Sucharit Bhakdi ist für Covid-19 nicht bloß kein Experte – es ist viel schlimmer

Eigentlich wollte ich zu Sucharit Bhakdi hier nichts schreiben. Anders als der kleinere Pseudoexperte der Schwurbelszene, Clemens Arvay, zu dem sich bis zu meinem Artikel hier so gut wie niemand von wissenschaftlich-kritischer Seite geäußert hatte (was sich inzwischen zum Glück ändert und sogar ein Stück weit auf Wikipedia niedergeschlagen hat), hat Bhakdi ja durchaus kritische Aufmerksamkeit bekommen. Anders gesagt, seine wirren Thesen zu Covid-19 sind schon seit März wieder und wieder und wieder und wieder auseinandergenommen worden. Eigentlich muss jetzt nicht noch ein unbedeutender Physikblogger über Bhakdi schreiben.

Dass ich es jetzt doch tue, hat zwei Gründe: Erstens geht es mir mal ganz grundsätzlich um die Frage, was jemanden eigentlich zum Experten macht, und zweitens bin ich einfach wütend. Ich bin wütend, weil Sucharit Bhakdi jetzt schon seit sechs Monaten wieder und wieder und wieder nachgewiesen wurde, dass er über Covid-19 einfach Blödsinn erzählt, aber etablierte Medien ihm wieder und wieder und wieder Sendezeit und Druckspalten einräumen und so den Eindruck erwecken, er sei für dieses Thema ein Experte mit einer abweichenden Meinung. Ganz aktuell tut das, leider nicht zum ersten Mal, die Fuldaer Zeitung – aber sie verweist dabei selbst auch auf ein aktuelles Interview bei der Deutschen Welle.

Die Deutsche Welle, immerhin DER internationale Informationskanal für die (und im Eigentum der) Bundesrepublik Deutschland, präsentiert Bhakdi in einem Musterbeispiel grotesker False Balance im Dialog mit dem Münchener Biometrieprofessor Ulrich Mansmann und bemerkt dazu, in Sachen Coronavirus seien die beiden „nicht immer einer Meinung“. Mansmann hat sich aus mir nicht erfindlichen Gründen schon mehrfach für ein solches „wissenschaftliches Streitgespräch“ mit Bhakdi hergegeben.

Was ist also nun von diesen Experten zu halten?  Auf den ersten Blick tragen beide Professorentitel (auch wenn Bhakdis Zeit als aktiver Professor schon lange zurück liegt), und beide sind oder waren an Universitätskliniken tätig. Mansmann wird gerne als Epidemiologe vorgestellt, Bhakdi als Virologe und Epidemiologe, weil er mal Direktor des Mainzer Instituts für medizinische Mikrobiologie und Hygiene war. Für Tageszeitungsniveau scheint das auszureichen, um einen Experten auszuweisen, aber in der Praxis ist es leider nicht so einfach. Sehen wir uns die beiden Kontrahenten also näher an und vergleichen sie mal mit zwei anderen Professoren, die aktuell als Experten für Covid-19 durch die Medien geistern, nämlich den Virologen Christian Drosten und Hendrik Streeck.

Bei der Frage, was eigentlich ganz grundsätzlich ein Experte ist, nehme ich einfach mal mein eigenes früheres Arbeitsgebiet als Beispiel. In der heutigen Wissenschaft ist die Zeit von Universalgelehrten wie Goethe, Galilei oder Ibn Sina lange vorbei. Genau genommen war sie das schon zu Goethes Zeiten, was für diesen eine gewisse Tragik ausmacht, aber das ist eine andere Geschichte. Kurz gesagt, wie es Florian Aigner im Ferngespräch-Livestream zur Wissenschaftskommunikation so schön zusammengefasst hat: Fast jeder ist zu fast jedem Thema ein Laie. In meiner Zeit am CERN, dem Max-Planck-Institut für Physik und dem Brookhaven National Laboratory Ende der 1990er Jahre habe ich mich mit der Entwicklung sogenannter Spurendriftkammern und der Analyse von Messfehlern darin beschäftigt. Das ist ein relativ alter Typ von Teilchendetektor, der heute vor allem noch in der Analyse von Kollisionen schwerer Atomkerne verwendet wird. Für die vielleicht zwei oder drei Handvoll Menschen weltweit, die sich damals für diese Messfehler interessiert haben, dürfte ich als einer der Experten gegolten haben. Jedenfalls haben Professoren aus dem Ausland mich nach meinen Ergebnissen und Einschätzungen gefragt.  Mit den Leuten, die das 20 Jahre später, zum Beispiel am ALICE-Experiment am CERN tun, könnte ich vermutlich immer noch ein halbwegs kompetentes Gespräch führen, und vielleicht würde mir sogar noch der eine oder andere nützliche Tip einfallen, der irgendwie nie aufgeschrieben wurde und in Vergessenheit geraten ist. Die Experten dafür sind aber die Leute, die das jetzt tun, nicht mehr ich. In der sonstigen Erforschung von Kollisionen schwerer Atomkerne verstehe ich noch ganz gut, was die Forscher tun. Früher war ich da noch deutlich näher dran, aber selbst damals hätte ich jemandem, der dazu einen anderen Detektortyp verwendet oder gar die theoretischen Modelle entwickelt, nicht sagen können, ob seine Arbeit gut oder schlecht und seine Ergebnisse richtig oder falsch sind. Das war noch in meinem engeren Fachgebiet, aber schon so weit weg, dass ich deren Ergebnisse einfach akzeptieren musste. Ich konnte sie aber verstehen, wiedergeben und auch Dritten erklären. Wenn ich heute zum Beispiel im Quantenquark-Buch andere Themen aus der Physik, etwa zum Higgs-Boson oder zur extrem ungeschickt so bezeichneten „Quantenteleportation“ erkläre, dann muss ich mich dazu vorher in das Thema einlesen. Ich kann mich dazu aber schneller und in der Regel besser einlesen, als jemand, der nicht Physik studiert hat. Würde ich mich jedoch hinstellen und erklären, das am CERN nachgewiesene Higgs-Boson sei gar kein Higgs-Boson, dann würde es in Genf – völlig zu Recht – nicht mal jemand für nötig halten, mir zu widersprechen. Ich kann den wissenschaftlichen Konsens in anderen Bereichen meines Fachs zwar erklären, aber mir fehlt jede Grundlage, um ihn kompetent in Frage zu stellen. Wenn ich die Physik verlasse und mir die Medizin ansehe, was ich in letzter Zeit pandemiebedingt ja öfter mal tue, dann bin ich noch ein Stück weiter weg und kann mich in der Regel noch ein wenig langsamer und schlechter einlesen, als das jemand könnte, der in der Medizin, dort aber in einem anderen Bereich tätig ist. Ich kann es aber immer noch besser als jemand, der nie wissenschaftlich gearbeitet hat oder aus einem Feld kommt, das ganz andere Methoden verwendet als die in der Hinsicht recht ähnlichen Felder Medizin und Naturwissenschaften, also zum Beispiel ein Philosoph, ein Historiker oder ein Jurist.

Was aber jeder können sollte, der wissenschaftliches Arbeiten gelernt hat, ist, mit überschaubarem Aufwand festzustellen, ob jemand für ein Thema Experte ist oder nicht. Dafür gibt es nämlich sehr einfache Methoden. Wer in einem Feld forscht, veröffentlicht seine Ergebnisse in wissenschaftlichen Fachzeitschriften. Ohne das geht es nicht, denn ohne Veröffentlichung gibt es keine gegenseitige Überprüfung. Also: Keine Veröffentlichung – keine Wissenschaft. Alle Veröffentlichungen in den seriösen Fachzeitschriften eines Gebiets lassen sich in entsprechenden Datenbanken recherchieren. Die wichtigste derartige Datenbank für die Medizin ist Pubmed, betrieben von der National Library of Medicine. Wenn jemand in der Medizin zu einem Thema wissenschaftliche Leistungen vollbracht hat, dann findet man das in Pubmed. Dort kann jeder recherchieren. Man hat nicht unbedingt kostenlosen oder auch nur erschwinglichen Zugang zu den Artikeln, aber man findet, wo die Artikel stehen, und dabei steht eine Zusammenfassung.

Was erwarten wir nun also von einem Experten für Covid-19? So eine Krankheit ist selbst wieder extrem komplex, und es arbeiten Spezialisten aus unterschiedlichen Teilbereichen der Medizin, Pharmazie und Mikrobiologie daran. Wenn es um Ansteckung, Ausbreitung und Gefährlichkeit geht, können einem aber am ehesten Experten aus zwei Themenbereichen weiterhelfen: Entweder sie forschen am Virus selbst (das tun überwiegend Virologen) oder an seiner Ausbreitung (das tun eher Epidemiologen). Einen Experten für das SARS-CoV-2-Virus würde man daran erkennen, dass er genau dazu wissenschaftliche Artikel veröffentlicht hat, idealerweise auch schon vorher zu anderen Coronaviren wie SARS, MERS, den Erkältungsviren oder tierischen Coronaviren. Ein Experte für die Epidemiologie von Covid-19 sollte eben darüber veröffentlicht haben, und vielleicht schon vorher zur Ausbreitung anderer Atemwegsinfekte wie Grippe oder grippalen Infekten.

Wenn Sucharit Bhakdi jemals zu irgendwelchen Coronaviren geforscht hat, dann sollte sich das in Pubmed sehr leicht finden lassen, schon über die sehr einfache Suchabfrage „Sucharit Bhakdi Coronavirus“. Sie liefert 0 Treffer. „Ulrich Mansmann Coronavirus“ liefert ebenfalls 0 Treffer – das ist aber nicht sonderlich überraschend. Ulrich Mansmann ist kein Virologe, sondern Mathematiker und in der Medizin ein absoluter Methodenspezialist für komplexe mathematische Modelle. Dementsprechend ziehen sich seine Publikationen durch alle möglichen Teilbereiche der Medizin, mit Schwerpunkten bei Krebs und Malaria. Wenn man die schwierig zu erfassende epidemiologische Situation rund um Covid im und nach dem Lockdown im Frühjahr mathematisch modellieren will, wäre Mansmann sicherlich jemand, der zumindest beratend hilfreich dabei sein könnte. Vielleicht tut er das auch gerade, vielleicht hat er es getan, aber nicht in hinreichend zentraler Rolle, um als einer der Autoren aufzutauchen. Wieviel Mansmann selbst zu SARS-CoV-2 oder Covid-19 geforscht hat, ist aber auch gar nicht wichtig, denn was er in den Streitgesprächen tut, ist, er erklärt den wissenschaftlichen Konsens. Man muss selbst kein Experte zu einem Thema sein, wenn man einfach nur das erklärt, was die Experten sagen. Wenn man hingegen die Experten alle für dumm oder korrupt ausgibt, sollte man schon belegen können, dass man selbst entsprechend Ahnung hat.

Machen wir den gleichen Test mal mit unseren Vergleichs-Virologen. Die Suchanfrage „Hendrik Streeck Coronavirus“ ergibt fünf Treffer, alle aus dem Jahr 2020. Das ist kein Wunder, denn Streeck gilt als Experte für HIV und hat bekanntermaßen erst im Zuge des Ausbruchs von Covid-19 angefangen, zu SARS-CoV-2 zu forschen. Die Suchanfrage „Christian Drosten Coronavirus“ ergibt 149 Treffer von 2020 bis zurück ins Jahr 2003. Das ist (neben seiner hervorragenden Wissenschaftskommunikation und seiner angenehmen Eigenheit, dabei sich selbst gegenüber der Sache zurückzunehmen) genau der Grund, weshalb so viele Leute Wert auf Drostens Einschätzungen zu Covid-19 legen: Es gibt wahrscheinlich niemanden in Deutschland, vielleicht niemanden in Europa, der mehr zu menschlichen Coronaviren geforscht hat als Christian Drosten.

Wenn Sucharit Bhakdi also nicht zu Coronaviren geforscht hat, dann vielleicht zur Epidemiologie von viralen Atemwegserkrankungen? Er wird ja gerne auch als Epidemiologe verkauft. Die Suchanfrage „Sucharit Bhakdi respiratory“ ergibt vier Treffer – keiner davon hat irgendetwas mit Viruserkrankungen zu tun, schon gar nicht mit Grippe oder Ähnlichem. Was ist denn aber dann mit dem angeblichen Virologen Sucharit Bhakdi? Zu irgendwelchen Viren wird er ja wohl geforscht haben? Die Suchanfrage „Sucharit Bhakdi virus“ ist einigermaßen ernüchternd: Sie liefert genau drei Treffer. Einer der Artikel beschreibt eine tatsächliche eigene Studie, in der es um den Schaden geht, den Dengueviren (die mit Coronaviren nichts zu tun haben) an Blutgefäßwänden anrichten können. Bhakdi ist einer von 20 Autoren und war vermutlich an der Studie beteiligt, weil er lange zu Blutgefäßwänden geforscht hat. Der zweite Treffer ist ein Konferenzvortrag, in dem Bhakdi über einen Sonderforschungsbereich berichtet hat, dessen Sprecher er war und in dem er selbst über (Überraschung!) Blutgefäßwände geforscht hat, während andere Forscher darin auch an Viren, vor allem Hepatitisviren geforscht haben. Der dritte Treffer ist aus dem Jahr 2009, eine Spekulation über mögliche Risiken für (eben!) Blutgefäßwände durch Grippeimpfstoffe mit Wirkverstärkern. Hier werden also tatsächlich Grippeviren erwähnt, es geht aber inhaltlich nicht um die Grippe, schon gar nicht um das Virus, sondern nur um die Impfverstärker. Nachdem solche Wirkverstärker seit Jahren bei einer Vielzahl von Impfstoffen eingesetzt und die Effekte in großen Studien überwacht werden, kann man mit Sicherheit sagen, dass die von Bhakdi damals herbeispekulierten Nebenwirkungen nicht eingetreten sind. Solche Spekulationen sind ein normaler Teil eines wissenschaftlichen Prozesses. Dass Bhakdi Spekulationen über Schäden durch Grippeimpfungen damals gerade während der (unvorhersehbar zum Glück relativ harmlos verlaufenen) Schweinegrippepandemie veröffentlicht hat, lässt aber bei ihm ein Muster erahnen, das sich möglicherweise heute wieder zeigt.

Das war es mit Sucharit Bhakdis Arbeiten, die mit Viren zu tun haben. Tatsächlich geforscht hat er zunächst vor allem zu Bakterien, später hat er eine Außenseitermeinung zur  Entstehung von Atherosklerose (also der Verhärtung von Blutgefäßwänden) vertreten. Darauf, beziehungsweise auf einen Teilaspekt davon, sogenannte ADAM-Proteasen, beziehen sich auch alle Artikel, die in Pubmed noch mit seinem Namen auftauchten, nachdem er  vor knapp 10 Jahren das Rentenalter erreicht hat. Auch Außenseitermeinungen sind als Beiträge zur Wissenschaft wertvoll – wenngleich in der großen Mehrzahl der Fälle falsch.

Auch darauf kommt es aber nicht an. Entscheidend ist, Bhakdi widerspricht zu Covid-19 dem wissenschaftlichen Konsens der Experten, und das ist in diesem Fall eben keine wissenschaftliche Außenseitermeinung, denn dazu müsste Bhakdi selbst Experte in diesem Feld sein. Es gibt aber in Bhakdis kompletter Publikationsliste nicht den geringsten Hinweis darauf, dass er von Coronaviren oder auch nur von irgendwelchen anderen Atemwegsviren oder von Viren überhaupt (abgesehen vielleicht von der Wirkung von Dengueviren auf die Gefäßwände) irgendeine fachliche Ahnung hat. Er äußert sich schlicht zu Dingen, von denen er selbst nichts versteht, versteigt sich aber dazu, den Fachleuten zu widersprechen, wo er bestenfalls ihre Ergebnisse erklären sollte.

Und dennoch wird er von der Deutschen Welle und vielen anderen Medien als Experte (mit einer ach so interessanten Außenseitermeinung) ausgegeben.

Sucharit Bhakdi ist aber nicht bloß kein Experte – es ist viel schlimmer. Was mich wirklich wütend macht, sind die Aussagen von Bhakdi in seinem Interview mit der Deutschen Welle, das am 3.10. veröffentlicht wurde. Es kann sich auch nicht um eine zu diesem Zeitpunkt schon lange zurückliegende Aufzeichnung handeln, denn Bhakdi spricht darin von März und April als „vor sechs Monaten“. Im nächsten Satz kommt aber die entscheidende Aussage von Bhakdis Behauptungen: „Jetzt aber, nachdem die Epidemie definitiv vorbei ist…“ Am 3. Oktober 2020 erklärte Sucharit Bahkdi, die Covid-19-Epidemie sei definitiv vorbei. Das hat nichts mit der Frage zu tun, ob jemand ein Experte für Coronaviren oder für Epidemiologie von Atemwegserkrankungen ist. Es hat schlicht damit zu tun, dass es nichts mit der Realität zu tun hat. Zu diesem Zeitpunkt gab es in Deutschland pro Tag schon wieder über 2000 nachgewiesene Neuinfektionen, mehr als fünfmal so viele wie beim Minimum im Sommer. Weltweit gab es jeden Tag mehr als 300 000 nachgewiesene Neuinfektionen und innerhalb eines Monats 165 000 Tote, bei denen Covid-19 nachgewiesen war. Wieviel höher die Zahl der tatsächlichen Todesopfer in Ländern wie dem Iran, Indien oder Teilen Afrikas gewesen sein muss, kann man nur raten. Selbst in den USA mit ihrem gut ausgebauten Gesundheitssystem lag die Übersterblichkeit während der gesamten Pandemie fast 50% über den gemeldeten Covid-19-Toten. In Italien wurden im März „nur“ 12 000 Covid-19-Tote registriert – es starben aber zwischen 25 000 und 30 000 Menschen mehr als sonst im gleichen Zeitraum. In Deutschland war zum Zeitpunkt von Bhakdis „definitiv vorbei“ auch die Zahl der Covid-19-Patienten in Intensivstationen schon wieder deutlich am Steigen, und in Spanien näherte sich das Gesundheitssystem bereits wieder der Überlastung. Alle diese Informationen waren für jeden verfügbar und problemlos nachzurecherchieren.

Ich weiß nicht, was Sucharit Bhakdi Anfang Oktober zu seiner Aussage bewegt hat, die Epidemie sei „definitiv vorbei“ – ich kann ihm ja nicht in den Kopf sehen. Mir fallen für eine Person, die zu diesem Zeitpunkt öffentlich eine solche Aussage gemacht hat, aber eigentlich nur drei denkbare Erklärungen ein: Pure Dummheit, bewusste Lüge oder ein durch Verschwörungsglauben ausgelöster Realitätsverlust, der eigentlich nur mit dem von Xavier Naidoo oder Attila Hildmann vergleichbar ist.

Bewusstlosensprechstunde

Ich konnte es mir mal wieder nicht verkneifen, meinen Senf zu einem Buch dazuzugeben.

In „Bewusstlosensprechstunde – Wissenswertes über den Weltuntergang“ stöbern Jörg Schneider (Satiriker und unter anderem Autor des von mir auch schon mit verunstalteten „So werde ich Nazi“, aus Mittelhessen) und Dominic Harapat (Landesvorsitzender von Die PARTEI, überraschenderweise auch aus Mittelhessen) eben diesem Weltuntergang hinterher, dessen Ursache sie beim galoppierenden Irrsinn unserer Zeit verorten. Neben ihren eigenen grundsätzlichen Sichtweisen, die mir schon in Lesungen vor dem Erscheinen Appetit auf das Buch gemacht haben und eigenen Antworten auf Fragen, die ihnen zukünftige Leser angeblich oder tatsächlich gestellt haben, umfasst das Buch vor allem 25 Interviews. Darin haben die beiden, ja, genau, 25 Leute befragt, die sie für kompetent halten, etwas über den galoppierenden Irrsinn der Welt zu sagen – und irgendwie bin ich auf diese Liste geraten.

Wer sich das Opus beim örtlichen Buchhändler (oder meinetwegen auch beim großen Onlinehändler) für erschwingliche 16 Euro bestellt, kann dann also unter anderem nachlesen, welche sexuelle Vorliebe ich nicht habe, wann ich beim Mikado verloren habe und wie ich mich lange geweigert habe, das unappetitlich braune Schimmern unter der Oberfläche des Irrsinns wahrzunehmen. Dafür durfte ich dann auch erklären, warum ich den Irrsinn in unserer Zeit nun auch nicht so viel schneller galoppieren sehe, als er das ohnehin getan hat, und dass ich Menschen… also so eigentlich… wenn man ein bisschen ein Auge zudrückt… schon irgendwie… ganz okay finde.

Soviel kann ich schon mal dazu sagen – wenn es mehr werden soll, muss ich irgendwie die Zeit finden, auch noch das zu lesen, was ich nicht sowieso schon kenne, und dazu höre ich jetzt auf zu schreiben und wünsche einfach einen vergnüglichen Weltuntergang.

Mal was Positives: Wissenschaftliches Denken für die Schule

Eigentlich müsste ich heute anlässlich des Physik-Nobelpreises wohl einen Artikel über Roger Penrose und seine wüsten Spekulationen, das Gehirn sei ein Quantencomputer, schreiben. So schnell bin ich aber nicht und beschränke mich zu diesem Thema auf den Hinweis, dass ich Penrose hier schon erwähnt habe und ein paar Zeilen mehr über ihn im Quantenquark-Buch vorkommen. Wo Penrose noch nicht vorkam, ist mein Artikel darüber, dass ein Physikstudium und selbst ein Nobelpreis eben nicht davor schützen, Quantenquark zu verzapfen. An dieser Stelle beschränke ich mich aber auf den Hinweis, dass er für seine bedeutenden Arbeiten zur Relativitätstheorie und dort insbesondere zu schwarzen Löchern ausgezeichnet worden ist – und natürlich nicht für seine quantenphysikalische Schnapsidee, für die allerlei Schwurbler aus Matrix 3000, Tattva Viveka etc. den Preis sicher als Bestätigung ausgeben werden. Erst einmal möchte ich aber auf etwas Erfreulicheres kommen:

Auf Twitter wird momentan eifrig über unseren „Ferngespräch“-Livetalk zum Thema Schule mit Tommy Krappweis diskutiert, weil er jetzt gerade auf Hoaxilla als Podcast verfügbar ist. Bei dem Thema bin ich ja nun alles Andere als ein Experte, auch wenn Schulpolitik mich seit meinen Junge-Union-Zeiten in den 90ern beschäftigt. In der Skeptikerszene kursiert die Klage über mangelhafte Bildung zu den Grundprinzipien der Wissenschaft auch schon seit ich erstmals bei der GWUP aufgetaucht bin und mehrfach versucht habe, Arbeitskreise zu wissenschaftlichem Denken in der Schule zu initiieren oder wenigstens zu unterstützen. Ganz selbstkritisch muss man dazu anmerken, dass da seit den wunderbaren, aber eben der Zeit entsprechend noch aus handgemalten Overhead-Vorlagen bestehenden Materialsammlungen von Wolfgang Hund nicht wirklich viel herausgekommen ist.

Die spannendsten Ergebnisse zur naturwissenschaftlichen Bildung in der Schule, die mir in jüngerer Vergangenheit begegnet sind, stammen aus der Arbeitsgruppe für Biologiedidaktik um Professor Dittmar Graf in Gießen. Mit Anna Beniermann, die sich dort mit Verständnis und Akzeptanz von Evolution beschäftigt und dann viel zum Evokids-Projekt beigetragen hat, durften wir ja erfreulicherweise auch auf Twitch diskutieren.

Nach den erschreckenden Ergebnissen der Analyse von Elvira Schmidt zu Lehrbüchern, wenn es um Medizin und „Alternativmedizin“ geht, kam wieder die Erkenntnis: Man müsste doch mal. Der Unterschied ist diesmal, sie hat es tatsächlich getan, und so freut es mich, das Unterrichtsmaterial „Medizin und Wissenschaft“ von Elvira Schmidt und Dittmar Graf kurz vorzustellen – auch wenn ich eben gerade kein Didaktiker und auch kein Praktiker aus der Schule bin.

Das Spannende ist; das Buch ist weit mehr als das, was der Untertitel verspricht, nämlich „Grundlagen für eine sachgerechte Gesundheitsförderung“. So geht es im zweiten von elf Modulen (für jeweils eine Doppelstunde) ganz grundsätzlich um die Frage, was eigentlich Wissenschaft ist, wie sie zu Erkenntnissen gelangt und man sie von unwissenschaftlichen Vorgehensweisen abgrenzen kann. Eingeleitet von Beispielen werden Kriterien für die Wissenschaftlichkeit von Aussagen wie Prüfbarkeit oder Widerspruchsfreiheit in Gruppen erarbeitet. Indem die Zusammensetzung der Gruppen (jeder bearbeitet ein anderes Thema/alle bearbeiten zusammen dasselbe Thema) zwischendurch gewechselt wird, wird gleichzeitig verdeutlicht, was eine Person zum Experten macht und was man von Experten erwarten kann. Im abschließenden Arbeitsblatt sollen die Schüler unterschiedliche Aussagen als wissenschaftlich oder nicht wissenschaftlich einordnen.

Im folgenden Modul wird das Thema auf Wissenschaftlichkeit in der Medizin zugespitzt und ausführlich auf die Abfolge der Studien bei der Zulassung von Arzneimitteln eingegangen. Hier hätte man meines Erachtens weniger ambitioniert sein können, indem man zunächst auf die grundsätzlichen Herausforderungen der Forschung mit Patienten im Vergleich zu einer Laborwissenschaft mit im Prinzip beliebig oft wiederholbaren Experimenten eingeht. Die Schüler lernen diesen für mich besonders wichtigen Aspekt in den folgenden Modulen mehr oder weniger nebenbei kennen – das setzt aber voraus, dass wirklich alle Module bearbeitet werden.

Anhand von Beispielen rund um Mund und Magen wird in den weiteren Modulen ein Laborversuch mit einem Arzneimittel (gegen Sodbrennen) bearbeitet, ein „Patientenversuch“ (zum Erkennen von Getränken am Geschmack) einfach- und doppelblind durchgeführt und dann über drei Module die Homöopathie als alternativmedizinisches Konzept eingeführt und im Laborversuch mit dem medizinischen Arzneimittel verglichen. Der Unterschied der Homöopathie zur Medizin wird schön verdeutlicht, wobei vermutlich kein Homöopathiegläubiger ernsthaft erwartet, dass Rosskastanien-Globuli tatsächlich eine Säure neutralisieren.

Grundsätzlicher wird es wieder im Modul 9 mit der Frage, was bei der Alternativmedizin tatsächlich wirkt. Da sich das Thema weniger für einen Versuch anbietet, erfolgt dies eher klassisch mit einem Arbeitsblatt in Einzel- oder Gruppenarbeit und einer Diskussion im Plenum.

Sehr schön umgesetzt ist das Modul 10, das mit dem Impfen ein Einzelthema der Gesundheitsförderung heraushebt. Nach der Auseinandersetzung mit den Gründen für Impfungen und den Argumenten von Impfgegnern illustriert ein Simulationsspiel das Prinzip des Herdenschutzes bei unterschiedlichen Impfquoten.

Spannend stelle ich mir die Diskussion mit vorgegebenen Rollen (z.B. Pharmavertreter/in oder Heilpraktiker/in) in Modul 11 vor, vor allem wenn Schüler dabei in Rollen landen, die außerhalb ihrer Komfortzone liegen. Nicht minder spannend dürfte allerdings die Reaktion alternativmedizingläubiger Eltern werden, wenn die Sprößlinge den abschließend zum Photokopieren und Ausschneiden abgedruckten „Universellen Therapiegenerator“ zum Erfinden neuer Therapiebezeichnungen nach Hause bringen…

Und ich muss jetzt nur noch dem Drang widerstehen, sämtliche Lehrer in meinem Bekanntenkreis, ganz unabhängig von ihrer Fachrichtung, mit diesem Buch zwangszubeglücken.

 

Was quakt wie Wissenschaft muss noch lange keine Wissenschaft sein

Nach dem Politfossil mit ferner Vergangenheit im Gesundheitsamt, Wolfgang Wodarg, dem lange in Pension gegangenen Bakterien- und (zu dem Thema schon damals umstrittenen) Atheroskleroseforscher, der jetzt gerne so tut als wäre er Virologe, Sukharit Bhakdi (Update 5.10.20: Ulf J. Froitzheim hat Bhakdi und seinem seltsamen Netzwerk von Verschwörungsgläubigen inzwischen ausführlicher nachrecherchiert, Teil 2, vergisst aber zu erwähnen, dass Bhakdi in seiner lange zurückliegenden Zeit in der Wissenschaft kaum etwas zu Viren und gar nicht zu Corona-, Grippe oder Erkältungsviren, sondern fast nur nur zu Bakterien und Atherosklerose publiziert hat. Interessant ist auch der hier zusammengefasste Faktencheck zu Bhakdis Buch in der Süddeutschen Zeitung.), und dem Schwindeldoktor Bodo Schiffmann rückt in der Szene der Verschwörungsgläubigen gerade ein neuer Pseudoexperte in die erste Reihe: Der österreichische Autor Clemens Arvay. Anhänger des bizarren, antisemitischen QAnon-Verschwörungskults präsentieren Arvay ebenso als Experten für Covid-19 und für Impfstoffe wie der russische Propagandakanal RT Deutsch. Dass in derselben Videoreihe von RT Deutsch wie Arvay inzwischen auch mein alter Bekannter und früherer Skeptikerkollege Mark Benecke aufgetreten ist, finde ich… naja, sagen wir bedauerlich, aber das ist ein anderes Thema.

Damit sind wir dann mal wieder mitten im Covid-19-Thema und weit weg von den Quanten – und irgendwie muss ich sagen, dass ich mich ein bisschen nach der vergleichsweisen Harmlosigkeit der Quantenschwurbler zurücksehne. Aber nachdem ich mir das Impfthema ja jetzt schon mehrfach vorgenommen habe, was soll’s, es ist eben aktuell das Wichtige. Also, in for a penny, in for a pound!

Im Frühjahr hat Arvay noch hauptsächlich gegen den Mund-Nasen-Schutz agitiert; heute spielt er für die Verschwörungsmythenszene vor allem den Kronzeugen gegen RNA-Impfstoffe. Was es mit RNA-Impfstoffen und anderen modernen Impfstoffkonzepten auf sich hat, habe ich Anfang August in einem längeren Artikel erklärt, den ich noch für eine Weile versuchen werde, halbwegs aktuell zu halten. Was ist aber nun von Arvay und seiner Argumentation zu halten?

Update 23.9.2020: Um es gleich mal vorwegzuschicken, Arvay selbst hat in einem ziemlich ausführlichen Video auf diesen Artikel reagiert. Ein paar Punkte darin sind inhaltlich diskussionsfähig, andere sind eher ein Herausreden – kann man sich ansehen, wenn man viel Zeit hat.

Update 27.9.2020: Am 26. hat er noch ein weiteres Video online gestellt, in dem er sich jetzt ganz offen als Verschwörungsgläubiger outet: „Corona ist ein großer Aufzeiger, wie unsere Gesellschaft unterwandert ist.“ Dazu kreiert er eine bizarre Verschwörungsgeschichte um sich selbst, nach der er im Auftrag der Pharmaindustrie von Wikipedia, dem Genetikprofessor im Ruhestand Wolfgang Nellen (der nach seriösen wissenschaftlichen Publikationen von Arvay gesucht und wenig gefunden hat) und natürlich von mir verfolgt wird. Dabei hat er immerhin meine Firmenwebsite gefunden (Kunststück, die ist oben unter „Der Autor“ verlinkt), war aber offensichtlich nicht in der Lage zu erkennen, dass es sich um eine Strategieberatung und nicht, wie er sich einbildet, um eine PR-Agentur handelt. Ich kenne ja einige Pharmaunternehmen ganz gut, und ohne mich jemals mit deren PR-Abteilungen beschäftigt zu haben, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass jemand, der auf Youtube Pseudowissenschaft verbreitet, denen etwas anderes als vollkommen egal ist. Arvays gesellschaftliche Relevanz liegt ausschließlich darin, dass er Stichwortgeber für antidemokratische Gruppierungen ist. Dass es Menschen gibt, die sich einfach so in ihrer Freizeit für Demokratie und Wissenschaft engagieren, ist für Arvay offensichtlich vollkommen unvorstellbar, was vielleicht auch einiges über ihn aussagt. Im Video beruft sich Arvay beim Versuch, sich als seriösen Wissenschaftler auszugeben, mehrfach auf den Psychiater Raphael Bonelli, der mit seinem erzkatholischen RPP-Institut in Österreich als aggressiver Covid-Verharmloser in Erscheinung tritt, früher „Psychiatrie am Telefon“ auf Radio Maria angeboten und auch schon einen „Homo-Heiler“ zu einem seiner Kongresse eingeladen hat. Beim Versuch, sich zu rechtfertigen, demontiert Arvay ganz nebenbei noch seine ohnehin bescheidene eigene wissenschaftliche Reputation – und die seiner früheren Hochschule gleich mit. Das Video ist also echt sehenswert.

Vorgestellt wird er bei seinen Absonderungen zu RNA-Impfstoffen als „Biologe“, was offenbar Sachkompetenz vorspiegeln soll – schließlich könnte ein Human- oder Molekularbiologe tatsächlich zum menschlichen Immunsystem oder zu Impfstoffen geforscht haben. Hat er aber nicht. Arvay ist Diplomingenieur in „Angewandten Pflanzenwissenschaften“ von der Universität für Bodenkultur Wien (Update 23.9.20: Bemerkung über die Universität für Bodenkultur entfernt). Update 27.9.20: Inzwischen hat Arvay in einem Video selbst erklärt, dass er seine offenbar einzige ernstzunehmende Leistung an einer wissenschaftlichen Institution überhaupt, nämlich seine Masterarbeit, am dortigen Institut für Gartenbau abgelegt hat – und zwar über die Soziologie von Selbstversorgern. Über einen Abschluss in Biologie verfügt er nicht. Eine Doktorarbeit, in der er überhaupt in relevantem Umfang geforscht haben könnte, hat er nicht gemacht. Nun gehöre ich ja nicht zu den Leuten, die meinen, dass eine Promotion der erste Schritt zur Menschwerdung sei. Die meisten Menschen, die promoviert haben, einschließlich mir, brauchen das für ihre tägliche Arbeit überhaupt nicht, aber in Arvays Fall ist das tatsächlich relevant: Seinen Versuchen, wissenschaftlich klingende Artikel zu verfassen, ist nämlich deutlich anzumerken, dass er wissenschaftliches Arbeiten schlicht nie gelernt hat.

Arvay ist also nicht vom Fach was Impfungen angeht. Nun habe ich schon bei meinem letzten Artikel zum Thema klargestellt, mein Fachgebiet ist das auch nicht. Ich kann, weil ich eben wissenschaftliches Arbeiten gelernt habe, den wissenschaftlichen Konsens in einem fremden Fachgebiet wiedergeben und erklären – das ist es aber auch. Ich würde mir nicht anmaßen, denen, die in einem Fachgebiet forschen oder denen, die beruflich deren Ergebnisse zusammenfassen (bei Impfstoffen zum Beispiel dem Paul-Ehrlich-Institut) zu erzählen, wie sie ihre Arbeit zu machen haben. Deswegen bemühe ich mich zum Beispiel auch, vorsichtig mit Äußerungen zum „Insektensterben“ zu sein, obwohl mir (mit meinem Hintergrund in einer experimentell arbeitenden Naturwissenschaft) beim Design der Studien, die dieses Sterben belegen sollen, die Haare zu Berge stehen. Das ist etwas vollkommen anderes, wenn ein pseudowissenschaftliches Glaubenssystem wie die Homöopathie „wissenschaftliche“ Studien verbreitet, die nicht den Standards im eigenen Fachgebiet (also der evidenzbasierten Medizin) entsprechen und zur Begründung Behauptungen aufstellt, die fundamentalen Erkenntnissen experimentell wesentlich zuverlässigerer Naturwissenschaften widersprechen.

Arvays Verkaufsargument ist „Ökologie“. Was er darunter versteht ist allerdings eher eine Art mystisch aufgeladene Naturromantik mit steilen Thesen zum Beispiel über gesundheitliche Effekte des Betrachtens von Bäumen, die er um immer dieselben aus dem Zusammenhang gerissenen Aussagen aus immer derselben Handvoll fragwürdiger Studien herum ausschmückt.

Seine vermeintliche Glaubwürdigkeit zu Impfstoffen gründet sich darauf, dass es ihm irgendwie gelungen ist, im Juli einen Artikel über „Genetische Impfstoffe gegen COVID-19“ in der Schweizerischen Ärztezeitung (SÄZ) unterzubringen. Einen ähnlichen Coup mit der Fachzeitschrift eines Berufsverbandes hatte er schon 2018, als er es geschafft hat, einen esoterischen Artikel über die angebliche Heilkraft des Waldes der Deutschen Apothekerzeitung (DAZ) unterzujubeln. Eine wissenschaftliche Begutachtung der Artikel (peer review) gibt es bei beiden Blättern nicht, sondern „Die Redaktion prüft eingereichte Beiträge nach den Kriterien der Qualität, Originalität und Aktualität“, wie es bei der SÄZ heißt.

Aktuell und, äh, ja, irgendwie auch originell ist Arvays SÄZ-Artikel wirklich, nur mit der Qualität ist das so eine Sache. Es handelt sich im Wesentlichen um ein offenbar per Schlagwortsuche zusammengetragenes Sammelsurium von Bedenken zu modernen Impfstofftechniken aus völlig unterschiedlichen Quellen und Motivationen. Verstanden hat Arvay von dem, was er da angesammelt hat, ganz offensichtlich nicht viel. So schreibt er, die Verabreichung von DNA-Impfstoffen erfolge standardmäßig über stark beschleunigte Goldpartikel mit einer sogenannten Genkanone. Alle derzeit an Patienten getesteten DNA-Impfstoffe werden jedoch durch eine ganz normale Injektion verabreicht. Das ist auch kein Wunder, denn um eine gute Impfquote erreichen zu können, muss eine Impfung ja ohne aufwendige technische Geräte in einer Hausarztpraxis zu verabreichen sein. Zu RNA-Impfstoffen zitiert er (auch bei RT Deutsch) Überreaktionen in Tierversuchen zu anderen Coronaviren, hat aber offensichtlich nicht verstanden, dass gerade dieses Risiko bei traditionellen Lebend- und Totimpfungen viel größer wäre. Das geringere Risiko von Überreaktionen ist ja eben der Hauptgrund, warum in westlichen Ländern moderne Impfstoffe (z.B. die auf RNA- und DNA-Basis) favorisiert werden. Noch größer wäre ein solches Risiko von Überreaktionen natürlich, wenn exakt dieselben Antigene wie bei einer Totimpfung durch aktive Viren bei einer normalen Covid-19-Infektion eingebracht würden – und man darf nicht vergessen, dass ohne Impfstoff früher oder später (je nach sonstigen Maßnahmen) rund drei Viertel der Bevölkerung so infiziert würden. Bei Arvays haarsträubender Übertreibung in der SÄZ, eine Phase-III-Studie dauere „typischerweise 4–6 Jahre“ muss man sich die Frage stellen, ob es sich hier ebenfalls um Unkenntnis oder doch eher um bewusste Desinformation handelt. Zudem erweckt er (böswillig oder durch eigene Inkompetenz) den falschen Eindruck, Vektorvirusimpfstoffe wie der von AZ oder der russische von Gamaleya würden DNA oder RNA in Körperzellen einbringen, um dort wie DNA- oder RNA-Impfstoffe eine Produktion des Impfantigens auszulösen. Wie sie tatsächlich funktionieren, habe ich auch schon in meinem letzten Impfstoffartikel erläutert.

Das tatsächliche Problem bei Arvay ist aber nicht das, was er in der SÄZ geschrieben hat, wo allzu offensichtlicher Unsinn der Redaktion dann wohl doch aufgefallen wäre. Auf RT Deutsch erklärt er, bei RNA-Impfstoffen würde „manipulierte genetische Information […] vom Körper inkludiert […] in die eigenen genetischen Abläufe“. In dieser Formulierung ist das keine direkte Lüge, je nachdem, wass man unter genetischen Abläufen verstehen will, aber es erweckt ganz gezielt den falschen Eindruck, als würde damit das menschliche Erbgut verändert. Eine nicht ganz so bizarre These, die sowohl in der SÄZ als auch bei RT Deutsch auftaucht, bezieht sich auf DNA-Impfstoffe (die sich durchweg noch in der Phase-I-Erprobung oder in der vorklinischen Phase befinden). Bei diesen, so Arvay, könnte DNA aus dem Impfstoff zufällig ins Erbgut einzelner Körperzellen integriert werden. Falls wiederum zufällig eine sehr ungünstige Stelle des Erbguts betroffen wäre, könnte das fremde DNA-Stück dort ein Gen zerstören, das das Wachstum der Zelle kontrolliert – das könnte dann zu Krebs führen. Auch hier erweckt er allerdings den Eindruck, es könne das Erbgut von mehr als einzelnen Zellen betroffen sein. Schon eine Schicht tiefer in der Schwurbelszene, bei Wolfgang Wodarg, wird daraus die schwachsinnige Behauptung, DNA- und RNA-Impfungen seien gentechnische Veränderungen des Menschen. Weiterhin kehrt Arvay unter den Teppich, dass selbst die von ihm in der SÄZ angegebene Quelle ausdrücklich erklärt, dass es für diesen angenommenen Effekt experimentell kaum Bestätigungen gibt. Was bei dieser Hypothese völlig untergeht, ist, dass die gleiche Integration fremder DNA in das Erbgut mit dem gleichen Tumorrisiko natürlich ebenso bei jedem beliebigen der ständig im Körper vorkommenden Bakterien oder Viren passieren könnte, insbesondere bei solchen, die wie der Impfstoff DNA in Plasmidringen enthalten. Dafür ist es nämlich völlig belanglos, welcher fremde DNA-Schnipsel da zufällig an einer verheerend ungünstigen Stelle im Erbgut einer einzelnen Zelle landet.

Kurz gesagt, Arvay benutzt im typischen Stil moderner Verschwörungsideologen ein Gemisch aus Halbwahrheiten, unzulässigen Verkürzungen und aus dem Zusammenhang gerissenen Details, um den Eindruck zu erwecken, es gäbe globale dunkle Machenschaften, hinter denen, wie er ausdrücklich betont, Bill Gates stecke. (Update 23.9.2020: Dagegen wehrt er sich inzwischen, spricht aber schon im nächsten Moment in Bezug auf Gates Engagement von „einer Seilschaft mit verschiedenen Pharmakonzernen“.) Dementsprechend ist es auch kein Wunder, dass seine Aussagen im Wesentlichen von den typischen Fake-News-Schleudern der Verschwörungsmythenszene verbreitet werden.

Anders als die meisten Verschwörungsideologen scheint er jedoch weniger politische als Marketingzwecke zu verfolgen, denn rein zufällig erscheint in wenigen Tagen sein neues Buch, dessen Untertitel die Arvay’sche Phantasiewelt wunderbar zusammenfasst: „Wie Umweltzerstörung die Corona-Pandemie auslöste und warum ökologische Medizin unsere Rettung ist“.

 

 

 

Relativer Quantenquark als neues Video

So, jetzt gibt es mal wieder ganz klassischen Quantenquark, in Form eines Videos mit meinem aktuellen Grundlagenvortrag zum Thema. Da kursieren ein paar Vorgängerversionen ja schon länger auf Youtube, aber der Düsseldorfer Aufklärungsdienst hat für seinen DA! art-Award sicher die bislang professionellste Version auf die Beine gestellt. Da wir Corona-bedingt kein Livepublikum hatten, wurde das Ganze aus einem professionellen Greenscreen-Studio bei VR3 mit richtigen Studiokameras gestreamt und ist weiterhin auf Youtube anzusehen:

Die weiteren Vorträge aus der Reihe sind hier aufzurufen.

Eine Abgrenzung zu den Covid-Leugnern – tief aus der Esoterikszene

Wenn ich hier einen Artikel verlinke, finde ich ihn ja normalerweise entweder gut, oder ich nutze ihn als Beleg, dass jemand wüste Verschwörungsmythen oder eben Quantenquark zusammenschwurbelt. Dieser Artikel hingegen ist für sich genommen eher eine begrenzte Leseempfehlung. Die Argumentation trägt eine typische Uralt-68er-Handschrift, mit einer Mischung aus abgestandenem Marxismus („Diese Sichtweise [der Covid-Leugner] entbehrt einer objektiven politischen Theorie“ – nein, sie entbehrt einfach jeglicher Realität!), mystizistischem Kitsch („Der Versuch, vom Ufer aus den Fluss zu regulieren, führt zu Gewalt gegen den Fluss und Widerstand des Flusses gegen diese aufgezwungene Bewegung.“) und Küchen-Psychoanalyse („Die Auflehnung [der Covid-Leugner] gegen die Autoritäten entspringt oft einer Manipulationserfahrung in der eigenen persönlichen Biografie, die irgendwann in der Vergangenheit traumatisch erlebt worden war.“), komplett mit einem Zitat des legendären Altkommunarden Rainer Langhans, der nun „seit vier Jahrzehnten auf dem spirituellen Weg“ sei.

Dass ich diesen Artikel, für dessen Entdeckung ich Tommy Krappweis dankbar bin, dennoch für bemerkenswert halte, liegt an seiner Stoßrichtung, dem Autor und seiner Zielgruppe. Die Einleitung schließt mit den nur zu wahren Worten „Überzeugte »Corona-Rebellen« werden von diesem Aufsatz sicherlich wenig begeistert sein.“ Was folgt, ist eine schonungslose Abrechnung mit der Szene der Hygiene- und Querdenken-Demos, samt einer durchaus zutreffenden Einordnung in den Kontext von neurechter Bewegung und altem Nationalsozialismus. Ähnliches könnte man durchaus auch beim Volksverpetzer lesen – nur würde es da nicht dieselbe Zielgruppe erreichen.

Beim Autor des oben verlinkten Artikels handelt es sich jedoch um Ronald Engert, den Herausgeber der Zeitschrift Tattva Viveka, von deren Seite der Artikel ebenfalls herunterzuladen ist. Die Zeitschrift hat, vorsichtig ausgedrückt, eine deutliche Nähe zur Hare-Krishna-Bewegung. Engerts Mitgründer bei Tattva Viveka, Marcus Schmieke, ist hier im Blog auch schon vorgekommen, pikanterweise weil er ganz offensichtlich weniger Abgrenzungsbedürfnis zur rechten Szene hat und zum Beispiel auf den Quer-Denken-Kongressen des Reichsbürgers Michael Friedrich Vogt aufgetreten ist, von denen unter anderem die hessischen NPD-Vorstände Daniel Lachmann und Stefan Jagsch begeistert waren:

Eine Bekannte, die jahrelang in einem Hare-Krishna-Tempel gelebt hat, berichtete von regelmäßigen Besuchen Schmiekes im Tempel, wo ihm große Wertschätzung entgegengebracht worden sei, vermutlich auch wegen seiner großzügigen Spenden. Quelle des Geldes dürften die von Schmieke erfundenen und zum Teil zum Preis von Mittelklasseautos vermarkteten Quantentherapiegeräte sein – womit wir endlich mal wieder beim echten Quantenquark wären.

Die Partnerschaft mit Schmieke war bei Engert allerdings kein Ausreißer – nach seinen Berichten über seine Indienreisen und zum Beispiel seinen Besuch beim „spirituellen Meister“ Sadhu Maharaja zu urteilen, tut man Engert wohl kein Unrecht, wenn man ihn selbst als Hare-Krishna-Anhänger bezeichnet. 2010 gab Engert in der Tattva Viveka dem Scientology-Konzern umfangreichen Raum zur Selbstdarstellung und schrieb in einem eigenen Artikel, er habe bei Scientology nur „ganz normale Menschen“ getroffen. 2018 schrieb Engert einen Jubelartikel über Viktor Schauberger, eine der zentralen Figuren des Nazi-Flugscheibenmythos, und über dessen angebliche „Entdeckung der Levitationskraft“, ohne zu erwähnen, dass Schauberger diese im Auftrag der SS und mit Hilfe von Zwangsarbeitern im KZ Mauthausen erforscht haben wollte. 2002 bescheinigte ein Artikel von Engert den autoritär-esoterischen Familienaufstellungen nach Hellinger, es käme dabei nachweisbar zu außersinnlicher Kommunikation. Zwischendurch bedient er gerne bizarre sexistische Klischees mit Weisheiten wie: „So ist die große Kunst der weiblichen Bewusstseinsform das Nehmen.“ Und natürlich verbreitet Engert gerne Quantenquark, auch unter Berufung auf den naturwissenschaftlich völlig unqualifizierten Sohn des Biophotonen-Spinners Fritz-Albert Popp.

Bei allem Kopfschütteln: Wenn ein solcher Autor für seine Zielgruppe über die Nazi-Verbindungen der Querdenken-Demos aufklärt, vor dem irrsinnigen Verschwörungsmythos QAnon warnt und sich über über meditierende Hygiene-Demonstranten mokiert, dann hat das durchaus einen besonderen Wert. Das gilt nicht nur, aber eben auch für sein unmittelbares Hare-Krishna-Umfeld: Bei der Demonstration in Berlin am 29.8. war auch Hare-Krishna-Chanting zu hören und erlangte durch den unfreiwillig komischen Kommentar eines Bild-Reporters eine ungeahnte Reichweite. 

Den Volksverpetzer, Quantenquark und möglicherweise selbst die FAZ würde ein großer Teil dieser Zielgruppe wahrscheinlich nie lesen. Dass Engert die quer durch die rechte Szene beliebten schwarz-weiß-roten Fahnen dabei pauschal mit Reichsbürgern identifiziert, spielt kaum eine Rolle im Vergleich zu seinem wunderbaren Kommentar über eine Vertreterin der Eso-Partei „Die Violetten“ auf einer der Demonstrationen: „Wenn man nicht weiß, was die Fahne bedeutet, denkt man sich natürlich nichts dabei. Dann ist es einfach schön bunt hier.“ Und auch die Abwege in die Psychoanalyse kann man Engert verzeihen, angesichts ihres Ergebnisses zum Vorbeter der Verschwörungsmythen-Szene Ken Jebsen: „So gesehen wirkt Ken Jebsen wie ein kleiner Junge, der Angst vor seiner Mutter hat.“

Sputnik oder Tschernobyl? Impfstoffentwicklung in Zeiten der Pandemie

Ja, es gibt hier nach langer Zeit mal wieder einen Artikel, nicht nur mit Hinweisen auf Videos und Interviews, sondern mit ausführlichem Inhalt. Und, nein, es geht schwerpunktmäßig nicht um Physik, sondern eher um ein Thema, mit dem ich gelegentlich berufliche Berührungspunkte habe. Es sind halt seltsame Zeiten.

„Es ist ein Sputnik-Moment,“ erklärte Kirill Dmitriev, der Geschäftsführer des Investmentförderfonds der russischen Regierung, zur für den 10. August angekündigten Zulassung eines russischen Impfstoffs gegen Covid-19. Die Meldung führte zu einer bemerkenswerten Kehrtwendung beim russischen Staatskanal RT Deutsch, der noch vor zwei Wochen gegen Covid-Impfstoffentwicklungen agitiert und dazu dem außerhalb der Hardcore-Verschwörungsszene nirgends mehr ernstgenommenen Pandemieverharmloser Wolfgang Wodarg ein Podium geboten hat. Jetzt ist plötzlich der russische Impfstoff zu feiern – komplett mit der Behauptung, die russischen Entwicklungen seien sicherer als die kritisierten Impfstoffentwicklungen aus dem Westen.

In Deutschland spricht hingegen bei einer denkbaren Verfügbarkeit erster Impfstoffe in einigen Monaten nicht nur die AfD von „übereilter Zulassung“, und nicht nur der Impfgegner-Papst und gelernte Milchwirt Hans Tolzin schwadroniert auf Extremnews über „sehr häufige“ Nebenwirkungen der kommenden Impfstoffe (die angeblichen Nebenwirkungen sind einfach nur die ganz normalen Impfreaktionen wie Rötung und Druck an der Einstichstelle oder leichtes Fieber, die zeigen, dass die Impfung wirkt). Der deutsche Arbeitskreis medizinischer Ethikkommissionen hat eine erleichterte Genehmigung von Impfstoffstudien noch im Mai als gefährlich für Patienten bezeichnet. „Experten“ (bei denen es sich einfach um Politiker mit Medizinstudium wie Karl Lauterbach handelte) warnten noch im Juni vor Hoffnungen auf einen baldigen Impfstoff und erklärten, es werde noch „mindestens ein Jahr“ dauern, bis ein Impfstoff einsetzbar sei. Ebenfalls im Juni stellte spektrum.de in Frage, ob es überhaupt einen Sars-CoV-2-Impfstoff geben werde, und auch der Leiter der „Heinsberg-Studie“, Henning Streeck wird in ähnlicher Weise zitiert. Hat sich also in wenigen Wochen eine völlig neue Sachlage ergeben, ist die russische Impfstoffforschung der westlichen so weit voraus, oder ist die russische Entscheidung, die (Update 11.8.20) inzwischen offiziell in Kraft getreten ist, schlicht fahrlässig?

Um das einzuordnen, aber auch einfach um einen Überblick zu bekommen, wo wir in der Impfstoffentwicklung eigentlich stehen, lohnt es sich, zwei Fragen etwas eingehender zu beleuchten: Wie sollen die in der Entwicklung befindlichen Impfstoffe funktionieren, und wie unterscheidet sich die beschleunigte Erprobung zur Zeit eigentlich von der normalen Arzneimittelentwicklung?

Offiziell sind bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO) aktuell 165 Projekte zur Entwicklung von SARS-CoV-2-Impfstoffen gemeldet, und es gibt mit Sicherheit noch weitere. Die Art und Weise, wie die Impfstoffe zusammengesetzt sein und im Körper wirken sollen, ist dabei durchaus unterschiedlich:

  • Traditionelle Tot- oder Lebendimpfstoffe: Praktisch alle schon länger bei Menschen eingesetzten Impfstoffe verwenden komplette Krankheitserreger, die entweder abgetötet (Totimpfstoff) oder nur abgeschwächt (Lebendimpfstoff) werden. Ob es zwischen beiden Formen im Effekt wirklich systematische Unterschiede gibt, ist umstritten. Allerdings gab es mit Lebendimpfstoffen in der Vergangenheit gelegentlich Probleme, was ein Grund ist, warum statt der Schluckimpfung gegen Polio aus meiner Kindheit heute ein kombinierter Totimpfstoff als Injektion verwendet wird.
    Auch gegen SARS-CoV-2 befinden sich solche traditionellen Impfstoffe in der Entwicklung. Die WHO listet eine ganze Reihe von Totimpfstoffentwicklungen in China, der Türkei, Ägypten und Kasachstan auf, wobei mehrere Projekte der chinesischen Unternehmen Sinovac und Sinopharm schon sehr fortgeschritten sind und auch in der Erprobung am Menschen gute Zwischenergebnisse zeigen.
    Christian Drosten verweist in seinem Podcast darauf, dass ein Erfolg dieser Projekte wegen der relativ einfachen, in vielen Ländern möglichen Herstellung sehr hilfreich wäre, um schnell und kostengünstig auch Menschen in weniger entwickelten Ländern impfen zu können. Er spricht jedoch auch von einer „ungewissen Wirkung“ und der Gefahr von Überreaktionen, die sich in der Entwicklung von Impfstoffen gegen andere Coronaviren bei Tieren gezeigt habe. In Europa und den USA, aber auch in Russland, wurde daher fast durchgehend auf innovative Impfstoffkonzepte gesetzt, bei denen man kontrollieren kann, gegen welche Teile des Erregers genau der Körper eine Immunantwort entwickeln soll.
  • Proteinbasierte Impfstoffe: Die Bestandteile an der Oberfläche des Virus, gegen die man eine Immunreaktion haben will, um einen Schutz zu erreichen, sind chemisch in der Regel Proteine. Bei SARS-CoV-2 gilt zum Beispiel das Spike-Protein, das für das Eindringen des Virus in eine Wirtszelle wichtig ist, als aussichtsreicher Angriffspunkt. In der einfachsten Form wird ein solches Protein selbst als Impfstoff verwendet. Impfadjuvantien sollen dann dafür sorgen, dass das Immunsystem auf den an sich harmlosen Fremdstoff angemessen heftig reagiert und einen längerfristigen Schutz aufbaut. Inzwischen gibt es eine Vielzahl von Entwicklungsprojekten nach diesem Konzept, darunter auch von großen Herstellern wie Sanofi und GSK. Sie gehören aber nicht zu den aktuell fortgeschrittensten und aussichtsreichsten Kandidaten gegen SARS-CoV-2.
  • DNA- und RNA-Impfstoffe: Neben den Adjuvantien ist eine weitere Möglichkeit, das Immunsystem zu einer starken Reaktion gegen ein Protein und damit einem langanhaltenden Schutz zu bewegen, es einfach mehr und länger mit diesem Protein zu konfrontieren. Da der Impfstoff aber auch produziert werden muss und man Patienten nicht alle paar Tage wieder impfen kann, benutzt man einen Trick: Körperzellen werden durch die Impfung dazu gebracht, das fremde Protein selbst zu produzieren. Den Bauplan für dieses Protein erhalten die Zellen in Form von RNA (sozusagen schon abgelesenem Erbgut), wie sie auch das SARS-CoV-2-Virus benutzt, um seinen Bauplan auf Wirtszellen zu übermitteln, oder in Form von DNARingen, wie sie auch in Bakterien vorkommen. Das fremde Material wird von den Zellen nicht in ihr eigenes Erbgut eingebaut, aber zur Produktion des Proteins abgelesen, bis es von den zelleigenen Recyclingmechanismen abgebaut wird. Zu den aussichtsreichsten Impfstoffkandidaten dieser Art zählen die RNA-Impfstoffe der US-Firma Moderna, die im März den ersten SARS-CoV-2-Impfstoff überhaupt an Patienten getestet hat, und der Mainzer BioNTech, die hierbei mit dem Weltkonzern Pfizer kooperiert. Auch andere Projekte mit deutscher Beteiligung, wie das von CureVac und das der OpenCorona-Kollaboration mit dem Uniklinikum Gießen-Marburg, nutzen diesen Ansatz.
    Impfgegner nutzen gerne die alte, naja… sagen wir ganz vorsichtig bildungsferne, Angst vor Gentechnik, um Stimmung gegen diese Art von Impfstoffen zu machen, und erwecken dabei den falschen Eindruck, diese Art von Impfung hätte etwas mit dem menschlichen Erbgut zu tun. Nach dem Fact Sheet des Science Media Center Germany hingegen sind RNA-Impfstoffe „toxikologisch gut charakterisierte Biopharmazeutika, die keine Infektionsrisiken bergen, bereits in niedrigen Dosen wirken und daher auf Wirkverstärker (Adjuvanzien) in der Regel verzichten könnten“.
  • Vektorvirusimpfstoffe: Die wohl trickreichste Variante eines Impfstoffs verwendet ein für den Menschen harmloses Virus, das genetisch so verändert wird, dass es an seiner Oberfläche das Protein trägt, gegen das man eine Immunantwort erreichen will. Es wird also sozusagen als SARS-CoV-2 verkleidet. Von der Präsentation des Proteins auf einem tatsächlichen Virus erwartet man sich eine stärkere, länger anhaltende Immunantwort. Man unterscheidet zwischen replizierenden Vektorviren, die sich im menschlichen Körper noch vermehren können, aber nicht krank machen, und nicht replizierenden Vektorviren. Die derzeit in der Erprobung fortgeschrittensten Projekte dieser Art, von der Universität Oxford in Zusammenarbeit mit dem Hersteller AstraZeneca sowie von der chinesischen CanSino, verwenden nicht replizierende Vektorviren. Dasselbe gilt für den Impfstoffkandidaten der russischen Gamaleya, der in zwei Wochen eingesetzt werden soll.

Man kann also schon einmal festhalten, dass der russische Impfstoff nichts revolutionär Anderes ist als vergleichbare Projekte aus Europa oder den USA. Grundsätzlich andere, nämlich altmodischere Impfstoffentwicklungen kommen eher aus China und Indien – diese folgen aber von den Testprotokollen und Entwicklungszeiten den gleichen Standards wie die westlichen Projekte. Auch eine Verbindung des russischen „Sputnik-Moments“ zu britischen Spionagevorwürfen ist zumindest nicht offensichtlich: Die grundlegende Covid-19-Forschung passiert ohnehin in internationaler Zusammenarbeit, und in den Details unterscheidet sich der russische Vektorvirusimpfstoff von dem fortgeschrittenen Projekt aus Oxford allein schon durch die Verwendung eines vom Menschen stammenden Adenovirus Typ 26  (das normalerweise eine Bindehautentzündung auslöst) anstatt eines Virus, das normalerweise Affen befällt.

Wie sieht es aber nun mit dem Entwicklungs- und Erprobungsstand des Gamaleya-Projekts im Vergleich zu anderen Impfstoffentwicklungen aus, die erst Monate später zugelassen werden sollen? Die Erprobung von Impfstoffen erfolgt grundsätzlich in den gleichen Phasen wie die von anderen neu zuzulassenden Arzneimitteln:

  • Präklinik: Die präklinische Erprobung umfasst alle Tests, für die noch keine menschlichen Probanden erforderlich sind. Das reicht von rein chemischen Versuchen über die Erprobung in Zellkulturen bis zum Tiermodell.
  • Phase I: In der klinischen Phase I wird an einer kleinen Zahl von Freiwilligen (in der Regel weniger als 50) getestet, ob der Wirkstoff in welcher Dosis verträglich ist. Dabei werden auch Laborwerte überwacht, zum Beispiel ob der Wirkstoff im Körper dort ankommt, wo er wirken soll. Bei Impfstoffen kann man auch schon erkennen, ob der Impfstoff eine Immunreaktion auslöst und zum Beispiel neutralisierende Antikörper produziert werden.
  • Phase II: Anschließend wird getestet, ob der Wirkstoff im Patienten tatsächlich wirkt, ob zum Beispiel ein Impfstoff also tatsächlich vor einer Infektion schützt. Hierzu braucht man normalerweise eine placebokontrollierte, randomisierte Vergleichsstudie (RCT), um die Wirkung von Wirkerwartung, Zeit- und Zufallseffekten unterscheiden zu können. Die Zahl der Probanden hängt von der Deutlichkeit des erwarteten Effekts ab. Bei der Behandlung akuter Erkrankungen liegt sie oft unter 200.
  • Phase III: Bei den folgenden, wesentlich größeren RCTs geht es vor allem um die Suche nach regelmäßig auftretenden Nebenwirkungen. Hierzu braucht man oft eine fünfstellige Zahl von Probanden, was diese Tests auch sehr teuer macht. Gleichzeitig lässt sich aus diesen größeren Tests auch die Wirksamkeit noch einmal genauer und verlässlicher dokumentieren. Phase-III-Studien bilden die wichtigste Grundlage für die Nutzen-Risiko-Abwägung bei der Arzneimittelzulassung.
  • Anwendungsbeobachtung: Die sogenannten Phase-IV-Studien erfolgen nach der Zulassung und dienen der Suche nach selteneren Nebenwirkungen. Da es dabei keine Vergleichsgruppe gibt, lässt sich keine Aussage mehr über Wirksamkeit machen und auch nicht festlegen, ob eine gemeldete Nebenwirkung tatsächlich durch das Mittel verursacht wird oder aus anderen Gründen bei den Patienten aufgetreten ist.

Normalerweise laufen diese Studien hintereinander ab, so dass Menschen erst einem Wirkstoff ausgesetzt werden, wenn er nach Tierversuchen unbedenklich ist und an größeren Zahlen von Kranken erst dann getestet wird, wenn sowohl Unbedenklichkeit als auch Wirksamkeit an einer kleineren Zahl von Probanden nachgewiesen sind.

Wie ist es aber nun möglich, dass dieser insgesamt normalerweise zwischen fünf und 15 Jahren umfassende Prozess bei der Entwicklung von Covid-19-Impfstoffen auf wenige Monate gestrafft werden kann?

Den größten Effekt macht dabei aus, dass der Hauptteil der präklinischen Erprobung schon lange vor dem Beginn der Pandemie abgeschlossen war. Die Covid-19-Impfstoffentwicklung setzt unmittelbar auf Impfstoffprojekte gegen die eng verwandten SARS- und MERS-Erreger von 2002 und 2012 auf, die nicht mehr an Patienten getestet wurden, weil es keine SARS-Patienten mehr und nur noch einzelne MERS-Ausbrüche gab. Es handelt sich also technisch um Weiterentwicklungen, ähnlich wie bei den Grippeimpfungen, bei denen jedes Jahr nach den gleichen Methoden auf neue Erreger optimiert werden. So konnte Moderna seine Phase-I-Tests im März ohne einen einzigen vorherigen Tierversuch mit dem neuen Impfstoff beginnen. Insgesamt war die Zahl der Tierversuche klein, weil als geeignetes Modell fast nur die teuren, häufig angefeindeten Versuche mit Affen in Frage kamen.

Phase-I-Tests haben bei allen mir bekannten Impfstoffentwicklungen gegen SARS-CoV-2 relativ normal stattgefunden, aber eine Beschleunigungsmöglichkeit ist zum Beispiel, nach dem Vorliegen der Ergebnisse nicht erst die offizielle Veröffentlichung abzuwarten, bevor man die Phase-II-Tests einleitet. Man kann auch Probanden für folgende Phasen schon rekrutieren, bevor die Tests genehmigt sind – das ist nur ein finanzielles Risiko, falls die Tests geändert, verschoben oder abgesagt werden müssen.

Eine große Beschleunigung ergibt sich schließlich noch durch die Zusammenfassung von Phase II und Phase III. Um in einer Covid-Epidemie überhaupt nachweisen zu können, dass ein Impfstoff vor Infektionen schützt, braucht man ja zwangsläufig eine große Zahl von Probanden in einem Risikogebiet. Ein Rechenbeispiel: Will man halbwegs schlüssig statistisch zeigen, dass ein Impfstoff die Zahl von Infektionen verringert, weiß aber, dass dieser Schutz nicht 100% effektiv sein wird, dann braucht man in der Impfgruppe und in der Kontrollgruppe jeweils rund 100 Infektionsereignisse, bei denen eine ungeimpfte Person vermutlich infiziert würde. Bei aktuell rund 500 Infektionsereignissen pro Tag unter 80 Millionen Deutschen bräuchte man für diese 100 Ereignisse, wenn man sie in 100 Tagen haben wollte, in der Test- und Kontrollgruppe jeweils völlig unrealistische 160.000 Probanden. Das deutlich schlimmere Infektionsgeschehen in den USA, Brasilien und Abu Dhabi, wo aktuell die größten Patientenstudien laufen, macht es überhaupt erst möglich, einen Wirksamkeitsnachweis in erträglicher Zeit zu erbringen. Auch dafür braucht man aber insgesamt fünfstellige Probandenzahlen. Man ist damit für belastbare Phase-II-Studien zwangsläufig bei Probandenzahlen, die normalerweise schon für eine Phase-III-Studie ausreichen. Für alle der WHO gemeldeten Projekte, bei denen schon Phase-III-Studien laufen, wurden diese daher entweder mit der Phase II in eine Studie zusammengefasst oder schon vor Abschluss der Phase-II-Studie gestartet.

Solche Phase-III-Studien laufen derzeit von der Universität Oxford (mit AstraZeneca) für ihren Vektorvirusimpfstoff in Brasilien, von BioNTech (mit Pfizer) sowie von Moderna für jeweils ihre RNA-Impfstoffe in den USA, von Sinovac für einen Totimpfstoff in Brasilien und von Sinopharm für einen Totimpfstoff in Abu Dhabi. Bei den dortigen hohen Fallzahlen ist davon auszugehen, dass die für einen Wirksamkeitsnachweis erforderliche Statistik mit typischerweise 15.000 bis 30.000 Probanden innerhalb einiger Wochen bis einiger Monate erreicht ist. Update 11.8.20: Inzwischen hat auch Curevac eine Phase-II/III-Studie ab September oder Oktober in Brasilien angekündigt. Bisherige Ergebnisse stimmen optimistisch: Es gab bislang zumindest noch keine Meldungen, dass eine der großen Patientenstudien wegen schwerer Nebenwirkungen hätte abgebrochen werden müssen, und die schon veröffentlichten Ergebnisse von Phase-I-Studien zeigen eine starke Reaktion des Immunsystems, zum Teil stärker als bei Patienten, die eine tatsächliche Infektion durchlaufen haben. Update 20.9.2020: Die Phase-III-Studie von AstraZeneca war wegen neurologischer Probleme bei einer Probanden kurzzeitig unterbrochen. Diese stellten sich jedoch als ein zuvor bestehender aber noch nicht diagnostizierter Fall von Multipler Sklerose heraus. In Großbritannien wurden die Tests schon wieder aufgenommen. Die Verzögerung beim wichtigsten Teil des Tests in den USA dürfte sich aber auf den Zulassungstermin auswirken.

Nach der Universität Oxford, die schon im April angekündigt hatte, im September einen einsatzfähigen Vektorvirus-Impfstoff haben zu wollen, haben inzwischen auch BioNTech/Pfizer für ihren RNA-Impfstoff eine Zulassung und erste Auslieferung im Oktober angekündigt. Erste Lieferverträge für diese Impfstoffe bestehen auch schon: AstraZeneca und ihre Partner (mit aktuell der größten Kapazität weltweit) haben Verträge zum Selbstkostenpreis mit der EU (400 Mio. Dosen), UK, USA und zwei Verbänden weiterer Länder (weitere 700 Mio. Dosen) und wollen außerdem eine Milliarde Dosen für weniger entwickelte Länder bereitstellen – allerdings in 2020 und 2021 zusammen. BioNTech/Pfizer haben Verträge über 30 Millionen Dosen mit UK und über 100 Millionen Dosen mit den USA (wobei bei diesem Impfstoff pro Patient zwei Dosen geplant sind). Der Preis im US-Vertrag liegt mit 19,50 Dollar pro Dosis unter dem eines typischen Grippeimpfstoffs. Falls beide Impfstoffe sich in ihren Phase-III-Studien bewähren (und alle vorliegenden Daten aus den vorherigen Phasen sprechen dafür), dann würde das also einen erheblichen Beitrag zur Bekämpfung der Krise leisten. Insgesamt ermittelt das Beratungsunternehmen McKinsey eine weltweite Produktionskapazität von einer Milliarde Impfdosen noch im Jahr 2020 und weiteren 7,4 Milliarden im Jahr 2021. Dazu müssen allerdings noch Kapazitäten in Form von Lizenzen, Auftragsfertigung oder anderen Kooperationen neu verteilt werden, je nachdem, welche der laufenden Entwicklungsprojekte eine Zulassungsreife erreichen. Update 20.9.2020: Ein Schritt zu dieser Umverteilung ist gerade erfolgt, indem BioNTech erklärt hat, die Impfstoffproduktion von Novartis am Traditionsstandort Marburg (Beringwerke) mit einer Kapazität von 250 Millionen Impfdosen im 1. Halbjahr 2021 zu übernehmen. Die mäßigen Preise sind bei etwas Branchenkenntnis nicht überraschend: Im Gesundheitssystem sieht man sich nicht nur zweimal, sondern jedes Jahr wieder. Ein Hersteller, der versuchte, in einer solchen Notsituation seine Machtposition auszunutzen, müsste befürchten, in den Folgejahren bei den Preisverhandlungen für seine anderen, in der Summe weitaus einträglicheren Produkte unter erheblichen politischen Druck zu geraten. Gleichzeitig ist eine solche gigantische Einmalanstrengung für die Hersteller mit erheblichen Kosten in Entwicklung, Produktion und Vertrieb verbunden. So dürfte bei SARS-CoV-2-Impfstoffen für die Hersteller der ideelle Wert für Mitarbeiter, Kunden und Investoren, aber auch gegenüber Staaten und Regulierungsbehörden, den kurzfristigen finanziellen Ertrag bei weitem übertreffen.

Update 6.8.20: Sanofi und GSK verhandeln inzwischen über Lieferverträge für einen gemeinsamen proteinbasierten Impfstoff, der aber noch nicht an Patienten getestet wird und erst in der ersten Hälfte 2021 verfügbar sein soll. Wenn die aktuell laufenden Projekte erfolgreich sind, könnten dann mindestens je ein Tot-, RNA- und Vektorvirusimpfstoff schon seit einem halben Jar am Markt sein, und es könnte zwischenzeitlich die Frage aufkommen, ob die Produktionskapazität der beiden Branchenriesen nicht besser in Lizenz für einen Impfstoff genutzt würde, der schon zugelassen ist. Andererseits haben sie zumindest die Chance, der erste reine Proteinimpfstoff zu sein, was wegen der geringen Komplexität rein theoretisch ein gutes Risikoprofil erwarten lässt.

Kommen wir aber zurück zur Sicherheit: Bedeutet dieses beschleunigte Prüf- und Zulassungsverfahren in den westlichen Ländern, dass bei der Sicherheit Abstriche gemacht werden? Werden, wie auch von Ärzten gelegentlich behauptet, unzureichend getestete Impfstoffe durchgewunken? Für die letztlich geimpften Patienten kann man ein solches zusätzliches Risiko klar verneinen: Die für die Sicherheit entscheidenden Phase-III-Studien mit ihren fünfstelligen Probandenzahlen unterscheiden sich in Methodik und Umfang nicht von denen herkömmlicher Arzneimittelzulassungen. Ein gewisses zusätzliches Risiko ergibt sich jedoch für die Probanden in den Studien, weil die ihnen jeweils verabreichten Impfstoffe vorher weniger im Tiermodell oder an kleineren Patientenzahlen getestet wurden, als dies eigentlich üblich wäre. Dies schreckt bei der Wichtigkeit des Themas potentielle Probanden jedoch ganz offensichtlich nicht ab: Für die Phase-I-Studie zum RNA-Impfstoff von CureVac mit ganzen 50 Probanden meldeten sich beim Universitätsklinikum Tübingen 4000 Freiwillige.

Wie sieht es nun aber mit dem eingangs erwähnten Impfstoff des Gamaleya-Instituts aus, der in Russland schon Mitte August zugelassen werden soll? Unter den fortgeschrittenen Entwicklungsprojekten, die sich bereits in Phase III befinden, taucht die „sichere und effiziente Lösung für das größte Problem der Welt“ aus Moskau hier ja nicht auf. Die erfolgreiche Patientenstudie, deren Ergebnisse noch nicht veröffentlicht sind, auf die sich die Moskauer Verantwortungsträger aber berufen, ist jedoch bei der WHO gemeldet und in der Datenbank der amerikanischen Gesundheitsbehörden registriert worden. In der Registrierung ist von einer Phase-I/Phase-II-Studie die Rede; nach den Details der Registrierung handelt es sich jedoch um eine reine Phase-I-Studie: Der Impfstoff wurde insgesamt an nur 38 Probanden Update 4.9.2020: am 4.9.2020 veröffentlicht wurden, wird zwar als Phase-1/2-Studie bezeichnet, es handelt sich jedoch faktisch um eine gewöhnliche Phase-I-Studie: Der Impfstoff wurde in zwei Varianten an jeweils 38 Probanden (laut Verteidigungsministerium handelt es sich um „freiwillige“ Soldaten) getestet; es gab keine Kontrollgruppe und keine Placebos, und der gemessene Zielparameter war nicht das tatsächliche Verhindern von Infektionen, sondern nur Laborwerte wie der Nachweis von Antikörpern. Update 20.9.2020: Inzwischen haben 37 internationale Wissenschaftler, darunter Spezialisten für Betrug in der Wissenschaft, in einer „Note of Concern“ an die veröffentlichende Zeitschrift ernsthafte Bedenken an der Glaubwürdigkeit der Ergebnisse der russischen Phase-I-Studie angemeldet. Unter anderem tauchen bei unterschiedlichen Messdaten von unterschiedlichen Patienten auffällig oft dieselben Werte auf – häufig ein Zeichen von Datenmanipulationen. Russland lässt bei der Zulassung schlicht die Erprobungsphasen aus, die die Wirksamkeit und Sicherheit des Impfstoffs hätten belegen müssen. Präzisierung 17.8.2020: Dann, nach der Zulassung, wenn der Impfstoff schon in der breiten Bevölkerung eingesetzt wird, noch eine Phase-III-Studie nachzuschieben (Update 4.9.20: die ausschließlich in Russland erfolgen soll, was Ergebnisse erst spät in 2021 erwarten lässt, falls die Epidemie dort nicht massiv schlimmer ist oder wird, als aktuell berichtet wird, und die am 2.9. noch nicht mit der Rekrutierung von Probanden begonnen hatte), ist für die internationale Vermarktung unvermeidlich, verbessert die Situation für die dann schon Geimpften aber nicht. Das kann sich am Ende als erfolgreich herausstellen: Angesichts der Ähnlichkeit zum weit fortgeschrittenen Oxforder Projekt dürften die Chancen nicht einmal schlecht stehen, dass der Gamaleya-Impfstoff tatsächlich einen Schutz bietet und die Nebenwirkungen sich in Grenzen halten. Das Moskauer Va-Banque-Spiel kann aber auch üble Folgen haben. Realistisch betrachtet ist die Sicherheit dieses Impfstoffs weniger getestet als seinerzeit die von Contergan. Faktisch macht man die Bevölkerung, vor allem aber das zuerst zu impfende medizinische Personal, zu Probanden eines riesigen Arzneimitteltests ohne Placebokontrolle. Dass man sich darauf einlässt, könnte eine Folge von Geltungsbedürfnis und Großmachtphantasien sein, wie Dmitrievs Sputnik-Vergleich nahelegt. Als Motivation kommt aber auch schlichte Verzweiflung angesichts einer immer noch unkontrollierten Epidemie in Frage. In Russland sind seit den Spitzenwerten die Fallzahlen mit offiziell gemeldeten 5000 neuen Fällen täglich nur geringfügig gesunken, es gibt schon über 14.000 Tote,  und der Herbst rückt näher. So erscheint für Russland selbst ein realistischer Worst Case mit erheblichen Nebenwirkungen und in der Folge Tausenden von Toten gerechtfertigt, wenn der Impfstoff denn hilft, die Epidemie unter Kontrolle zu bekommen. Gerade das könnte dann aber bei uns verheerende Folgen für die Akzeptanz auch wesentlich besser getesteter Impfstoffe haben.

So bleibt letztlich nur die Hoffnung, dass der Sputnik-Moment am Ende nicht zum Tschernobyl-Moment gerät.

Talken (und Musik hören) in der Krise

In der Coronakrise ist es um diesen Blog ja wieder etwas ruhiger geworden, was zum einen an meinem laufenden Buchprojekt liegt, zum anderen daran, dass ich zwar „Soloselbstständiger“, aber zum Glück durch die aktuellen Einschränkungen nicht arbeitslos geworden bin. Andere haben es da momentan weitaus schwieriger, und das sind nicht nur Musiker, Schauspieler und andere künstlerische Berufe. Betroffene Selbstständige sind zum Beispiel aus meinem Beraterumfeld alle, die primär von Coaching, Training, Vorträgen oder Veranstaltungsmanagement leben. Und, ja, im vergangenen Jahr gab es tatsächlich auch immer wieder Veranstalter, die bereit waren, für einen Vortrag über Quantenquark oder Verschwörungsmythen zu bezahlen. Diese Veranstaltungen sind in diesem Jahr erst mal alle abgesagt oder mehr oder weniger unbestimmt verschoben, was sicher richtig ist, aber auch ärgerlich, weil ich ganz abgesehen von der Bezahlung einfach auch gerne vor Publikum erzähle und nicht immer nur in einen Rechner tippen möchte. In der Summe muss ich aber sagen, solange mein Hauptberuf noch läuft, habe ich sicher keinen Grund, mich zu beschweren.

Sollte hier übrigens in letzter Zeit jemand ein bisschen den ursprünglichen Quantenquark vermisst haben –  in den kommenden Tagen sollte auf Welt online ein Artikel über Bioresonanztherapie erscheinen, zu dem ich meinen Senf dazugeben durfte. Falls der Redakteur meine Zitate so verwendet, wie ich hoffe, könnt Ihr da erfahren, was Bioresonanztherapie mit Fußwippen vor der Disco zu tun hat.

Ein Nebeneffekt der Krise ist, dass plötzlich ein paar unheimlich gute Leute, die normalerweise abends auf irgendwelchen Bühnen stehen, nichts besseres zu tun haben, als sich per Videochat mit mir zu unterhalten. Wenn dann auch noch die richtigen Technikleute dazukommen, wie zum Beispiel André Reitz von CB-Akustik Wetzlar, der eigentlich auch Veranstaltungen macht, dann kommen dabei Livestreams mit tollen neuen Talkformaten heraus, an denen ich viel Freude habe, auch wenn ich den Beteiligten doch eher Events mit Publikum im Saal gönnen würde.

Den Anfang gemacht hat am 26.3. Frank Mignon, mit der ersten Folge seines wöchentlichen „frank & frei bewegt“, das man über Facebook oder Youtube verfolgen kann. Bei dem Format wechseln sich längere Videointerviews ab mit Livemusik von Frank und seiner Bühnenpartnerin Anita Vidovic. Die Musik ist so, dass auch die ältere Generation nicht abschaltet, aber Anitas Stimme kann man finde ich auch dann mit Freude zuhören, wenn man die meisten Stücke noch als Kindheitserinnerungen kennt. Die Livestream-Reihe ist als Spin-Off von Franks gleichnamiger Kolumne in der Wetzlarer Lokalpresse angelegt, so dass Mittelhessen bei den Interviewpartnern durchaus überwiegt. Die Themen sind aber durchweg von überregionalem Interesse.

Mit mir hat sich Frank vor allem über Corona-Verschwörungsmythen unterhalten, und bemerkenswerterweise fällt mir nach vier Wochen noch nichts in dem Interview auf, was schon vollkommen überholt wäre. Dass Frank mich als „großartigen Wissenschaftler“ ankündigt (ich bin seit fast 20 Jahren kein Wissenschaftler mehr, und ich habe mich in der Physik immer als ziemlich durchschnittlich erlebt), möge man ihm nachsehen…

Die aktuelle Folge, an der ich nicht beteiligt war, ist übrigens weitaus weniger regional besetzt.

Ein völlig anderes Format mit mir kam dann in dieser Woche: Das „Ferngespräch“ von Tommy Krappweis sind satte eineinhalb Stunden geballter Talk – auch alles per Videochat, und, nein, mit Tommy sind auch eineinhalb Stunden alles andere als langweilig. Was will man auch mit jemandem Erwarten, in dessen Wikipedia-Artikel im ersten Satz steht: „ist ein deutscher Autor, Komiker, Regisseur, Produzent, Stuntman und Musiker“. Seine Gesprächspartner waren im „Ferngespräch“ auch schon Wigald Boning und Bernhard Hoëcker, aber zu skeptisch-wissenschaftlichen Themen bestand die Besetzung bisher neben Tommy aus den Hoaxillas Alexa und Alexander Waschkau, Kriminalpsychologin Lydia Benecke und GWUP-Multikanalkommunikator Bernd Harder. Am 21.4. durfte ich Lydias Platz übernehmen, und am 28.4. will Tommy uns irgendwie zu fünft auf den Schirm quetschen. Dann geht es um den aus den USA stammenden, aber gerade im Umfeld deutscher Reichsbürger immer populärer werdenden QAnon- Verschwörungsmythos.

Am 21. haben wir dagegen über die bizarre Vorstellung gesprochen, die aktuelle Covid-19-Pandemie hätte etwas mit 5G-Mobilfunk zu tun. Tommys Grundidee für die Talkrunde war wohl, dass ich etwas zur technischen Seite sagen könnte, Bernd zu Mobilfunkgeschwurbel der letzten 20 Jahre und die Hoaxillas zu den historischen und psychologischen Hintergründen, aber es war natürlich vorauszusehen, dass sich daran nach 10 Minuten keiner von uns mehr halten würde. Wer jetzt noch wissen möchte, was das ganze mit Pornos zu tun hat, der muss sich eben das Video ansehen.

Anzusehen sind die Ferngespräche jeweils live und später als Aufzeichnung unter dem Kanal WildMics auf twitch.tv, das für mich neu war und vom Look and Feel ziemlich an Youtube erinnert, mit dem Unterschied, dass man neben dem Livestream ein (in diesem Fall auch sehr aktiv genutztes) großes Chatfenster für die Zuschauer hat. Dafür sehe ich keine Kommentarfunktion, wie man sie von Youtube kennt. Die wird aber auf Youtube meiner Erfahrung nach hauptsächlich dafür genutzt, dass Leute, die sich die ersten fünf Minuten eines zwei Jahre alten Videos angesehen haben, dort ihre Hasskommentare absondern. Für mich persönlich muss ich sagen, während ich in Facebook eigentlich keiner Diskussion ausweiche, weigere ich mich strikt, auf die ganz überwiegend unterirdischen Youtube-Kommentare zu reagieren.

Für die coole Musik, die Tommy Krappweis eben auch macht, war in dem Format natürlich kein Platz, also reiche ich sie bei der Gelegenheit gleich mal nach. Aus skeptischer Sicht fallen mir da natürlich vor allem zwei Stücke ein, die Tommy über die Jahre gemacht hat und die man ganz gut mal in einer Onlinediskussion verlinken kann, die man… sagen wir, nicht weiterführen möchte. Da wäre zum Beispiel sein wunderbarer Dunning-Kruger-Blues:

Sollte man es nun aber mit jemandem zu tun haben, bei dem das nicht hilft, weil er zum Beispiel keine Ahnung hat, was der Dunning-Kruger-Effekt ist… naja, dann hilft eben nur noch eins:

Für die Freunde der eher elektronischen Klänge (da habe ich mich hier ja auch schon mal geoutet) ist mir vor ein paar Tagen noch etwas zum Thema in meine Inbox geflattert:

In einem kleinen Making-of dazu betreiben Manuel Volk und seine Conerdy-Partnerin auch gleich noch etwas geschicktes Product Placement (ich hab davon nix gewusst und kannte die beiden auch gar nicht, ich schwör’s):

So, und ganz zum Schluss, und um das Wirrwarr von Musikrichtungen perfekt zu machen, habe ich dann noch ein Musikvideo, das nur ganz am Rande (oder vielleicht doch nicht ganz so am Rande…) mit meinen Themen zu tun hat und eine Art von politischer Agitation ist, für die dieser Blog eigentlich überhaupt nicht gedacht ist. Aber… naja, ich finde es einfach nur treffend und saulustig, und die Musik (in der Version der Tokens natürlich) fand ich schon als kleines Kind gut. In diesem Sinne, auf die Raging Grannies of Mendocino…

Die ganz unauffälligen Aluhüte fallen langsam auf

Als auf dem Cover des Verschwörungsmythen-Buchs ein Aluhut zu sehen war, bin ich mehrfach darauf angesprochen worden, ob es denn tatsächlich Menschen gibt, die sich so etwas aufsetzen. Nachdem der Aluhut in der skeptischen Szene inzwischen zu so einer Art Inbegriff des durchgeknallten Schwurblers geworden ist und so ziemlich von jeder Seite als lächerlich angesehen wird, konnte ich in der Situation zumindest keinen Beleg dafür vorlegen, dass so etwas tatsächlich getragen wird. Allerdings haben auch Verschwörungsgläubige den Aluhut als Sinnbild übernommen, und in einer Reaktion auf einen Artikel von mir schrieb jemand, er setze sich lieber den Aluhut auf, als mir zu glauben. Kurz gesagt, ich habe den Aluhut immer eher als Symbol gesehen denn als etwas, das tatsächlich von vielen Menschen ernsthaft verwendet wird, und das habe ich so ähnlich meine ich auch letzten Sommer in dem Interview mit hr info gesagt, in dem ich selbst einen Aluhut basteln musste.

Wie ich inzwischen erfahren musste, gibt es aber Leute, die Kopfbedeckungen mit exakt der behaupteten Funktion eines Aluhuts gewerblich verkaufen, also muss es ganz offensichtlich auch Käufer dafür geben. Die betreffenden Kopfbedeckungen bestehen zwar nicht aus Alufolie, sondern enthalten Silberfäden, und sie sehen halbwegs nach normalen Modeaccessoires aus, aber die behauptete Funktion ist die gleiche.

Zu der Funktion an sich gibt es auch nicht wahnsinnig viel zu sagen. Ja, elektrisch leitende Folien oder Gewebe können elektromagnetische Wellen in einem bestimmten Wellenlängenbereich (der unter anderem von der bedeckten Querschnittsfläche abhängt) reflektieren und damit eine messbare Reduktion dieser Wellen hinter der Abschirmung verursachen. Mit diesen Messwerten wird dann auch gerne geworben. Und, nein, sinnvoll ist das nicht. Erstens müsste man sich komplett mit solchem Gewebe umgeben, um die vom Körper absorbierte Energie dieser Wellen wirklich signifikant zu reduzieren, und zweitens gibt es dafür überhaupt keinen Grund. Die fraglichen Wellenlängen führen, wenn sie der Körper aufnimmt, lediglich zu einer Erwärmung, und die ist bei den Intensitäten, denen man im Alltag begegnet, verschwindend gering. Einige Anbieter solcher Abschirmprodukte für zu Hause behaupten denn auch lieber, sie schützten vor den nur in der Phantasie existierenden „Erdstrahlen“ oder man könne damit nachts den Elektrosmog ableiten, den man am Tag aufgenommen hat. Wenn man wohlwollend annimmt, dass die Anbieter ihre Produktbeschreibungen selbst glauben, können sie wohl schon in der Mittelstufe im Physikunterricht allenfalls rein körperlich anwesend gewesen sein. Als Beleg präsentiert wird der Testbericht eines „Baubiologen“ (gelernter Krankenpfleger), der die Produkte mit Wünschelruten getestet hat – nachdem er sie bereits seit Jahren selbst vermarktet.

Mir ist dieser bizarre Trend zuerst vor ein paar Wochen begegnet, als der Anzeigenalgorithmus von Facebook auf die tolle Idee kam, mir derartige Aluhüte nahezulegen, was ich ja schon im letzten Artikel am Rand erwähnt hatte. Die Dinger sind immerhin bemerkenswert bezahlbar, wenn man sie zum Beispiel mit der ähnlich sinnvollen ENKI Bandahaube vergleicht (wobei die laut der kompliziert physikalisch klingenden Produktbeschreibung tatsächlich den für eine Mütze sehr überraschenden Vorteil haben soll, den Kopf zu wärmen). Nur schade, dass der strahlengeschützte BH ausverkauft ist, mit dem man immerhin den Fans weiblicher Comic-Superhelden eine Freude hätte machen können. Laut Facebook war übrigens der Grund, warum ich diese Werbung angezeigt bekam, dass der Anbieter Menschen mit Interesse an „Flacher Erde“ erreichen wolle – und in der Tat, wegen des Verschwörungsmythen-Buchs behalte ich die Flacherdlerszene immer mal im Auge.

Kaum hatte ich das kommentiert, wurde ich allerdings auch schon darauf angesprochen, dass auch die Edel-Kindermoden-Marke Petit Bateau solche Mützen im Angebot hat.

Eine entsprechende Decke gibt es auch dazu:

Wie den Käuferbewertungen zu entnehmen ist, gibt es auch diese Produkte von Petit Bateau schon seit einigen Monaten, aber gerade jetzt scheinen sie plötzlich einigen kritischen Geistern aufgefallen zu sein. So kontaktierte mich vor ein paar Tagen eine Journalistin der Süddeutschen Zeitung bei ihren Recherchen für diesen wirklich guten Artikel, der auch die gesellschaftlichen Fragen im Umfeld solcher Produkte anspricht. Was mich ganz besonders freut, ist, dass der Artikel nicht etwa bei den üblichen Verdächtigen im Wissenschaftsteil erschienen ist, sondern (zumindest in der Onlineausgabe) in der Rubrik „Stil“, wo er vielleicht auch von Menschen gelesen wird, die die typischerweise naturwissenschaftlich-kritischen Teile der Zeitung eher beiseite legen. Eine kleine Klarstellung kann ich mir dazu dann aber doch nicht verkneifen: Der etwas bizarre Gedanke, zu dem ich im Artikel zitiert werde, solche reflektierenden Mützen könnten die aufgenommene Strahlenintensität punktuell sogar verstärken, stammt nicht von mir, sondern von der französischen Zulassungsbehörde Anses. Ich habe nur auf Nachfrage erklärt, wie ein solcher Effekt theoretisch zustandekommen könnte.

Auf jeden Fall freut es mich, dass solche Aluhüte inzwischen als das erkannt werden, was sie sind. Nachdem erst kürzlich der Versuch, die Selbstverständlichkeit „Die Homöopathie wirkt nicht über den Placeboeffekt hinaus“ zu verbieten, in den Medien nur noch mit Häme quittiert wurde, könnte man geradezu versucht sein, einen Trend zum wissenschaftlich-kritischen Denken in der deutschen Populärkultur zu erkennen…

Na, man wird ja mal träumen dürfen.

Wer mich hierfür bezahlt und warum Quantenquark werbefrei ist

Ich bekomme ja gelegentlich mal Fanpost der… äh… unterhaltsameren Art. In der vergangenen Woche hatte ich zum Beispiel innerhalb von zwei Tagen zwei Mails mit Bezug zu unterschiedlichen Artikeln, deren Schreiber sich beide Gedanken über meine Einkommensquellen machten:

Guten Tag Herr Hümmler
Oder sollte man sagen Himmler, ich habe ihren Beitrag über Herrn Prof. Dr. Turtur gelesen und habe mich gefragt woher es wohl kommen mag das ein einfacher Doktor wie sie es sind die Wissenschaftlichen Erkenntnisse eines Professoren derart in den Schmutz zieht.?
Ich fragte mich, wer wohl ihren Lohn bezahlt damit sie einen Professoren derart schlecht darstellen.?

Auch der zweite Mailschreiber ist offensichtlich nicht nur von Geld, sondern auch von akademischen Titeln besonders faziniert:

Zunächst einmal wäre zu erwähnen, dass es unverständlich erscheint, dass sich ein Individuum mit diesen Qualifikationen nebst Tätigungsbereich
herab läßt und sich in >Meinungsbildende Prozesse< einschleicht, die eigentlich den Medien oder der Politiker-Kaste eigen sind.
Dies ist eigentlich nur zu erklären, wenn hier astronomische Summen fließen, denn ein >Promovierter< weiß sehr wohl, dass die aktuelle Abwendung des Volkes von der herkömmlichen Manipulation , in allen Bereichen, nicht mehr umkehrbar ist.

Nun muss ich sagen, es geht es mir ein bisschen so wie meinen Freunden vom Informationsnetzwerk Homöopathie, bei denen auch irgendwie die Pharmamillionen nie ankommen, mit denen sie angeblich geschmiert werden. Sollten Sie also zufällig wissen, wer mir meine astronomischen Summen von der Deutschland GmbH vorenthält, geben Sie mir doch bitte mal Bescheid…

Um es nochmal deutlich zu sagen: Das hier ist mein Hobby. Ich schreibe diesen Blog und meine Bücher in meiner Freizeit. Ich lebe von meiner selbstständigen Tätigkeit als Zukunftsplaner, die mit meinen skeptischen Freizeitaktivitäten absolut nichts zu tun hat. Wenn überhaupt laufe ich Gefahr, esoterikgläubige potentielle Kunden durch mein Hobby zu verprellen, und wenn ich noch bei einem großen Beratungsunternehmen angestellt wäre, dürfte ich diesen Blog wahrscheinlich gar nicht betreiben.

Durch die Bücher bringt mein Hobby inzwischen auch tatsächlich ein paar Einnahmen. Damit Sie das mal einschätzen können: Ein Sachbuchautor bekommt  typischerweise so um 10 Prozent des Ladenpreises als Honorar, und die Auflagen sind in dem Segment nicht riesig. Wenn 1000 Bücher verkauft sind, ist der Verlag in der Regel schon mal glücklich. Seit es die Bücher gibt, ist sogar gelegentlich mal eine Universität, ein Träger der Volksbildung oder eine Buchhandlung bereit, für einen Vortrag ein Honorar zu zahlen. Das ist in der Summe ein nettes kleines Zubrot, aber einen Stundenlohn rechnet man für das alles besser nicht aus. Will ich auch nicht. Es ist eben ein Hobby.

Und so stellt sich natürlich auch die Frage, wie trägt dieser Blog seine Kosten, und die Antwort ist, gar nicht, abgesehen davon, dass er vielleicht jemanden dazu animiert, eins meiner beiden Bücher zu kaufen. Wenn ganz viele das Quantenquark-Buch direkt über den Link zu Springer rechts oben kaufen, kommt vielleicht irgendwann genug von der kleinen Provision dafür zusammen, dass ich die auch tatsächlich ausgezahlt bekomme. Dafür müssten glaube ich mindestens 15 Euro zusammenkommen, die bisher wohl nicht erreicht sind – es lohnt sich aber auch nicht unbedingt, das dauernd nachzusehen.  Natürlich kann man auf Webseiten Werbung schalten und darüber (bei für den Leser noch erträglicher Bannerwerbung sehr bescheidene) Einnahmen generieren. Da es sich dafür aber nicht lohnt, seine Werbekunden selbst zu akquirieren, macht man das in der Regel über Drittanbieter wie Google Ads. Nach europäischem Recht hat man damit allerdings eine Verantwortung für den Datenschutz bei Google, den man gar nicht kontrollieren kann. Diese Verantwortung kann man dann wieder versuchen, mit 25 Seiten Legalesisch in der Datenschutzerklärung auf den Google und den Leser abzuwälzen. Dann hat man allerdings immer noch das Problem, dass die Seite mit den Anzeigen unter Umständen so aussieht:

Um nicht missverstanden zu werden: Ich finde Scienceblogs mit fast allen, die darauf schreiben, absolut großartig. Ich habe mir auch schon böse Blicke von einem angesehenen Medienjournalisten der FAZ eingehandelt, weil ich ihm ins Gesicht gesagt habe, dass die Wissenschaftsteile der großen Zeitungen sich lange strecken müssen, um an die Qualität der „Amateure“ bei Scienceblogs heranzureichen. Schon früh einer der Hauptgründe, warum ich das Wissenschafts-Blogportal so geschätzt habe, war der großartige Florian Freistetter, mein absolutes Vorbild als Blogger.

Natürlich muss sich auch ein Portal wie Scienceblogs finanzieren, und wenn Google-Werbung dafür der praktikable Weg ist, ist das das gute Recht der Betreiber. Aber man hat dann eben überhaupt keine Kontrolle, wessen Werbung auf der Seite auftaucht. Dass der Google-Algorithmus zu Florians skeptischem Astronomieblog einen Mondkalender anbietet, der die Frage beantworten soll, wann der Mond für die Gesundheit am günstigsten steht, ist ja durchaus witzig. Dass jemand für eine Anzeige zu kostenlosen Pflegehilfsmitteln ausgerechnet ein Bild des Meme-Phänomens „Hide the Pain Harold“ verwendet, fänden wahrscheinlich auch manche Quantenquark-Leser amüsant. Worauf ich aber definitiv keine Lust hätte, ist, dass hier rechtschreibschwache Werbung für ein fragwürdiges Bitcoin-Geschäftsmodell unter Verwendung der Namen von „Höhle der Löwen“ oder anderen Fernsehsendungen und Prominenten auftaucht, nachdem Mimikama seit 2018 mehrfach vor Angeboten dieser Art gewarnt hat. Inzwischen sprechen die an sich sehr vorsichtigen und sachlichen Fake-News-Warner aus Österreich im Zusammenhang mit Werbung dieser Art sogar ganz deutlich von Betrug.

Dass das nicht nur ein Problem von Google ist, sondern auch andere Internetunternehmen Schwierigkeiten mit dem Platzieren geeigneter Werbung haben, sieht man daran, dass zum Beispiel Facebook nach Reiki-Kursen, einer Heilpraktikerausbildung und einem freie-Energie-Generator inzwischen sogar versucht hat, mir ganz reale Aluhüte zu verkaufen:

Insofern, solange ich nicht sicher sein kann, dass Werbung seriös ist und auch wirklich zur Ausrichtung der Seite passt, wird Quantenquark eben werbefrei bleiben. Das heißt im Umkehrschluss allerdings auch, dass Sie mit meinem unprofessionellen Seitendesign aus WordPress-Standards werden leben müssen, weil ich mir zwar den Betrieb der Seite, aber ganz sicher keinen professionellen Webdesigner dafür leisten kann. Das passt ja irgendwie auch ganz gut dazu, dass es eben ein Hobby ist – und bleiben soll.