweise enthaltenen Kohlenstoff-14 zwangsläufig auch. Wie sieht es nun aber mit dem Getreide aus?

Laut der Pressemeldung der Universität Portsmouth ist der Grund, warum dieses Getreide nicht einfach so gegessen werden darf, dass die Aktivität durch Strontium-90 „leicht“ über dem ukrainischen Grenzwert von 20 Bq/kg (Becquerel pro Kilogramm) liegt. Was 20 Bequerel und diverse andere Messgrößen zur Radioaktivität physikalisch bedeuten wird – versprochen – schon in den nächsten Tagen ein Thema eines Folgeartikels sein, sonst wird das hier wieder viel zu lang. Zu einer ersten Einordnung können aber ein paar Vergleiche dienen. Ein beliebter Vergleich für die Radioaktivität von Lebensmitteln sind Bananen. Bananen sind reich an Kalium, und alles Kalium auf der Welt enthält noch von der Entstehung der Erde her einen Anteil des langlebigen radioaktiven Isotops Kalium-40. Die Kalium-40-Aktivität von Bananen liegt bei rund 130 Bq/kg. Biologisch betrachtet hinkt der Vergleich allerdings, weil überschüssiges Kalium vom Körper schnell wieder ausgeschieden wird.  Der Kaliumgehalt im menschlichen Körper führt allerdings auch bei normalem Kaliumgleichgewicht schon zu einer Aktivität von rund 50 Bq/kg Körpergewicht. Strontium, das einmal in den Blutkreislauf gelangt ist, kann dagegen anstelle von Calcium in Knochen eingebaut werden und dort sehr langfristig verbleiben. Allerdings wird auch nur ein sehr kleiner Teil des in der Nahrung enthaltenen Strontiums im Darm überhaupt aufgenommen. Die Interpretation solcher Werte ist also kompliziert. In Deutschland gibt es einen laufenden Grenzwert für Strontium-90 in Lebensmitteln nicht, weil dieses Radioisotop in hier produzierter Nahrung aktuell schlicht keine Rolle spielt. In Notstandssituationen läge er allerdings bei 750 Bq/kg, und in den Monaten nach dem Unfall von Fukushima galt dieser Wert auch für Importe aus Japan. In der Schweiz gibt es einen „Toleranzwert“ von 1 Bq/kg, über dem man anfangen würde, nach Ursachen für eine solche unerwartete Kontamination zu suchen – im Katastrophenfall und für Importe gilt aber auch dort der Grenzwert von 750 Bq/kg. Der extreme Unterschied der Grenzwerte erklärt sich sehr einfach daher, dass man in der Ukraine davon ausgehen muss, dass jemand, der Getreide aus dem Umland von Tschernobyl verzehrt, das dauerhaft tut, während man in Deutschland eben nur sehr gelegentlich importierte Lebensmittel aus einem solchen Notstandsgebiet essen würde.

Das Festlegen solcher Grenzwerte ist schwierig, weil sich, anders als bei vielen Giften, für radioaktive Spurenstoffe keine Schwelle festlegen lässt, unterhalb derer sie mit Sicherheit vollkommen unschädlich sind. Angesichts der vielen Faktoren, die das Entstehen einer Krebserkrankung beeinflussen können, lässt sich eine minimale Erhöhung des Erkrankungsrisikos für die meisten Krebsarten kaum von der normalen Schwankungsbreite unterscheiden. Mangels belastbarer besserer Informationen geht man im Strahlenschutz bis heute von der linearen Hypothese (linear no threshold model, LNT) aus, nach der ein Tausendstel der über das Natürliche hinausgehenden Strahlendosis, der hochbelastete Hiroshima-Opfer ausgesetzt waren, genau zu einem Tausendstel von deren über das Natürliche hinausgehendem Krebsrisiko führen sollte – und zwar unabhängig davon, ob man dieser Dosis innerhalb eines Tages oder über Jahre verteilt ausgesetzt ist. Dieser Ansatz ist umstritten und die Datenlage fragwürdig, die Daten geben aber auch keine klaren Indizien für andere plausible Formen eines Zusammenhangs her, zum Beispiel für einen Schwellenwert, unter dem Strahlenschäden im Erbgut größtenteils repariert werden könnten und damit harmlos wären. Grenzwerte sind somit immer eine Abwägung dazwischen, entweder minimale und möglicherweise nur auf dem Papier existierende Risiken weiter zu  minimieren oder wertvolle Lebensmittel zu vernichten oder gar Menschen den Belastungen einer Evakuierung auszusetzen. Eine objektiv richtige Antwort gibt es dabei nicht. Eindeutig falsch wäre es nur, wenn durch eine Evakuierung mehr Menschen zu Schaden kämen als selbst bei der extrem pessimistischen linearen Hypothese durch die Strahlung zu erwarten wären – und zumindest im Fall von Fukushima deutet einiges genau darauf hin. Auch mindestens die Hälfte der 30-Kilometer-Sperrzone von Tschernobyl ist heutzutage – wenn überhaupt – nur noch durch die Sorge zu rechtfertigen, dort wieder lebende Bürger könnten regelmäßig Produkte aus ihrem eigenen Garten verzehren: Die Strahlung, der Menschen von außen ausgesetzt sind, ist dort mit bis zu 0,12 Mikrosievert pro Stunde (auch die Erklärung dazu kommt im nächsten Artikel) nicht höher als von Natur aus in großen Teilen des Schwarzwaldes oder des Bayerischen Waldes, wo sich niemand Gedanken darüber macht, weil Menschen dort schon seit Jahrtausenden damit leben. So ist es auch nicht sonderlich überraschend, dass das erste halblegal in der Sperrzone geborene und aufgewachsene Kind diesen Sommer angefangen hat zu studieren. Ich ärgere mich übrigens bis heute maßlos, dass ich bei einem Ukraine-Urlaub 2011 die Gelegenheit ausgelassen habe, eine Tour durch die damals gerade für Besucher eröffnete Sperrzone zu buchen. Übertriebene Angst vor Strahlung beeinträchtigt also nicht nur die Lebensqualität, sie kann zu schädlichen, im schlimmsten Fall tödlichen, Fehlabwägungen führen.

Womit wir wieder beim Wodka wären. Die 0,7 Liter Wodka in der angeblich wichtigsten Schnapsflasche der Welt enthalten 280 Milliliter reinen Alkohol, für deren Herstellung ungefähr 800 Gramm Getreide verbraucht werden – und man muss sich ernsthaft die Frage stellen, ob das Getreide mit seinen knapp über 16 Becquerel Strontium tatsächlich gefährlicher ist als die 280 Milliliter Alkohol. Für den Unfall von Tschernobyl insgesamt errechnet die Weltgesundheitsorganisation basierend auf der pessimistischen linearen Hypothese knapp 10.000 Todesfälle in der Ukraine und Weißrussland durch direke Strahlenschäden und spätere Krebserkrankungen. Im Vergleich dazu sterben laut Kiewer Statistikamt jedes Jahr 40.000 Menschen in der Ukraine an den direkten Folgen ihres Alkoholkonsums. Nun kann man argumentieren, dass es sich dabei überwiegend um Fälle extremen oder dauernden Alkoholmissbrauchs gehandelt haben dürfte, und bei der Flasche Wodka ist ja nicht vorausgesetzt, dass man sie alleine an einem Tag konsumieren muss. Ob mäßiger Alkoholkonsum ebenfalls schädlich ist, ist durchaus umstritten, und es wird argumentiert, er könne sogar gesundheitsfördernd sein – exakt das liest man allerdings auch über kleine Dosen radioaktiver Strahlung.

Auch wenn ich selbst Alkohol allenfalls sehr selten und nur in kleinen Mengen als Geschmacksträger konsumiere (gute Weine finde ich einfach zu interessant, um sie nicht wenigstens mal zu probieren): Es liegt mir fern, jemandem einen gelegentlichen Wodka-Martini, vielleicht auch mal einen mäßigen Rausch, ausreden zu wollen, der daraus Genuss und Lebensqualität zieht. Die Forderung, ein langes Leben mit Freudlosigkeit zu erkaufen, darf man ruhig mit der Frage „Wozu eigentlich?“ erwidern. Man sollte nur nicht an alltägliche und an weniger vertraute Risiken völlig unterschiedliche Maßstäbe anlegen. Und wenn man mir ganz persönlich den Atomik-Wodka anbieten würde, muss ich sagen, da würde ich dann genau dieses Getreide doch lieber als Brot zu mir nehmen.

Aufklären über Verschwörungsmythen im Mondlandungshype

Die letzten paar Tage waren ein bisschen verrückt, nicht nur für mich, sondern wohl für jeden, der sich in Deutschland schon mal ausführlicher zu Verschwörungsglauben geäußert hat. Heute ist die erste bemannte Mondlandung genau 50 Jahre her, und plötzlich waren die Behauptungen, die sechs Apollo-Landungen seien in Wirklichkeit auf der Erde inszeniert worden, wieder überall in den Medien. Die Vertreter solcher Behauptungen kamen dabei selbst eher selten vor, was unter anderem damit zusammenhängen dürfte, dass viele, die zumindest in Deutschland solche Thesen aktiv verbreiten, auch noch ganz andere, ziemlich menscheinfeindliche Vorstellungen auf ihrer Agenda haben, so dass man ihnen vielleicht nicht unnötig ein Forum bieten will. Dafür liefen bei uns Skeptikern die Telefone heiß, und offensichtlich waren vor allem Fernsehjournalisten von dem ja erst seit 50 Jahren feststehenden Termin völlig überrumpelt worden und fingen gestern früh an, fieberhaft Interviewpartner für die Abendnachrichten zu suchen.

Dafür freut es mich besonders, dass die GWUP es, in einem nächtlichen Kraftakt unseres Filmgenies Stanley Kubrick Andreas Weimann, geschafft hat, pünktlich heute das Video meines Vortrags zur Mondlandung beim diesjährigen Skeptical in Augsburg vorzustellen. Der Vortrag ist eine deutlich kürzere Version als der, den ich in Wien gehalten habe. Von dort soll es demnächst auch noch ein Video mit der vollen Dosis geben.

Der Vortrag hat mir großen Spaß gemacht, was man glaube ich erahnen kann, und ich finde auch die Filmumsetzung hervorragend gelungen. Die eigens bestellte Jacke hat ihren Zweck auch erfüllt, würde ich sagen.

Dass sich bei mir in den letzten Tagen die Anfragen gehäuft haben, kann auch an dem Spiegel-Online-Interview „Vom ersten Tag an gab es Zweifler“ vom Donnerstag liegen, das mir auch große Freude gemacht hatte – bis auf die letzte Frage jedenfalls. Müssen diese Journalisten das Buch denn auch noch so genau lesen…?

Auf jeden Fall hörenwert finde ich auch das Live-Interview auf radioeins von gestern Nachmittag. Lebendig und ein bisschen frech geführt, aber durchaus mit etwas Tiefe. Ich muss zugeben, dass ich eher wenig Radio höre, aber vom Verhältnis des Aufwands, den man als Interviewgast hat, zu dem, was man am Ende rüberbringt, ist es deutlich angenehmer als Fernsehen.

Das war mir auch schon bei dem halbstündigen Interview in hr iNFO im Juni aufgefallen, das der HR gestern einfach nochmal ausgestrahlt hat.

Als ich gestern nach der Zuschaltung bei radioeins in Frankfurt aus dem Studio kam, ging es draußen vor der Tür gleich weiter. Nach einem kurzen Statement für die WELT/Sat1-Nachrichten kam ein Team von RTL für einen Beitrag im Nachtjournal (in der Sendung ab Minute 9:47), den ich durchaus empfehlen kann, weil darin sogar Zeit war, auf einige Argumente einzugehen.

Und wenn sich der Hype um die Mondlandung dann langsam wieder gelegt hat, gibt es hier auch wieder richtigen Quantenquark, versprochen.

Zwei Germanen und ein Recherchefehler

Kennen Sie das auch? Sie haben einen Text geschrieben, ein Bild gemalt, einen Schrank geschreinert, Ihren Garten bepflanzt, sich dabei größte Mühe gegeben, immer wieder nach möglichen Fehlern gesucht, keine Fehler mehr gefunden – und genau in dem Moment, in dem Sie vor dem Ergebnis Ihrer Arbeit stehen und nichts mehr verändern können, werfen Sie noch einmal einen Blick darauf, und was ist das Erste, was Sie sehen?

Das ging mir bei meiner Diplomarbeit so, bei meiner Doktorarbeit, und ich habe sowohl bei Quantenquark als auch beim Verschwörungsmythen-Buch das erste Exemplar in meinen Händen nur sehr zögerlich aufgeschlagen, weil ich mir fast sicher war, auch dort würde mich von der ersten Seite, die ich ansehe, mindestens ein Tippfehler anspringen. Glücklicherweise sind diese Bücher aber bei den Verlagen schon von Programmplanern und Lektoren sorgfältig durchgearbeitet worden, so dass mir eine solche Erfahrung in diesen Fällen erspart geblieben ist. Es gab einzelne Verbesserungsvorschläge von Lesern zur ersten Quantenquark-Auflage, aber insgesamt bin ich mit der Qualität sehr zufrieden.

Und dann ist es mir doch passiert: Vor ein paar Wochen, es war ein Dienstagabend; das Hörbuch war gerade erschienen; am Montag hatte ich die Druckfreigabe für die zweite Auflage gegeben. Ein paar Tage zuvor hatte mich jemand auf den „veganen Germanen“ angesprochen – den googelte ich also nochmal, um nachzusehen, was der aktuell gerade so alles verzapft, und stellte fest – der „vegane Germane“ heißt Andreas Goebel. Im Quantenquark-Buch hatte ich allerdings geschrieben, der Blogger Aleksander Armbrust bezeichne sich selbst als „der vegane Germane“, und Armbrust heißt nun mal nicht Goebel. Das ist mir schon beim Verfassen der ersten Auflage passiert, weder den Lesern noch mir beim Überarbeiten aufgefallen, wurde im Hörbuch so gelesen – aber wenn ich es einen Tag früher bemerkt hätte, wäre es wenigstens in der zweiten Auflage noch zu korrigieren gewesen.

Aleksander Armbrust ist der Hauptautor des Terraherz-Blogs. Den muss man nicht unbedingt kennen, außer, man hat eine Vorliebe für wüste Verschwörungsmythen, Klimawandelleugnung, Nähe zur Reichsbürgerideologie, nicht nur unterschwelligen Antisemitismus und abstruse Pseudomedizin, oder man braucht Hinweise, wie man sich verhalten sollte, wenn man als Reichsbürger oder Rechtsextremist Anlass zu einer Hausdurchsuchung gegeben hat. Aktuell heißt es dort auch, Bundeskanzlerin Angela Merkel sei „ein halbtotes Wrack“ oder ihr gelegentliches Zittern werde durch das Hören des ihr offenbar unerträglichen Deutschlandlieds ausgelöst. Überwiegend werden dort Inhalte von anderen Internetseiten oder Youtube-Kanälen verlinkt und mit kurzen Hinweistexten angekündigt.

Andreas Goebel, der „vegane Germane“ verbreitet seine Vorstellungen in einem Videoblog, der sich, wenig überraschend, vor allem an die Veganerszene wendet. Auch den muss man nicht kennen, außer, man hat eine Vorliebe für wüste Verschwörungsmythen, Nähe zur Reichsbürgerideologie, Rechtfertigung der Nazi-Verbrechen, Homophobie, nicht nur unterschwelligen Antisemitismus und abstruse Pseudomedizin.

Seinen Weg ins Quantenquark-Buch hat der erste der beiden seltsamen Germanen, Alexander Armbrust, mit der Aussage gefunden, mein peinlicher ehemaliger Institutsdirektor Hans-Peter Dürr sei einer seiner „größten Idole und Mentoren“ und Dürr beschreibe alles, wofür Armbrust „genauso einstehen würde“. Der entsprechende Artikel aus dem Jahr 2015 ist auf dem Blog heute nicht mehr zu finden. Dass solche Aussagen von jemandem kommen, der gleichzeitig verbreitet, die Erde sei eine Scheibe, sagt natürlich einiges darüber aus, welch wirre Vorstellungen von Quantenphysik Dürrs wichtigtuerisch vorgebrachte private philosophische Vorstellungen bei Laien ausgelöst haben.

Der Eindruck, Armbrust und der „vegane Germane“ seien dieselbe Person, ist bei mir beim Verfassen des Manuskripts für die erste Auflage im Jahr 2016 entstanden. Auslöser war anscheinend, dass Armbrust im Terraherz-Blog Videos verlinkt, bei denen er die Ankündigungstexte oft wörtlich übernimmt. Das tut er auch bei Goebels Videos, aktuell zum Beispiel bei diesem hier:

Auf Armbrusts Terraherz-Blog ist der Text absolut identisch:

Mitunter sind solche Ankündigungstexte auch in der ersten Person verfasst. So muss bei mir der Eindruck entstanden sein, Armbrust kündige ein eigenes Video an und sei selbst der „vegane Germane“. Im Detail kann ich das nicht mehr nachvollziehen, weil ich die Beiträge von damals auf der Seite nicht mehr finde.

Dennoch ist das natürlich schlampig recherchiert und darf nicht passieren. Ich entschuldige mich also bei den Lesern. Bei den beiden Germanen würde ich mich eventuell auch entschuldigen – nur ist mir nicht so ganz klar, wer von denen diese Verwechslung wohl eher als Beleidigung und wer als Auszeichnung verstehen würde…

Interviews, die Quantenquark-Neuauflage, und das Hörbuch auf der Top-10-Liste

Eigentlich verbringe ich ja in den letzten Wochen so ziemlich meine gesamte für skeptische Themen verfügbare Zeit mit dem Thema der Verschwörungsmythen sowie der Rechtsesoterik – und damit mehr oder weniger mit meinem aktuellen Buch. Da gab es Vorträge bei der SkepKon in Augsburg sowie in Göttingen, Gießen und Wien. Für den Herbst sind aktuell Auftritte in Hofheim am Taunus, Wetzlar, Dornbirn (Vorarlberg), Mannheim und Basel in Planung. Auf Hoaxilla könnte ich eventuell demnächst auch mal wieder auftauchen…

Das 50jährige Jubiläum der ersten bemannten Mondlandung in der kommenden Woche bringt außerdem auch gerade ein ziemliches Medieninteresse mit sich. Auf eine Anzahl von Radiointerviews hatte ich ja schon in einem früheren Artikel verwiesen, und in der kommenden Woche kommen auch noch zwei Interviews im Fernsehen. Am 17.7. wird sich das Politik-Magazin „Kontrovers“ im BR-Fernsehen (wenn nichts Brandaktuelles dazwischenkommt) mit den Verschwörungsmythen um die Mondlandung beschäftigen. In den aufgezeichneten Interviews kommen dazu soweit ich schon weiß Martin Elsässer von der Volkssternwarte München (wo ich übrigens vor 20 Jahren meine erste Skeptikerverstaltung besucht habe) und ich zu Wort. In der Hessenschau abends im HR-Fernsehen wird die Mondlandung die ganze kommende Woche über ein Thema sein, und auch da kommt natürlich einmal die Frage an die Reihe, ob diese vielleicht doch insgesamt nur vorgetäuscht gewesen sein könnte. Wie es aussieht, werde darin nicht nur ich, sondern auch mein wackerer Mitstreiter aus dem Buch, Buzz Playdrin, zu sehen sein – ich weiß nur noch nicht, an welchem Tag.

Ich bin also eigentlich gerade voll im Verschwörungsmythen-Modus, weshalb hier inzwischen auch schon zwei angefangene Quantenquark-Artikel aufs Weiterschreiben warten.

Heute hat sich dann aber doch das Quantenquark-Thema samt zugehörigem Buch zurückgemeldet, und das gleich richtig. Heute Nachmittag sind die ersten drei Exemplare der Neuauflage bei mir angekommen.

Ich gehe also mal davon aus, dass die neue Version jetzt auch über den Buchhandel und als E-Book zu bekommen ist. Sie enthält nicht nur aktualisierte Daten und ein paar kleine Korrekturen, sondern auch einige komplett neue Unterkapitel. Da geht es zum Beispiel um die Frage, ob wir eine Quantenphilosophie brauchen, angefangen mit der durchaus nachvollziehbaren Verwirrung der frühen Quantenphysiker über die spekulativen Ansätze des Frankfurter Physikdidaktikers Thomas Görnitz bis hin zu reinem Quantenquark, der sich als Philosophie ausgibt. Der immer häufiger in Deutschland auftauchende Quantenquarkproduzent Nassin Haramein hat ein eigenes Unterkapitel bekommen, und da das Thema Biophotonen leider auch nach dem Tod von Fritz-Albert Popp (wovon ich beim Verfassen des Manuskripts noch nicht gehört hatte) nicht aus der Mode zu kommen scheint, musste ich auch auf diese ausführlicher eingehen. In den vorderen Kapiteln hat sich nicht so viel verändert – die Physik ist ja zum Glück (oder eigentlich leider – wir wollen ja dazulernen) seit 2017 weitgehend dieselbe.

Kaum hatte ich die Bücher ausgepackt, kam auch schon vom Hoaxmaster Alexander Waschkau der Hinweis, dass das Quantenquark-Hörbuch bei Audible unter den Top 10 der Sachhörbücher ist.

Darüber freue ich mich natürlich auch ganz besonders, und ich möchte auch an dieser Stelle nicht vergessen zu erwähnen, dass das Hörbuch sehr viel der Stimme, dem Schnitt, der Tontechnik und (in meinen Partien) dem Coaching von Hoaxmistress Alexa Waschkau zu verdanken hat. Inhaltlich entspricht das Hörbuch übrigens dem ungekürzten Text der Neuauflage. Übrigens freue ich mich auch, dass auf der Top-10-Liste relativ wenige Schwurbelbücher auftauchen.

Gelegentlich kommen Fragen, warum das Hörbuch ausgerechnet bei Audible mit seinem für manche Hörer möglicherweise lästigen proprietären Dateiformat und seinem Abokonzept erschienen ist. Die Antwort ist letztlich ganz einfach: Springer hat keinen eigenen Hörbuchverlag – nach allem, was ich gehört habe, ist das erst das zweite Sachhörbuch, das Springer, eigentlich ja ein reiner Wissenschaftsverlag, überhaupt produziert hat. Ohne die relativ unkomplizierte Möglichkeit, es über die Plattform von Audible zu veröffentlichen, würde das Hörbuch also schlicht nicht existieren.

Ein kleines bisschen ärgerlich ist für mich, dass (zum Glück mir selbst) buchstäblich einen Tag nach der Druckfreigabe für die Neuauflage und wenige Wochen nach Erscheinen des Hörbuchs noch ein kleiner inhaltlicher Fehler aufgefallen ist, der sich schon in die erste Auflage eingeschlichen hatte und bisher offenbar niemandem aufgefallen war. Da sich der Fehler unmittelbar auf eine von mir kritisierte Person bezieht, werde ich das in den nächsten Tagen in einem eigenen Artikel richtigstellen.

Um zum Schluss noch einmal zurück zum Thema Interviews: Ebenfalls gerade eben bei Springer erschienen (aber noch nicht gedruckt bei mir angekommen) ist das Buch Physik studiert – und dann? von Nina Niebuhr, Jeannette Jansen und Katharina Spindeldreier. Darin haben die drei Physikerinnen 24 Fachkollegen interviewt, die ganz unterschiedliche Berufswege eingeschlagen haben oder zumindest irgendwie in diesen gelandet sind. Darin ist unter anderem auch zu lesen, warum ich selbstständiger Unternehmensberater bin, obwohl ich früher überhaupt keinen Bezug zur Beratung hatte und auf gar keinen Fall selbstständig sein wollte.

Zu Verschwörungsmythen gibt es auch was auf die Ohren – und im ORF-TV

Wer bei dem Titel schon die Ankündigung für das nächste Hörbuch erwartet hat, den muss ich leider enttäuschen. Konkrete Pläne dafür gibt es beim Verschwörungsmythen-Buch bislang nicht, wobei ich entsprechende Anregungen (die ich auch schon bekommen habe) natürlich gerne an den Verlag weitergebe.

Allerdings bin ich in letzter Zeit doch ziemlich häufig zum Thema des neuen Buchs im Radio zu hören gewesen, und zum Teil sind die betreffenden Interviews auch noch online verfügbar und werden das möglicherweise noch eine Weile bleiben. Da ich immer wieder darauf angesprochen werde, möchte ich hier kurz ein paar entsprechende Links zusammenstellen. Die Inhalte der Interviews sind naheliegenderweise nicht überschneidungsfrei. Es lohnt sich also wahrscheinlich nicht, alle hintereinander durchzuhören. Ich versuche daher hier, zu den einzelnen Gesprächen jeweils ein paar Stichpunkte zu geben.

Am 29.4. ging es im Deutschlandfunk in der Magazinsendung Corso vor allem um politische Implikationen des Verschwörungsglaubens und die Zusammenhänge mit politischem Extremismus. In der Sendung selbst lief eine gekürzte Fassung, aber auf der Seite des Senders kann man die vollen 13 Minuten anhören. Da hatten wir dann auch Zeit, zum Beispiel über die Frage zu sprechen, warum ich den Begriff „Verschwörungstheorie“ nicht so sehr mag:

https://www.deutschlandfunk.de/wissenschaft-versus-wahn-warum-wir-gerne-an-mythen-glauben.807.de.html?dram:article_id=447419

Am 31.5. berichtete der Bayerische Rundfunk auf B5 aktuell über die Skepkon in Augsburg, und im Rahmen dieser Berichterstattung kam ich auch zu Wort. Dafür, dass die Interviews mitten im geschäftigen Treiben des SkepKon-Foyers geführt wurden, war die Tonqualität überraschend gut, was ich im Moment nicht mehr nachvollziehen kann, weil der Audiotrack zumindest für mich momentan nicht mehr abrufbar ist. Auf der Seite sind aber die wichtigsten Punkte des eher kurzen Beitrags zusammengefasst, wobei die Bemerkung des Korrespondenten Andreas Herz über meine Körperhaltung erfreulicherweise entfallen und nur mein nicht minder nerdiges T-Shirt übrig gelieben ist:

https://www.br.de/nachrichten/bayern/chemtrails-und-co-kampf-gegen-verschwoerungsmythen-in-augsburg,RS1MO86

Am nächsten Morgen, 1.6., musste ich dann früh aufstehen, um schon um 7.35 Uhr in einem Studio des BR live mit Deutschlandfunk Kultur sprechen zu können. In dem Gespräch mit Shali Anwar ging es tatsächlich länger um die Themen des Buchs und darum, wie man bestimmte Verschwörungsbehauptungen auch inhaltlich prüfen kann. Dabei kamen vor allem Chemtrails und der 11. September zur Sprache. Auf der Seite zur Sendung kann man nicht nur (oben rechts) die kompletten acht Minuten abspielen, sondern das Gespräch ist auch transkribiert, was ich als Leser immer sehr angenehm finde, weil ich Informationen (jedenfalls am Computer) selbst lieber in meinem Tempo lese, als mir per Audiotrack oder Video einen festgelegtem Zeitrahmen vorgeben zu lassen:

https://www.deutschlandfunkkultur.de/chemtrails-9-11-und-co-wie-man-verschwoerungstheorien.1008.de.html?dram:article_id=450282

Ich ergänze diesen Punkt ein paar Tage nach Erscheinen des Posts noch der Vollständigkeit halber, weil mir entgangen war, dass es dieses Interview auch online gibt: Am 7.6. beim rbb Inforadio, dieses Mal schwerpunktmäßig zur Mondlandung. Ich musste ausnahmsweise mal nicht ins Studio, aber man hört der Tonqualität natürlich schon an, dass das übers Telephon aufgenommen ist:

https://www.inforadio.de/programm/schema/sendungen/wissenswerte/201906/07/340314.html

Am 17.6. war ich dann (dank der Kooperation zwischen den Sendern aus einem SWR-Studio in Mainz) live auf dem Schlagersender Bayern plus zu hören. Zum Glück (für die Hörer) musste ich nicht singen. Mit der Musik zwischen den zwei dreiminütigen Interviewblöcken und der chronisch bestens gelaunten Moderatorin Petra Mentner war das für mich ein etwas skurriles Erlebnis, aber zusammengeschnitten (und ohne Axel Fischer dazwischen) ist ein sehr nettes kleines Interview dabei herausgekommen, in dem es vor allem um die Mondlandung und die Flacherdler geht:

https://www.br.de/radio/bayern-plus/sendungen/der-vormittag/verschwoerungsmythen-interview-100.html

Eine ganz andere Art Radiointerview gibt es am 26. Juni um 19.35 Uhr in hr-iNFO zu hören, wobei noch mehrere Wiederholungen am Wochenende 29./30. Juni und eventuell im Juli nochmal in der Nähe des Jahrestags der Mondlandung geplant sind. Redakteur Christoph Scheffer (den ich so endlich auch einmal sehen konnte, nachdem ich seine Stimme seit Jahren kenne – schließlich höre ich selbst, wenn ich Radio höre, meist hr-iNFO) konnte sich dafür tatsächlich eine halbe Stunde Sendezeit nehmen. So ist ein viel persönlicheres Interview herausgekommen, in dem er mir auch noch Dinge aus der Nase gezogen hat, die ich eigentlich gar nicht erzählen wollte. Außerdem hätte ich nie erwartet, im Radio einen Aluhut falten zu müssen, aber dank Sebastian Bartoschek wusste ich tatsächlich noch einigermaßen, wie das geht.

Das Ergebnis kann man auch als Podcast auf der Seite des hr anhören:

https://www.hr-inforadio.de/podcast/das-interview/holm-gero-huemmler—physiker-und-skeptiker,podcast-episode-49452.html

Das werde ich wahrscheinlich auch tun müssen, denn am Abend der Erstausstrahlung bin ich ja in Gießen und spreche zusammen mit Oliver Debus im Ulenspiegel über „Apollo aus Hollywood? Waren die Mondlandungen nur vorgetäuscht?“.

Fernsehen gibt es eventuell auch noch; allerdings weiß ich noch nicht, in welchem Umfang ich dann tatsächlich darin vorkomme.  Rund um meinen Vortrag über die Mondlandung bei Skeptics in the Pub Wien am 18.6. hat ein Team des ORF zunächst einmal den Wiener Regionalgruppensprecher und Astronomen Stefan Uttenthaler interviewt und anschließend den Vortrag gefilmt. Gesendet werden soll das in einer Dokumentation in der Sendereihe „Menschen und Mächte“, in der es um den Einfluss des Mondes und nicht primär um Verschwörungsmythen gehen soll. Mein Vortrag spielt dabei also sicher eher eine Nebenrolle. Gesendet werden soll es am 18. Juli ab 21:05 Uhr in ORF2. Wer lieber meinen ganzen Vortrag aus Wien sehen will, sollte die Gelegenheit auch bekommen, weil die Wiener Freunde wieder einen Mitschnitt erstellt haben, der, fertig bearbeitet, auf Youtube zu sehen sein soll.

Das eine oder andere wird in nächster Zeit sicherlich auch in den Medien noch kommen. Vorträge sind Richtung Herbst konkret in Planung (aber noch nicht verlinkbar angekündigt) in Hofheim, Dornbirn und Mannheim, sowie eventuell in Friedberg/Hessen. Ich werde rechtzeitig auf die genauen Termine hinweisen, zumindest über die Facebookseite, wenn nicht hier im Blog. Danach freue ich mich immer über ein nettes Gespräch – schaut einfach vorbei.

Quantenquark als Hörbuch – mit einer besonderen Vorlesestimme

Manchmal erfährt man Dinge als Autor ja zuletzt. Nachdem ich seit dem Abschluss der Aufnahmen im Februar ungeduldig gewartet und sogar am Freitag nach Büroschluss noch einmal per Mail beim Verlag nachgefragt hatte, konnte ich am Sonntag in meiner Facebook-Timeline und auf dem GWUP-Blog nachlesen, dass das Quantenquark-Hörbuch jetzt bei Audible verfügbar ist.

Das Hörbuch enthält alle Kapitel des Buchs in ungekürzter Form, also alles, was sich in der Druckversion auch findet, mit Ausnahme des Vorworts, (natürlich) der Abbildungen und des Anhangs mit den Formeln zur speziellen Relativitätstheorie. Das ergibt in der Summe über 10 Stunden Quantenquark zum Hören, damit sich die Investition in das Hörbuch oder das Audible-Abo auch lohnt. Die Abbildungen, die im Hörbuch erwähnt werden, kann man auf https://quantenquark.com/hoerbuch/ ansehen oder als pdf herunterladen. Um die Dinge nicht komplizierter zu machen, als sie sein müssen, ist dazu keine Anmeldung erforderlich.

Ganz besonders freut mich, dass wir zum Lesen des Hörbuchs (und daraus hatte ich ja in meinen Ankündigungen ein kleines Geheimnis gemacht) eine von mir sehr geschätzte Freundin aus dem skeptischen Umfeld gewinnen konnten, nämlich Alexa Waschkau. Alexa dürfte vielen Quantenquark-Lesern nicht nur als Hoaxmistress aus dem seit letztem Winter wieder sehr aktiven Hoaxilla Podcast und aus Hoaxilla TV bekannt sein. Mit ihrem Mann Alexander Waschkau, mit Daniela Menschig und mit Sebastian Bartoschek hat sie selbst mehrere Bücher geschrieben; sie hat Bücher von Edzard Ernst übersetzt, und sie ist in ihrem eigenen Vorlesepodcast Black Sweet Stories sowie auf ihrem Hörbiographieprojekt Lebenslinien zu hören. Zu meiner Schande war es nicht einmal meine Idee, Alexa für diese Aufgabe anzusprechen – die Idee kam tatsächlich vom Verlag. Vielleicht war es aber auch ganz gut, dass unsere geschäftlichen Kontakte zum Verlag unabhängig voneinander waren. So musste sie sich zu nichts verpflichtet fühlen, und wir konnten uns ganz entspannt damit beschäftigen, gemeinsam das Hörbuch aufzunehmen. Gemeinsam (zumindest zu gewissen Teilen) war es deshalb, weil meine Stimme im Hörbuch auch zu hören ist, nämlich in den zusammenfassenden Infokästen „Zum Mitnehmen“ am Ende der Unterkapitel und in den „Quarkstückchen“-Einschüben mit Beispielen, die so absurd sind, dass sie nur aus der Realität stammen können.  Beim Aufnehmen dieser kurzen Passagen und vor allem beim Probehören der fertigen Aufnahmen ist mir erst klar geworden, was für eine Aufgabe ich Alexa da „zugeschrieben“ hatte, mit den unvermeidlichen Fachausdrücken, den fremdsprachigen Namen und meiner Freude an komplexen, pointierten Sätzen. Ich kann nur sagen, ich bin über das Ergebnis sehr glücklich und dankbar.

Der „berühmt berüchtigte Großmeister des Skeptizismus“ (so hat mich in den Kommentaren zum Hörbuchhinweis auf dem GWUP-Blog tatsächlich jemand bezeichnet – ich glaube davon mal nur das „berüchtigt“) wünscht viel Spaß beim Hören.

5G-Mobilfunk und die Party der Verschwörungs-Schwurbler

Ich sag’s gleich vorweg: Das wird mal wieder lang – aber wenn man zu dem Thema fundiert etwas sagen will, kommt man an ein paar Hintergründen nicht vorbei, und der Artikel ist durchaus auch mal zum späteren Nachlesen und zum Weitergeben an verunsicherte oder sonstwie besorgte Zeitgenossen gedacht. So richtig viel Fundiertes gibt es zu dem Thema ja noch nicht, auch wenn ich gerade sehe, dass mir der sehr geschätzte Physikerkollege Florian Aigner mit einem Artikel um ein paar Stunden zuvorgekommen ist, den ich als Ergänzung und etwas kürzere Zusammenfassung ebenfalls empfehle.

Panikmache auf rechtsesoterischen Verschwörungsseiten

Wenn man auf Youtube das Stichwort „5G Strahlung“ in die Suchfunktion eingibt, kann man gleich unter den ersten Suchergebnissen den Eindruck gewinnen, der zukünftige 5G-Mobilfunkstandard brächte eine Form von Killerstrahlung mit sich, die in der Lage sein müsste, ganze Landstriche zu entvölkern.

„WARNUNG vor 5G !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!Wollen sie uns Kochen??Strahlung im Microwellenbereich!!!“ ist dort zu lesen, „Dringender Weckruf: 5G ist Gefahr für Leib und Leben!“ sowie „5G=Globaler „MIKROWELLEN- HERD“ OHNE ENTRINNEN- Alle 200m ein Sender!“. „5G kommt! Verstrahlt im Namen der NWO!“[neue Weltordnung] titelt ein selbsternannter „Freund der Wahrheit“ in seinem Videokanal, und gleich der erste Kommentator erklärt darunter: „Das 5G ist ein Mikrowellenwaffensystem. Diese Strahlen werden uns geistig und körperlich völlig zerstören.“

Der überwiegende Teil der Youtube-Kanäle, die diese Videos und Schlagzeilen verbreiten, gehört zu dem üblichen, sich regelmäßig gegenseitig referenzierenden Netzwerk von Seiten, die für Verschwörungsmythen, rechte Propaganda, antisemitische Anfeindungen gegen jüdische Unternehmer, Hetze gegen Flüchtlinge sowie Werbung für abstruse Pseudomedizin bekannt sind. Eine ganze Reihe von 5G-Videos dieser Art kommt von Ivo Saseks Klagemauer.tv. Darin findet sich auch das in diversen Videos dieser Art verbreitete Märchen, bei einem 5G-Test (den es dort gar nicht gab) seien in Den Haag tote Vögel vom Himmel gefallen. In anderen Videos solidarisiert sich der Kanal mit Rechtsextremen, erklärt gemäß klassisch antisemitischem Verschwörungsdenken den Kommunismus zum Ziehkind der „Hochfinanz“ (wobei im Zielpublikum jedem klar sein dürfte, dass damit die Juden gemeint sind) und den islamistischen Anschlag von Straßburg zu einer Inszenierung der französischen Regierung. Die Flüchtlingskrise ist für Klagemauer.tv eine vom jüdischen Unternehmer George Soros eingefädelte „Verschwörungstatsache“. Sasek, der selbst in der Schweiz schon wegen Holocaustleugnung und Rassendiskriminierung angeklagt war, hatte 2012 auf seiner Antizensurkonferenz Sylvia Stolz, der ehemaligen Anwältin der Holocaustleugner Ernst Zündel und Horst Mahler, einen Vortrag ermöglicht, den er anschließend sichtlich gerührt bejubelte. Für eben diesen Auftritt ist Sylvia Stolz inzwischen selbst in Deutschland wegen Holocaustleugnung zu einer Haftstrafe ohne Bewährung verurteilt worden.

Auf bewusst.tv agitiert gegen 5G der dortige Stammmoderator Jo Conrad, der auch schon als Veranstalter von Reichsbürgerkonferenzen in Erscheinung getreten ist. Selbstverständlich darf auch der ehemalige Greenpeace-Aktivist Werner Altnickel nicht fehlen, der sonst inzwischen lieber über Chemtrails fabuliert, Reichsbürgerideologie verbreitet und stolz darauf zu sein scheint, wenn er zur rechten Szene gezählt wird:

In einigen Fällen ist der Hintergrund der Panikmache klar, wenn zum Beispiel unter der Schlagzeile „Angriff auf unsere Zirbeldryse durch Fluorid & 5G Strahlung!“ Enrico Edinger, der sich inzwischen als Prof.* Dr. nauk* Dr. med. bezeichnet, für den Kauf windiger Nahrungsergänzungsmittel wirbt. Im gleichen Video erklärt Edinger übrigens auch: „Elektroautos sind Mord für den Menschen. Also, auch von der Tumorbildung her.“

Besonders bizarr ist ein Video des Kanals mit dem vertrauenerweckenden Namen Extremnews. Es trägt den Titel „Medienwissenschaftler: Warum 5G hochgefährlich ist“.  Inwiefern die Medienwissenschaft, die die Massenkommunikation aus geistes- und kulturwissenschaftlicher Perspektive untersucht, jemanden dazu befähigen soll, Aussagen über die medizinische Wirkung elektromagnetischer Wellen zu machen, erschließt sich mir nicht. Lustig wird es, wenn man bemerkt, dass der angekündigte Medienwissenschaftler niemand anders ist als Harald Kautz-Vella. Kautz-Vellas abstruse Phantastereien hat selbst der bereits erwähnte Werner Altnickel in einem Interview schon mit den Worten kommentiert: „Wenn unsere Gegner das zitieren, stehen wir vielleicht insgesamt als Idioten da.“ Im Bemühen, in Esoterik und Verschwörungsglauben irgendwie wahrgenommen zu werden, treibt Kautz-Vella alle paar Jahre eine neue Sau durchs Dorf. Der goldene Aluhut hat ein paar witzige Zitate aus der Zeit zusammengetragen, als Kautz-Vella sich primär über die vermeintliche Hautkrankheit Morgellons positionierte – bei der es sich in Wirklichkeit meist um eine Wahnvorstellung handelt. Mein Lieblings-Kautzvellismus ist allerdings Black Goo, ein schwarzes Wunderöl, das von Außerirdischen auf die Erde gebracht worden sein und eine eigene Intelligenz und ein Bewusstsein haben soll.

Wenn das Thema in diesem Umfeld von Antisemitismus, Pseudomedizin und Verschwörungshetze bliebe, müsste man sich möglicherweise nicht so sehr aufregen. Bedauerlicherweise schwappt es von dort immer wieder in die Mainstreammedien herüber, und zwar in erschreckend ähnlichem Tonfall, und häufig auch mit ähnlicher Faktenbasis.

Die gleiche Panikmache in Mainstreammedien

„Strahlendes Experiment“ überschreibt die Zeit einen Artikel, in dem die entscheidende Aussage über Mobilfunk irgendwo im Kleingedruckten untergeht: „Hunderte Studien konnten bisher nicht nachweisen, dass eine Gesundheitsgefahr von diesen elektromagnetischen Feldern (EMF) ausgeht.“ Die angeblich noch unbekannten Risiken, mit denen laut Zeit an der Bevölkerung experimentiert wird, finden sich fast identisch in der Rede des AfD-Abgeordneten Peter Felser am 4. April 2019 im Bundestag: „Uns muss doch klar sein, dass wir noch überhaupt keine Langzeitrisiken dieser Technologien abschätzen können. Wir sind mit diesen Funkstrahlen in einem riesigen Feldexperiment.“ Der Tagesspiegel folgt eher dem Tonfall der Online-Verschwörungshetzer als dem der AfD und behauptet: „Europas Regierungen ignorieren die Gefahr.“ Wie die Zeit verlinkt auch der Tagesspiegel eine der typischen Unterschriftslisten von Elektrosmoggegnern und bezeichnet die Unterzeichner der Einfachheit halber als Wissenschaftler. Ein genauerer Blick auf die beiden Listen zeigt die zum Teil identischen üblichen Verdächtigen aus der Elektrosmogszene, Hausärzte, Naturheiler, Homöopathen und Mitglieder selbsternannter „Kompetenzinitiativen“. Die von der Zeit verlinkte Liste ist neben der Redakteurin des „ElektrosmogReport“ und Harald Walach, dem Erfinder der „schwachen Quantentheorie“ auch vom Quantenesoteriker Ulrich Warnke unterschrieben, zu dem ich einiges in der Neuauflage des Quantenquark-Buchs geschrieben habe. Auf beiden Listen als Wissenschaftler aufgeführt ist Florian M. König, der lustige Elektrosmog-Schutzprodukte zum Einbau in die Stromleitung verhökert und sich dabei auf wissenschaftliche Kapazitäten wie den angeblichen Reichsflugscheibenentwickler Viktor Schauberger und den Orgon-Phantasten Wilhelm Reich beruft.

Der Sender rbb schreibt gleich Forscher fordern Abbruch des 5G-Testlaufs in Berlin.“ Der Link des rbb über die Forderung  der „Forscher“ führt auf das Elektrosmog-Gläubigen-Portal „diagnose:funk“, wo dann die nächste Unterschriftenliste angeblicher Wissenschaftler verlinkt ist. Die hier wenigen deutschen Unterzeichner kennt man überwiegend schon von den beiden anderen Listen – König und Warnke sind auch wieder mit von der Partie. Der wichtigste Experte des rbb-Artikels ist Franz Adlkofer, der mit der Aussage zitiert wird, Mobilfunkstrahlung sei „mit hoher Wahrscheinlichkeit gesundheitsschädlich“. Der frühere Lobbyist für die Tabakindustrie Adlkofer war um 2000 herum Koordinator einer Studie, die Mobilfunk mit Krebs in Verbindung brachte und die nach einer Serie von Datenfälschungsskandalen inzwischen völlig diskreditiert ist. Der rbb erwähnt Adlkofers fragwürdige Vergangenheit nicht, sondern schreibt über ihn nur, er untersuche „seit Jahren, wie sich Mobilfunkstrahlen auf die Gesundheit der Menschen auswirken.“ Außer beim rbb ist Adlkofer gern gesehener Gast beim Verschwörungsmythenkanal KenFM und beim offiziellen Propagandaportal der russischen Regierung RT Deutsch.

Grundlegendes zur Wirkung elektromagnetischer Wellen

Nun kann sich eine mehr oder weniger wissenschaftliche These ihre Anhänger ja nicht aussuchen, und es wäre im Prinzip denkbar, dass die Mobilfunkstrahlung  wenigstens der neuen 5G-Technik doch irgendwie gefährlich ist, trotz der fragwürdigen Vertreter, die diese Gefährlichkeit behaupten. Wie plausibel ist eine solche Schädlichkeit also aus physikalischer Sicht? Werfen wir dazu erst einmal einen Blick darauf, wie elektromagnetische Wellen überhaupt auf biologisches Material wirken können. Dass das je nach der Wellenlänge unterschiedlich ist, hängt tatsächlich mal mit der Quantenphysik zusammen. Wer im Quantenquark-Buch das Kapitel zur Entstehung der Quantenmechanik gelesen hat, hat daher für die folgenden Absätze schon einmal einen kleinen Vorsprung.

Nach dem 1900 entdeckten Planckschen Strahlungsgesetz bestehen Wellen aus winzigen Energiepaketen, die als Quanten oder, im konkreten Fall elektromagnetischer Wellen, als Photonen bezeichnet werden. Je höher die Frequenz, mit der die Welle schwingt, je kürzer also die Wellenlänge, desto größer ist die Energie des einzelnen Photons. Mit Einsteins Berechnung des Photoeffekts aus dem Jahr 1905 ist auch klar, dass ein solchen Photon seine Energie immer auf genau ein geladenes Teilchen (also ein Elektron oder ein Proton) überträgt, mit dem es zusammentrifft. Dasselbe Elektron wird danach in der Regel nicht noch ein zweites Photon derselben Energie absorbieren. Es ist also ein entscheidender Unterschied, ob eine Energiemenge in einem Photon oder auf mehrere Photonen verteilt übertragen wird.

Ionisierende Strahlung

Reicht die Energiemenge eines Photons aus, um ein Elektron vollständig aus seinem Atom, Molekül oder Kristallgitter herauszuschleudern, dann bleibt der Rest des Atoms oder Moleküls als positiv geladenes Ion übrig. Man spricht dann von ionisierender Strahlung. Dabei können auch ansonsten sehr stabile chemische Bindungen zerstört werden. Passiert das im Erbgut einer lebenden Zelle, dann kann das mit sehr geringer Wahrscheinlichkeit (meistens ist die beschädigte Stelle im Erbgut für die Zelle gar nicht relevant, oder sie ist lebenswichtig und die Zelle stirbt einfach) dazu führen, dass die Zelle sich unkontrolliert vermehrt und einen Tumor bildet. Daher kann ionisierende Strahlung Krebs auslösen oder bei der Fortpflanzung zu vermehrten Mutationen in der nächsten Generation führen. Da sich ein Tumor aus einer einzelnen Zelle entwickeln kann, kann wenigstens theoretisch jedes einzelne ionisierende Photon tödlich sein, wenn die körpereigenen Reparaturmechnismen versagen. Ionisierende Strahlung kann also tödlich sein, ohne dass man sie überhaupt bemerkt. Elektromagnetische Wellen sind ionisierend, wenn ihre Wellenlänge kürzer ist als die von sichtbarem Licht. Ionisierend und damit potentiell krebsauslösend sind also ultraviolettes Licht, Röntgenstrahlung und Gammastrahlung.

Das sichtbare Licht zusammen mit dem nahen Infrarot bildet eine Art Übergangsbereich: Es kann Elektronen nicht mehr aus einem Atom herauslösen, sie aber in angeregte Zustände versetzen und somit auch gewisse chemische Reaktionen auslösen – dadurch kann auch unser Auge das Licht wahrnehmen. Die Energie der Photonen des sichtbaren Lichts reicht aber schon nicht mehr aus, um stabile chemische Bindungen wie in der DNA unseres Erbguts zu verändern. Daher ist es auch nicht krebserregend.

Mikro- und Radiowellen

Bei noch größeren Wellenlängen, wie dem fernen Infrarot, den Mikrowellen und den Radiowellen, wird die Energie der einzelnen Photonen so klein, dass diese Quanten vollkommen bedeutungslos werden und die Welle nur noch als Ganzes messbare Energien übertragen kann. Die Energie kann daher nicht mehr auf einzelne Atome übertragen werden, so dass auch keine einzelnen chemischen Bindungen zerstört werden und die Wellen somit keinen Krebs auslösen können.

Schaden anrichten können solche Wellen dennoch, allerdings auf ganz andere Art: Nicht einzelne Photonen, sondern die Welle als ganzes kann elektrische Ladungen, auch innerhalb von großen Molekülen, in Schwingung versetzen. Die Schwingungen äußern sich dann im betreffenden Material als Wärme. In biologischem Material funktioniert das am stärksten in dem Frequenzbereich, in dem Wassermoleküle besonders gut schwingen, und genau dieser Effekt wird im Mikrowellenherd ausgenutzt. Im Prinzip passiert aber genau das gleiche (bei jeweils unterschiedlichen Eindringtiefen ins Material) über den gesamten Frequenzbereich vom Infrarot bis zu den Radiowellen. Werden Körperteile eines lebenden Organismus in dieser Form schneller erhitzt, als die Wärme zum Beispiel über den Blutkreislauf verteilt und aus dem Körper abgegeben werden kann, kann das zu Schäden bis hin zu Verbrennungen oder dem Tod führen. Das kann aber logischerweise kaum unbemerkt passieren, weil wir Temperaturveränderungen spüren. Ebenso kann eine geringfügige Erwärmung auch bei regelmäßiger Wiederholung nicht zu Schäden führen, weil der Körper seine Temperatur ohnehin ständig regeln muss, ob Wärme nun durch elektromagnetische Wellen, durch Wärmeleitung oder durch Verdunstung und Kondensation zugeführt oder abgegeben wird. Die Grenzwerte für Strahlungsintensitäten in diesem Frequenzbereich richten sich daher danach, dass eine eventuell ausgelöste Erwärmung von Körperteilen oder des ganzen Körpers keinen Schaden anrichten darf.

Niederfrequente Wechselfelder

Bei noch niedrigeren Frequenzen, die sich kaum noch sinnvoll als Wellenlänge ausdrücken lassen, spielt dann auch die Erwärmung keine Rolle mehr. Stattdessen führen solche niederfrequenten Wechselfelder in biologischem Material zu elektrischen Strömen. Bekanntermaßen können elektrische Ströme dem Menschen schaden. Allerdings sind dazu Stromstärken erforderlich, die weit über die Schwelle hinausgehen, bei der man die Ströme schon deutlich spüren kann. Solche Wechselfelder begegnen uns praktisch nur durch die 50-Hertz-Wechselspannung unseres Stromnetzes. Wenn man bei Regen unter einer Hochspannungsleitung läuft, kann es vorkommen, dass man die vom Wechselfeld der Leitung verursachten Ströme als Kribbeln wahrnimmt. Bei solchen Frequenzen richten sich die Grenzwerte für zulässige Feldstärken daher am Auftreten solcher unangenehmer Wahrnehmungen, auch wenn noch weitaus größere Intensitäten auftreten müssten, um echte Gesundheitsschäden auslösen zu können.

Nobelpreise, die offenbar niemand abholen will

Die genannten Effekte, Schwingung/Erwärmung und induzierte Ströme, sind die einzigen, die sich auf Basis der bekannten Physik und Chemie für nicht ionisierende elektromagnetische Wellen in biologischem Material ableiten lassen. Die unter anderem von Warnke verbreitete Vorstellung, die DNA des Erbguts könnte von Mikrowellen so stark zum Schwingen gebracht werden, dass sie durchreißt, ergibt physikalisch auch keinen Sinn. Eine solche Schwingung wäre wieder nichts weiter als eine Erwärmung, und DNA ist weitaus hitzebeständiger als die meisten Eiweiße, die sie umgeben. Bevor eine Zelle durch ein von Mikrowellen verursachtes Zerreißen der DNA zur Tumorzelle werden könnte, wäre sie gargekocht und damit tot. Wer behauptet, durch Mikrowellen oder andere nicht ionisierende elektromagnetische Wellen könnten gesundheitliche Schäden anders als durch Überhitzung entstehen, müsste also zunächst einmal einen Wirkmechanismus erklären. Da dieser im Rahmen der Physik nicht existiert, wäre dafür bei entsprechendem Nachweis nicht nur der ohnehin fällige Nobelpreis für Medizin zu bekommen, sondern gleich auch noch einer für Physik. Bislang gibt es dafür keine Kandidaten, zumal die Vertreter der Elektrosmogszene in der Regel lieber panische Schlagzeilen verbreiten, als sich Gedanken darüber zu machen, wie die von ihnen behaupteten Gefahren eigentlich zustande kommen sollen.

Was genau ist eigentlich 5G

„5G“ bezeichnet zunächst einmal einfach die fünfte Generation mobiler Internetverbindungen. Die erste Generation wäre dabei die Datenübertragung über eine analoge mobile Sprechverbindung. Zur zweiten Generation gehören GPRS und EDGE, auf die Nutzer bei schlechter Verbindung heute noch öfters zurückgeworfen sind. Die dritte Generation mit UMTS, löste bei seiner Einführung den ersten großen mobile-Datenverbindungs-Hype aus und spülte in Deutschland im Jahr 2000 über die Versteigerung der Lizenzen zig Milliarden in die Kassen des Bundes. Die vierte Generation entspricht in Deutschland weitgehend dem seit 2010 eingesetzen LTE. Verändert haben sich zwischen den Generationen vor allem die Übertragungsprotokolle und die Art, wie Verbindungen auf nahe beieinanderliegende Frequenzen verteilt werden. Entsprechend haben sich auch die Antennen geringfügig verändert. An der grundlegenden Struktur der Netze hat sich vor allem beim letzten Schritt von UMTS zu LTE wenig verändert.  Mit jeder neuen Generation haben sich aber die erreichbaren Datenraten vervielfacht, und das soll auch in der fünften Generation passieren.

Nun würde eine neue Generation von Übertragungsprotokollen auf ähnlichen Frequenzen wie bisher in einem weitgehend bestehenden Netz wahrscheinlich selbst hartgesottene Elektrosmog-Geschäftemacher kaum noch in Wallung bringen. Durch die Hintertür bringt 5G allerdings einige interessante technische Veränderungen mit sich, denn wenn der neue Standard überhaupt spürbare Vorteile bringen soll, muss eine ganz neue Nachfrage nach Datenübertragung entstehen.

Für heutige Smartphones ist die Datenübertragungsrate von LTE nämlich für alle praktischen Zwecke ziemlich ausreichend. Die höchsten Übertragungsraten, die die meisten User mit ihren Smartphones tatsächlich brauchen, fallen für das Streaming von hochauflösenden Videos an. Dafür braucht man 5G nicht, so dass Nutzer kaum bereit sind, für noch höhere Datenraten auch mehr zu bezahlen. Viele private Nutzer haben ohnehin Tarife, bei denen das monatliche Gesamtvolumen so begrenzt ist, dass Streaming für sie bestenfalls kurzzeitig in Frage kommt. Sie bezahlen also nicht einmal für die vollen Möglichkeiten der heutigen Technik.

Wollen die Anbieter mit ihrem neuen Standard also tatsächlich zusätzliche Einnahmen generieren – und das müssen sie, um dessen Einführung finanzieren zu können – dann muss durch neue Anwendungen ein neuer Bedarf entstehen. Erwartet wird dieser Bedarf vor allem durch das „Internet der Dinge“, also dadurch, dass immer mehr technische Geräte, die nicht primär der Kommunikation dienen, Daten versenden. Das Vorzeigebeispiel ist meist der Kühlschrank, der selbstständig die zur Neige gehenden Vorräte nachbestellt. Tatsächlich sind, wenn man die Kosten in den Griff bekommt, eine Unzahl von Anwendungen denkbar: Maschinen in Fabriken, die ihre Funktion an die Konzernzentrale melden, landwirtschaftliche Geräte, die beim Ernten schon die Mengen in der Mühle anmelden, Frachtstücke und Kühlbehälter, die ihren eigenen Transport überwachen, das Smart Home, das automatisch lüftet und heizt, wenn sich die Bewohner aus dem Urlaub nähern, Arzneimittel, die sich aus dem Arzneischrank melden, wenn ihr Verfallsdatum naht… Gerade die vielen Effizienzgewinne, die sich hier abzeichnen, lassen erwarten, dass private und geschäftliche Kunden bereit sein werden, dafür angemessen zu bezahlen. Die meisten dieser Geräte brauchen für sich genommen keine riesigen Datenraten, aber in der Summe sollte die übertragene Datenmenge dramatisch ansteigen.

Was aber vor allem ansteigt, ist die Anzahl der Endgeräte und damit der Verbindungen, und jede dieser Verbindungen braucht vereinfacht gesagt im Moment der Datenübertragung eine eigene Frequenz, auf der ein Gerät mit einer Basisstation kommunizieren kann, ohne dass ein anderes Gerät innerhalb der Reichweite auf derselben Frequenz dazwischenquakt. Das ist nur durch neue Übertragungsprotokolle nicht zu erreichen. Wenn 5G und das Internet der Dinge den Nutzen bringen sollen, den man sich von ihnen erwartet, brauchen sie deutlich mehr Frequenzen und deutlich mehr Basisstationen.

Arbeitet 5G auf ganz neuen Frequenzen?

Im Bereich der aktuell für den Mobilfunk genutzten Frequenzen zwischen 700 und 2600 MHz wird es allerdings langsam eng. Schon für UMTS und LTE hatte die Bundesnetzagentur zusätzliche Frequenzen freischaufeln müssen, die vorher teils dem Militär, teils dem DVB-T-Fernsehen vorbehalten waren. Im Frequenzplan sieht man, viel dürfte in diesem Bereich nicht mehr zu holen sein. Ein paar kleine Fenster könnte die Bundeswehr vielleicht noch abgeben, und ein paar könnte man effizienter nutzen, indem man die alten Mobilfunknetze abschaltet und die Frequenzen für 5G recyclet – aber dann würden natürlich auch die letzten noch verwendeten Nokia-Knochen nicht mehr funktionieren.

Für die ganz hohen Datenraten kann man physikalisch mit der Frequenz auch nicht sehr weit nach unten gehen: Übertragen werden die Daten ja über Veränderungen eines Funksignals. Damit die Frequenz dieses Signals überhaupt noch erkannt werden kann, muss die Frequenz, mit der es sich ändert (und damit die Bitrate der Datenübertragung), logischerweise deutlich kleiner sein. Daher lassen sich über höhere Sendefrequenzen mehr Daten übertragen. Gleichzeitig werden die Reichweite in unserer realen Umwelt, die Fähigkeit, Wände zu durchdringen oder sich um Hindernisse herumzukrümmen, mit höherer Frequenz immer schlechter. Auch die heutige Sende- und Empfangstechnik hat zu sehr hohen Frequenzen hin ihre Grenzen. Für die nächsten Jahre sind für 5G also neben Lücken bei 2000 MHz zunächst einmal Frequenzen zwischen 3400 und 3700 MHz vorgesehen.

Ist das die gefürchtete Mikrowellenstrahlung und die Nutzung dieser Frequenzen das „strahlende Experiment“, von dem die Zeit schreibt? Wohl kaum. Der angesprochene Bereich liegt genau zwischen den Frequenzen, die wir wir von heutigem Mobilfunk, von DECT, Bluetooth und dem unteren WLAN-Frequenzband kennen und dem oberen WLAN-Frequenzband bei 5000 MHz, von dem Sie mit hoher Wahrscheinlichkeit in ihrer Wohnung und an vielen Arbeitsplätzen umgeben sind. Neu und unbekannt ist diese Art von Strahlung also keineswegs. Natürlich handelt es sich um Mikrowellen – genau wie bei praktisch allen schnellen, drahtlosen Datenverbindungen, mit denen wir täglich zu tun haben.

Längerfristig ist aber auch absehbar, dass bei sehr vielen neuen Geräten mit Internetanbindung in einem kleinen Gebiet auch diese Frequenzen irgendwann nicht mehr ausreichen dürften. Höhere Frequenzen sind zunächst einmal durch Satellitenkommunikation, auch Satellitenfernsehen, sowie Radargeräte belegt, gefolgt von einem Bereich, in dem die Wellen vom Wasserdampf in der Atmosphäre stark absorbiert werden, so dass die Reichweiten extrem kurz und wetterabhängig würden. Wahrscheinlich geeignetere und noch wenig genutzte Frequenzen fände man wieder zwischen 25.000 und 35.000 MHz (25-35 GHz). [Aktualisierung 26.11.19: zwischen 24.000 und 35.000 MHz (24-35 GHz). Gegen die zumindest in internationalen Konferenzen diskutierten Frequenzen bei 24 GHz gibt es jedoch Bedenken, sie könnten Messungen des Wasserdampfgehalts in der Atmosphäre durch Wettersatelliten stören, die einen Frequenzbereich knapp unter 24 GHz nutzen.] Genaue Frequenzen sind dort noch nicht festgelegt, und die technische Machbarkeit wird noch erprobt. Das ist also so oder so Zukunftsmusik und hat mit dem 5G, das ab 2020 allmählich in Betrieb gehen soll, wenig zu tun. Klar ist nur, wenn sehr viele neue Geräte kommen, wird man irgendwann Frequenzen in diesem Bereich nutzen müssen. Aktuell arbeiten dort zum Beispiel Satellitenfunk und spezielle Radargeräte wie Abstandsmesser für autonomes Fahren oder manche Radarfallen. Da wir im Alltag bislang noch eher wenigen Sendern in diesem Bereich begegnen, kann man sich theoretisch schädigende Wirkungen zusammenphantasieren, die noch nicht aufgefallen sein könnten, falls sie selten genug aufträten.  Auch hier wäre aber ein Nobelpreis für Physik fällig, denn nach den Gesetzen der Physik ist auch in diesem Bereich, immer noch weit unter dem Infrarot und noch weiter unterhalb des sichtbaren Lichts und der ionisierenden Strahlung, die einzige Wirkung auf biologisches Material eine Erwärmung.

Einen biologischen Unterschied gibt es allerdings tatsächlich: Die kürzeren Wellen bei diesen Frequenzen geben beim Auftreffen auf den Körper ihre Energie nicht über mehrere Zentimeter Weglänge im Gewebe ab, sondern direkt in der obersten Hautschicht. Der Körper würde also nicht wie durch heutigen Mobilfunk im Gewebe erwärmt, sondern direkt auf der Haut. Die würde sich vor allem bei schlechter Durchblutung möglicherweise schneller aufheizen. Das klingt beunruhigend, aber tatsächlich hätte es einen entscheidenden Vorteil: Auf der Haut haben wir anders als tief im Gewebe Nervenenden, die Wärme wahrnehmen. Eine Annäherung an einen zu starken Sender würde man also viel schneller als heiß empfinden und könnte sich in Sicherheit bringen. Der Effekt würde einem Infrarot-Heizstrahler ähneln, der allerdings bei noch viel höheren Frequenzen strahlt.

Alle 200 Meter ein Sendemast?

Bei den für einen späteren Ausbau vorgesehenen Frequenzen ab 25 GHz ist die Reichweite durch Hindernisse und Absorption in der Luft erheblich geringer als bei heutigem Mobilfunk. Für die Flächenabdeckung ist das natürlich ein Nachteil, aber in Gebieten mit hoher Nutzerdichte eher vorteilhaft, weil man dieselbe Frequenz an einem anderen Sendemast schon in überschaubarem Abstand wieder verwenden kann. Die kurze Reichweite führt also dazu, dass man nicht absurd viele zusätzliche Frequenzen braucht. Sie erfordert aber natürlich tatsächlich deutlich mehr Sendestationen. In gewisser Weise verschwimmt damit in Innenstädten durch 5G der Unterschied zwischen Mobilfunk und öffentlichem WLAN. Die kürzere Reichweite bedeutet natürlich auch, dass die Strahlen-„Belastung“ auf der einzelnen Frequenz trotz mehr Sendestationen im Durchschnitt nicht ansteigt. Man braucht ja einfach nur genug Leistung, dass das Gerät kommunizieren kann. Die insgesamt eingestrahlte Leistung über alle Frequenzen steigt also nur in dem Umfang, wie mehr Geräte eben mehr Frequenzen brauchen.

Die kürzere Reichweite bei den sehr hohen Frequenzen, in Verbindung mit der populistischen Forderung mancher Politiker nach „5G an jeder Milchkanne“ dürfte zu der irrsinnigen Vorstellung geführt haben, ganz Deutschland würde mit Sendemasten im Abstand von 200 Metern zugepflastert. Hohe Dichten an Sendern wird es da geben, so sich viele Menschen aufhalten und sich damit auch viele Geräte ins Netz einwählen werden, also zum Beispiel in Frankfurt auf der Zeil oder in München rund um den Marienplatz. Auch Industriegebiete könnten eine hohe Senderdichte brauchen, wenn dort viele technische Geräte einen Internetzugang bekommen.

Auf dem Land sind die Kapazitäten der heutigen Mobilfunknetze hingegen nicht annähernd ausgelastet, und daran wird sich bei 5G auch dann nichts ändern, wenn alle Traktoren eine Internetanbindung haben und Forsthäuser zu Smart Homes werden. Wollte man die Flächenabdeckung des heutigen Mobilfunks erreichen, dann bräuchte man wegen der dort schon geringeren Reichweite allerdings schon bei den aktuell vorgesehenen Frequenzen von 3400 MHz in gewissem Umfang mehr Sendemasten als heute, die dann zum größten Teil nur zu winzigen Bruchteilen ausgelastet wären. Dass das nicht zu bezahlen wäre, ist offensichtlich auch den Fachleuten in den Ministerien klar, denn die Forderung nach hoher Flächenabdeckung, die es noch in den ersten LTE-Lizenzvergaben gab, kommt in den aktuellen 5G-Lizenzen nicht mehr vor. Will man die heutige Flächenabdeckung mit 5G erreichen, wird es sich kaum vermeiden lassen, heutige 2G- und UMTS-Frequenzen abzuschalten und auf den 5G-Standard zu übertragen – außer, man könnte doch noch niedrigere Frequenzen um 700 MHz freimachen. In diesen Fällen hätte man aber weder mehr Sendemasten noch eine „Belastung“ durch ungewohnte Frequenzen.

Was ändert sich also durch 5G?

Gesundheitlich ändert sich in der Summe nicht viel – in ländlichen Regionen eigentlich gar nichts. In den Innenstädten wird durch die potentiell große Dichte internetfähiger Geräte die Zahl jeweils aktiver Verbindungen und damit die insgesamt gesendete Leistung in gewissem Umfang ansteigen. Dort werden vermutlich auch neue Frequenzen auftauchen, bei denen die Wirkung auf den Körper tatsächlich anders ist, aber nur insofern, als der Körper dann auf der Haut erwärmt wird und nicht mehr unter der Haut.

Was bleibt, sind diffuse Ängste vor einer (einigermaßen) neuen Technologie, geschürt vom Sensationsjournalismus der selbsternannten Qualitätsmedien, die sich zum Steigbügelhalter von Verschwörungsmythen und antisemitischer Hetze machen.