Noch ein Impfstoff-Update: Nachrichten von AstraZeneca und ein paar Fragezeichen

So, das packe ich jetzt mal in ein neues Update, denn die heutige (naja, jetzt ist es schon nach Mitternacht…) Meldung von AstraZeneca (AZ) enthält ein paar interessante Informationen, bietet Anlass für ein paar wichtige Erklärungen und wirft gleichzeitig ein paar neue Fragen auf.

Ich hatte in mehreren Artikeln erwähnt, dass ich etwas ungeduldig auf erste Ergebnisse aus den Phase-III-Studien von AstraZeneca warte. Der Grund, warum ich diesen Impfstoff so wichtig finde, ist, dass er sehr helfen kann, möglichst schnell möglichst viele Menschen geimpft zu bekommen. Das hat mehrere Gründe, die jeweils für unterschiedliche Gruppen wichtig sind:

  • Der Vektorvirusimpfstoff (zu den Impfstofftypen siehe hier) von AZ ist als fertiges Produkt einem normalen Impfstoff chemisch relativ ähnlich und wesentlich einfacher transport- und lagerfähig als die RNA-Impfstoffe von Pfizer und Moderna, auf die ich hier schon eingegangen war. Je weiter wir uns aus den Hauptmärkten Europa/USA/Japan herausbewegen, desto wichtiger wird das. Der Impfstoff könnte aber auch hierzulande außerhalb von Impfzentren durch die Hausärzte verimpft werden.
  • Da die Art, wie das Immunsystem angeregt wird, eine andere ist (über ein tatsächliches Virus anstatt durch eine größere Menge im Körper aus RNA erzeugter Virusteile) könnte dieser Impfstoff ein anders Wirk- und Nebenwirkungsprofil haben und bei anderen Zielgruppen einsetzbar sein als die einander sehr ähnlichen Impfstoffe von Pfizer und Moderna.
  • AZ hat von allen Herstellern die größte und kurzfristigste Lieferzusage an die EU – und hatte schon vorher im Juni einen Vertrag mit Deutschland, Frankreich, Italien und den Niederlanden abgeschlossen, von dem nie richtig öffentlich klargestellt wurde, ob der durch den Vertrag mit der EU erloschen ist. Da könnte nach einer Zulassung also relativ schnell eine große Menge Impfstoff in Deutschland bereit stehen. Dass AZ in der Pressemeldung mehrfach darauf verweist, zum Selbstkostenpreis zu liefern, klingt gut, macht aber zu den ebenfalls sehr zurückhaltenden Preisen der anderen Hersteller wenig Unterschied. Niemand, auch nicht die in der Branche als sehr am Ergebnis orientiert bekannte Pfizer, hat ein Interesse, sich aus einer kurzfristigen Machtposition heraus die Taschen voll zu machen, um dann in den nächsten Jahren bei Preisverhandlungen über die ganzen anderen Produkte von der Politik an die Wand genagelt zu werden.
  • Vor allem ist AZ aber wichtig für den Rest der Welt, denn die Masse macht’s: AZ hat seit dem späten Frühjahr ein Netzwerk von Partnern aufgebaut, das schon im August von allen Entwicklungen die größte Produktionskapazität umfasst hat und seitdem auf drei Milliarden Impfdosen (ausreichend je nach Dosierung für 1,5 bis 2 Milliarden Patienten) bis Ende 2021 angewachsen ist. Die AZ-Partner hätten natürlich bei einem Scheitern der Entwicklung auf andere Impfstoffe umstellen können, aber das hätte Zeit gekostet, und das AZ-Bündnis hat offenbar auch schon in relativ großem Umfang vorproduziert.

Es ist also wichtig, dass gerade dieser Impfstoff auch hilft, und jetzt kommt die erste Bestätigung einer tatsächlichen Schutzwirkung am Probanden. Die Zahlen wirken auf den ersten Blick nicht so spektakulär wie bei den Wettbewerbern: Im Durchschnitt 70 Prozent Schutzwirkung sind zwar okay, liegen aber deutlich unter dem Traumwert von 95 Prozent, den wir zuletzt gehört hatten. Außerdem beruhen die Ergebnisse nur auf Daten aus Großbritannien und Brasilien – der US-Teil der Studie fehlt wegen der in meinen vorherigen Artikeln schon erwähnten Verzögerungen noch. Gleichzeitig hatte Europa während eines großen Teils der bisherigen Studiendauer wenig Fälle. Die Ergebnisse beruhen also wohl zu einem großen Teil auf den gerade mal 10.300 Probanden in Brasilien (offenbar alle aus Sao Paulo), von denen, und das ist hier ausnahmsweise mal deutlich nachzulesen, die Hälfte zur Placebogruppe gehört. Auch die Suche nach seltenen Nebenwirkungen ruht bislang nur auf 11.636 Probanden, die über beide Länder den tatsächlichen Impfstoff bekommen haben.  Dass da keine schweren Nebenwirkungen aufgetreten sind, ist aber trotzdem schon mal sehr gut. Zur Erinnerung: Von den 11.636 würden sich ohne Impfstoff fast 9.000 früher oder später infizieren, und geschätzt 50 bis 100 würden daran sterben.

Was mir ein bisschen seltsam vorkommt – wobei man immer sagen muss, ich bin kein Immunologe – ist der in der Pressemitteilung auch dargestellte Vergleich zwischen zwei Teilgruppen der Stichprobe. Der größte Teil der Impfstoff-Probanden hat zwei volle Impfdosen im Abstand von einem Monat bekommen. Eine kleinere Teilstichprobe von 2.741 Probanden hat jedoch bei der ersten Impfung nur eine halbe Dosis bekommen, und bei denen errechnet sich ein Impfschutz von 90 Prozent im Vergleich zu nur 62 Prozent beim Rest der Geimpften (im Durchschnitt ergibt das dann die 70 Prozent). Laut Pressemitteilung ist das alles statistisch signifikant auf einem sehr hohen Niveau – was sich aber vermutlich auf den Vergleich mit der Nullhypothese (Impfung wirkt gar nicht) bezieht. Was mich interessieren würde, ist, wie signifikant der Unterschied zwischen den beiden Teilstichproben ist. Ganz naiv würde man schließlich erwarten, dass unterschiedliche Dosierungen entweder gleich gut wirken oder viel auch viel hilft – eventuell um den Preis von mehr Nebenwirkungen. Ein sich umdrehender Dosis-Wirkungs-Zusammenhang erscheint mir… naja, zumindest klärungsbedürftig. Wenn sich das in den Laborwerten der Probanden bei den früheren Phasen auch schon so abgezeichnet hätte, dann würde das die These, dass das ein echter Effekt ist, natürlich stützen. Noch deutlicher wäre, wenn das im amerikanischen Teil der Phase III auch herauskäme. Bis der da ist, hilft wohl nur Abwarten.

Worauf man wohl ebenfalls noch warten muss, was die AZ-Studien aber mittelfristig liefern sollten, ist eine Antwort auf die elendigliche Frage, ob der Impfstoff jetzt nur vor der Krankheit oder vollständig vor der Infektion (und damit auch der Ansteckung anderer) schützt. Wie ich schon geschrieben hatte, sind 95 Prozent weniger erkannte Infektionen eigentlich nicht dadurch zu erklären, dass ein Impfstoff nur den Ausbruch von Krankheitssymptomen verhindert, aber hier wird man es auch direkt herausfinden. Beim britischen Teil der Phase III werden tatsächlich alle 12.390 dortigen Probanden wöchentlich per Abstich und PCR nachgetestet, um auch symtomlose Infektionen erkennen zu können. Mit der im Lockdown zwar sinkenden, aber immer noch hohen Zahl von Infektionen im Königreich sollten da irgendwann Ergebnisse kommen. Die zweite Möglichkeit, das zu klären, besteht nach dem Abschluss des US-Teils der Phase III: Dort sollen die Probanden nach Studienende auf Antikörper gegen Bestandteile des SARS-CoV-2-Virus getestet werden, die nicht Teil des Impfstoffs sind – eine Möglichkeit, die ich schon einmal erwähnt hatte. Werden die gefunden, muss der Proband infiziert gewesen sein, ob das Virus dabei nachgewiesen wurde oder nicht. AZ geht das Thema also gleich auf zwei Wegen an, wovon der erste auch richtig Geld kosten dürfte. Die Phase-III-Studie von AZ (genau genommen sind es mehrere Einzelstudien) gefällt mir richtig gut – die bisherigen Ergebnisse sind halt eher dünn, weil noch zwei Drittel der geplanten Probanden (die aus den USA) fehlen.

Was mir hier auch gut gefällt, ist die trickreiche Placebokontrolle: Die Patienten bekamen in Großbritannien und Brasilien nicht einfach eine Salzlösung als Placebo, sondern einen schon zugelassenen Impfstoff gegen die von Zecken übertragenen Meningokokken. Der sollte natürlich gegen SARS-CoV-2 genauso wenig nutzen wie Salzlösung, aber er erzeugt die typischen Nebenwirkungen, die man eben von einem Impfstoff erwartet: Rötung, dicken Arm, Müdigkeit, eventuell etwas Fieber. Die Probanden können also nicht an fehlenden Nebenwirkungen erraten, dass sie zur Placebogruppe gehören, was die Verblindung deutlich verbessert. Falls Impfgegner wieder sagen, das sei kein richtiges Placebo – der US-Teil der Phase III nutzt ein klassisches Salzlösungs-Placebo, wie bei Pfizer und Moderna auch.

Was ist also mein Zwischenfazit? Wenn ich mich auf Basis der heute vorliegenden Informationen entscheiden müsste, ob ich mich impfen lasse, würde ich es mit jedem der drei Impfstoffe sofort tun. Wenn ich mir aussuchen dürfte, mit welchem, würde ich nach heutigem Wissen den von Pfizer nehmen – wegen der vielleicht (vielleicht aber auch nicht) tatsächlich besseren Wirksamkeit, wegen der momentan größeren Datenbasis zur Sicherheit und weil ich RNA-Impfstoffe (die nur zur Produktion einzelner Virusproteine führen) inhärent minimal sicherer finde als Vektorvirusimpfstoffe (bei denen diese Proteine auf einem echten Virus sitzen, auch wenn das für Menschen völlig ungefährlich sein sollte).

Einstweilen hoffe ich aber, dass wir bei den aktuellen Wirksamkeitsdaten einen brasilianischen Sondereffekt sehen und sich die Wirksamkeiten zwischen den Impfstoffen noch angleichen – und dass wir nicht am Ende darüber diskutieren müssen, wer den guten RNA-Impfstoff bekommt, während sich die Masse mit einem eventuell etwas weniger wirksamen Volksimpfstoff begnügen muss.

9 Gedanken zu „Noch ein Impfstoff-Update: Nachrichten von AstraZeneca und ein paar Fragezeichen“

  1. Zunächst mal vielen Dank für diese ganzen Infos und Updates, genau das hätte ich mir von den offiziellen Stellen gewünscht und sicher wäre dann die Akzeptanz der Impfstoffe noch deutlich größer gewesen.

    Eine kleine Anmerkung noch: „Der größte Teil der Impfstoff-Probanden hat zwei volle Impfdosen im Abstand von einem Monat bekommen. Eine kleinere Teilstichprobe von 2.741 Probanden hat jedoch bei der ersten Impfung nur eine halbe Dosis bekommen, und bei denen errechnet sich ein Impfschutz von 90 Prozent im Vergleich zu nur 62 Prozent beim Rest der Geimpften (im Durchschnitt ergibt das dann die 70 Prozent).“

    Dies hatte Christian Drosten in der aktuellen Ausgabe des Coronavirus-Update Podcasts als eine Panne bezeichnet: https://www.ndr.de/nachrichten/info/coronaskript246.pdf (zu lesen auf Seite 1 des Skripts).

    1. Ja, habe ich auch gehört. Ich weiß nicht, worauf er diese Aussage stützt. Vielleicht hat er das von den Leuten aus Oxford direkt gehört. Tatsächlich ist das nicht ungewöhnlich, dass auch in der Phase III noch Dosierungsvarianten in Seitenarmen der Studie getestet werden. Gerade bei Pfizer habe ich mich gewundert, dass da gar nichts mehr dazu gesagt wurde, weil die in der Präregistrierung ausführlich geschrieben haben, dass sie drei Dosierungen vergleichen. In der Präregistrierung von AZ steht in der Voranmeldung der britischen Studie nur als Ziel zweiter Ordnung: „Compare safety, reactogenicity and immunogenicity between different dosing methods (Abs260, Abs260 corrected for PS80 and qPCR) of ChAdOx1 nCoV-19“ Was diese Dosing methods bedeuten, weiß ich nicht – ich hatte vorausgesetzt, dass das wohl die Variation der Erstdosis sein muss.
      Ist mir aber eigentlich auch egal. Die Zulassungsbehörden werden diese Information haben, und in der endgültigen Veröffentlichung sollte das auch erklärt werden.

    1. Danke für den Link. Dazu würde ich jetzt gerne etwas schreiben, aber im Moment schaffe ich das neben der Arbeit unmöglich… leider.

  2. Sehr geehrter Herr Dr. Hümmler,

    mit großem Interesse habe ich Ihre Ausführungen zu den Impfstoffen gelesen. Vielen Dank!

    Die schnelle Entwicklung und nun auch erste Zulassungen von Impfstoffen waren und sind ein Quell der Hoffnung in diesen Zeiten. Was mich zunehmend beunruhigt, ist die „Entwicklung“ der Zahlen von verfügbaren Dosen zu gewissen Zeitpunkten. Mein subjektiver Eindruck ist, dass die Anzahl der verfügbaren Dosen immer weiter nach unten korrigiert bzw. nach hinten verschoben wird.

    In meiner Erinnerung und gemäß meinen Notizen (korrigieren Sie mich bitte) wurde früh vollmundig von vielen Millionen bis Jahresende gesprochen.

    Anfang Dezember waren es dann 17 Millionen, allerdings erst im ersten Quartal.

    Am 13.12. in den ZDF-Nachrichten (tagesschau24) sprach man noch von 7 Millionen bis Ende Januar.

    Mitte Dezember sprach Minister Spahn noch von 2 Millionen „in den nächsten Tagen“

    Am 16.12. sprach MP Weil von ausreichend Dosen für 25000 Niedersachsen.
    (10 Prozent der Bevölkerung von Deutschland, also 500000 Dosen für ganz Deutschland?)
    https://www.om-online.de/politik/weil-impfstoff-reicht-zunachst-nur-fur-25000-niedersachsen-57815
    Obiger Artikel erwähnt auch „400000 Dosen“ zu Impf-Beginn in Deutschland (Impf-Beginn sollte erst Mitte Dezember, nun erst nach den Feiertagen sein).

    Nur einen Tag später hörte ich im Radio auf NDR INFO: Dosen ausreichend für 20000 Niedersachsen
    (was zu den 400000 für Deutschland auch besser passen würde).

    Am 21.12. las man von 11 bis 13 Millionen im ersten Quartal (waren noch 17 Millionen Anfang Dezember),
    davon 3 Millionen im Januar (am 13.12 waren es noch 7 Millionen):
    https://www.tagesschau.de/inland/impfdosen-corona-deutschland-105.html

    Gestern hörte ich von je 5000 für zwei besonders in Niedersachsen betroffene Landkreise nach den Feiertagen.

    Für mich ist da bzgl. Produktionskapazitäten eine Tendenz erkennbar. Leider keine Positive. Die Kommunikation finde ich mehr als unglücklich. Andererseits ist es ja toll, dass es mit der Entwicklung überhaupt so schnell vorangegangen ist.

    Sie schreiben, dass AstraZeneca wichtig sei, „um möglichst schnell möglichst viele Menschen geimpft zu bekommen.“ Prof. Lauterbach hat ebenfalls genau das in der Sendung „Maybrit Illner“ vom 17.12. mitgeteilt:
    https://youtu.be/4hyArFc6vks?t=965

    Allerdings, wenn ich Herrn Lauterbach korrekt interpretiere, könnte doch nun leider auch genau das passieren,
    was Sie hofften, dass es vermieden werden kann:
    „dass wir nicht am Ende darüber diskutieren müssen, wer den guten RNA-Impfstoff bekommt,
    während sich die Masse mit einem eventuell etwas weniger wirksamen Volksimpfstoff begnügen muss.“

    mRNA bringt anscheinend mittelfristig nicht die nötigen Dosen.
    Vektorimpfstoffe sind bisher nicht zugelassen, oder Studien-Design und/oder Zulassungsverfahren stehen in teilweise heftiger Kritik. Es wurden grobe Fehler gemacht, so dass Studien wiederholt werden (müssen).
    AstraZeneca will nun sogar eine gemeinsame Studie mit dem russischen Impfstoffhersteller in die Wege leiten:
    https://www.pharmazeutische-zeitung.de/astra-zeneca-plant-studie-mit-russischen-impfstoffentwicklern-122473/

    Meine Sorge:
    Wie soll in 2021 eine ausreichende Herdenimmunität erreicht werden, wenn
    – alle Impfstoffe nur für Personen ab 18 zugelassen sind,
    – die bisher und auch hoffentlich demnächst zugelassenen mRNA-Impfstoffe mittelfristig nicht ausreichend Dosen bringen,
    – die Vektorimpfstoffe als „Volksimpfstoff“ ggf. nur geringere Schutzwirkungen im Vergleich zu mRNA bieten,
    – die Vektorimpfstoffe immer mehr Vertrauen verlieren, u.a. auch weil AstraZeneca und der zuvor heftig
    kritisierte russische Impfstoff-Hersteller nun plötzlich „gemeinsame Sache“ machen
    (wie will man hier die Kurve in der Kommunikation bekommen? Auch eine Steilvorlage für Impfgegner?)
    – die Vektorimpfstoffe noch nicht mal zugelassen sind?

    Vielen Dank für Ihre Einschätzung, falls Sie Zeit finden!

    Gruß aus Niedersachsen und Frohe Weihnachten!
    H. Meyer

    1. Ich würde mir da weniger Gedanken machen. Die Verfügbarkeit in den ersten Tagen des Einsatzes sagt über die anstehende Impfkampagne, die es in dieser Form noch nie gegeben hat, absolut nichts aus. Es ist auch eigentlich belanglos, dass in Sachsen-Anhalt nun doch schon einen Tag früher als geplant die ersten Impfungen in Deutschland stattgefunden haben. Trotzdem ist es natürlich eine schöne Nachricht.
      https://www.mdr.de/sachsen-anhalt/magdeburg/harz/bundesweit-erste-corona-impfung-in-halberstadt-harz-100.html
      Dass der Produktionsanlauf bei Pfizer etwas verzögert war, was vor allem die Auslieferungen in 2020 betrifft, ist schon seit sechs Wochen veröffentlicht.
      Da die Zulassung für den Moderna-Impfstoff wohl außer Zweifel steht, werden wir aber auf alle Fälle allein mit den beiden RNA-Impfstoffen genug Impfdosen in 2021 verfügbar haben, um rund 80% der deutschen Bevölkerung zu impfen, sofern die das denn überhaupt wollen. Wenn wir bis zum Sommer jedem ein Impfangebot machen wollen, brauchen wir sowieso auch den AZ-Impfstoff, allein schon weil nur der von Hausärzten verabreicht werden kann. Und vielleicht sorgt die Desinformation von Arvay und Consorten ja sogar dafür, dass einige Leute sich zwar impfen lassen wollen, aber ganz bewusst keinen RNA-Impfstoff wünschen. 75% Schutzwirkung wäre übrigens auch schon gut, wenn man damit eine bessere Durchimpfquote hinbekommt. Ich bin allerdings immer noch gespannt, ob nicht die noch laufende US-Studie von AZ vielleicht (ähnlich wie die britische) deutlich bessere Ergebnisse bringt als die derzeit die Zahlen bestimmende Studie in Brasilien.
      Ob diese Hersteller, die ihre Impfstoffe rein als Notfallmaßnahme entwickelt haben, noch Studien zur Anwendung an Kindern nachschieben werden, weiß ich nicht, aber in den ersten Prioritäten sind ohnehin kaum Kinder enthalten. Kinder in Hochrisikogruppen durch Vorerkrankungen könnten diese Impfstoffe im Prinzip auch schon off Label erhalten. Die Studie von AZ in Brasilien enthielt Jugendliche ab 12 Jahren, und auch wenn man für diese Untergruppe aufgrund der kleinen Zahl keine separaten Aussagen zur Wirksamkeit machen kann, ist zumindest gezeigt, dass der Impfstoff auch für Jugendliche sicher ist. Ein Sicherheitsnachweis bei jüngeren Kindern ließe sich sicherlich auch noch ziemlich schnell erbringen, wenn er denn gefordert wird.
      Die Zusammenarbeit von AZ mit Gamaleya ist eigentlich ganz spannend. Die Kritik gab es ja nicht an dem russischen Impfstoff an sich, sondern an der Tatsache, dass er außerhalb von Studien eingesetzt wurde, obwohl die Phase-III-Studie immer noch nicht abgeschlossen ist. Nun haben Vektorvirusimpfstoffe das grundsätzliche Problem, dass sie auch eine Immunität gegen das Trägervirus auslösen, was dazu führen kann, dass schon bei der zweiten Dosis die injizierten Viren vom Immunsystem so schnell bekämpft werden, dass es kaum noch zu einer Immunreaktion kommt. Das wusste man vorher, es hat aber nicht verhindert, dass es grundsätzlich zum Aufbau einer Immunität gegen SARS-CoV-2 kam. Beim russischen Impfstoff ist das Problem eher größer, weil die Patienten das Trägervirus schon als Bindehautentzündung gehabt haben könnten, also schon bei vor ersten Dosis eine Immunität vorhanden sein könnte. Wenn man jetzt für die erste und zweite Dosis Impfstoffe verwenden würde, die weitgehend identisch sind, aber unterschiedliche Trägerviren benutzen, dann hätte man dieses Problem elegant umgangen.
      So oder so, ich würde jeden der Impfstoffe nehmen, der erfolgreich eine Phase III durchlaufen hat. Klar hätte ich Stand heute gewisse Präferenzen für die ich vielleicht auch ein paar Kilometer Anfahrt und eine Stunde Warten beim Impfzentrum in Kauf nehmen würde, aber wenn sich die Frage nicht stellt, dann ist mir ein zugelassener Impfstoff immer lieber als kein Impfstoff.
      In der Summe sollten wir uns über die Verfügbarkeit von Impfstoffen aber keine Gedanken machen. Die Bestellungen der EU für das Jahr 2021 bei den fortgeschrittensten Anbietern zusammengenommen reichen für das Vierfache der EU-Bevölkerung.

  3. Sehr geehrter Herr Dr. Hümmler,

    vielen Dank für Ihre Einschätzung!

    Ich kritisiere nicht, dass sich die Mengen zum Impfstart immer weiter verringert haben, sondern wie man in der Kommunikation damit umgeht. Ich halte großes Vertrauen der Menschen in die Impfstoffe für essentiell und da gehört ein von der Politik vorsichtig formulierter und somit verlässlicherer „Fahrplan“ für mich dazu. Darüberhinaus ist nicht nur die Menge zum Impfstart, sondern auch bis zum Ende des ersten Quartals mehrfach reduziert worden.
    Heute lässt Herr Spahn verlauten, dass 130 Millionen Impfdosen von Biontech/Pfizer und Moderna bis Jahresende 2021 für Deutschland zur Verfügung stehen werden. Das wäre, wie von Ihnen erwähnt, ausreichend für rund 80% der Bevölkerung.
    Es wäre sehr schön, wenn das so eingehalten werden könnte und vielleicht kommen Vektor-Impfstoffe noch rechtzeitig hinzu. Nach der bisherigen Kommunikation habe ich jedoch leichte Zweifel.

    Pannen wie unterbrochene Kühlketten und die Verabreichung der fünffachen Impfdosis in Einzelfällen stärken auch nicht gerade das Vertrauen, und Impfgegner haben wir bereits genug!
    https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/corona-impfung-in-stralsund-pflegeheim-mitarbeiter-erhalten-versehentlich-fuenffache-dosis-a-6e45c50a-c369-4c3f-b978-fa68d1a9ab44
    https://www.nordbayern.de/region/pannen-zum-impfstart-immer-mehr-frankische-kreise-betroffen-1.10712430

    Zwei Fragen:

    Sie schreiben:
    „Nun haben Vektorvirusimpfstoffe das grundsätzliche Problem, dass sie auch eine Immunität gegen das Trägervirus auslösen, was dazu führen kann, dass schon bei der zweiten Dosis die injizierten Viren vom Immunsystem so schnell bekämpft werden, dass es kaum noch zu einer Immunreaktion kommt. Das wusste man vorher, es hat aber nicht verhindert, dass es grundsätzlich zum Aufbau einer Immunität gegen SARS-CoV-2 kam. Beim russischen Impfstoff ist das Problem eher größer, weil die Patienten das Trägervirus schon als Bindehautentzündung gehabt haben könnten, also schon bei vor ersten Dosis eine Immunität vorhanden
    sein könnte. Wenn man jetzt für die erste und zweite Dosis Impfstoffe verwenden würde, die weitgehend identisch sind, aber unterschiedliche Trägerviren benutzen, dann hätte man dieses Problem elegant umgangen.“

    Habe ich es korrekt verstanden, dass höchstwahrscheinlich die unterschiedliche Prime-Menge bei der AstraZeneca-Studie (durch eine Panne nur halbe Dosis als Prime verabreicht) ursächlich für die unterschiedlich guten Ergebnisse (62%/90%) bzw. das bessere 90%-Ergebnis bei nur halber Prime-Menge war, weil – wie Sie schreiben – eben Vektorvirus-Impfstoffe dieses „grundsätzliche Problem“ haben?

    In den folgenden Artikeln ist zu lesen, dass die Verwendung unterschiedlicher viraler Vektoren die Effizienz (und Sicherheit?) erhöhen könnte:
    „Dabei kann der Kombinationspartner entweder ein WEITERER VIRALER VEKTOR sein oder es können nicht virale Impfstoffe (DNA, RNA, Proteine oder Peptide) verwendet werden.“
    https://www.pharmazeutische-zeitung.de/vektorviren-als-plattform-118262/seite/2/
    https://www.trillium.de/zeitschriften/trillium-immunologie/archiv/ausgaben-2019/heft-32019/aus-der-klinischen-forschung/design-und-funktionsweise-von-vektor-basierten-impfstoffen.html

    Wäre dann ggf. sogar der russische Ansatz im Vergleich zu AstraZeneca der „smartere“ durch die Kombination von Adenovirus-Typ-5-Vektor und Adenovirus-Typ-26-Vektor (abgesehen davon, dass ein gewisser Prozentsatz der Geimpften ggf. gar keine (?) Immunreaktion zeigen könnte (Bindehautentzündung))?
    Oder spielt das keine Rolle, weil es sich in beiden Fällen um Adenoviren-Vektoren handelt und es sich somit um keine „heterologe Prime-/Boost-Kombination“ handelt?

    Vielleicht wäre ja die Kombination von mRNA- und Vektorimpfstoff – wie im von mir in meinem letzten Beitrag zitierten Artikel erwähnt – der Königsweg, um höchste Schutzwirkung, große Mengen für alle und machbarere Logistik zu erreichen:
    „Die Regierung Großbritanniens habe vor Kurzem angekündigt, in einer Studie ein Impfschema zu untersuchen, bei dem zunächst ein Vektorimpfstoff gegeben wird und die Immunreaktion anschließend mit einem mRNA-Impfstoff geboostert wird.“

    Wie auch immer: ich hoffe, dass Sie und Herr Spahn recht behalten.

    Viele Grüße
    H. Meyer

  4. Der Umstand, dass Russland nun „mal kurz“ die offiziellen Todeszahlen drastisch nach oben korrigiert hat, zeigt, wie wichtig korrekte Kommunikation von Seiten der Politik und wie wichtig transparente und unpolitische Kommunikation von Seiten der Wissenschaft ist.
    Handelt es sich um einen Schachzug, um nun die bisher nur geringe Akzeptanz des eigenen Impfstoffs in der Bevölkerung zu erhöhen, die ggf. denkt, „wozu impfen, wenn es hierzulande doch nur unterdurchschnittlich wenig Tote gibt“?

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