25 Jahre 11. September – kommt da noch was?

Am 11. September ist es 25 Jahre her, dass von Terroristen der Al-Qaida entführte Flugzeuge in den Türmen des World Trade Centers und dem Pentagon eingeschlagen sind. Rund 3000 Menschen sind als unmittelbare Folge der Anschläge gestorben. Angesichts des Jahrestags wird das Thema in den Medien natürlich auch gerade wieder aufgegriffen. Dabei kommt zwangsläufig der damit verbundene Verschwörungsmythos wieder hoch, also haben Rebecca und ich für Skeptix ein Video aufgenommen, in dem wir die entscheidenden Punkte nochmal aufarbeiten und auch ein bisschen was zu aktuellen Entwicklungen sagen. Das Video erscheint am 9.9. auf https://www.youtube.com/@Skeptix_ev.

Ebenfalls bei Skeptix hat Bernd Harder im Blog nochmal alles zusammengefasst, was es aus skeptischer Sicht zum 11. September zu sagen gibt, einschließlich Verlinkungen zu den Videos auf dem empfehlenswerten Kanal Verschwörung & Fakten.

Wer sich meinen ausführlichen Vortrag über die Verschwörungsbehauptungen rund um den 11. September ansehen möchte, kann das auf dem Kanal der Volkshochschule Bad Homburg tun:

Aber Moment – der Vortrag ist doch vom November 2021! Ist der überhaupt noch aktuell?

Tatsächlich war die letzte substantiell neue Verschwörungsgeschichte rund um den 11. September eine sogenannte Studie des Ruheständlers Leroy Hulsey von der University of Alaska Fairbanks mit ziemlich absurden Simulationsrechnungen zum Einsturz von World Trade Center 7, die ich schon 2019 hier auseinandergenommen habe. Basierend auf Hulseys „Simulation“ hatte damals auch der Schweizer Waldorfschulabsolvent und geschichtsstudierte Geschichtenerzähler Daniele Ganser von seinem vorherigen „ich stelle ja nur Fragen“ ganz offiziell zur Behauptung gewechselt, das Gebäude sei gesprengt worden. Inzwischen ist er zu seinem Promotionsthema zurückgekehrt und beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit dem Nachplappern von Kremlpropaganda.

Seitdem dürften die „neuesten Enthüllungen“ zum 11. September am ehesten die Fans von Friedrich Nietzsche oder indischer Religion erfreuen: Die ewige Wiederkehr des Gleichen. So lässt auch schon die Bildsprache wenig Neues erwarten, wenn der Kreisvorsitzende der Querdenkerpartei „dieBasis“ Lahn-Dill am 11. September über den 11. September referieren will.

Die taz möchte zumindest den Verschwörungsmythos selbst neu einordnen und sieht im Glauben an die Inszenierung der Anschläge den Ausgangspunkt für Populismus und Querfront sowie für die „Mahnwachen für den Frieden“ 2014 und schließlich die Querdenker. Dabei schafft taz-Autor Christian Jakob das Kunststück, ausführlich über die 2014er Wahnmachen zu schreiben, ohne ein einziges Mal Putin und seine unmittelbar vorhergehenden Überfälle auf die Krim und die Ostukraine zu erwähnen. Immerhin spricht er aber klar an, dass gerade die taz selbst Matthias Bröckers seinerzeit mehrfach die Gelegenheit zum Verbreiten des 9/11-Verschwörungsmythos geboten hat.

Tatsächlich unterscheidet sich der Verschwörungsmythos um den 11. September von früheren wie der Mondlandungslüge oder dem Kennedy-Attentat vor allem dadurch, dass er als erster von Anfang an durch das Internet verbreitet werden konnte. Auf fruchtbaren Boden fiel er in Deutschland vor allem durch linken Antiamerikanismus. Die Wahnmachen und die Querdenkerbewegung hingegen waren von Anfang an fest in der Hand der rechten Szene.

Abseits des Verschwörungsglaubens rücken tatsächlich ein paar interessante Aspekte neu ins Blickfeld. Ein spannender Artikel in der FAZ beschäftigt sich mit gesundheitlichen Folgen bei Helfern und Überlebenden der Anschläge. Schätzungen zufolge ist die Zahl der Todesopfer durch Spätfolgen der Anschläge höher als die Zahl der unmittelbar Getöteten. Die Zahl chronischer Erkrankungen geht noch weit darüber hinaus. Die Zuordnung ist im Einzelfall allerdings oft uneindeutig.

Schließlich läuft auf ARD Sounds und in anderen Podcastplayern im Rahmen der Podcastreihe „Dark Matters – Geheimnisse der Geheimdienste“ der Fünfteiler „Staatsgeheimnis 9/11 – Die Saudi-Connection“. Darin geht es um den damaligen Studenten Omar al-Bayoumi aus Saudi-Arabien, der zwei andere saudische Studenten (und spätere Attentäter) in den USA auffällig tat- und zahlungskräftig bei der Wohnungssuche unterstützt hat. Nach den Anschlägen wurde er von der britischen Polizei verhört, aber die USA haben nie einen Auslieferungsantrag gestellt. Al-Bayoumi hatte Geldgeber in Saudi-Arabien, und ihm werden je nach Quelle Kontakte zu al-Qaida oder zum saudischen Geheimdienst nachgesagt. Opferanwälte versuchen bis heute, mit dieser möglichen Verbindung eine Beteiligung der saudischen Regierung an den Anschlägen und entsprechende Schadensersatzklagen zu begründen. Der Podcast bringt interessante Informationen (walzt sie nur leider sehr abschweifend über fünf Teile aus), übernimmt aber auffällig die Erzählung der Opferanwälte und suggeriert, die US-Regierung hätte von einer Beteiligung der Saudis gewusst und diese vertuscht. Dazu nutzt der Podcast einige auffällig manipulative Elemente. So ist mehrfach bei Interviews im Hintergrund ein penetrantes Pfeifgeräusch zu hören, das offensichtlich nicht durch technische Defekte entstanden ist, sondern künstlich Spannung erzeugen soll. Auch wenn es wieder nur das wäre, was ich gerne als Schrumpfverschwörung bezeichne – verschwörungsinteressierte Kreise haben reichlich Gelegenheit, sich bestätigt zu fühlen. Möglicherweise werden in den kommenden Jahren noch amerikanische Gerichtsverfahren zeigen, ob hinter der angeblichen Saudi-Connection mehr steckt als die banale Erkenntnis, dass 15 der Attentäter, wie auch Osama bin Laden selbst, saudische Staatsbürger waren, die eben auch in ihrer Heimat ihre Familien, Freunde und Geldgeber hatten.