Kurzes Impfstoff-Update: Keine gute Nachricht aus Tübingen

Die aktuelle Wasserstandsmeldung zur Phase-III-Studie für den mRNA-Impfstoff von CureVac ist auf jeden Fall keine gute Nachricht. Es gibt noch immer kein vollständiges Ergebnis, aber eine geschätzte Wirksamkeit von 47% ist ganz sicher nicht konkurrenzfähig mit den Impfstoffen, die wir heute in Deutschland einsetzen. Das Unternehmen verweist mit einer gewissen Berechtigung darauf, dass die Studie (die zum Teil in Lateinamerika durchgeführt wurde) mit anderen, aggressiveren Virusvarianten zu tun hatte als die Zulassungsstudien früherer Impfstoffe. Ich habe auch immer betont, dass Zahlen zur Wirksamkeit aus unterschiedlichen Studien kaum vergleichbar sind und zwischen BioNTech, Moderna, Janssen und AstraZeneca (AZ) in den Medien gerne Äpfel und Birnen gegenübergestellt werden. Gleichzeitig gilt aber, dass jeder ganz neue Impfstoff gegenüber denen, die schon zigmillionenfach eingesetzt wurden, immer ein zusätzliches Risiko unentdeckter seltener Nebenwirkungen hat. Wer mit einem Arzneimittel für denselben Bedarf später kommt, muss in der Regel in irgendeiner Hinsicht einen deutlichen Zusatznutzen mitbringen, um noch eine Zulassung zu bekommen, und da sind solche Zwischenergebnisse vor allem gegenüber den amerikanischen und europäischen Behörden sicher nicht hilfreich. 
Schlecht ist das vor allem im globalen Maßstab, weil viele Länder außerhalb Europas und Nordamerikas immer noch einen riesigen Bedarf an Impfstoff haben. Bei aller Schwierigkeit, Daten aus unterschiedlichen Studien zu vergleichen: Eine Wirksamkeit von 47% gegen Erkrankungen durch das aktuelle Variantenumfeld in Europa und Lateinamerika ist ähnlich gut, möglicherweise sogar besser als das, was die in vielen Ländern eingesetzten chinesischen Totimpfstoffe bieten. Die lagen schon gegen den ursprünglichen Wildtyp nur in dieser Größenordnung der Wirksamkeit. Ich denke aber nicht, dass CureVac sich ernsthaft mit dem Ruf eines drittklassigen Impfstoffs um eine Zulassung in diesen Ländern bemühen würde, wenn sich die Daten so erhärten und eine Zulassung bei EMA und FDA aussichtslos bleiben dürfte.
Gleichzeitig ist dieser Zwischenstand auch nicht so katastrophal, dass CureVac-Partner wie Bayer jetzt sehr kurzfristig aufgeben und ihre vorgehaltenen Produktionskapazitäten an Pfizer vermieten würden. Das wird uns also global einfach deutlich Zeit kosten.
Für Deutschland sehe ich den Effekt nicht so wahnsinnig dramatisch. Es war schon seit ein paar Wochen absehbar, dass CureVac durch den Rückgang bei den Fallzahlen gerade in Europa nicht genug Erkrankungen in der Studie haben würde, um noch im Juni eine Wirksamkeit belegen und im Juli zu unserer Versorgung beitragen zu können. Damit man zeigen kann, dass Geimpfte weniger erkranken als Placeboteilnehmer, braucht man ja Infektionen – ein Problem, das schon AstraZeneca letzten Sommer in Großbritannien hatte. 
Um mit dem ersten Durchimpfen der impfbereiten Erwachsenen bis September fertig zu sein, brauchen wir die ursprünglich eingeplanten Dosen von CureVac aber auch nicht. Dafür war es eben gut, dass Deutschland und die EU von vornherein auf diverse Hersteller verteilt viel mehr bestellt haben als nötig. Die aktuelle Impfkampagne läuft mit vier Impfstoffen parallel auf Hochtouren, und sie dürfte in der zweiten Junihälfte nochmal an Fahrt aufnehmen.
Eine kleine Delle bei den Lieferungen erwartet uns nochmal im Juli. Bislang wird die Kampagne mit mehr als 70% der insgesamt gelieferten Dosen ganz massiv durch den mRNA-Impfstoff von BioNTech/Pfizer getragen, auch durch die zusätzlichen Kontingente, die Deutschland als Gegenleistung für die Anschubfinanzierung der Bundesregierung bei BioNTech erhält. Diese Sonderkontingente laufen aber aus – nach 50 Millionen Dosen allein im zweiten Quartal sind von BioNTech/Pfizer nur noch 57 Millionen für den gesamten Rest des Jahres in der Planung. Bis September sollten das die anderen Hersteller aber ausgeglichen haben. Vor allem Moderna hat mit seinem mRNA-Impfstoff zunächst seinen eigenen Geldgeber USA priorisiert. Deutschland hat bislang erst 6 Millionen Dosen von Moderna erhalten, aber bis zum Jahresende sollen noch weitere 72 Millionen Dosen kommen, also deutlich mehr als von BioNTech. Bei diesem relativ teuren Impfstoff dürfte auch der Andrang von Drittländern, die deutschen Kontingente zu übernehmen, überschaubar sein. Bei Janssen mit seiner amerikanischen Muttergesellschaft Johnson & Johnson ergibt sich ein sehr ähnliches Bild. Die Zahlen sind insgesamt nur etwa halb so groß, aber dieser Impfstoff wird ja aktuell als Einzeldosis eingesetzt (wobei ich vermuten würde, dass das die ersten Kandidaten für eine Auffrischung im Herbst sein werden, weil der Impfschutz nach aktueller Datenlage wirklich nicht gleich gut ist wie zwei Dosen der Wettbewerber). Bei AstraZeneca sind die zukünftigen Mengen am unsichersten, weil noch nicht klar ist, wie der Rechtsstreit mit der EU wegen der bisherigen Lieferverzögerungen beigelegt wird. Eigentlich hat Deutschland noch über 40 Millionen Dosen Vaxzevria zu bekommen – aber nach schlechter Presse hält sich das Interesse der deutschen Bevölkerung an diesen Dosen ja bekanntlich sehr in Grenzen, und ein großer Teil davon wird als Hilfe in anderen Ländern dankbar aufgenommen werden. Moderna, Janssen und AZ sind jedenfalls dabei, ihre Lieferungen deutlich zu steigern, werden aber wohl Anfang Juli den Rückgang bei BioNTech/Pfizer noch nicht ganz auffangen können.
So oder so – in zwei bis drei Monaten wird es bei den Erwachsenen nur noch darum gehen, wer sich impfen lassen will. Es bleibt nur zu hoffen, dass dann, mit mehr Daten aus den USA, auch die STIKO bereit ist, ihre Haltung (was man nicht direkt aus Patientendaten ablesen kann, wird immer in Richtung Harmlosigkeit der Krankheit und Gefährlichkeit der Impfung interpretiert) zur Impfung von Jugendlichen zu überdenken, damit wir nicht im Winter eine massive Durchseuchung der Schulen erleben und wieder ständig Schulklassen in Quarantäne haben müssen. Von den Kultusministern darf man hinsichtlich Vorsichtsmaßnahmen ja bekanntlich kein Verantwortungsbewusstsein erwarten.

5 Gedanken zu „Kurzes Impfstoff-Update: Keine gute Nachricht aus Tübingen“

  1. Guten Tag,
    vielen Dank für diesen ausführlichen und verständlichen Text.
    Was mir jedoch nicht ganz klar ist, ist die Tatsache, warum es sich nicht lohnen soll, die bei Bayer reservierten Produktionskapazitäten an andere Hersteller, die bereits einen zugelassenen Impfstoff herstellen können, zu übergeben. Selbst wenn CureVac es noch schaffen sollte einen ausreichend effektiven Impfstoff zugelassen zu bekommen, wird das ja kaum in den nächsten Monaten sein, weil noch entsprechend nachjustiert werden muss. Wäre es dann nicht hilfreich, jede verfügbare Produktionskapazität einzusetzen und nicht stillstehen zu lassen? Oder habe ich hier ein falsches Bild?

    1. Eventuell ginge das hier etwas schneller, weil beides mRNA-Impfstoffe sind, aber generell kann man für die Umrüstung der Produktion auf ein bislang unbekanntes Produkt locker mal sechs Monate ansetzen. BioNTech war in Marburg auch etwas schneller, aber die haben auch ohne Ende Geld auf das Problem geschmissen, und nicht nur ihr eigenes. Die schon vorproduzierten Mengen könnte man bei einer Umstellung auf jeden Fall wegschmeißen.
      Das ist ja auch nur ein Zwischenergebnis. Eventuell bewegt sich das mit mehr Daten noch Richtung 70% Wirksamkeit, 99% gegen schwere Verläufe? Das wäre im aktuellen Umfeld sehr okay. Vielleicht stellen wir fest, dass die in Südamerika mit sonst noch seltenen Varianten zu tun hatten, gegen die auch die bestehenden Impfstoffe nicht besser sind? Aus Peru kommen sonst wenig Daten. Wir wissen, Chile hat trotz sehr hoher Impfquote (okay, überwiegend mit chinesischen Totimpfstoffen) eine Inzidenz von 275.
      Eventuell kann CureVac seine Wirksamkeit noch steigern, indem man einfach die Dosis erhöht? Soweit ich im Hinterkopf habe, enthält der CureVac-Impfstoff nur ein Zehntel der mRNA-Menge wie BioNTech oder Moderna. Dann bräuchte man eine neue Phase 3, aber das wäre in sechs Monaten zu machen.
      Schließlich würde ich aus meiner beruflichen Erfahrung sagen, dass auch Topmanager in Großkonzernen nicht unbedingt immer wissen oder wissen wollen, was eine Sunk-Cost-Fallacy ist.

    2. Noch ein Gedanke: CureVac könnte versuchen, mit einer Studie an Genesenen aus der ersten Welle und den ersten Geimpften eine EU-Zulassung als reiner Boosterimpfstoff für Genesene und schon einmal geimpfte Risikopatienten zu bekommen. Dafür wird man keine Vektorimpfstoffe verwenden wollen, um nicht unnötig Vektorimmunitäten zu züchten, und die aktuellen mRNA-Impfstoffe sind dafür wahrscheinlich überdosiert.

  2. Soweit ich im Hinterkopf habe, enthält der CureVac-Impfstoff nur ein Zehntel der mRNA-Menge wie BioNTech oder Moderna.

    Ja, so hat es das ZDF in einem FAQ bestätigt: „Pro Impfdosis werden viel niedrigere Mengen mRNA als bei der Konkurrenz gebraucht: 12 Mikrogramm statt 30 wie bei Biontech/Pfizer und 100 wie bei Moderna.“

    Ein weiteres Statement: „Die geringe Wirksamkeit liege ’sehr wahrscheinlich an der Dosis‘, sagte Studienleiter Peter Kremsner der Nachrichtenagentur Reuters. Eine höhere Dosierung sei aber wegen zu erwartender Unverträglichkeiten nicht möglich gewesen: ‚Die Zusammensetzung des Curevac-Impfstoffs ließ keine höhere Dosierung zu.'“

    https://www.zdf.de/nachrichten/politik/corona-curevac-impfstoff-faq-100.html

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