Kurzes Impfstoff-Update: Keine gute Nachricht aus Tübingen

Die aktuelle Wasserstandsmeldung zur Phase-III-Studie für den mRNA-Impfstoff von CureVac ist auf jeden Fall keine gute Nachricht. Es gibt noch immer kein vollständiges Ergebnis, aber eine geschätzte Wirksamkeit von 47% ist ganz sicher nicht konkurrenzfähig mit den Impfstoffen, die wir heute in Deutschland einsetzen. Das Unternehmen verweist mit einer gewissen Berechtigung darauf, dass die Studie (die zum Teil in Lateinamerika durchgeführt wurde) mit anderen, aggressiveren Virusvarianten zu tun hatte als die Zulassungsstudien früherer Impfstoffe. Ich habe auch immer betont, dass Zahlen zur Wirksamkeit aus unterschiedlichen Studien kaum vergleichbar sind und zwischen BioNTech, Moderna, Janssen und AstraZeneca (AZ) in den Medien gerne Äpfel und Birnen gegenübergestellt werden. Gleichzeitig gilt aber, dass jeder ganz neue Impfstoff gegenüber denen, die schon zigmillionenfach eingesetzt wurden, immer ein zusätzliches Risiko unentdeckter seltener Nebenwirkungen hat. Wer mit einem Arzneimittel für denselben Bedarf später kommt, muss in der Regel in irgendeiner Hinsicht einen deutlichen Zusatznutzen mitbringen, um noch eine Zulassung zu bekommen, und da sind solche Zwischenergebnisse vor allem gegenüber den amerikanischen und europäischen Behörden sicher nicht hilfreich. 
Schlecht ist das vor allem im globalen Maßstab, weil viele Länder außerhalb Europas und Nordamerikas immer noch einen riesigen Bedarf an Impfstoff haben. Bei aller Schwierigkeit, Daten aus unterschiedlichen Studien zu vergleichen: Eine Wirksamkeit von 47% gegen Erkrankungen durch das aktuelle Variantenumfeld in Europa und Lateinamerika ist ähnlich gut, möglicherweise sogar besser als das, was die in vielen Ländern eingesetzten chinesischen Totimpfstoffe bieten. Die lagen schon gegen den ursprünglichen Wildtyp nur in dieser Größenordnung der Wirksamkeit. Ich denke aber nicht, dass CureVac sich ernsthaft mit dem Ruf eines drittklassigen Impfstoffs um eine Zulassung in diesen Ländern bemühen würde, wenn sich die Daten so erhärten und eine Zulassung bei EMA und FDA aussichtslos bleiben dürfte.
Gleichzeitig ist dieser Zwischenstand auch nicht so katastrophal, dass CureVac-Partner wie Bayer jetzt sehr kurzfristig aufgeben und ihre vorgehaltenen Produktionskapazitäten an Pfizer vermieten würden. Das wird uns also global einfach deutlich Zeit kosten.
Für Deutschland sehe ich den Effekt nicht so wahnsinnig dramatisch. Es war schon seit ein paar Wochen absehbar, dass CureVac durch den Rückgang bei den Fallzahlen gerade in Europa nicht genug Erkrankungen in der Studie haben würde, um noch im Juni eine Wirksamkeit belegen und im Juli zu unserer Versorgung beitragen zu können. Damit man zeigen kann, dass Geimpfte weniger erkranken als Placeboteilnehmer, braucht man ja Infektionen – ein Problem, das schon AstraZeneca letzten Sommer in Großbritannien hatte. 
Um mit dem ersten Durchimpfen der impfbereiten Erwachsenen bis September fertig zu sein, brauchen wir die ursprünglich eingeplanten Dosen von CureVac aber auch nicht. Dafür war es eben gut, dass Deutschland und die EU von vornherein auf diverse Hersteller verteilt viel mehr bestellt haben als nötig. Die aktuelle Impfkampagne läuft mit vier Impfstoffen parallel auf Hochtouren, und sie dürfte in der zweiten Junihälfte nochmal an Fahrt aufnehmen.
Eine kleine Delle bei den Lieferungen erwartet uns nochmal im Juli. Bislang wird die Kampagne mit mehr als 70% der insgesamt gelieferten Dosen ganz massiv durch den mRNA-Impfstoff von BioNTech/Pfizer getragen, auch durch die zusätzlichen Kontingente, die Deutschland als Gegenleistung für die Anschubfinanzierung der Bundesregierung bei BioNTech erhält. Diese Sonderkontingente laufen aber aus – nach 50 Millionen Dosen allein im zweiten Quartal sind von BioNTech/Pfizer nur noch 57 Millionen für den gesamten Rest des Jahres in der Planung. Bis September sollten das die anderen Hersteller aber ausgeglichen haben. Vor allem Moderna hat mit seinem mRNA-Impfstoff zunächst seinen eigenen Geldgeber USA priorisiert. Deutschland hat bislang erst 6 Millionen Dosen von Moderna erhalten, aber bis zum Jahresende sollen noch weitere 72 Millionen Dosen kommen, also deutlich mehr als von BioNTech. Bei diesem relativ teuren Impfstoff dürfte auch der Andrang von Drittländern, die deutschen Kontingente zu übernehmen, überschaubar sein. Bei Janssen mit seiner amerikanischen Muttergesellschaft Johnson & Johnson ergibt sich ein sehr ähnliches Bild. Die Zahlen sind insgesamt nur etwa halb so groß, aber dieser Impfstoff wird ja aktuell als Einzeldosis eingesetzt (wobei ich vermuten würde, dass das die ersten Kandidaten für eine Auffrischung im Herbst sein werden, weil der Impfschutz nach aktueller Datenlage wirklich nicht gleich gut ist wie zwei Dosen der Wettbewerber). Bei AstraZeneca sind die zukünftigen Mengen am unsichersten, weil noch nicht klar ist, wie der Rechtsstreit mit der EU wegen der bisherigen Lieferverzögerungen beigelegt wird. Eigentlich hat Deutschland noch über 40 Millionen Dosen Vaxzevria zu bekommen – aber nach schlechter Presse hält sich das Interesse der deutschen Bevölkerung an diesen Dosen ja bekanntlich sehr in Grenzen, und ein großer Teil davon wird als Hilfe in anderen Ländern dankbar aufgenommen werden. Moderna, Janssen und AZ sind jedenfalls dabei, ihre Lieferungen deutlich zu steigern, werden aber wohl Anfang Juli den Rückgang bei BioNTech/Pfizer noch nicht ganz auffangen können.
So oder so – in zwei bis drei Monaten wird es bei den Erwachsenen nur noch darum gehen, wer sich impfen lassen will. Es bleibt nur zu hoffen, dass dann, mit mehr Daten aus den USA, auch die STIKO bereit ist, ihre Haltung (was man nicht direkt aus Patientendaten ablesen kann, wird immer in Richtung Harmlosigkeit der Krankheit und Gefährlichkeit der Impfung interpretiert) zur Impfung von Jugendlichen zu überdenken, damit wir nicht im Winter eine massive Durchseuchung der Schulen erleben und wieder ständig Schulklassen in Quarantäne haben müssen. Von den Kultusministern darf man hinsichtlich Vorsichtsmaßnahmen ja bekanntlich kein Verantwortungsbewusstsein erwarten.

Mal was Vernünftiges zu Impfungen

Bevor ich wieder etwas über Physik schreibe (versprochen, versprochen), geht es heute doch nochmal kurz um Impfungen. Im Gegensatz zu meiner kleinen Materialsammlung über Clemens Arvay und sein Unterstützerumfeld neulich habe ich heute aber mal ein erfreuliches Thema.

Wenn man sich das Programm der großen Publikumsverlage ansieht, könnte man ja den Eindruck bekommen, Pseudomedizin, Verschwörungsglauben und Esoterik seien bei uns der absolute Normalfall. Bei Bastei Lübbe erscheint Clemens Arvays Agitation für die Verlängerung der Pandemie; Droemer Knaur verlegt Martin Hirtes angebliches „Handbuch für die individuelle Impfentscheidung“, ein nur oberflächlich getarntes Impfgegnermachwerk, und die auflagenstärkeren unter den Unsäglichkeiten von Rüdiger Dahlke finden sich quer durch die Bertelsmann-Gruppe sowie beim zur Ganske-Gruppe gehörenden Verlag Gräfe und Unzer. Bei Gräfe und Unzer erscheinen auch gleich serienweise Homöopathieratgeber mit Highlights wie Homöopathie für Kinder, Globuli statt Pillen und „Die sanften 3 der Naturheilkunde“. Ohne alle gelesen zu haben, kann man getrost davon ausgehen, dass man in diesen Büchern weder den Hinweis finden wird, dass Homöopathie eben nicht Naturheilkunde ist noch den alles entscheidenden: Homöopathie wirkt nicht über den Placeboeffekt hinaus. Weil man mit Büchern über Homöopathie gut Geld verdienen kann, findet man diese wie bei so ziemlich allen anderen größeren Verlagen natürlich auch bei „meinen“ beiden, aber dort eben wenigstens auch deutlichen Widerspruch.

Wenn man jetzt zwischen den ganzen Homöopathieratgebern bei Gräfe und Unzer ein Buch mit dem Titel „Fakten-Check Impfen“ findet, dann kann man leicht auf den Gedanken kommen, dass es sich um Impfgegner-Propaganda wie von Martin Hirte handelt. Vermutlich war es auch genau die Absicht der Autoren, auf diesem Weg die richtigen, nämlich die am Impfen zweifelnden, Leser zu erreichen – gehört doch zum Autorentrio mit Prof. Cornelia Betsch eine der anerkanntesten Expertinnen für für die Psychologie der Impfgegner. Der Mediziner Jan Oude-Aost ist einer der Initiatoren des wissenschaftsnahen Informationsnetzwerks Impfen (INI), das leider noch nicht die Reichweite des Informationsnetzwerks Homöopathie (INH) erreicht hat. Gleichzeitig ist er, auch aus seiner Tätigkeit als Kinder- und Jugendpsychiater heraus, einer derjenigen Skeptiker, die sich für einen verständnisvollen Dialog mit Anhängern antiwissenschaftlicher Glaubenssysteme einsetzen. Nicola Kuhrt ist eine erfahrene Medizinjournalistin und war jahrelang Chefredakteurin der Onlineausgabe der Deutschen Apotheker Zeitung. Inzwischen ist sie mit dem Rechercheportal MedWatch fragwürdigen medizinischen Behauptungen auf der Spur.

Im Sinne eines klassischen Ratgebers richtet sich das Buch vor allem an Leser, die zu Impfungen in irgendeiner Form verunsichert sind. Gleich am Anfang finden sich schon Verweise auf bestimmte Kapitel für Leser, die eher zum Impfgegnerlager tendieren, für Unentschlossene, Zögerliche und für Menschen, die zum Impfen bereit sind. Es geht dabei nicht schwerpunktmäßig um die aktuell heiß diskutierten innovativen Impfstoffe gegen Covid-19, wobei diese natürlich auch erwähnt werden. Gerade dem Thema Impfungen für Kinder wird breiter Raum gegeben, und neben einem Interview mit einer Kinderärztin gibt es praktische Tips, wie man den Impftermin für Kinder möglichst positiv gestalten kann.

Nach einem einführenden, sehr praxisbezogenen Teil gliedert sich das Buch in drei weitere große Abschnitte: Zunächst einmal wird, in viele Einzelfragen aufgeteilt, die Wirkung und Sicherheit von Impfstoffen erklärt. Dazu gehören die unterschiedlichen Impfstofftypen, auch innovative, die erst in der Pandemie in den Blickpunkt der Öffentlichkeit geraten sind, ebenso wie Fragen der Erprobung und Zulassung, bis hin zu den auch für zugelassene Impfstoffe nicht selbstverständlichen Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO). Im folgenden Abschnitt wird ein breites Spektrum an Impfmythen und mehr oder weniger unrealistischen Vorbehalten diskutiert, von Inhaltsstoffen über den vermeintlichen Nutzen von Kinderkrankheiten bis hin zu typischem Verschwörungsdenken. Dann folgt ein ziemliches Alleinstellungsmerkmal dieses Buches: Ein umfassender Einblick in die Struktur und Argumentationsweise der Impfgegnerszene, von einer Kommunikation, die fast nur noch in der eigenen Blase stattfindet, über das Herauspicken einzelner, methodisch minderwertiger Studien bis zum Nacherzählen reißerischer und oft realitätsferner Einzelfallgeschichten. Abschließend folgen noch Empfehlungen für Diskussionen mit dem Partner und anderen Eltern, ein Quellennachweis sowie Hinweise auf nützliche Informationsquellen im Internet.

„Fakten-Check Impfen“ ist allgemeinverständlich und angenehm zu lesen, wobei die Ratgeberstruktur dazu führt, dass beim Durchlesen von vorne nach hinter gelegentlich der Eindruck relativ erratischer Themensprünge entsteht. Unterhaltsam ist es ebenfalls, nicht nur dank des Vorworts von Eckart von Hirschhausen.

Alle Inhalte sind solide und fachlich belegt, und es ist zu hoffen, dass viele Verunsicherte, vor allem viele Eltern, im Regal mit den Gesundheitsratgebern zu diesem wirklich erfreulichen Werk greifen.

 

Leider noch was zu Arvay

Nach dem Artikel über Clemens Arvay vom letzten September hatte ich mir vorgenommen, die Aktivitäten dieses Menschen nicht mehr weiter zu kommentieren, um ihm nicht noch zusätzliche Aufmerksamkeit zuzuleiten. Ich habe ihn dann nur noch beiläufig in Antworten auf die Kommentare zu anderen Artikeln erwähnt und bei wichtigen Themen den früheren Artikel aktualisiert.

Update 14.6.21: Falls jemand das gerade aktuelle Arvay-Video durchlitten hat und eine Einordnung von seriöser Seite sucht oder einfach wissen möchte, welcher Unsinn dort jetzt wieder herumgeistert, dem kann ich den folgenden Twitter-Thread (für die Nicht-Twitterer: ein Twitter-Posting samt einer Reihe von Antworten, auch ohne Twitter-Anmeldung sichtbar) von @DerGraslutscher empfehlen. Der Mediziner Janos Hegedüs hat Arvays neues Geschwurbel inzwischen auch in einem Video fachlich eingeordnet.

Da er die Aufmerksamkeit dank der Beihilfe des Lübbe/Quadriga-Verlags, seiner vielen Fans aus der Querdenker-, QAnon– und Reichsbürgerszene und diverser willfähriger Journalisten nun ohnehin bekommen hat, hat sich dieser Vorsatz inzwischen erledigt. Lust auf einen ausführlichen, kommentierenden Artikel habe ich aber immer noch nicht, also liste ich einfach mal auf, was sich in letzter Zeit so alles ereignet hat. Das ist nicht mehr als eine Aneinanderreihung einzelner Beobachtungen – erwartet also keinen durchdachten Artikel.

  • Nachdem Arvay seine Fanboys inzwischen mehrfach in weinerlichen Videos gegen mich aufgewiegelt hat, werde ich von denen mehr als sechs Monate nach meinem Artikel über ihn immer noch auf unterschiedlichen Kommunikationskanälen belästigt, womit sich inzwischen auch schon die Staatsanwaltschaft beschäftigen musste.
  • Da er seit vergangenem Jahr ja immer wieder darauf aufmerksam gemacht wurde, dass einen ein Abschluss in Agraringenieurwesen mit einer Masterarbeit zu einem soziologischen Thema nicht zum Biologen macht, hat sich Arvay von der European Countries Biologists Association ein Zertifikat als „European Professional Biologist“ ausstellen lassen, mit dem er jetzt ständig in den sozialen Netzwerken herumwedelt. Dazu ist er offenbar auch der Austrian Biologist Association (ABA) beigetreten, was tatsächlich ein seriöser Fachverband ist. Nachdem deutlich wurde, wozu Arvay seine Mitgliedschaft benutzt, hat sich die ABA am 16. April sehr nachdrücklich von seinem Gedankengut distanziert und sich zu Covid-Impfungen und den Aussagen der entsprechenden wissenschaftlichen Institutionen bekannt – vorsichtshalber ohne Arvays Namen zu nennen, aber inhaltlich klar erkennbar.
  • Wo er jetzt ja das Zertifikat hat, hat Arvay auch erklärt, er habe eine Doktorarbeit in Biologie begonnen – er will also offenbar doch noch versuchen, zu lernen, wie man wissenschaftlich arbeitet. Dazu behauptet er: „Ich habe zuvor noch nie ein Doktorat begonnen und habe auch nie eine Dissertation abgebrochen.“
    Das ist allerdings irgendwie seltsam, denn für sein Buch „Der Biophilia-Effekt“ wurde schon seit mindestens 2016 (und auch noch vor vier Wochen) mit der Aussage geworben, er arbeite an einem Doktorat in Medizinwissenschaft über ein ganz anderes Thema. Nachzulesen war das auf der Homepage seines eigenen Verlags. Mir würde ja auffallen, wenn einer meiner Verlage in der Darstellung eines meiner Bücher mit falschen Behauptungen zu meiner Biographie werben würde. Da fragt man sich doch, von wem der Verlag die Biographie seines Autors denn bekommen hat.
    Dort ist auch nachzulesen, dass sich Arvay zu seinem Buch ein Vorwort von Rüdiger Dahlke hat schreiben lassen. Dahlke verbreitet unter anderem den Verschwörungsmythos, dass wir alle im Auftrag diverser Regierungen von Flugzeugen gezielt mit Giften (Chemtrails) besprüht würden. Auf dem rechtsesoterischen Quer-Denken-Kongress in Friedberg 2015, von dem damals führende NPD-Funktionäre begeistert berichtet haben, erklärte Dahlke, (ähnlich wie in diesem Video) wir hätten zu viel Demokratie und zu wenig Hierarchie.
  • Inzwischen ist ja auch Arvays lange angekündigtes Anti-Impf-Buch erschienen. Dr. med. Jan Oude-Aost (einer der Autoren des sehr viel empfehlenswerteren Buchs Fakten-Check Impfen)  hat es in drei Artikeln auf eingeimpft.de (1 2 3) ausführlich auf seinen Wahrheitsgehalt überprüft. Ich finde es bewundernswert, wie Jan Oude-Aost es schafft, ein so vernichtendes Ergebnis so respektvoll und wertschätzend zu formulieren. Ich hoffe, meine Leser hier erwarten das nicht auch von mir.
  • Ein lustiges Falschmeldungs-Spiel gab es im April zwischen Arvay und der Frankfurter Rundschau. Zunächst, am 8. April, brachte FR-Wissenschaftsredakteurin Pamela Dörhöfer eine vollkommen unkritische Rezension über Arvays inhaltlich, wie schon erwähnt, höchst mangelhaftes Anti-Impf-Buch. Vier Tage später berichtete dieselbe Autorin dann über eine israelische Studie zur Wirksamkeit von Impfungen gegen unterschiedliche Virusvarianten. Die Erkenntnis aus der Studie ist eigentlich weder sonderlich neu noch schwer zu verstehen: Aktuelle Impfstoffe schützen gegen alle Virusvarianten, aber gegen die „südafrikanische“ B.1.351 (vor allem in den ersten zwei Wochen nach der Impfung) nicht ganz so herausragend gut wie gegen die bei uns vorherrschende „britische“ B.1.1.7. In der Rundschau wurde daraus für mehrere Tage die falsche Aussage, „dass sich Geimpfte häufiger als Ungeimpfte mit der südafrikanischen Variante infizierten.“ Arvay sprang auf die Falschmeldung (die er als angeblicher Experte doch eigentlich sofort hätte erkennen müssen…) nicht nur auf, sondern setzte noch eins drauf:

    Infektionsverstärkende Antikörper, also der bei einigen wenigen Viren auftretende Effekt, dass bestimmte Reaktionen des Immunsystems dem Virus seine Arbeit erleichtern anstatt sie zu verhindern, gehören logischerweise zum Ersten, wonach man bei einem neuen Impfstoff lange vor der Zulassung sucht. Dass sie bei SARS-CoV-2 (und zwar bei allen bekannten Varianten) keine relevante Rolle spielen können, zeigt sich aber auch schon daran, dass die zugelassenen Impfstoffe vor allen Varianten schützen – nur eben nicht vor allen gleich gut.
    Um den 21.4. herum wurde der Artikel auf der Seite der FR dann stillschweigend korrigiert – und war kurz darauf von Arvays Facebookprofil spurlos verschwunden.
  • Es gibt tatsächlich auch Zeitungen, die die Mängel in Arvays Behauptungen deutlich ansprechen, zumindest in seiner Heimat Österreich. Im Zusammenhang mit Covid-19 und der Querdenkerbewegung ist allerdings auch der Blog Volksverpetzer.de zu empfehlen, der nicht nur die Fehler in der Frankfurter Rundschau und die Löschung kritischer Kommentare (unter anderem von mir) durch die FR ausführlich aufgearbeitet hat. Auch zu Arvays absurder Agitation gegen die Wissenschafts-Erklärvideos von MaiLab gibt es dort zwei sehr lesenswerte Artikel. Wer mich kennt, kann sich denken, dass ich kein besonderes Interesse damit verbinde, einen deutlich linken Politblog zu promoten, aber gerade bei allem, was mit Covid und den damit verbundenen Verschwörungsmythen zu tun hat, sind die Qualität der Recherchen und die journalistische Aufarbeitung beim Volksverpetzer wirklich hervorragend und stellen die Arbeit vieler etablierter Medien deutlich in den Schatten.
  • Falls jemand tatsächlich noch Zweifel hatte, dass es sich bei Clemens Arvay  um einen Hardcore-Querdenker handelt, empfehle ich mal einen Blick darauf, wie er auf der Facebook-Seite von ORF 2 das Gedenken an die Opfer der Pandemie verhöhnt, von „hunderttausenden“ Toten durch den Lockdown halluziniert und sich dann auf seiner eigenen Seite auch noch damit brüstet:
    Um die wirren Behauptungen zu Malaria und Hunger mal in Perspektive zu rücken: Innerhalb eines Jahres sterben laut Global Burden of Disease Monitor weltweit rund 140.000 Menschen an Unterernährung und knapp 600.000 an Malaria. Wie sich diese Zahlen durch Maßnahmen gegen Covid-19 nennenswert verändern sollen, erscheint mir nur im Rahmen eines völligen Realitätsverlusts durch Versinken im Verschwörungsglauben nachvollziehbar. Innerhalb der letzten 12 Monate wurden dagegen allein schon rund 3 Millionen Todesfälle durch Covid-19 offiziell erfasst. Hinzu kommen  diejenigen Covid-Toten in Entwicklungsländern, die nie diagnostiziert werden, weil sie ohne ärztliche Versorgung zu Hause gestorben sind – und dazu noch sämtliche Covid-Toten in Ländern wie Tansania, Nicaragua oder Nordkorea, wo überhaupt nicht getestet wird.
  • Interessant übrigens, dass in Arvays eigenem Screenshot oben eine Mitteilung des Telegram-Messengers zu sehen ist, wo er doch behauptet, Telegram noch nie gesehen zu haben und überhaupt nicht zu benutzen:
  • Angesichts der aktuellen Enthüllungen über Frank „den Reisenden“ Schreibmüller, der für diverse Größen der Rechts- und Querdenkerszene Telegram-Kanäle etabliert und ihnen dann zur Übernahme angeboten haben soll, erhält Arvays Behauptung allerdings eine gewisse Glaubwürdigkeit, der inzwischen umbenannte Telegram-Kanal mit seinem Namen sei nicht von ihm selbst eingerichtet worden.
  • Wenn man liest, wie Arvay auf Facebook über die extrem seltenen Komplikationen durch Astra Zenecas Impfstoff Vaxzevria schreibt, könnte man meinen, er hätte im Fußball gewonnen.

    Nein, es hat niemand gewonnen; es sind Menschen gestorben. Genau gesagt sind europaweit bis zum 25.3. dieses Jahres 18 Menschen gestorben, von rund 25 Millionen, die bis dahin diesen Impfstoff erhalten hatten. Zur Einordnung: Wären diese Menschen dauerhaft ungeimpft geblieben, hätte man damit rechnen müssen, dass zwischen 50.000 und 200.000 von ihnen an Covid-19 sterben. Dass wir überhaupt über so seltene Impfkomplikationen reden, liegt eigentlich nur daran, dass wir mit den mRNA-Impfstoffen Alternativen haben, bei denen noch nicht einmal dermaßen seltene schwerere Probleme zu finden sind. Dass er vor ein paar Monaten gegen die auch agitiert hat, erwähnt Arvay zumindest in seinen Facebook-Posts vorsichtshalber nicht mehr.
  • Dass Arvay sein ganzes Anti-Impf-Geschwurbel vor einem Jahr mit dem Verbreiten der großen Bill-Gates-Impf-Verschwörung eingeleitet hat, hatte ich ja schon im letzen Artikel erwähnt. Er propagiert aber auch alle möglichen anderen abstrusen Verschwörungsmythen. Vor ein paar Tagen hat er sich erst einen Artikel über einen implantierbaren Chip herausgegriffen, der dazu dienen soll, Ausbrüche ansteckender Krankheiten in isolierten Militäreinheiten schnell zu erkennen. Dazu spinnt er sich dann zusammen, mit dem Chip seien „offenbar“ Bewegungsverfolgung und Überwachung möglich, und er sei entwickelt worden, um (gerichtet an seine Facebook-Fans) „Euer Blut permanent zu überwachen“.
    Damit verbreitet er unmittelbar den Chip-Implantat-Überwachungsmythos antisemitischer Verschwörungsideologen, wie er schon seit Jahren immer wieder auch vom Hetzkanal kla.tv der OCG-Sekte verbreitet wird, gerne auch als Teil von Anti-Impf-Propaganda. Kein Wunder, dass man in den Videos von kla.tv dann auch den „besorgten“ Bürger Arvay wiederfindet, was um so witziger ist, weil er in letzter Zeit offenbar auch versucht, sich an selbsternannte „revolutionäre Antifaschisten“ anzubiedern.
  • An anderer Stelle schreibt Arvay, Bill Gates habe in ein Patent zur Verdunkelung der Sonne investiert. Dazu gibt er als Fußnote einen Artikel auf einer Seite namens TechAndNature an, was den Eindruck erweckt, es handele sich um einen Beleg für seine Behauptung – nur dass in dem Artikel von einem Patent oder sonstiger wirtschaftlicher Verwertung mit keinem Wort die Rede ist. Arvay macht aber gleich weiter mit der Behauptung, das geschilderte Forschungsprojekt über denkbare Technologien zur Abschwächung des Klimawandels sei für Gates „bestimmt gewinnbringend“ und bringt das mit Gates‘ angeblich lukrativen „Pharmaseilschaften“ in Verbindung.

    Wie ein Zuschuss über eine gemeinnützige Stiftung zu einem Experiment der Grundlagenforschung, von dem selbst die Versuchsleiter sagen, dass sie die erforschte Technologie lieber nicht in großem Maßstab eingesetzt sehen möchten, gewinnbringend sein soll, kann Clemens Arvay sich selbst wahrscheinlich irgendwie erklären. Zur Frage, warum aus der Sicht von Verschwörungsgläubigen hinter solchen Aktivitäten unbedingt finstere Gewinnerzielungsabsichten stehen müssen, empfehle ich die Bücher Verschwörungsmythen und Warum der Antisemitismus uns alle bedroht des Antisemitismusbeauftragten von Baden-Württemberg, Michael Blume.
  • Ende Dezember verlinkt Arvay auf Facebook ein Video über angebliche „Mediale Diffamierung“ gegen ihn in der österreichischen Wochenzeitung Falter und kommentiert das mit: „Dank an den Urheber!“

    Unter dem Link diskutiert Arvay mit Kommentatoren fröhlich, wer „the Fuck“ die im Video attackierte Journalistin sei.

    Damit kann ihm eigentlich auch nicht entgangen sein, welch wirre Fake News und antisemitisches Verschwörungsgeschwurbel in den weiteren Kommentaren zu seinem Post verbreitet werden. Das scheint ihn aber nicht zu stören, denn er hat es bis heute weder kommentiert noch gelöscht:


    Wer der von Arvay mit solchem Dank bedachte Urheber des Videos ist, kann ich leider nicht mehr feststellen, weil selbiger offensichtlich Gründe hatte, das Video auf Youtube wieder zu löschen. Eine Google-Suche nach dem Titel zeigt aber deutlich, bei welchem Umfeld Arvay sich da bedankt: Sie führt auf die Seite Korrekter.com:

    Sämtliche Links rechts neben dem Arvay-Video führen weiter auf die Seite „Journalistenwatch“, laut ZEIT eins der einflussreichsten Medien der Neuen Rechten in Deutschland. Unter der Rubrik „Verbotenes Wissen“ verlinkt Korrekter nicht nur wirre Räuberpistolen über UFOs, Aliens, die Antarktis und Erich von Däniken, sondern auch eine ganze Serie islamfeindlicher Videos des Pegida-Aktivisten Michael Stürzenberger.
    Die Dankbarkeit fügt sich also nahtlos ein in Arvays Verbrüderung mit Leuten wie Gunnar Kaiser, Wikihausen oder dem früher gerade noch ultrakonservativ zu nennenden österreichischen Querdenker-Granden Raphael Bonelli, sein Interview bei den NachDenkSeiten und seinen Solidaritätsbekundungen für den Verschwörungspropagandisten Sucharit Bhakdi, der inzwischen öffentlich erklärt hat, Deutschland sei eine Diktatur. Falls also tatsächlich noch jemand Clemens Arvay die Frage abkauft, wer ihn immer wieder mit der rechten Szene in Verbindung bringt: Das ist er selbst.

Der selbstgebastelte „Impfstoff“ aus Lübeck

Eigentlich würde ich vom Thema Impfstoffe hier gerne etwas wegkommen, wenn ich endlich wieder mehr Zeit zum Schreiben habe, aber irgendwas ist dann doch immer. Ich hatte ja schon vor einem Dreivierteljahr damit gerechnet, dass Leute sich etwa jetzt darüber aufregen würden, wer wann geimpft wird und warum wir nicht schon viiiiieeeeeelllll mehr Impfstoff haben. Ich hatte auch schon damit gerechnet, dass die üblichen Verschwörungsschwurbler Schauermärchen über erfundene Impfschäden erzählen. Ich hatte damit gerechnet, dass Pseudoexperten, deren einzige jemals vollbrachte wissenschaftliche Leistung eine soziologische Masterarbeit ist, mit Tatsachenverdrehungen über moderne Impfstoffe auf der Spiegel-Bestsellerliste landen. Mir war auch von Anfang an klar, dass Altenaivmediziner anfangen würden, homöopathische oder „geistige“ Impfungen zu verhökern. Hätte mir allerdings jemand erzählt, dass sich, noch nach der Zulassung seriöser Impfstoffe, Menschen dafür begeistern würden, Amateure mit ungetesteten Impfstoffkandidaten an ihrem Immunsystem herumpfuschen zu lassen, und dass etablierte Medien das noch anstacheln würden, dann hätte ich der betreffenden Person unterstellt, sie hätte zu viel Breaking Bad gesehen.

Im Moment werde ich aber von diversen Seite mit Anfragen, gerne garniert mit zynischen Bemerkungen gegen die Pharmaindustrie, zum angeblichen Wunderimpfstoff bombardiert, den ein Herr Stöcker aus Lübeck im Labor seiner Medizintechnikfirma entwickelt haben will. Aktuell kocht das Ganze total über, weil der Spiegel sich darüber ausgelassen hat, Stöcker habe „statt Lob und Anerkennung“ eine Strafanzeige bekommen – und um das vorwegzunehmen, ich frage mich, ob sich beim Spiegel irgendjemand zur Sach- und Rechtslage kundig gemacht hat, bevor man hier auf die Idee gekommen ist, Lob und Anerkennung könnten überhaupt zu Diskussion stehen. Oder, um die international renommierte Impfstoffgutachterin Petra Falb zu zitieren: Er hat sich definitiv massiv strafbar gemacht.“ Das Zitat habe ich hier nachträglich eingefügt – ich hatte mich in dem Punkt erst mal zurückgehalten, weil diesbezügliche Rechtsfragen nicht mein Thema sind. Ich empfehle ihren Kommentar generell zum Lesen. Inzwischen (7.3.) hat sie auch einen eigenen Blogartikel zum Thema online. Das ist unglaublich wertvoll, weil sie von der eigentlichen Problematik (ich kenne das ja nur von der Marktseite, von der grundsätzlichen Frage der Wissenschaftlichkeit her und von dem, was ich mir im Verlauf der Pandemie angelesen habe) wirklich tiefgreifende Ahnung hat. Die wichtigste Passage: „[…] es ist völlig unverständlich, wie sich hier jemand, der das Gesetz und auch die Arzneimittelsicherheit derart mit Füßen tritt, auch noch als Opfer darstellen kann. Leider muss man auch den betreffenden Journalisten, die diesen Bericht zu verantworten haben, schlechte Recherche vorwerfen – was hier zu sehen ist und vor allem wie dieses Thema aufbereitet wurde ist alles andere als objektiv und fachlich korrekt und trägt extrem zu Verwirrung und Verbreitung falscher Informationen bei.“ Lesenswert ist auch der Twitterthread des promovierten Neurobiologen Lars Dittrich, der inzwischen der MaiLab-Redaktion angehört.

Was mich ein bisschen verwundert hat, war zunächst, wer Stöcker zu diesem Hype verholfen hat, aber nach einem Hinweis aus der Twitter-Community dämmert mir langsam, aus welcher Ecke solch treue Gefolgschaft kommt. In seinem Blog wettert er gegen „Klimahysterie“ und geschlechtsneutrale Formulierungen, erklärt, die AfD habe „heute in vielen Sachfragen die besten Argumente“ und ruft wegen der Aufnahme von Flüchtlingen zum „Sturz der Kanzlerin Merkel“ und zu einem „Aufstand der Anständigen“ auf.

Was hat er aber jetzt bei seinem „Impfstoff“ gemacht: Er hat einen Bestandteil des SARS-CoV-2 Virus im Labor nachgebaut. Seine Idee ist, man spritzt diesen Bestandteil in einen Patienten, das Immunsystem reagiert auf dieses fremde Antigen, baut eine Immunreaktion auf, und die schützt dann auch gegen das ganze Virus. Das ist vom Prinzip her nicht viel anders, als praktisch alle westlichen Impfstoffkandidaten gegen Covid-19 funktionieren. Stöckers „Impfstoff“ wäre, falls er denn wirkte, ein Protein-Subunit-Impfstoff (die unterschiedlichen Impfstofftypen gegen Covid-19 habe ich schon im August erklärt) – sowas gibt es im Prinzip schon länger gegen Grippe, und es sind auch mehrere seriöse Kandidaten in der Entwicklung gegen Covid-19.

Warum ist aber nun bei den Impfstoffen und Impfstoffkandidaten der seriösen Labore und Hersteller alles doch ein bisschen komplizierter? Nun, die Erfahrung hat über viele Jahre gezeigt, dass, wenn man einfach nur ein fremdes, wirkungsloses Protein in hinreichender Menge in einem Muskel spritzt, das Immunsystem zwar reagiert und auch Antikörper produziert, die Wirkung aber weder stark noch andauernd genug ist, um einen längerfristigen Schutz zu erzeugen. Damit das Immunsystem dennoch einen entsprechenden Schutz aufbaut, verwendet man in der Regel einen der folgenden Tricks:

  • Man präsentiert dem Immunsystem das Antigen über einen längeren Zeitraum immer wieder, indem man z.B. Körperzellen dazu bringt, es nachzuproduzieren. Das tun die in meinem Artikel genannten RNA-, DNA- und Vektorvirusimpfstoffe.
  • Man bindet das Antigen in eine Struktur ein, die irgendwie virusähnlich aussieht (virus like particle, VLP), um dem Immunsystem etwas Gefährliches vorzutäuschen. Solche Impfstoffe sind gegen Covid-19 noch nicht in fortgeschrittenen Entwicklungsphasen. Falls zugelassen, wäre auch die Produktion nicht einfach.
  • Man sorgt dafür, dass durch eine lokale Entzündung am Ort der Injektion das Immunsystem wild auf alles losgeht, was gerade dort auftritt, also vor allem auf das dort injizierte Antigen. Das erreicht man mit sogenannten Impfadjuvantien (das historisch bekannteste davon sind übrigens die von Verschwörungsgläubigen gerne verteufelten und heute eher selten verwendeten Aluminiumsalze). So funktionieren praktisch alle seriösen Protein-Subunit-Impfstoffe, die gegen Covid-19 in der fortgeschrittenen Entwicklung sind. Das sind nach aktuellem Stand allein schon 24 Impfstoffkandidaten – ein weiterer wurde im Lauf der Patientenstudien schon aufgegeben.

Könnte es theoretisch sein, dass aus irgendeinem ominösen Grund ein solo gespritztes Protein trotzdem zu einer schützenden Immunreaktion führt, wenn es nicht von einem seriösen Hersteller, sondern von Stöcker kommt? Denkbar ist vieles. Zum Beispiel könnte eine bei ihm produktionsbedingte Verunreinigung zufällig als noch unbekanntes Impfadjuvans wirken. Das ist eben nur sehr, sehr, sehr unwahrscheinlich. Wesentlich wahrscheinlicher wäre, dass eine solche Verunreinigung zufällig gesundheitsschädlich ist. Wie es mit systematischer Adjuvierung von Stöckers Impfstoff aussieht, ist vollkommen unklar. Auf seiner Homepage erklärt er tatsächlich, der Impfstoff sei mit Alhydrogel (ja, dem angeblich doch so bösen, bösen Aluminium!!!) adjuviert, während er in Interviews wie dem verlinkten Spiegel-Video regelmäßig behauptet, es handele sich nur um ein Antigen. Eine dieser Behauptungen kann offensichtlich nicht stimmen.

9.3.21: So langsam trudeln von ein paar gutinformierten Lesern neue Hinweise ein, und ich kann mir über diesen Kerl einfach nur immer mehr an den Kopf fassen. Auf seiner Homepage schreibt er ausdrücklich, dass er in dem Zeug, das er seinen Angestellten injiziert hat und das er als „Impfstoff“ in Verkehr bringen will, Alhydrogel vom Lieferanten InvivoGen verwendet. Na gut, werfen wir mal einen Blick auf die Produktbeschreibung auf der Homepage des Herstellers, und was lesen wir da?InvivoGen products are for research purposes only; they are not for use in humans. Wie verantwortungslos kann man eigentlich sein?

Nun behauptet Stöcker aber, sein „Impfstoff“ schütze trotzdem. Ob das stimmt, weiß ich nicht. Was ich aber weiß, ist, dass er es auch nicht weiß. Und Christian Drosten und Hendrik Streeck, von denen er behauptet, sie hätten die Wirksamkeit bestätigt (die das aber offenbar öffentlich nicht bestätigen wollen), können das ebenfalls nicht wissen. Dazu müsste man nämlich sehen, dass die damit Geimpften signifikant weniger häufig erkranken als Ungeimpfte. Genau das ist es, was die Entwicklung eines seriösen Impfstoffs so teuer und bei den meisten anderen Erkrankungen auch langwierig macht. Genau dieser Nachweis macht den Unterschied aus zwischen einem Impfstoff und irgendwas, was sich irgendwer in irgendeinem Labor zusammengebraut hat – und von dem in diesem Fall wie schon erwähnt auch sehr, sehr, sehr unwahrscheinlich ist, dass es schützt.

Wenn man nicht ausschließen kann, dass Stöckers Protein auch ohne ein gezielt eingesetztes Adjuvans wirkt, könnte man ja zumindest sagen, vielleicht hat er keinen Impfstoff, aber möglicherweise einen Kandidaten für die Impfstoffentwicklung? Im Prinzip schon. Das ist der erste und banalste Schritt in der Entwicklung eines Arzneimittels – man baut sich ein Molekül zusammen, von dem man hofft, dass es eine Wirkung hat und niemanden umbringt. Das hat auch gegen Covid-19 nach exakt dem gleichen Prinzip eine ganze Reihe von Pharmaherstellern schon vor einem Jahr getan. Die haben einen Bestandteil des SARS-CoV-2-Virus (in der Regel das Spike-Protein oder ein Teil davon mit irgendwas drangehängt) genommen und im Labor nachgebaut und mit unterschiedlichen Adjuvantien in Zellkultur- und Tierversuchen getestet, wie sie die beste Immunreaktion bekommen. Genau auf dem Stand ist er jetzt. Es ist allerdings auffällig, dass von dieser Art Impfstoffe noch keiner zugelassen ist. Offenbar ist es selbst mit sorgfältig ausgewählten und in ihrer Dosierung optimierten Adjuvantien nicht ganz trivial, aus einem Protein-Impfstoff eine gute, verträgliche Schutzwirkung gegen Covid-19 zu bekommen. Der fortgeschrittenste derartige Kandidat, von Novavax, steht aber inzwischen in mehreren Ländern kurz vor der Zulassung.

Dass viele Moleküle (mehr als 99,9%) den Schritt vom vielversprechenden Laborkandidaten zum zugelassenen Arzneimittel nie schaffen, ist ganz normal. Die meisten derartigen Entwicklungen, die in einzelnen Zellen noch gut gewirkt haben, müssen schon nach Tierversuchen aufgegeben werden. Diesen vor allem für die Sicherheit der Testpersonen wichtigen Zwischenschritt hat der gute Mann ganz offensichtlich einfach ausgelassen und gleich mal Menschen als Versuchskaninchen benutzt. Nun gut, es scheinen zufällig alle überlebt zu haben. Also, hoffentlich. So genau weiß er das ja nur selbst. Wer so etwas seriös betreibt, muss seine Patientenversuche vorher öffentlich nachvollziehbar registrieren, damit man unliebsame Daten nicht verschwinden lassen kann.

Wenn Tierversuche gut laufen, macht man Verträglichkeitstests (Phase I) an Freiwilligen, in denen man bei einem Impfstoff auch erkennt, ob das Immunsystem wenigstens kurzfristig Antikörper und eine T-Zell-Reaktion produziert. Entsprechende Daten hat Stöcker nicht veröffentlicht (und ich habe große Zweifel, ob die meisten dafür erforderlichen Informationen jemals erhoben wurden), aber er würde wahrscheinlich behaupten, eine Phase-I-Studie hätte er mit seinem illegalen Verspritzen gemacht – eine angebliche Phase-I-Studie ohne die zum Schutz der Versuchspersonen erforderliche Genehmigung, ohne Ethikkommission, ohne medizinische Überwachung der Versuchspersonen und ohne sachgerechte Dokumentation der Ergebnisse. Dafür behauptet Stöcker, die Gespritzten hätten danach Antikörper gegen SARS-CoV-2 gehabt. Wie erwähnt, irgendeine Immunreaktion bekommt man eigentlich immer, aber ein dauerhafter Schutz wäre sehr, sehr, sehr unwahrscheinlich. Und er müsste, wenn er denn existierte, erst mal bewiesen werden. Genau dazu gibt es die folgenden Erprobungsphasen, die Stöcker mal eben als „bagatellartige Immunisierung“ abtut, die aber die einzige Möglichkeit sind, eine Schutzwirkung zu erkennen.

Nach erfolgreicher Phase I kann man die Ergebnisse also mal einer Ethikkommission und dem Paul-Ehrlich-Institut vorlegen, ob der zu erwartende Nutzen das Risiko rechtfertigt, das Zeug einer größeren Probandenzahl (so 500 bis 2000) in der Phase II zu verabreichen, in der man dann schon systematischere Aussagen zur Sicherheit bekommt. Bei anderen Arzneimitteln sieht man in der Phase II auch meist schon eine Wirkung – dafür hat man aber bei einem Impfstoff, gerade bei der Häufigkeit von SARS-CoV-2-Infektionen in den meisten Ländern, noch viel zu wenig Probanden.

In der Phase III braucht man dann so zwischen 30.000 und 50.000 Probanden in Gebieten mit relativ hoher Infektionstätigkeit, um nachweisen zu können, dass die Immunreaktion tatsächlich vor einer Erkrankung schützt. Wenn man das geschafft hat, und alle zugelassenen Impfstoffe haben das geschafft, dann kann man eine Zulassung beantragen.

Insofern, ja, mit einem zwei- bis dreistelligen Millionenbetrag für Patientenstudien könnte Stöcker in sechs bis neun Monaten soweit sein, dass das Zeug zugelassen wird – falls es denn tatsächlich irgendwie schützt und sicher ist. Nur sind da eben schon 24 Andere mit dem identischen Ansatz besser umgesetzt (nämlich mit Adjuvans) und nochmal 52 Andere mit anderen Impfstoffansätzen, die alle auf genau diesem Weg schon viel, viel weiter sind.

Es gibt aber noch ganz andere Erfahrungen mit der Entwicklung von Covid-Impfstoffen nach Stöckers Muster. CSL-Sequirus, einer der weltgrößten Hersteller von Grippeimpfstoffen, hat sein Projekt für die Entwicklung eines Protein-Subunit-Impfstoffs gegen Covid-19 aufgegeben, offensichtlich weil sich in Patientenstudien ergeben hat, dass der Impfstoff nicht gleichzeitig sicher und wirksam einsetzbar hinzubekommen war. Sanofi und GSK, zwei Pharmariesen mit breiter Impfstofferfahrung, hängen in ihrer Entwicklung eines solchen Impfstoffs seit vielen Monaten in frühen Patientenstudien fest und peilen jetzt eine Markteinführung frühestens zum Jahresende an. Ein weiterer der weltgrößten Impfstoffhersteller, MSD, hat seine Entwicklung eines Vektorvirusimpfstoffs aufgeben müssen und wird seine Produktionskapazität jetzt wohl an andere Hersteller vermieten. Es gibt also wesentlich kompetentere Leute mit wesentlich mehr Geld, die vor einem Jahr auch da waren, wo Stöcker jetzt ist, und die in der Zwischenzeit einsehen mussten, es funktioniert nicht. Es ist in der Arzneimittelentwicklung vollkommen normal, dass Substanzen, die vor und noch in Phase I extrem vielversprechend aussehen und unter Umständen schon mehrere hundert Millionen Euro verschlungen haben, sich dann in den großen Patientenstudien als unbrauchbar herausstellen. Stöcker möchte seinen „Impfstoff“ praktischerweise ohne diese kritischen Studien auf die Menschheit loslassen: „Denn eine Zulassung würde zu viel Zeit beanspruchen, in Deutschland bestimmt Jahre. Aber man bedarf in der aktuellen katastrophalen Situation keiner langwierigen Doppelblindversuche…“ Komischerweise haben die seriösen Covid-Impfstoffe, von denen wir aus Patientenstudien wissen, dass sie tatsächlich wirken und sicher sind, für eine Zulassung in Deutschland aber eben keine Jahre gebraucht. Die sind ja schon im Einsatz.

Und wenn man bis dahin das Stöcker-Zeugs außerhalb einer genehmigten, medizinisch überwachten Studie irgendwem spritzt, dann ist das keine Impfung, sondern schlicht Quacksalberei und Körperverletzung.

Und was mich an der ganzen Sache besonders ärgert, ist, dass sich deutsche Medien, nach ersten Meldungen schon im vergangenen Jahr, in den letzten Monaten alle paar Wochen wieder von diesem Selbstdarsteller an der Nase herumführen lassen.

Noch ein Impfstoff-Update: Nachrichten von AstraZeneca und ein paar Fragezeichen

So, das packe ich jetzt mal in ein neues Update, denn die heutige (naja, jetzt ist es schon nach Mitternacht…) Meldung von AstraZeneca (AZ) enthält ein paar interessante Informationen, bietet Anlass für ein paar wichtige Erklärungen und wirft gleichzeitig ein paar neue Fragen auf.

Ich hatte in mehreren Artikeln erwähnt, dass ich etwas ungeduldig auf erste Ergebnisse aus den Phase-III-Studien von AstraZeneca warte. Der Grund, warum ich diesen Impfstoff so wichtig finde, ist, dass er sehr helfen kann, möglichst schnell möglichst viele Menschen geimpft zu bekommen. Das hat mehrere Gründe, die jeweils für unterschiedliche Gruppen wichtig sind:

  • Der Vektorvirusimpfstoff (zu den Impfstofftypen siehe hier) von AZ ist als fertiges Produkt einem normalen Impfstoff chemisch relativ ähnlich und wesentlich einfacher transport- und lagerfähig als die RNA-Impfstoffe von Pfizer und Moderna, auf die ich hier schon eingegangen war. Je weiter wir uns aus den Hauptmärkten Europa/USA/Japan herausbewegen, desto wichtiger wird das. Der Impfstoff könnte aber auch hierzulande außerhalb von Impfzentren durch die Hausärzte verimpft werden.
  • Da die Art, wie das Immunsystem angeregt wird, eine andere ist (über ein tatsächliches Virus anstatt durch eine größere Menge im Körper aus RNA erzeugter Virusteile) könnte dieser Impfstoff ein anders Wirk- und Nebenwirkungsprofil haben und bei anderen Zielgruppen einsetzbar sein als die einander sehr ähnlichen Impfstoffe von Pfizer und Moderna.
  • AZ hat von allen Herstellern die größte und kurzfristigste Lieferzusage an die EU – und hatte schon vorher im Juni einen Vertrag mit Deutschland, Frankreich, Italien und den Niederlanden abgeschlossen, von dem nie richtig öffentlich klargestellt wurde, ob der durch den Vertrag mit der EU erloschen ist. Da könnte nach einer Zulassung also relativ schnell eine große Menge Impfstoff in Deutschland bereit stehen. Dass AZ in der Pressemeldung mehrfach darauf verweist, zum Selbstkostenpreis zu liefern, klingt gut, macht aber zu den ebenfalls sehr zurückhaltenden Preisen der anderen Hersteller wenig Unterschied. Niemand, auch nicht die in der Branche als sehr am Ergebnis orientiert bekannte Pfizer, hat ein Interesse, sich aus einer kurzfristigen Machtposition heraus die Taschen voll zu machen, um dann in den nächsten Jahren bei Preisverhandlungen über die ganzen anderen Produkte von der Politik an die Wand genagelt zu werden.
  • Vor allem ist AZ aber wichtig für den Rest der Welt, denn die Masse macht’s: AZ hat seit dem späten Frühjahr ein Netzwerk von Partnern aufgebaut, das schon im August von allen Entwicklungen die größte Produktionskapazität umfasst hat und seitdem auf drei Milliarden Impfdosen (ausreichend je nach Dosierung für 1,5 bis 2 Milliarden Patienten) bis Ende 2021 angewachsen ist. Die AZ-Partner hätten natürlich bei einem Scheitern der Entwicklung auf andere Impfstoffe umstellen können, aber das hätte Zeit gekostet, und das AZ-Bündnis hat offenbar auch schon in relativ großem Umfang vorproduziert.

Es ist also wichtig, dass gerade dieser Impfstoff auch hilft, und jetzt kommt die erste Bestätigung einer tatsächlichen Schutzwirkung am Probanden. Die Zahlen wirken auf den ersten Blick nicht so spektakulär wie bei den Wettbewerbern: Im Durchschnitt 70 Prozent Schutzwirkung sind zwar okay, liegen aber deutlich unter dem Traumwert von 95 Prozent, den wir zuletzt gehört hatten. Außerdem beruhen die Ergebnisse nur auf Daten aus Großbritannien und Brasilien – der US-Teil der Studie fehlt wegen der in meinen vorherigen Artikeln schon erwähnten Verzögerungen noch. Gleichzeitig hatte Europa während eines großen Teils der bisherigen Studiendauer wenig Fälle. Die Ergebnisse beruhen also wohl zu einem großen Teil auf den gerade mal 10.300 Probanden in Brasilien (offenbar alle aus Sao Paulo), von denen, und das ist hier ausnahmsweise mal deutlich nachzulesen, die Hälfte zur Placebogruppe gehört. Auch die Suche nach seltenen Nebenwirkungen ruht bislang nur auf 11.636 Probanden, die über beide Länder den tatsächlichen Impfstoff bekommen haben.  Dass da keine schweren Nebenwirkungen aufgetreten sind, ist aber trotzdem schon mal sehr gut. Zur Erinnerung: Von den 11.636 würden sich ohne Impfstoff fast 9.000 früher oder später infizieren, und geschätzt 50 bis 100 würden daran sterben.

Was mir ein bisschen seltsam vorkommt – wobei man immer sagen muss, ich bin kein Immunologe – ist der in der Pressemitteilung auch dargestellte Vergleich zwischen zwei Teilgruppen der Stichprobe. Der größte Teil der Impfstoff-Probanden hat zwei volle Impfdosen im Abstand von einem Monat bekommen. Eine kleinere Teilstichprobe von 2.741 Probanden hat jedoch bei der ersten Impfung nur eine halbe Dosis bekommen, und bei denen errechnet sich ein Impfschutz von 90 Prozent im Vergleich zu nur 62 Prozent beim Rest der Geimpften (im Durchschnitt ergibt das dann die 70 Prozent). Laut Pressemitteilung ist das alles statistisch signifikant auf einem sehr hohen Niveau – was sich aber vermutlich auf den Vergleich mit der Nullhypothese (Impfung wirkt gar nicht) bezieht. Was mich interessieren würde, ist, wie signifikant der Unterschied zwischen den beiden Teilstichproben ist. Ganz naiv würde man schließlich erwarten, dass unterschiedliche Dosierungen entweder gleich gut wirken oder viel auch viel hilft – eventuell um den Preis von mehr Nebenwirkungen. Ein sich umdrehender Dosis-Wirkungs-Zusammenhang erscheint mir… naja, zumindest klärungsbedürftig. Wenn sich das in den Laborwerten der Probanden bei den früheren Phasen auch schon so abgezeichnet hätte, dann würde das die These, dass das ein echter Effekt ist, natürlich stützen. Noch deutlicher wäre, wenn das im amerikanischen Teil der Phase III auch herauskäme. Bis der da ist, hilft wohl nur Abwarten.

Worauf man wohl ebenfalls noch warten muss, was die AZ-Studien aber mittelfristig liefern sollten, ist eine Antwort auf die elendigliche Frage, ob der Impfstoff jetzt nur vor der Krankheit oder vollständig vor der Infektion (und damit auch der Ansteckung anderer) schützt. Wie ich schon geschrieben hatte, sind 95 Prozent weniger erkannte Infektionen eigentlich nicht dadurch zu erklären, dass ein Impfstoff nur den Ausbruch von Krankheitssymptomen verhindert, aber hier wird man es auch direkt herausfinden. Beim britischen Teil der Phase III werden tatsächlich alle 12.390 dortigen Probanden wöchentlich per Abstich und PCR nachgetestet, um auch symtomlose Infektionen erkennen zu können. Mit der im Lockdown zwar sinkenden, aber immer noch hohen Zahl von Infektionen im Königreich sollten da irgendwann Ergebnisse kommen. Die zweite Möglichkeit, das zu klären, besteht nach dem Abschluss des US-Teils der Phase III: Dort sollen die Probanden nach Studienende auf Antikörper gegen Bestandteile des SARS-CoV-2-Virus getestet werden, die nicht Teil des Impfstoffs sind – eine Möglichkeit, die ich schon einmal erwähnt hatte. Werden die gefunden, muss der Proband infiziert gewesen sein, ob das Virus dabei nachgewiesen wurde oder nicht. AZ geht das Thema also gleich auf zwei Wegen an, wovon der erste auch richtig Geld kosten dürfte. Die Phase-III-Studie von AZ (genau genommen sind es mehrere Einzelstudien) gefällt mir richtig gut – die bisherigen Ergebnisse sind halt eher dünn, weil noch zwei Drittel der geplanten Probanden (die aus den USA) fehlen.

Was mir hier auch gut gefällt, ist die trickreiche Placebokontrolle: Die Patienten bekamen in Großbritannien und Brasilien nicht einfach eine Salzlösung als Placebo, sondern einen schon zugelassenen Impfstoff gegen die von Zecken übertragenen Meningokokken. Der sollte natürlich gegen SARS-CoV-2 genauso wenig nutzen wie Salzlösung, aber er erzeugt die typischen Nebenwirkungen, die man eben von einem Impfstoff erwartet: Rötung, dicken Arm, Müdigkeit, eventuell etwas Fieber. Die Probanden können also nicht an fehlenden Nebenwirkungen erraten, dass sie zur Placebogruppe gehören, was die Verblindung deutlich verbessert. Falls Impfgegner wieder sagen, das sei kein richtiges Placebo – der US-Teil der Phase III nutzt ein klassisches Salzlösungs-Placebo, wie bei Pfizer und Moderna auch.

Was ist also mein Zwischenfazit? Wenn ich mich auf Basis der heute vorliegenden Informationen entscheiden müsste, ob ich mich impfen lasse, würde ich es mit jedem der drei Impfstoffe sofort tun. Wenn ich mir aussuchen dürfte, mit welchem, würde ich nach heutigem Wissen den von Pfizer nehmen – wegen der vielleicht (vielleicht aber auch nicht) tatsächlich besseren Wirksamkeit, wegen der momentan größeren Datenbasis zur Sicherheit und weil ich RNA-Impfstoffe (die nur zur Produktion einzelner Virusproteine führen) inhärent minimal sicherer finde als Vektorvirusimpfstoffe (bei denen diese Proteine auf einem echten Virus sitzen, auch wenn das für Menschen völlig ungefährlich sein sollte).

Einstweilen hoffe ich aber, dass wir bei den aktuellen Wirksamkeitsdaten einen brasilianischen Sondereffekt sehen und sich die Wirksamkeiten zwischen den Impfstoffen noch angleichen – und dass wir nicht am Ende darüber diskutieren müssen, wer den guten RNA-Impfstoff bekommt, während sich die Masse mit einem eventuell etwas weniger wirksamen Volksimpfstoff begnügen muss.

Kurzes Impfstoff-Update: Der zweite Kandidat mit guten Zwischenergebnissen

Zuletzt aktualisiert am 20.11.20

Da die Berichterstattung in den gängigen Medien zu den aktuellen Impfstoffentwicklungen mir in vielen Punkten immer noch nicht so richtig gefällt (manches ist sehr lang und schwer verständlich, manches voller Fehler), fasse ich kurz zusammen, was ich an den heutigen Meldungen für wichtig halte:

  • Mit Moderna hat jetzt ein zweites US-Unternehmen Zwischenergebnisse aus einer Phase-III-Studie zu einem SARS-CoV-2-Impfstoff vorgestellt, und auch die zeigen einen Schutz vor Infektionen von irgendwo oberhalb von 90% (die errechnete Zahl von 94,5% aus ganzen 95 Fällen sagt wenig Genaueres aus). Auch hier gibt es natürlich bislang nur eine Pressemitteilung, keine wissenschaftliche Publikation.
  • Es handelt sich ebenfalls um einen RNA-Impfstoff, also sehr ähnlich zu dem von BioNTech und Pfizer. Der Moderna-Impfstoff soll aber länger bei Kühlschranktemperatur lagerfähig sein, was vor allem für weniger entwickelte Länder wichtig sein könnte, und bei uns später, wenn die Impfungen sich von Impfzentren in Hausarztpraxen verlagern. Impfstoffe bis kurz vor dem Verbrauch in flüssigem Stickstoff zu lagern zu müssen, lässt sich über Pharmagroßhandel und Apotheken nur schwer einrichten. Hier hätten die Vektorvirus-Impfstoffe von AstraZeneca und der russischen Gamaleya Vorteile, wenn sich Sicherheit und Wirksamkeit bestätigen, weil die einfach im Kühlschrank, zum Teil sogar als Pulver, monatelang lagerfähig sind. AstraZeneca hat aber nach ein paar Problemen in den Phase-III-Studien (die sehr wahrscheinlich einfach nur Pech waren) einen gewissen zeitlichen Rückstand in der Erprobung. Update 20.11.20: Eine breite Einsatzfähigkeit des russischen Impfstoffs scheint sogar noch in relativ weiter Ferne zu liegen: Nachdem im August PR-trächtig schon Personen geimpft wurden, die gar keine Studienprobanden waren, reicht die aktuelle Produktion offenbar nicht einmal, um die Teilnehmer der Studie zu impfen. Da hilft dann auch eine Vorveröffentlichung nicht, die eine Wirksamkeit von 92% auf Basis von 20 Infektionen errechnet haben will. Aber im
    merhin, irgendeine Schutzwirkung scheint auch dieser Impfstoff zu haben, und tot umgefallen sind die bislang 16.000 Probanden ganz offensichtlich auch nicht.
  • Es handelt sich um eine 1:1 placebokontrollierte Studie mit bis jetzt rund 30.000 Probanden. Es haben also bislang nur rund 15.000 Probanden tatsächlich den Impfstoff bekommen, gebenüber fast 39.000 bei Pfizer. Da auch die 39.000 für die FDA noch zu wenig waren, um seltene Nebenwirkungen auszuschließen, gehe ich davon aus, dass der Zulassungsantrag von Moderna in den USA deutlich später kommen wird als der von Pfizer.
    Update 20.11.20: Pfizer und Biontech haben inzwischen die Zielwerte für den Zulassungsantrag erreicht. Was mich verwirrt, ist allerdings , dass in der Pressemeldung (passend zu letzten) die Rede davon ist, von 43661 Probanden hätten 41135 „eine zweite Dosis des Impfstoffkandidaten bekommen“. Ich weiß nicht, ob hier die Formulierung falsch ist und die Placeboempfänger mitgezählt wurden, die natürlich keinen Impfstoff bekommen haben, oder ob die Placebogruppe bei den 43661 nicht mitgezählt ist. Die Differenz zwischen den beiden Zahlen scheint mir für eine Placebokontrolle jedenfalls sehr klein, und ich vermute, das sind Probanden, die aufgenommen sind, aber (noch) keine zweite Dosis bekommen haben. Kurz gesagt, das weiß ich nicht; das ist aus den bisherigen Veröffentlichungen nicht klar abzulesen. Anhand von inzwischen 170 Fällen berechnet Pfizer die Wirksamkeit genauer und spricht jetzt (wie Moderna) von „95 Prozent“ anstatt von „über 90 Prozent“. Die Wirksamkeit bei der Teilstichprobe der über 65-Jährigen mit 94 Prozent anzugeben, trägt für mich allerdings das Schild „Scheingenauigkeit“ in großen Lettern vor sich her.
    Noch’n Update vom 20.11.20: Gerade geht über den Ticker, dass Pfizer in den USA jetzt offiziell die Notfallzulassung beantragt hat. Okay, ist eine Formalie, aber trotzdem erwähnenswert.
  • In Europa läuft ein studienbegleitender Rolling Review für die Impfstoffe von Pfizer, Moderna und AstraZeneca. Gerüchteweise wird hier mit der ersten Zulassung im Januar gerechnet.
  • Moderna hat gezielt versucht, Risikogruppen als Probanden zu rekrutieren, allerdings niemanden unter 18. Der Impfstoff dürfte also ebenfalls zunächst nur für Erwachsene zugelassen werden. Pfizer testet außerhalb Europas auch an Jugendlichen ab 12 Jahren, hat aber noch keine Ergebnisse dazu vorgelegt.
  • Da die gemeldete Zahl von 94,5% sich laut Pressemitteilung ausdrücklich auf „confirmed cases“, also Infektionen, bezieht und nicht auf Erkrankungen, wie einige deutsche Medien gemeldet haben, erübrigt sich auch die hier zum Teil geführte Diskussion, ob der Impfstoff auch vor weiteren Ansteckungen schützt. Wer sich nicht infiziert, wird sehr wahrscheinlich niemanden anstecken.
    Korrektur 17.11.20: „Confirmed cases“ sind natürlich nur die erkannten Infektionen. Zumindest in der Moderna-Studie werden die Probanden nicht wöchentlich per Abstrich auf Viren getestet, sondern die Überwachung läuft vor allem durch elektronische Symptomtagebücher, regelmäßige Anrufe und nur drei Termine im Studienzentrum über ein Jahr. Die Diagnose läuft dann wie bei jedem anderen auch über einen lokalen Arzt oder ein Covid-Testzentrum. Theoretisch könnte so ein Impfstoff also die confirmed cases auch reduzieren, indem er nicht die Infektion verhindert, sondern nur die Symptome so vollständig unterdrückt, dass sich die geimpften Probanden nie testen lassen. Praktisch kann das in einem modernen Gesundheitssystem aber unmöglich ausreichen, um zu einer Reduzierung der Fälle um 90 oder 95 Prozent zu führen. Infektionen werden ja auch ohne Symptome durch Kontaktverfolgung wenigstens im Familienkreis oder Screeningtests von z.B. Reiserückkehrern entdeckt. Da ein solcher Impfstoff (anders als z.B. ein Totimpfstoff) nur Antikörper gegen einzelne Virusbestandteile verursacht, könnte man solche unerkannten Infektionen auch beim Abschluss der Studie noch nachweisen, indem man auf Antikörper gegen andere Teile des Virus testet, die nicht vom Impfstoff verursacht sein können. Realistisch muss man aufgrund der Daten jedenfalls davon ausgehen, dass die Wirkung des Impfstoffs zumindest zum allergrößten Teil darin besteht, dass tatsächlich Infektionen (und damit dann auch Ansteckungen) verhindert werden, und nicht nur der Ausbruch der Krankheit.
  • Nicht minder sinnlos ist allerdings die Diskussion in der Moderna-Pressemeldung selbst, ob der Impfstoff bei den Wenigen, die sich dennoch infizieren, schwere Verläufe verhindern kann. Der Vergleich von 0 schweren Verläufe unter 5 geimpften Infizierten mit 11 schweren Verläufen unter 90 nicht geimpften Infizierten sagt schlicht gar nichts aus. Es gibt aber finde ich Schlimmeres, als nichts über den Einfluss des Impfstoffs auf schwere Verläufe unter den dennoch Infizierten sagen zu können, weil der Impfstoff so gut ist, dass es kaum Geimpfte gibt, die sich überhaupt infizieren.
  • Moderna ist ein kleines, spezialisiertes Unternehmen, hat aber durch Kooperationen schon im Sommer viel mehr Produktionskapazität (1 Milliarde Impfdosen ausreichend für 500 Millionen Patienten) gemeldet als der Riese Pfizer. Daran ändert auch die neu zugekaufte eigene Kapazität des Pfizer-Partners BioNTech in Marburg wenig. Modernas Kapazitätsvorteil könnte vor allem für Menschen außerhalb der Hauptmärkte USA/EU/Japan wichtig sein. Ich weiß aber nicht, inwieweit diese Produktionspartner bereit sind, vor einer Zulassung schon vorzuproduzieren. Es kann also sein, dass diese Produktion so richtig erst im Frühjahr anläuft. Auffällig ist auch, dass Modernas Lieferant Catalent Produktionsverträge für mehrere konkurrierende Impfstoffentwicklungen hat – die werden vermutlich zumindest zum Teil alternativ eingeplant sein und nicht gleichzeitig. Da die chinesische Sinovac (die mit ihrem altmodischeren Totimpfstoff vor allem Länder außerhalb der Hauptmärkte auf dem Schirm haben dürfte) auch Verzögerungen in den Studien hat, könnte es also tatsächlich sein, dass die USA mit Vorteilen aus dem Rennen um Impfstoffdosen kommt. Update 20.11.20: Der Leser RPGN01 hat freundlicherweise in den Kommentaren darauf hingewiesen, dass die Unterbrechung bei Sinovac wohl nur extrem kurz war, nachdem sich die Todesursache als Suizid herausgestellt hatte.
  • Die EU verhandelt schon seit einigen Wochen mit Moderna, aktuell wohl über 160 Millionen Dosen in 2021, hat aber noch keinen festen Liefervertrag. Für die EU hängt damit immer noch viel an der Zulassung des Vektorvirusimpfstoffs von AstraZeneca oder alternativ wenigstens des Wettbewerbers Janssen. Ohne deren einfache Lagerfähigkeit, riesiges Produktionsnetzwerk und feste Lieferverträge kann 2021 noch ein langes Jahr werden…
  • Update 20.11.20: Inzwischen hat auch AstraZeneca neue Ergebnisse vorgestellt – die sind aber nicht wie bei den anderen Herstellern Vorabdaten der Phase III, sondern fassen die Ergebnisse der Phase II zusammen. Sie stammen nur von 560 Patienten und können daher nur Angaben zur Immunreaktion und zu häufigeren Nebenwirkungen umfassen, nicht zur tatsächlichen Wirksamkeit und seltenen Nebenwirkungen. Beim aktuellen Stand der Entwicklung ist das zwar solide und wichtig, aber irgendwie nicht so richtig sexy. Dass das gerade jetzt kommt, ist auch keine Reaktion auf die Konkurrenz nach dem Motto „Wir haben auch was“ – die Veröffentlichung ist eben jetzt im angesehenen Magazin „Lancet“ erschienen und somit keine Vorabmeldung, sondern tatsächlich eine wissenschaftliche Publikation. Dass die Entwickler des Impfstoffs an der Oxford University von Weihnachten als Termin der ersten Phase-III-Daten sprechen, deutet allerdings doch einen inzwischen deutlichen Rückstand an.

Warum (und wie) sich Naturwissenschaftler zu medizinischen Themen äußern sollten

Da ich in den Kommentaren hier immer wieder gesagt bekomme, als Physiker könne oder dürfe ich mich doch nicht kompetent zu gesundheitlichen Themen äußern, wollte ich dazu gerne etwas schreiben. Jetzt habe ich aber festgestellt, besser als Florian Aigner das gerade auf Facebook getan hat, kann man (oder jedenfalls ich) das einfach nicht ausdrücken. Daher freut es mich, dass ich seinen Text hier einfach übernehmen darf. Dank und Zustimmung möge also bitte direkt an Florian gehen – für Kritik und Diskussionsbedarf bin ich auch offen, da ich das ja exakt genauso sehe.

„Warum äußerst du dich als Physiker zu medizinischen Themen wie COVID-19? Das ist doch nicht dein Gebiet!“ Das höre ich jetzt wieder besonders häufig, oft gewürzt mit üblen Beschimpfungen. Gut, ich erkläre es gerne noch einmal.
Zuallererst: Jeder darf sich immer zu allem äußern. In einer Demokratie ist es Unsinn, jemanden dafür zu kritisieren, dass er sich zu einem bestimmten Thema äußert. Kritisieren soll man ihn, wenn er zu ein Thema Unsinn erzählt. Aber wahr ist natürlich: Nur weil man das Recht hat, seine Meinung zu verbreiten, heißt das noch lange nicht, dass es eine gute Idee ist. Manchmal ist es klüger, sich nicht zu äußern, und stattdessen lieber anderen Leuten zuzuhören, die es besser wissen. Ich als Physiker ärgere mich auch manchmal, wenn Leute über Physik reden, die keine Ahnung haben. Die erzählen dann, sie hätten Einstein widerlegt oder den Energieerhaltungssatz überlistet, verstehen aber nicht einmal die einfachsten Grundlagen.
Aber genau das mache ich nicht: Ich verbreite keine eigenen Theorien über medizinische Fragen. Ich habe nämlich keine. Ich bin fachlich nicht in der Lage, die Thesen der Experten zu überprüfen oder zu widerlegen, daher käme ich auch nicht auf die Idee, das zu versuchen. Vielleicht kann ich mir als Physiker ein paar ganz einfache mathematisch-statistische Zusammenhänge ansehen – aber auch hier gibt es Leute, die das besser, detaillierter und mit mehr Hintergrundwissen machen. Ich würde mir bei solchen Dingen niemals anmaßen, ein Experte zu sein.
Zwei Dinge gibt es in dem Zusammenhang allerdings schon, bei denen ich behaupten kann, ziemlich viel Erfahrung zu haben. Erstens: Nach langer naturwissenschaftlicher Ausbildung kann ich (zumindest in gewissem Rahmen) nachvollziehen, ob jemand naturwissenschaftlich arbeitet. Ich kann zwar keine Detailfehler in medizinischen Arbeiten finden, aber ich kann in vielen Fällen zumindest haarsträubenden Unsinn als solchen erkennen. Esoteriker von Wissenschaftlern zu unterscheiden – das gelingt meist recht einfach. Und zweitens: Nach fast 15 Jahren Wissenschaftsjournalismus glaube ich, komplizierte Dinge einigermaßen verständlich erklären zu können. Wenn es darum geht, medizinische Thesen aufzustellen, bin ich sicher kein Experte. Wenn es darum geht, aufgestellte Thesen zu erklären, dann schon ein bisschen.
Manchmal führt das zu seltsamen Situationen: Es gibt manchmal ganz spezielle Ärzte, die furchtbaren unwissenschaftlichen Unsinn erzählen. Wenn ich ihnen dann widerspreche, hat das keine gute Optik: Er ist doch ein Arzt, ich „nur“ Physiker. Da muss bei medizinischen Fragen doch der Arzt recht haben, oder? Nein – nicht wenn der Physiker sich zum Anwalt der naturwissenschaftlichen Medizin macht und die Meinung der besseren, naturwissenschaftlichen Ärzteschaft vertritt, während der verhaltensauffällige Arzt (peinlicherweise) jedes wissenschaftliche Denken verlassen hat. Auch dem Automechaniker würde ich beim Autoreparieren widersprechen, wenn er das Auto gesundbeten möchte – obwohl ich ziemlich wenig Ahnung von Autos habe.
Darum geht der Vorwurf „bleib bei deinem Fachgebiet“ ins Leere. Es stimmt: Wenn jemand kein Experte ist, sich aber gegen die Meinung der Experten stellt, dann sollte man vorsichtig sein. Ihm sollte man wirklich nur dann glauben, wenn er außergewöhnlich gute Argumente hat. Aber jemanden, der die Meinung der Experten wiedergibt, dafür zu kritisieren, selbst kein Experte zu sein, ist Unsinn. Nach diese Logik dürfte es keinerlei Journalismus geben, sondern nur noch Fachpublikationen. Das will wohl niemand.
Also: Sollte ich eines Tages verrückt werden, die etablierte Medizin attackieren und stattdessen mein eigenes Wunderheilmittel verkaufen, dann sollte man mich bitte mit aller Härte kritisieren. Solange ich aber nur versuche, zwischen Wissenschaft und verständlicherer Sprache zu übersetzen, sollte man mich kritisieren, wenn ich dabei Fehler mache – aber nicht dafür, dass ich es versuche.
Bei der Gelegenheit möchte ich es mir natürlich nicht nehmen lassen, auch auf Florians neues Buch aufmerksam zu machen. Darin erklärt er genau das, woran es bei vielen der Mediziner, die wir kritisieren, genau mangelt: Die Frage, wie eigentlich Wissenschaft funktioniert und was wissenschaftliches Arbeiten ist. Und Florian schreibt auch sonst sehr viel Lesenswertes.

Mal was Positives: Wissenschaftliches Denken für die Schule

Eigentlich müsste ich heute anlässlich des Physik-Nobelpreises wohl einen Artikel über Roger Penrose und seine wüsten Spekulationen, das Gehirn sei ein Quantencomputer, schreiben. So schnell bin ich aber nicht und beschränke mich zu diesem Thema auf den Hinweis, dass ich Penrose hier schon erwähnt habe und ein paar Zeilen mehr über ihn im Quantenquark-Buch vorkommen. Wo Penrose noch nicht vorkam, ist mein Artikel darüber, dass ein Physikstudium und selbst ein Nobelpreis eben nicht davor schützen, Quantenquark zu verzapfen. An dieser Stelle beschränke ich mich aber auf den Hinweis, dass er für seine bedeutenden Arbeiten zur Relativitätstheorie und dort insbesondere zu schwarzen Löchern ausgezeichnet worden ist – und natürlich nicht für seine quantenphysikalische Schnapsidee, für die allerlei Schwurbler aus Matrix 3000, Tattva Viveka etc. den Preis sicher als Bestätigung ausgeben werden. Erst einmal möchte ich aber auf etwas Erfreulicheres kommen:

Auf Twitter wird momentan eifrig über unseren „Ferngespräch“-Livetalk zum Thema Schule mit Tommy Krappweis diskutiert, weil er jetzt gerade auf Hoaxilla als Podcast verfügbar ist. Bei dem Thema bin ich ja nun alles Andere als ein Experte, auch wenn Schulpolitik mich seit meinen Junge-Union-Zeiten in den 90ern beschäftigt. In der Skeptikerszene kursiert die Klage über mangelhafte Bildung zu den Grundprinzipien der Wissenschaft auch schon seit ich erstmals bei der GWUP aufgetaucht bin und mehrfach versucht habe, Arbeitskreise zu wissenschaftlichem Denken in der Schule zu initiieren oder wenigstens zu unterstützen. Ganz selbstkritisch muss man dazu anmerken, dass da seit den wunderbaren, aber eben der Zeit entsprechend noch aus handgemalten Overhead-Vorlagen bestehenden Materialsammlungen von Wolfgang Hund nicht wirklich viel herausgekommen ist.

Die spannendsten Ergebnisse zur naturwissenschaftlichen Bildung in der Schule, die mir in jüngerer Vergangenheit begegnet sind, stammen aus der Arbeitsgruppe für Biologiedidaktik um Professor Dittmar Graf in Gießen. Mit Anna Beniermann, die sich dort mit Verständnis und Akzeptanz von Evolution beschäftigt und dann viel zum Evokids-Projekt beigetragen hat, durften wir ja erfreulicherweise auch auf Twitch diskutieren.

Nach den erschreckenden Ergebnissen der Analyse von Elvira Schmidt zu Lehrbüchern, wenn es um Medizin und „Alternativmedizin“ geht, kam wieder die Erkenntnis: Man müsste doch mal. Der Unterschied ist diesmal, sie hat es tatsächlich getan, und so freut es mich, das Unterrichtsmaterial „Medizin und Wissenschaft“ von Elvira Schmidt und Dittmar Graf kurz vorzustellen – auch wenn ich eben gerade kein Didaktiker und auch kein Praktiker aus der Schule bin.

Das Spannende ist; das Buch ist weit mehr als das, was der Untertitel verspricht, nämlich „Grundlagen für eine sachgerechte Gesundheitsförderung“. So geht es im zweiten von elf Modulen (für jeweils eine Doppelstunde) ganz grundsätzlich um die Frage, was eigentlich Wissenschaft ist, wie sie zu Erkenntnissen gelangt und man sie von unwissenschaftlichen Vorgehensweisen abgrenzen kann. Eingeleitet von Beispielen werden Kriterien für die Wissenschaftlichkeit von Aussagen wie Prüfbarkeit oder Widerspruchsfreiheit in Gruppen erarbeitet. Indem die Zusammensetzung der Gruppen (jeder bearbeitet ein anderes Thema/alle bearbeiten zusammen dasselbe Thema) zwischendurch gewechselt wird, wird gleichzeitig verdeutlicht, was eine Person zum Experten macht und was man von Experten erwarten kann. Im abschließenden Arbeitsblatt sollen die Schüler unterschiedliche Aussagen als wissenschaftlich oder nicht wissenschaftlich einordnen.

Im folgenden Modul wird das Thema auf Wissenschaftlichkeit in der Medizin zugespitzt und ausführlich auf die Abfolge der Studien bei der Zulassung von Arzneimitteln eingegangen. Hier hätte man meines Erachtens weniger ambitioniert sein können, indem man zunächst auf die grundsätzlichen Herausforderungen der Forschung mit Patienten im Vergleich zu einer Laborwissenschaft mit im Prinzip beliebig oft wiederholbaren Experimenten eingeht. Die Schüler lernen diesen für mich besonders wichtigen Aspekt in den folgenden Modulen mehr oder weniger nebenbei kennen – das setzt aber voraus, dass wirklich alle Module bearbeitet werden.

Anhand von Beispielen rund um Mund und Magen wird in den weiteren Modulen ein Laborversuch mit einem Arzneimittel (gegen Sodbrennen) bearbeitet, ein „Patientenversuch“ (zum Erkennen von Getränken am Geschmack) einfach- und doppelblind durchgeführt und dann über drei Module die Homöopathie als alternativmedizinisches Konzept eingeführt und im Laborversuch mit dem medizinischen Arzneimittel verglichen. Der Unterschied der Homöopathie zur Medizin wird schön verdeutlicht, wobei vermutlich kein Homöopathiegläubiger ernsthaft erwartet, dass Rosskastanien-Globuli tatsächlich eine Säure neutralisieren.

Grundsätzlicher wird es wieder im Modul 9 mit der Frage, was bei der Alternativmedizin tatsächlich wirkt. Da sich das Thema weniger für einen Versuch anbietet, erfolgt dies eher klassisch mit einem Arbeitsblatt in Einzel- oder Gruppenarbeit und einer Diskussion im Plenum.

Sehr schön umgesetzt ist das Modul 10, das mit dem Impfen ein Einzelthema der Gesundheitsförderung heraushebt. Nach der Auseinandersetzung mit den Gründen für Impfungen und den Argumenten von Impfgegnern illustriert ein Simulationsspiel das Prinzip des Herdenschutzes bei unterschiedlichen Impfquoten.

Spannend stelle ich mir die Diskussion mit vorgegebenen Rollen (z.B. Pharmavertreter/in oder Heilpraktiker/in) in Modul 11 vor, vor allem wenn Schüler dabei in Rollen landen, die außerhalb ihrer Komfortzone liegen. Nicht minder spannend dürfte allerdings die Reaktion alternativmedizingläubiger Eltern werden, wenn die Sprößlinge den abschließend zum Photokopieren und Ausschneiden abgedruckten „Universellen Therapiegenerator“ zum Erfinden neuer Therapiebezeichnungen nach Hause bringen…

Und ich muss jetzt nur noch dem Drang widerstehen, sämtliche Lehrer in meinem Bekanntenkreis, ganz unabhängig von ihrer Fachrichtung, mit diesem Buch zwangszubeglücken.

 

Was quakt wie Wissenschaft muss noch lange keine Wissenschaft sein

Update 18.2.21: Da ich keine Lust habe, noch mehr meiner Lebenszeit auf diesen Menschen zu verschwenden und in diesem Volksverpetzer-Artikel auch alles über Arvays Desinformation zu MaiLab gesagt ist, empfehle ich aktuell einfach mal, den zu lesen:
https://www.volksverpetzer.de/corona-faktencheck/cgarvay-mailabder/
Einzige, aber wichtige Korrektur dazu; der Volksverpetzer schreibt: „Er behauptet aber auch veraltete Sachen, so z.B: dass „die Impfstoffe“ (er formuliert das ständig so pauschal, ohne konkret zu sagen, welchen Impfstoff er eigentlich meint) nicht in der Lage seien, die Infektiosität zu senken, was laut aktuellen Studien noch gar nicht abschließend beurteilt werden kann.“
Abschließend vielleicht nicht, aber bei halbwegs vernünftiger Interpretation der verfügbaren Datenlage ist vollkommen offensichtlich, dass die Covid-Impfstoffe, bei denen dazu etwas untersucht wurde (von Pfizer und AZ) die Wahrscheinlichkeit einer Weitergabe ganz erheblich reduzieren. Was Arvay da verbreitet, ist also mal wieder nicht bloß veraltet, sondern einfach vollkommen falsch, und da er ja offenbar wenigstens ab und zu in Forschungsdaten reinschaut, frage ich mich schon, wie das sein kann, dass er das nicht auch selbst weiß.
Insofern freue ich mich auch schon auf den kommenden Artikel über ihn im lesenswerten Rechercheportal MedWatch, den Arvay freundlicherweise schon selbst angekündigt hat. Dann muss ich hoffentlich wirklich nicht nochmal selbst etwas über ihn schreiben.

 

Nach dem Politfossil mit ferner Vergangenheit im Gesundheitsamt, Wolfgang Wodarg, dem lange in Pension gegangenen Bakterien- und (zu dem Thema schon damals umstrittenen) Atheroskleroseforscher, der jetzt gerne so tut als wäre er Virologe, Sukharit Bhakdi (Update 5.10.20: Ulf J. Froitzheim hat Bhakdi und seinem seltsamen Netzwerk von Verschwörungsgläubigen inzwischen ausführlicher nachrecherchiert, Teil 2, vergisst aber zu erwähnen, dass Bhakdi in seiner lange zurückliegenden Zeit in der Wissenschaft kaum etwas zu Viren und gar nicht zu Corona-, Grippe oder Erkältungsviren, sondern fast nur nur zu Bakterien und Atherosklerose publiziert hat. Interessant ist auch der hier zusammengefasste Faktencheck zu Bhakdis Buch in der Süddeutschen Zeitung.), und dem Schwindeldoktor Bodo Schiffmann rückt in der Szene der Verschwörungsgläubigen gerade ein neuer Pseudoexperte in die erste Reihe: Der österreichische Autor Clemens Arvay. Anhänger des bizarren, antisemitischen QAnon-Verschwörungskults präsentieren Arvay ebenso als Experten für Covid-19 und für Impfstoffe wie der russische Propagandakanal RT Deutsch. Dass in derselben Videoreihe von RT Deutsch wie Arvay inzwischen auch mein alter Bekannter und früherer Skeptikerkollege Mark Benecke aufgetreten ist, finde ich… naja, sagen wir bedauerlich, aber das ist ein anderes Thema.

Damit sind wir dann mal wieder mitten im Covid-19-Thema und weit weg von den Quanten – und irgendwie muss ich sagen, dass ich mich ein bisschen nach der vergleichsweisen Harmlosigkeit der Quantenschwurbler zurücksehne. Aber nachdem ich mir das Impfthema ja jetzt schon mehrfach vorgenommen habe, was soll’s, es ist eben aktuell das Wichtige. Also, in for a penny, in for a pound!

Im Frühjahr hat Arvay noch hauptsächlich gegen den Mund-Nasen-Schutz agitiert; heute spielt er für die Verschwörungsmythenszene vor allem den Kronzeugen gegen RNA-Impfstoffe. Was es mit RNA-Impfstoffen und anderen modernen Impfstoffkonzepten auf sich hat, habe ich Anfang August in einem längeren Artikel erklärt, den ich noch für eine Weile versuchen werde, halbwegs aktuell zu halten. Was ist aber nun von Arvay und seiner Argumentation zu halten?

Update 23.9.2020: Um es gleich mal vorwegzuschicken, Arvay selbst hat in einem ziemlich ausführlichen Video auf diesen Artikel reagiert. Ein paar Punkte darin sind inhaltlich diskussionsfähig, andere sind eher ein Herausreden – kann man sich ansehen, wenn man viel Zeit hat.

Update 27.9.2020: Am 26. hat er noch ein weiteres Video online gestellt, in dem er sich jetzt ganz offen als Verschwörungsgläubiger outet: „Corona ist ein großer Aufzeiger, wie unsere Gesellschaft unterwandert ist.“ Dazu kreiert er eine bizarre Verschwörungsgeschichte um sich selbst, nach der er im Auftrag der Pharmaindustrie von Wikipedia, dem Genetikprofessor im Ruhestand Wolfgang Nellen (der nach seriösen wissenschaftlichen Publikationen von Arvay gesucht und wenig gefunden hat) und natürlich von mir verfolgt wird. Dabei hat er immerhin meine Firmenwebsite gefunden (Kunststück, die ist oben unter „Der Autor“ verlinkt), war aber offensichtlich nicht in der Lage zu erkennen, dass es sich um eine Strategieberatung und nicht, wie er sich einbildet, um eine PR-Agentur handelt. Ich kenne ja einige Pharmaunternehmen ganz gut, und ohne mich jemals mit deren PR-Abteilungen beschäftigt zu haben, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass jemand, der auf Youtube Pseudowissenschaft verbreitet, denen etwas anderes als vollkommen egal ist. Arvays gesellschaftliche Relevanz liegt ausschließlich darin, dass er Stichwortgeber für antidemokratische Gruppierungen ist. Dass es Menschen gibt, die sich einfach so in ihrer Freizeit für Demokratie und Wissenschaft engagieren, ist für Arvay offensichtlich vollkommen unvorstellbar, was vielleicht auch einiges über ihn aussagt. Im Video beruft sich Arvay beim Versuch, sich als seriösen Wissenschaftler auszugeben, mehrfach auf den Psychiater Raphael Bonelli, der mit seinem erzkatholischen RPP-Institut in Österreich als aggressiver Covid-Verharmloser in Erscheinung tritt, trotz Fallzahlen in Österreich, die zum Zeitpunkt (Update 23.10.20) doppelt so hoch waren wie in Deutschland, Social Distancing als „extrem schädlich für die Menschen“ bezeichnet hat, früher „Psychiatrie am Telefon“ auf Radio Maria angeboten und auch schon einen „Homo-Heiler“ zu einem seiner Kongresse eingeladen hat. Beim Versuch, sich zu rechtfertigen, demontiert Arvay ganz nebenbei noch seine ohnehin bescheidene eigene wissenschaftliche Reputation – und die seiner früheren Hochschule gleich mit. Das Video ist also echt sehenswert.

Vorgestellt wird er bei seinen Absonderungen zu RNA-Impfstoffen als „Biologe“, was offenbar Sachkompetenz vorspiegeln soll – schließlich könnte ein Human- oder Molekularbiologe tatsächlich zum menschlichen Immunsystem oder zu Impfstoffen geforscht haben. Hat er aber nicht. Arvay ist Diplomingenieur in „Angewandten Pflanzenwissenschaften“ von der Universität für Bodenkultur Wien (Update 23.9.20: Bemerkung über die Universität für Bodenkultur entfernt). Update 27.9.20: Inzwischen hat Arvay in einem Video selbst erklärt, dass er seine offenbar einzige ernstzunehmende Leistung an einer wissenschaftlichen Institution überhaupt, nämlich seine Masterarbeit, am dortigen Institut für Gartenbau abgelegt hat – und zwar über die Soziologie von Selbstversorgern. Über einen Abschluss in Biologie verfügt er nicht. Eine Doktorarbeit, in der er überhaupt in relevantem Umfang geforscht haben könnte, hat er nicht gemacht. Nun gehöre ich ja nicht zu den Leuten, die meinen, dass eine Promotion der erste Schritt zur Menschwerdung sei. Die meisten Menschen, die promoviert haben, einschließlich mir, brauchen das für ihre tägliche Arbeit überhaupt nicht, aber in Arvays Fall ist das tatsächlich relevant: Seinen Versuchen, wissenschaftlich klingende Artikel zu verfassen, ist nämlich deutlich anzumerken, dass er wissenschaftliches Arbeiten schlicht nie gelernt hat.

Arvay ist also nicht vom Fach was Impfungen angeht. Nun habe ich schon bei meinem letzten Artikel zum Thema klargestellt, mein Fachgebiet ist das auch nicht. Ich kann, weil ich eben wissenschaftliches Arbeiten gelernt habe, den wissenschaftlichen Konsens in einem fremden Fachgebiet wiedergeben und erklären – das ist es aber auch. Ich würde mir nicht anmaßen, denen, die in einem Fachgebiet forschen oder denen, die beruflich deren Ergebnisse zusammenfassen (bei Impfstoffen zum Beispiel dem Paul-Ehrlich-Institut) zu erzählen, wie sie ihre Arbeit zu machen haben. Deswegen bemühe ich mich zum Beispiel auch, vorsichtig mit Äußerungen zum „Insektensterben“ zu sein, obwohl mir (mit meinem Hintergrund in einer experimentell arbeitenden Naturwissenschaft) beim Design der Studien, die dieses Sterben belegen sollen, die Haare zu Berge stehen. Das ist etwas vollkommen anderes, wenn ein pseudowissenschaftliches Glaubenssystem wie die Homöopathie „wissenschaftliche“ Studien verbreitet, die nicht den Standards im eigenen Fachgebiet (also der evidenzbasierten Medizin) entsprechen und zur Begründung Behauptungen aufstellt, die fundamentalen Erkenntnissen experimentell wesentlich zuverlässigerer Naturwissenschaften widersprechen.

Arvays Verkaufsargument ist „Ökologie“. Was er darunter versteht ist allerdings eher eine Art mystisch aufgeladene Naturromantik mit steilen Thesen zum Beispiel über gesundheitliche Effekte des Betrachtens von Bäumen, die er um immer dieselben aus dem Zusammenhang gerissenen Aussagen aus immer derselben Handvoll fragwürdiger Studien herum ausschmückt.

Seine vermeintliche Glaubwürdigkeit zu Impfstoffen gründet sich darauf, dass es ihm irgendwie gelungen ist, im Juli einen Artikel über „Genetische Impfstoffe gegen COVID-19“ in der Schweizerischen Ärztezeitung (SÄZ) unterzubringen. Einen ähnlichen Coup mit der Fachzeitschrift eines Berufsverbandes hatte er schon 2018, als er es geschafft hat, einen esoterischen Artikel über die angebliche Heilkraft des Waldes der Deutschen Apothekerzeitung (DAZ) unterzujubeln. Eine wissenschaftliche Begutachtung der Artikel (peer review) gibt es bei beiden Blättern nicht, sondern „Die Redaktion prüft eingereichte Beiträge nach den Kriterien der Qualität, Originalität und Aktualität“, wie es bei der SÄZ heißt.

Aktuell und, äh, ja, irgendwie auch originell ist Arvays SÄZ-Artikel wirklich, nur mit der Qualität ist das so eine Sache. Es handelt sich im Wesentlichen um ein offenbar per Schlagwortsuche zusammengetragenes Sammelsurium von Bedenken zu modernen Impfstofftechniken aus völlig unterschiedlichen Quellen und Motivationen. Verstanden hat Arvay von dem, was er da angesammelt hat, ganz offensichtlich nicht viel. So schreibt er, die Verabreichung von DNA-Impfstoffen erfolge standardmäßig über stark beschleunigte Goldpartikel mit einer sogenannten Genkanone. Alle derzeit an Patienten getesteten DNA-Impfstoffe werden jedoch durch eine ganz normale Injektion verabreicht. Das ist auch kein Wunder, denn um eine gute Impfquote erreichen zu können, muss eine Impfung ja ohne aufwendige technische Geräte in einer Hausarztpraxis zu verabreichen sein. Zu RNA-Impfstoffen zitiert er (auch bei RT Deutsch) Überreaktionen in Tierversuchen zu anderen Coronaviren, hat aber offensichtlich nicht verstanden, dass gerade dieses Risiko bei traditionellen Lebend- und Totimpfungen viel größer wäre. Das geringere Risiko von Überreaktionen ist ja eben der Hauptgrund, warum in westlichen Ländern moderne Impfstoffe (z.B. die auf RNA- und DNA-Basis) favorisiert werden. Noch größer wäre ein solches Risiko von Überreaktionen natürlich, wenn exakt dieselben Antigene wie bei einer Totimpfung durch aktive Viren bei einer normalen Covid-19-Infektion eingebracht würden – und man darf nicht vergessen, dass ohne Impfstoff früher oder später (je nach sonstigen Maßnahmen) rund drei Viertel der Bevölkerung so infiziert würden. Bei Arvays haarsträubender Übertreibung in der SÄZ, eine Phase-III-Studie dauere „typischerweise 4–6 Jahre“ muss man sich die Frage stellen, ob es sich hier ebenfalls um Unkenntnis oder doch eher um bewusste Desinformation handelt.

Das tatsächliche Problem bei Arvay ist aber nicht das, was er in der SÄZ geschrieben hat, wo allzu offensichtlicher Unsinn der Redaktion dann wohl doch aufgefallen wäre. Auf RT Deutsch erklärt er, bei RNA-Impfstoffen würde „manipulierte genetische Information […] vom Körper inkludiert […] in die eigenen genetischen Abläufe“. In dieser Formulierung ist das keine direkte Lüge, je nachdem, wass man unter genetischen Abläufen verstehen will, aber es erweckt ganz gezielt den falschen Eindruck, als würde damit das menschliche Erbgut verändert. Eine nicht ganz so bizarre These, die sowohl in der SÄZ als auch bei RT Deutsch auftaucht, bezieht sich auf DNA-Impfstoffe (die sich durchweg noch in der Phase-I-Erprobung oder in der vorklinischen Phase befinden). Bei diesen, so Arvay, könnte DNA aus dem Impfstoff zufällig ins Erbgut einzelner Körperzellen integriert werden. Falls wiederum zufällig eine sehr ungünstige Stelle des Erbguts betroffen wäre, könnte das fremde DNA-Stück dort ein Gen zerstören, das das Wachstum der Zelle kontrolliert – das könnte dann zu Krebs führen. Auch hier erweckt er allerdings den Eindruck, es könne das Erbgut von mehr als einzelnen Zellen betroffen sein. Schon eine Schicht tiefer in der Schwurbelszene, bei Wolfgang Wodarg, wird daraus die schwachsinnige Behauptung, DNA- und RNA-Impfungen seien gentechnische Veränderungen des Menschen. Weiterhin kehrt Arvay unter den Teppich, dass selbst die von ihm in der SÄZ angegebene Quelle ausdrücklich erklärt, dass es für diesen angenommenen Effekt experimentell kaum Bestätigungen gibt. Was bei dieser Hypothese völlig untergeht, ist, dass die gleiche Integration fremder DNA in das Erbgut mit dem gleichen Tumorrisiko natürlich ebenso bei jedem beliebigen der ständig im Körper vorkommenden Bakterien oder Viren passieren könnte, insbesondere bei solchen, die wie der Impfstoff DNA in Plasmidringen enthalten. Dafür ist es nämlich völlig belanglos, welcher fremde DNA-Schnipsel da zufällig an einer verheerend ungünstigen Stelle im Erbgut einer einzelnen Zelle landet.

Kurz gesagt, Arvay benutzt im typischen Stil moderner Verschwörungsideologen ein Gemisch aus Halbwahrheiten, unzulässigen Verkürzungen und aus dem Zusammenhang gerissenen Details, um den Eindruck zu erwecken, es gäbe globale dunkle Machenschaften, hinter denen, wie er ausdrücklich betont, Bill Gates stecke. (Update 23.9.2020: Dagegen wehrt er sich inzwischen, spricht aber schon im nächsten Moment in Bezug auf Gates Engagement von „einer Seilschaft mit verschiedenen Pharmakonzernen“.) Dementsprechend ist es auch kein Wunder, dass seine Aussagen im Wesentlichen von den typischen Fake-News-Schleudern der Verschwörungsmythenszene verbreitet werden.

Anders als die meisten Verschwörungsideologen scheint er jedoch weniger politische als Marketingzwecke zu verfolgen, denn rein zufällig erscheint in wenigen Tagen sein neues Buch, dessen Untertitel die Arvay’sche Phantasiewelt wunderbar zusammenfasst: „Wie Umweltzerstörung die Corona-Pandemie auslöste und warum ökologische Medizin unsere Rettung ist“.

 

 

 

Sputnik oder Tschernobyl? Impfstoffentwicklung in Zeiten der Pandemie

Ja, es gibt hier nach langer Zeit mal wieder einen Artikel, nicht nur mit Hinweisen auf Videos und Interviews, sondern mit ausführlichem Inhalt. Und, nein, es geht schwerpunktmäßig nicht um Physik, sondern eher um ein Thema, mit dem ich gelegentlich berufliche Berührungspunkte habe. Es sind halt seltsame Zeiten.

„Es ist ein Sputnik-Moment,“ erklärte Kirill Dmitriev, der Geschäftsführer des Investmentförderfonds der russischen Regierung, zur für den 10. August angekündigten Zulassung eines russischen Impfstoffs gegen Covid-19. Die Meldung führte zu einer bemerkenswerten Kehrtwendung beim russischen Staatskanal RT Deutsch, der noch vor zwei Wochen gegen Covid-Impfstoffentwicklungen agitiert und dazu dem außerhalb der Hardcore-Verschwörungsszene nirgends mehr ernstgenommenen Pandemieverharmloser Wolfgang Wodarg ein Podium geboten hat. Jetzt ist plötzlich der russische Impfstoff zu feiern – komplett mit der Behauptung, die russischen Entwicklungen seien sicherer als die kritisierten Impfstoffentwicklungen aus dem Westen.

In Deutschland spricht hingegen bei einer denkbaren Verfügbarkeit erster Impfstoffe in einigen Monaten nicht nur die AfD von „übereilter Zulassung“, und nicht nur der Impfgegner-Papst und gelernte Milchwirt Hans Tolzin schwadroniert auf Extremnews über „sehr häufige“ Nebenwirkungen der kommenden Impfstoffe (die angeblichen Nebenwirkungen sind einfach nur die ganz normalen Impfreaktionen wie Rötung und Druck an der Einstichstelle oder leichtes Fieber, die zeigen, dass die Impfung wirkt). Der deutsche Arbeitskreis medizinischer Ethikkommissionen hat eine erleichterte Genehmigung von Impfstoffstudien noch im Mai als gefährlich für Patienten bezeichnet. „Experten“ (bei denen es sich einfach um Politiker mit Medizinstudium wie Karl Lauterbach handelte) warnten noch im Juni vor Hoffnungen auf einen baldigen Impfstoff und erklärten, es werde noch „mindestens ein Jahr“ dauern, bis ein Impfstoff einsetzbar sei. Ebenfalls im Juni stellte spektrum.de in Frage, ob es überhaupt einen Sars-CoV-2-Impfstoff geben werde, und auch der Leiter der „Heinsberg-Studie“, Henning Streeck wird in ähnlicher Weise zitiert. Hat sich also in wenigen Wochen eine völlig neue Sachlage ergeben, ist die russische Impfstoffforschung der westlichen so weit voraus, oder ist die russische Entscheidung, die (Update 11.8.20) inzwischen offiziell in Kraft getreten ist, schlicht fahrlässig?

Um das einzuordnen, aber auch einfach um einen Überblick zu bekommen, wo wir in der Impfstoffentwicklung eigentlich stehen, lohnt es sich, zwei Fragen etwas eingehender zu beleuchten: Wie sollen die in der Entwicklung befindlichen Impfstoffe funktionieren, und wie unterscheidet sich die beschleunigte Erprobung zur Zeit eigentlich von der normalen Arzneimittelentwicklung?

Offiziell sind bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO) aktuell 165 Projekte zur Entwicklung von SARS-CoV-2-Impfstoffen gemeldet, und es gibt mit Sicherheit noch weitere. Die Art und Weise, wie die Impfstoffe zusammengesetzt sein und im Körper wirken sollen, ist dabei durchaus unterschiedlich:

  • Traditionelle Tot- oder Lebendimpfstoffe: Praktisch alle schon länger bei Menschen eingesetzten Impfstoffe verwenden komplette Krankheitserreger, die entweder abgetötet (Totimpfstoff) oder nur abgeschwächt (Lebendimpfstoff) werden. Ob es zwischen beiden Formen im Effekt wirklich systematische Unterschiede gibt, ist umstritten. Allerdings gab es mit Lebendimpfstoffen in der Vergangenheit gelegentlich Probleme, was ein Grund ist, warum statt der Schluckimpfung gegen Polio aus meiner Kindheit heute ein kombinierter Totimpfstoff als Injektion verwendet wird.
    Auch gegen SARS-CoV-2 befinden sich solche traditionellen Impfstoffe in der Entwicklung. Die WHO listet eine ganze Reihe von Totimpfstoffentwicklungen in China, der Türkei, Ägypten und Kasachstan auf, wobei mehrere Projekte der chinesischen Unternehmen Sinovac und Sinopharm schon sehr fortgeschritten sind und auch in der Erprobung am Menschen gute Zwischenergebnisse zeigen.
    Christian Drosten verweist in seinem Podcast darauf, dass ein Erfolg dieser Projekte wegen der relativ einfachen, in vielen Ländern möglichen Herstellung sehr hilfreich wäre, um schnell und kostengünstig auch Menschen in weniger entwickelten Ländern impfen zu können. Er spricht jedoch auch von einer „ungewissen Wirkung“ und der Gefahr von Überreaktionen, die sich in der Entwicklung von Impfstoffen gegen andere Coronaviren bei Tieren gezeigt habe. In Europa und den USA, aber auch in Russland, wurde daher fast durchgehend auf innovative Impfstoffkonzepte gesetzt, bei denen man kontrollieren kann, gegen welche Teile des Erregers genau der Körper eine Immunantwort entwickeln soll.
  • Proteinbasierte Impfstoffe: Die Bestandteile an der Oberfläche des Virus, gegen die man eine Immunreaktion haben will, um einen Schutz zu erreichen, sind chemisch in der Regel Proteine. Bei SARS-CoV-2 gilt zum Beispiel das Spike-Protein, das für das Eindringen des Virus in eine Wirtszelle wichtig ist, als aussichtsreicher Angriffspunkt. In der einfachsten Form wird ein solches Protein selbst als Impfstoff verwendet. Impfadjuvantien sollen dann dafür sorgen, dass das Immunsystem auf den an sich harmlosen Fremdstoff angemessen heftig reagiert und einen längerfristigen Schutz aufbaut. Inzwischen gibt es eine Vielzahl von Entwicklungsprojekten nach diesem Konzept, darunter auch von großen Herstellern wie Sanofi und GSK. Sie gehören aber nicht zu den aktuell fortgeschrittensten und aussichtsreichsten Kandidaten gegen SARS-CoV-2.
  • DNA- und RNA-Impfstoffe: Neben den Adjuvantien ist eine weitere Möglichkeit, das Immunsystem zu einer starken Reaktion gegen ein Protein und damit einem langanhaltenden Schutz zu bewegen, es einfach mehr und länger mit diesem Protein zu konfrontieren. Da der Impfstoff aber auch produziert werden muss und man Patienten nicht alle paar Tage wieder impfen kann, benutzt man einen Trick: Körperzellen werden durch die Impfung dazu gebracht, das fremde Protein selbst zu produzieren. Den Bauplan für dieses Protein erhalten die Zellen in Form von RNA (sozusagen schon abgelesenem Erbgut), wie sie auch das SARS-CoV-2-Virus benutzt, um seinen Bauplan auf Wirtszellen zu übermitteln, oder in Form von DNARingen, wie sie auch in Bakterien vorkommen. Das fremde Material wird von den Zellen nicht in ihr eigenes Erbgut eingebaut, aber zur Produktion des Proteins abgelesen, bis es von den zelleigenen Recyclingmechanismen abgebaut wird. Zu den aussichtsreichsten Impfstoffkandidaten dieser Art zählen die RNA-Impfstoffe der US-Firma Moderna, die im März den ersten SARS-CoV-2-Impfstoff überhaupt an Patienten getestet hat, und der Mainzer BioNTech, die hierbei mit dem Weltkonzern Pfizer kooperiert. Auch andere Projekte mit deutscher Beteiligung, wie das von CureVac und das der OpenCorona-Kollaboration mit dem Uniklinikum Gießen-Marburg, nutzen diesen Ansatz.
    Impfgegner nutzen gerne die alte, naja… sagen wir ganz vorsichtig bildungsferne, Angst vor Gentechnik, um Stimmung gegen diese Art von Impfstoffen zu machen, und erwecken dabei den falschen Eindruck, diese Art von Impfung hätte etwas mit dem menschlichen Erbgut zu tun. Nach dem Fact Sheet des Science Media Center Germany hingegen sind RNA-Impfstoffe „toxikologisch gut charakterisierte Biopharmazeutika, die keine Infektionsrisiken bergen, bereits in niedrigen Dosen wirken und daher auf Wirkverstärker (Adjuvanzien) in der Regel verzichten könnten“.
  • Vektorvirusimpfstoffe: Die wohl trickreichste Variante eines Impfstoffs verwendet ein für den Menschen harmloses Virus, das genetisch so verändert wird, dass es in seiner RNA oder DNA den Bauplan des Proteins trägt, gegen das man eine Immunantwort erreichen will. Eine von diesem Vektorvirus befallene Zelle reproduziert dann nicht das Virus, sondern eben das Protein. Das so produzierte Protein entspricht in seiner Struktur (Faltung und Glykolisierung) besonders genau den Proteinen an einer Virusoberfläche, und es kann sogar verbunden mit Teilen der Virusoberfläche produziert werden. Davon erwartet man sich eine stärkere, länger anhaltende Immunantwort. Vektorvirusimpfstoffe werden seit einigen Jahren gegen Ebola eingesetzt. (Korrektur 1.1.2021) Man unterscheidet zwischen replizierenden Vektorviren, die sich im menschlichen Körper noch vermehren können, aber nicht krank machen, und nicht replizierenden Vektorviren. Die derzeit in der Erprobung fortgeschrittensten Projekte dieser Art, von der Universität Oxford in Zusammenarbeit mit dem Hersteller AstraZeneca sowie von der chinesischen CanSino, verwenden nicht replizierende Vektorviren. Dasselbe gilt für den Impfstoffkandidaten der russischen Gamaleya, der in zwei Wochen eingesetzt werden soll.

Man kann also schon einmal festhalten, dass der russische Impfstoff nichts revolutionär Anderes ist als vergleichbare Projekte aus Europa oder den USA. Grundsätzlich andere, nämlich altmodischere Impfstoffentwicklungen kommen eher aus China und Indien – diese folgen aber von den Testprotokollen und Entwicklungszeiten den gleichen Standards wie die westlichen Projekte. Auch eine Verbindung des russischen „Sputnik-Moments“ zu britischen Spionagevorwürfen ist zumindest nicht offensichtlich: Die grundlegende Covid-19-Forschung passiert ohnehin in internationaler Zusammenarbeit, und in den Details unterscheidet sich der russische Vektorvirusimpfstoff von dem fortgeschrittenen Projekt aus Oxford allein schon durch die Verwendung eines vom Menschen stammenden Adenovirus Typ 26  (das normalerweise eine Bindehautentzündung auslöst) anstatt eines Virus, das normalerweise Affen befällt.

Wie sieht es aber nun mit dem Entwicklungs- und Erprobungsstand des Gamaleya-Projekts im Vergleich zu anderen Impfstoffentwicklungen aus, die erst Monate später zugelassen werden sollen? Die Erprobung von Impfstoffen erfolgt grundsätzlich in den gleichen Phasen wie die von anderen neu zuzulassenden Arzneimitteln:

  • Präklinik: Die präklinische Erprobung umfasst alle Tests, für die noch keine menschlichen Probanden erforderlich sind. Das reicht von rein chemischen Versuchen über die Erprobung in Zellkulturen bis zum Tiermodell.
  • Phase I: In der klinischen Phase I wird an einer kleinen Zahl von Freiwilligen (in der Regel weniger als 50) getestet, ob der Wirkstoff in welcher Dosis verträglich ist. Dabei werden auch Laborwerte überwacht, zum Beispiel ob der Wirkstoff im Körper dort ankommt, wo er wirken soll. Bei Impfstoffen kann man auch schon erkennen, ob der Impfstoff eine Immunreaktion auslöst und zum Beispiel neutralisierende Antikörper produziert werden.
  • Phase II: Anschließend wird getestet, ob der Wirkstoff im Patienten tatsächlich wirkt, ob zum Beispiel ein Impfstoff also tatsächlich vor einer Infektion schützt. Hierzu braucht man normalerweise eine placebokontrollierte, randomisierte Vergleichsstudie (RCT), um die Wirkung von Wirkerwartung, Zeit- und Zufallseffekten unterscheiden zu können. Die Zahl der Probanden hängt von der Deutlichkeit des erwarteten Effekts ab. Bei der Behandlung akuter Erkrankungen liegt sie oft unter 200.
  • Phase III: Bei den folgenden, wesentlich größeren RCTs geht es vor allem um die Suche nach regelmäßig auftretenden Nebenwirkungen. Hierzu braucht man oft eine fünfstellige Zahl von Probanden, was diese Tests auch sehr teuer macht. Gleichzeitig lässt sich aus diesen größeren Tests auch die Wirksamkeit noch einmal genauer und verlässlicher dokumentieren. Phase-III-Studien bilden die wichtigste Grundlage für die Nutzen-Risiko-Abwägung bei der Arzneimittelzulassung.
  • Anwendungsbeobachtung: Die sogenannten Phase-IV-Studien erfolgen nach der Zulassung und dienen der Suche nach selteneren Nebenwirkungen. Da es dabei keine Vergleichsgruppe gibt, lässt sich keine Aussage mehr über Wirksamkeit machen und auch nicht festlegen, ob eine gemeldete Nebenwirkung tatsächlich durch das Mittel verursacht wird oder aus anderen Gründen bei den Patienten aufgetreten ist.

Normalerweise laufen diese Studien hintereinander ab, so dass Menschen erst einem Wirkstoff ausgesetzt werden, wenn er nach Tierversuchen unbedenklich ist und an größeren Zahlen von Kranken erst dann getestet wird, wenn sowohl Unbedenklichkeit als auch Wirksamkeit an einer kleineren Zahl von Probanden nachgewiesen sind.

Wie ist es aber nun möglich, dass dieser insgesamt normalerweise zwischen fünf und 15 Jahren umfassende Prozess bei der Entwicklung von Covid-19-Impfstoffen auf wenige Monate gestrafft werden kann?

Den größten Effekt macht dabei aus, dass der Hauptteil der präklinischen Erprobung schon lange vor dem Beginn der Pandemie abgeschlossen war. Die Covid-19-Impfstoffentwicklung setzt unmittelbar auf Impfstoffprojekte gegen die eng verwandten SARS- und MERS-Erreger von 2002 und 2012 auf, die nicht mehr an Patienten getestet wurden, weil es keine SARS-Patienten mehr und nur noch einzelne MERS-Ausbrüche gab. Es handelt sich also technisch um Weiterentwicklungen, ähnlich wie bei den Grippeimpfungen, bei denen jedes Jahr nach den gleichen Methoden auf neue Erreger optimiert werden. So konnte Moderna seine Phase-I-Tests im März ohne einen einzigen vorherigen Tierversuch mit dem neuen Impfstoff beginnen. Insgesamt war die Zahl der Tierversuche klein, weil als geeignetes Modell fast nur die teuren, häufig angefeindeten Versuche mit Affen in Frage kamen.

Phase-I-Tests haben bei allen mir bekannten Impfstoffentwicklungen gegen SARS-CoV-2 relativ normal stattgefunden, aber eine Beschleunigungsmöglichkeit ist zum Beispiel, nach dem Vorliegen der Ergebnisse nicht erst die offizielle Veröffentlichung abzuwarten, bevor man die Phase-II-Tests einleitet. Man kann auch Probanden für folgende Phasen schon rekrutieren, bevor die Tests genehmigt sind – das ist nur ein finanzielles Risiko, falls die Tests geändert, verschoben oder abgesagt werden müssen.

Eine große Beschleunigung ergibt sich schließlich noch durch die Zusammenfassung von Phase II und Phase III. Um in einer Covid-Epidemie überhaupt nachweisen zu können, dass ein Impfstoff vor Infektionen schützt, braucht man ja zwangsläufig eine große Zahl von Probanden in einem Risikogebiet. Ein Rechenbeispiel: Will man halbwegs schlüssig statistisch zeigen, dass ein Impfstoff die Zahl von Infektionen verringert, weiß aber, dass dieser Schutz nicht 100% effektiv sein wird, dann braucht man in der Impfgruppe und in der Kontrollgruppe jeweils rund 100 Infektionsereignisse, bei denen eine ungeimpfte Person vermutlich infiziert würde. Bei aktuell rund 500 Infektionsereignissen pro Tag unter 80 Millionen Deutschen bräuchte man für diese 100 Ereignisse, wenn man sie in 100 Tagen haben wollte, in der Test- und Kontrollgruppe jeweils völlig unrealistische 160.000 Probanden. Das deutlich schlimmere Infektionsgeschehen in den USA, Brasilien und Abu Dhabi, wo aktuell die größten Patientenstudien laufen, macht es überhaupt erst möglich, einen Wirksamkeitsnachweis in erträglicher Zeit zu erbringen. Auch dafür braucht man aber insgesamt fünfstellige Probandenzahlen. Man ist damit für belastbare Phase-II-Studien zwangsläufig bei Probandenzahlen, die normalerweise schon für eine Phase-III-Studie ausreichen. Für alle der WHO gemeldeten Projekte, bei denen schon Phase-III-Studien laufen, wurden diese daher entweder mit der Phase II in eine Studie zusammengefasst oder schon vor Abschluss der Phase-II-Studie gestartet.

Solche Phase-III-Studien laufen derzeit von der Universität Oxford (mit AstraZeneca) für ihren Vektorvirusimpfstoff in Brasilien, von BioNTech (mit Pfizer) sowie von Moderna für jeweils ihre RNA-Impfstoffe in den USA, von Sinovac für einen Totimpfstoff in Brasilien und von Sinopharm für einen Totimpfstoff in Abu Dhabi. Bei den dortigen hohen Fallzahlen ist davon auszugehen, dass die für einen Wirksamkeitsnachweis erforderliche Statistik mit typischerweise 15.000 bis 30.000 Probanden innerhalb einiger Wochen bis einiger Monate erreicht ist. Update 11.8.20: Inzwischen hat auch Curevac eine Phase-II/III-Studie ab September oder Oktober in Brasilien angekündigt. Bisherige Ergebnisse stimmen optimistisch: Es gab bislang zumindest noch keine Meldungen, dass eine der großen Patientenstudien wegen schwerer Nebenwirkungen hätte abgebrochen werden müssen, und die schon veröffentlichten Ergebnisse von Phase-I-Studien zeigen eine starke Reaktion des Immunsystems, zum Teil stärker als bei Patienten, die eine tatsächliche Infektion durchlaufen haben. Update 20.9.2020: Die Phase-III-Studie von AstraZeneca war wegen neurologischer Probleme bei einer Probanden kurzzeitig unterbrochen. Diese stellten sich jedoch als ein zuvor bestehender aber noch nicht diagnostizierter Fall von Multipler Sklerose heraus. In Großbritannien wurden die Tests schon wieder aufgenommen. Die Verzögerung beim wichtigsten Teil des Tests in den USA dürfte sich aber auf den Zulassungstermin auswirken.

Nach der Universität Oxford, die schon im April angekündigt hatte, im September einen einsatzfähigen Vektorvirus-Impfstoff haben zu wollen, haben inzwischen auch BioNTech/Pfizer für ihren RNA-Impfstoff eine Zulassung und erste Auslieferung im Oktober angekündigt. Erste Lieferverträge für diese Impfstoffe bestehen auch schon: AstraZeneca und ihre Partner (mit aktuell der größten Kapazität weltweit) haben Verträge zum Selbstkostenpreis mit der EU (400 Mio. Dosen), UK, USA und zwei Verbänden weiterer Länder (weitere 700 Mio. Dosen) und wollen außerdem eine Milliarde Dosen für weniger entwickelte Länder bereitstellen – allerdings in 2020 und 2021 zusammen. BioNTech/Pfizer haben Verträge über 30 Millionen Dosen mit UK und über 100 Millionen Dosen mit den USA (wobei bei diesem Impfstoff pro Patient zwei Dosen geplant sind). Der Preis im US-Vertrag liegt mit 19,50 Dollar pro Dosis unter dem eines typischen Grippeimpfstoffs. Falls beide Impfstoffe sich in ihren Phase-III-Studien bewähren (und alle vorliegenden Daten aus den vorherigen Phasen sprechen dafür), dann würde das also einen erheblichen Beitrag zur Bekämpfung der Krise leisten. Insgesamt ermittelt das Beratungsunternehmen McKinsey eine weltweite Produktionskapazität von einer Milliarde Impfdosen noch im Jahr 2020 und weiteren 7,4 Milliarden im Jahr 2021. Dazu müssen allerdings noch Kapazitäten in Form von Lizenzen, Auftragsfertigung oder anderen Kooperationen neu verteilt werden, je nachdem, welche der laufenden Entwicklungsprojekte eine Zulassungsreife erreichen. Update 20.9.2020: Ein Schritt zu dieser Umverteilung ist gerade erfolgt, indem BioNTech erklärt hat, die Impfstoffproduktion von Novartis am Traditionsstandort Marburg (Beringwerke) mit einer Kapazität von 250 Millionen Impfdosen im 1. Halbjahr 2021 zu übernehmen. Die mäßigen Preise sind bei etwas Branchenkenntnis nicht überraschend: Im Gesundheitssystem sieht man sich nicht nur zweimal, sondern jedes Jahr wieder. Ein Hersteller, der versuchte, in einer solchen Notsituation seine Machtposition auszunutzen, müsste befürchten, in den Folgejahren bei den Preisverhandlungen für seine anderen, in der Summe weitaus einträglicheren Produkte unter erheblichen politischen Druck zu geraten. Gleichzeitig ist eine solche gigantische Einmalanstrengung für die Hersteller mit erheblichen Kosten in Entwicklung, Produktion und Vertrieb verbunden. So dürfte bei SARS-CoV-2-Impfstoffen für die Hersteller der ideelle Wert für Mitarbeiter, Kunden und Investoren, aber auch gegenüber Staaten und Regulierungsbehörden, den kurzfristigen finanziellen Ertrag bei weitem übertreffen.

Update 6.8.20: Sanofi und GSK verhandeln inzwischen über Lieferverträge für einen gemeinsamen proteinbasierten Impfstoff, der aber noch nicht an Patienten getestet wird und erst in der ersten Hälfte 2021 verfügbar sein soll. Wenn die aktuell laufenden Projekte erfolgreich sind, könnten dann mindestens je ein Tot-, RNA- und Vektorvirusimpfstoff schon seit einem halben Jar am Markt sein, und es könnte zwischenzeitlich die Frage aufkommen, ob die Produktionskapazität der beiden Branchenriesen nicht besser in Lizenz für einen Impfstoff genutzt würde, der schon zugelassen ist. Andererseits haben sie zumindest die Chance, der erste reine Proteinimpfstoff zu sein, was wegen der geringen Komplexität rein theoretisch ein gutes Risikoprofil erwarten lässt.

Kommen wir aber zurück zur Sicherheit: Bedeutet dieses beschleunigte Prüf- und Zulassungsverfahren in den westlichen Ländern, dass bei der Sicherheit Abstriche gemacht werden? Werden, wie auch von Ärzten gelegentlich behauptet, unzureichend getestete Impfstoffe durchgewunken? Für die letztlich geimpften Patienten kann man ein solches zusätzliches Risiko klar verneinen: Die für die Sicherheit entscheidenden Phase-III-Studien mit ihren fünfstelligen Probandenzahlen unterscheiden sich in Methodik und Umfang nicht von denen herkömmlicher Arzneimittelzulassungen. Ein gewisses zusätzliches Risiko ergibt sich jedoch für die Probanden in den Studien, weil die ihnen jeweils verabreichten Impfstoffe vorher weniger im Tiermodell oder an kleineren Patientenzahlen getestet wurden, als dies eigentlich üblich wäre. Dies schreckt bei der Wichtigkeit des Themas potentielle Probanden jedoch ganz offensichtlich nicht ab: Für die Phase-I-Studie zum RNA-Impfstoff von CureVac mit ganzen 50 Probanden meldeten sich beim Universitätsklinikum Tübingen 4000 Freiwillige.

Wie sieht es nun aber mit dem eingangs erwähnten Impfstoff des Gamaleya-Instituts aus, der in Russland schon Mitte August zugelassen werden soll? Unter den fortgeschrittenen Entwicklungsprojekten, die sich bereits in Phase III befinden, taucht die „sichere und effiziente Lösung für das größte Problem der Welt“ aus Moskau hier ja nicht auf. Die erfolgreiche Patientenstudie, deren Ergebnisse noch nicht veröffentlicht sind, auf die sich die Moskauer Verantwortungsträger aber berufen, ist jedoch bei der WHO gemeldet und in der Datenbank der amerikanischen Gesundheitsbehörden registriert worden. In der Registrierung ist von einer Phase-I/Phase-II-Studie die Rede; nach den Details der Registrierung handelt es sich jedoch um eine reine Phase-I-Studie: Der Impfstoff wurde insgesamt an nur 38 Probanden Update 4.9.2020: am 4.9.2020 veröffentlicht wurden, wird zwar als Phase-1/2-Studie bezeichnet, es handelt sich jedoch faktisch um eine gewöhnliche Phase-I-Studie: Der Impfstoff wurde in zwei Varianten an jeweils 38 Probanden (laut Verteidigungsministerium handelt es sich um „freiwillige“ Soldaten) getestet; es gab keine Kontrollgruppe und keine Placebos, und der gemessene Zielparameter war nicht das tatsächliche Verhindern von Infektionen, sondern nur Laborwerte wie der Nachweis von Antikörpern. Update 20.9.2020: Inzwischen haben 37 internationale Wissenschaftler, darunter Spezialisten für Betrug in der Wissenschaft, in einer „Note of Concern“ an die veröffentlichende Zeitschrift ernsthafte Bedenken an der Glaubwürdigkeit der Ergebnisse der russischen Phase-I-Studie angemeldet. Unter anderem tauchen bei unterschiedlichen Messdaten von unterschiedlichen Patienten auffällig oft dieselben Werte auf – häufig ein Zeichen von Datenmanipulationen. Russland lässt bei der Zulassung schlicht die Erprobungsphasen aus, die die Wirksamkeit und Sicherheit des Impfstoffs hätten belegen müssen. Präzisierung 17.8.2020: Dann, nach der Zulassung, wenn der Impfstoff schon in der breiten Bevölkerung eingesetzt wird, noch eine Phase-III-Studie nachzuschieben (Update 4.9.20: die ausschließlich in Russland erfolgen soll, was Ergebnisse erst spät in 2021 erwarten lässt, falls die Epidemie dort nicht massiv schlimmer ist oder wird, als aktuell berichtet wird, und die am 2.9. noch nicht mit der Rekrutierung von Probanden begonnen hatte), ist für die internationale Vermarktung unvermeidlich, verbessert die Situation für die dann schon Geimpften aber nicht. Das kann sich am Ende als erfolgreich herausstellen: Angesichts der Ähnlichkeit zum weit fortgeschrittenen Oxforder Projekt dürften die Chancen nicht einmal schlecht stehen, dass der Gamaleya-Impfstoff tatsächlich einen Schutz bietet und die Nebenwirkungen sich in Grenzen halten. Das Moskauer Va-Banque-Spiel kann aber auch üble Folgen haben. Realistisch betrachtet ist die Sicherheit dieses Impfstoffs weniger getestet als seinerzeit die von Contergan. Faktisch macht man die Bevölkerung, vor allem aber das zuerst zu impfende medizinische Personal, zu Probanden eines riesigen Arzneimitteltests ohne Placebokontrolle. Dass man sich darauf einlässt, könnte eine Folge von Geltungsbedürfnis und Großmachtphantasien sein, wie Dmitrievs Sputnik-Vergleich nahelegt. Als Motivation kommt aber auch schlichte Verzweiflung angesichts einer immer noch unkontrollierten Epidemie in Frage. In Russland sind seit den Spitzenwerten die Fallzahlen mit offiziell gemeldeten 5000 neuen Fällen täglich nur geringfügig gesunken, es gibt schon über 14.000 Tote,  und der Herbst rückt näher. So erscheint für Russland selbst ein realistischer Worst Case mit erheblichen Nebenwirkungen und in der Folge Tausenden von Toten gerechtfertigt, wenn der Impfstoff denn hilft, die Epidemie unter Kontrolle zu bekommen. Gerade das könnte dann aber bei uns verheerende Folgen für die Akzeptanz auch wesentlich besser getesteter Impfstoffe haben.

So bleibt letztlich nur die Hoffnung, dass der Sputnik-Moment am Ende nicht zum Tschernobyl-Moment gerät.