Quanten- und schlimmerer Quark (das gab es mal) im Shop des Deutschen Museums

Update:

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Das war eine schnelle und richtige Reaktion vom Deutschen Museum. Respekt! Und auch die Shop-Betreiber haben nicht nur zugesagt, sondern auch gehandelt:

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Sicherlich ein gutes Vorbild für andere Händler, bei denen der eine oder andere Leser vielleicht die gleichen Produkte als „Lernspielzeug“ findet.

„Das Deutsche Museum mit seinen Zweigmuseen ist ein herausragender Ort für die Vermittlung von naturwissenschaftlich-technischer Bildung und für einen konstruktiven Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft.“ So heißt es auf der Homepage dieser altehrwürdigen Einrichtung. Wer diesen herausragenden Ort der Bildung besucht hat und entsprechend beeindruckt war, möchte sich oder dem werten Nachwuchs möglicherweise etwas zur Bildung und Erbauung mitbringen und sucht den Souvenirshop des Museums auf – oder eben später dessen offiziellen Onlineshop. Wie könnte der Nachwuchs besser zu naturwissenschaftlich-technischer Bildung gelangen als mit einem Experimentierkasten. Und weil sich im Deutschen Museum ja so viel um Energie dreht und Energietechnik ja auch ein wichtiger Aspekt für den Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft ist, landet man dann schnell bei diesem Experimentierkasten hier:

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Wenn man in Physik gut aufgepasst hat, könnte einem hier etwas seltsam vorkommen: Es handelt sich ja erkennbar um einen Elektronik-Experimentierkasten, aber „freie Energie“, so wie die seriöse Physik den Begriff versteht, kommt aus der Thermodynamik.

Eigentlich wollte ich an dieser Stelle eine verständliche, anschauliche Erklärung verlinken, was freie Energie in der Thermodynamik eigentlich bedeutet. Das Dumme ist, ich finde tatsächlich keine, also versuche ich mich als kurzen Einschub schnell selbst daran: Freie Energie ist die Energie, die man einem System zuführen oder entnehmen kann, wenn sich die Temperatur im System dabei nicht ändert. Dummerweise ändert sich die Temperatur meistens, wenn man einem System Energie zuführt oder entnimmt (wenn man zum Beispiel ein Gas zusammenpresst, wird es heiß, und die Erwärmung führt zu einem verstärkten Gegendruck), so dass Prozesse, in denen die freie Energie eine Rolle spielt, meistens sehr langsam ablaufen – dann kann ein Temperaturausgleich mit der Umgebung erfolgen. Kurzfristig ist die freie Energie sozusagen gerade nicht frei. Im Alltag spielt die innere Energie (Energiezufuhr ohne Wärmeausgleich mit der Umgebung) meist eine wichtigere Rolle als die freie Energie. Den Unterschied kann man sich hier ganz gut visualisieren, wobei die farbige Fläche ein kompressibles Medium, also zum Beispiel ein Gas, in einem Zylinder darstellt:

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Genau um diese freie Energie geht es in dem Experimentierkasten im deutschen Museum aber nicht. Soweit der Beschreibung auf der Seite und beim Hersteller Franzis zu entnehmen ist, handelt es sich um einfache Elektronikexperimente wie Batterien aus Alltagsmaterialien oder Spielereien mit elektrostatischer Aufladung. Gegen einen Kasten mit solchen Experimenten ist im Prinzip natürlich überhaupt nichts einzuwenden. Entscheidend ist, welche physikalischen Vorstellungen damit vermittelt werden, und da liegt der Hase im Pfeffer. Die „freie Energie“, die der Name des Experimentierkastens ankündigt, ist nämlich ein Begriff aus der Esoterik – die Pauschalerklärung dafür, warum manche Bastler behaupten, ihr Perpetuum mobile funktioniere doch, obwohl den meisten Leuten heutzutage klar ist, dass ein Perpetuum mobile eben nicht funktioniert. Freie Energie ist die fiktive Energiequelle für alle Maschinen, die angeblich Energie aus nichts erzeugen sollen. Alternativ werden auch andere physikalische Begriffe dafür verbogen oder zweckentfremdet und man spricht von „Raumenergie“, „Vakuumenergie“ oder „Nullpunktenergie“. Der Unsinn bleibt immer der gleiche, auch wenn die Szene sich gerne im Umfeld der erneuerbaren Energieträger einschleichen will. Die wichtigsten Akteure in Deutschland sind Klaus Volkamer und Claus Turtur. Die meisten dieser Maschinen wandeln einfach so lange Energie von einer Energieform in die nächste um, bis man völlig den Überblick verloren hat, wo überall Energie zugeführt wurde und wieviel davon am Ende übrig bleibt. Realistisch betrachtet sind das alles Maschinen zur Umwandlung von nutzbarer Energie, zum Beispiel Strom, in Abwärme.

Der pseudowissenschaftliche Hintergrund des Experimentierkastens erschließt sich von außen bedauerlicherweise allenfalls im Kleingedruckten. So findet sich in der Beschreibung folgender Text: „Forscher sprechen von riesigen, bisher ungenutzten freien Energiequellen. Doch ihre Existenz wird von der Schulphysik verneint.“ Und genau diese von der Schulphysik verneinte freie Energie soll der mit dem Mitbringsel aus dem Deutschen Museum beschenkte Enkel oder die Enkelin dann „entdecken, nutzen damit experimentieren.“ Zu den außen angekündigten Experimenten gehört unter anderem ein „Spannungsoszillator nach Bedini“. Der Namensgeber ist John Bedini, einer der Gurus der amerikanischen Freie-Energie-Szene.  Bei Amazon kann man erfreulicherweise nachrecherchieren, dass der Entwickler des Experimentierkastens Peter Lay auch Autor eines Buches zu freier Energie ist. In dem Buch geht es neben Energie aus nichts auch um angebliche kalte Kernfusion, um das eingebildete „Brummton-Phänomen“, das wohl am ehesten der Massenpsychologie zuzuordnen ist, und um erfundene Wirkungen elektromagnetischer Wellen auf das Pflanzenwachstum. Außerdem hat er ein Buch darüber geschrieben, dass man mit Überlichtgeschwindigkeit kommunizieren könne und eines zur Kirlian- oder Auraphotographie, über deren absurde Anwendungen in der Scharlatanerie sich der Leser dann „für die eine oder andere Seite entscheiden“ soll.

Vom gleichen Autor und auch aus dem Franzis-Verlag, der den Experimentierkasten herstellt, gibt es auch noch ein Buch über Experimente zur freien Energie (in Auszügen hier herunterzuladen). Es enthält ein wüstes Sammelsurium aus technischen Spielereien wie der Lichtmühle, nicht funktionierender Technik wie der kalten Fusion und esoterischem Unsinn wie dem Orgonakkumulator, dem im Buch unter „Kurioses“ immerhin drei Seiten gewidmet sind. Selbst zu echter erneuerbarer Energie wie der Windkraft enthält das Buch Absurdes: Statt eines Windrades sollte man Segel an Piezokristallen anbringen, also an Materialien, in denen bei Verformung eine elektrische Spannung auftritt. Das Problem dabei erkennt der Autor offenbar selbst, erwähnt es aber nur ganz kurz am Ende des Abschnitts: Man hätte damit eine Windkraftanlage gebaut, die bei gleichbleibendem Wind überhaupt keine Energie gewinnt, sondern nur Schwankungen des Winddrucks nutzen könnte…

Nun könnte es natürlich theoretisch sein, dass der gleiche Autor und der gleiche Verlag beim Experimentierkasten im Shop des Deutschen Museums plötzlich seriös geworden sind. Auf Amazon beschwert sich immerhin ein Rezensent, mit dem Paket könne man ja gar keine freie Energie erzeugen. Auf einen Testkauf des absurden Pakets habe ich aber verzichtet. Dafür gibt es im Shop des Deutschen Museums noch einen zweiten Experimentierkasten, auch zu freier Energie und auch von Franzis:

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Über dieses „Lernpaket“ finden sich auführlichere Informationen auf Youtube. Die Videoblogger von MG Productions haben es mal zerlegt, unter dem Namen „Prof. Quax“, in einem in der Form wenig professoralen und recht eigenwilligen aber inhaltlich sehr aufschlussreichen Filmchen. Neben ein paar ziemlich banalen Elektronikbauteilen fanden sie ein Heft unter anderem mit Anleitungen für „Paramedizinische Messung am Computer“, für einen „Kaltfusionsreaktor“ und einen „Schaltplan zur Wasserelektrolyse“. Die Elektrolyse von Wasser zu Wasserstoff und Sauerstoff ist eine beliebte Spielerei in der Freie-Energie-Szene. Dummerweise verbraucht sie nicht nur viel mehr Strom, als man aus der Verbrennung der Endprodukte zurückgewinnen kann, sondern die bei unprofessionellen Anordnungen entstehende Mischung aus Sauerstoff und Wasserstoff ist auch hochexplosiv.

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Im Video heißt es, das „Lernpaket“ sei vom Kopp-Verlag. Der Hersteller ist natürlich Franzis, aber in der Tat – verkauft werden die Franzis-Experimentierkästen zu freier Energie, „Tesla-Energie“ und Stirlingmotoren nicht nur im Deutschen Museum, sondern auch von den Verlag-gewordenen Gralshütern rechtsesoterischer Verschwörungstheorien. Natürlich kann ein Autor oder Spieleentwickler kaum verhindern, dass ein Onlinehändler einen in seinen Shop nimmt (man kann dort sogar die Dissertation des Verschwörungstheorie-Kritikers und erklärten Kopp-Gegners Sebastian Bartoschek bestellen), aber die Aufmachung der Sets passt doch zu genau in den Themenschwerpunkt Energie-Verschwörungstheorien bei Kopp, und in die Kaufempfehlungen der völkisch-okkultistischen „Thule-Gesellschaft“ muss man es auch erst mal schaffen. Der „herausragende Ort für die Vermittlung von naturwissenschaftlich-technischer Bildung“ bewegt sich also in erlesenster Gesellschaft.

Und das ist noch nicht alles. Ebenfalls von Franzis findet sich im Shop des Deutschen Museums auch noch das Paket „Elektrosmogdetektor selbst bauen“, komplett mit der platten Erklärung: „Zu viel Elektrosmog schadet der Gesundheit.“ Das ist sachlich nicht falsch. Wenn man mit dem Begriff Elektrosmog zum Beispiel Mikrowellenstrahlung wie beim Mobilfunk meint, dann wäre zu viel genau dann erreicht, wenn durch Überhitzung des Körpers Verbrennungen auftreten. Davon ist man bei dem, was landläufig als Elektrosmog bezeichnet wird oder was man mit dem im Museumsshop verhökerten Feldmessgerät nachweisen kann, aber seeeeehr weit entfernt. Die maximale Sendeleistung irgendeines heute noch gebräuchlichen Handys (das wäre ein D-Netz-Gerät bei GSM-Empfang) liegt bei 2 Watt, typische durchschnittliche Sendeleistungen beim Telephonieren bei 0,2 Watt. Davon geht mehr als die Hälfte am Körper vorbei. Um mit 0,1 Watt das nächstgelegene Kilogramm Körper (oder vielmehr Kopf) auch nur um 1 Grad zu erwärmen, bräuchte man rund eine Kilokalorie, also gut vier Kilojoule und damit die Sendeleistung von über 11 Stunden. Selbst bei voller Sendeleistung (weil man sich zum Beispiel in einem mit viel Metall umschlossenen Raum befindet, in dem das Gerät gerade noch Kontakt zur Sendestation bekommt oder den Empfang seines Handys mit irgendwelchen esoterischen Gadgets abgeschirmt hat) bräuchte man dafür immer noch über eine Stunde. In dieser Zeit hätte der Blutkreislauf diese Wärme aber im Rest des Körpers verteilt und über die Haut abgegeben. Durch das Anfassen eines vom Batteriebetrieb erwärmten Smartphones nimmt man wahrscheinlich mehr Wärme auf als über dessen Sendeleistung.

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Letztlich ist es beim Elektrosmogbaukasten wie bei der freien Energie: Das Problem ist nicht die enthaltene Technik, sondern die Interpretation der Ergebnisse, und die entlarvt sich schon in der Wortwahl des Titels. Wer elektromagnetische Wellen als Elektrosmog bezeichnet, verbreitet damit irrationale Ängste. Wer Elektronikspielereien als Experimente zur Freien Energie bezeichnet, erweckt irrationale Hoffnungen auf Energie aus nichts. Wer beides in Produkten für Kinder und Jugendliche tut, handelt im besten Fall verantwortungslos.

Da es in diesem Blog ja schwerpunktmäßig um denjenigen physikalischen Unsinn geht, der mit Quantenmechanik und Relativitätstheorie zu tun hat, stellt sich natürlich die Frage, findet sich im Shop des Deutschen Museums auch echter Quantenquark? Das wäre schon etwas erschreckend. Schließlich ist Museums-Generaldirektor Wolfgang Heckl nicht nur ein großer Freund des Reparierens und politisch korrekter Bekämpfer der Wegwerfgesellschaft, sondern war an der LMU Professor für Experimentalphysik und ausgewiesener Experte für Nanotechnologie, der das kleinste Loch der Welt erzeugt haben soll. Da geht es nicht ohne ausgiebige Beschäftigung mit Quantenmechanik, und man würde auf Bücher zu diesen Themen vielleicht einen kritischeren Blick erwarten als auf Elektronik-Experimentierkästen. Tatsächlich macht die Buchauswahl zum Thema Physik einen insgesamt soliden Eindruck. In der Kurzbeschreibung von Brigitte Röthleins Schrödingers Katze findet sich zwar die unsägliche Behauptung: „Kaum eine Theorie ist so umstritten wie die Quantentheorie, die selbst Einstein mit vehement ablehnte,“ aber das Buch selbst erscheint beim stichprobenhaften Hineinlesen weitaus seriöser, als der Kurztext vermuten lässt.

Quantenquark, wenngleich von der eher subtilen Sorte, findet sich unter den ausgewählten 32 Physikbüchern im Shop dann aber doch, und auch der hat mit Erwin Schrödingers unglücklich gewähltem Versuchstier zu tun. (Schrödingers Laborratte hätte als Gedankenexperiment die Menschen wahrscheinlich weitaus weniger umgetrieben, es wäre weniger Unsinn darüber zusammenspekuliert worden, und Stephen Hawking hätte sich seine Gewaltphantasien sparen können.) Auch im Shop des Deutschen Museums ist nämlich der alte Bekannte John Gribbin (aus meinem Nobelpreisträger-Artikel) auf der Suche nach Schrödingers Katze. Gribbin versteht es grandios, einerseits physikalische Einzelheiten ordentlich und sogar recht verständlich zu erklären, andererseits die Schlussfolgerungen so blumig und übertrieben zu formulieren, dass er seinen Lesern die absonderlichsten Flausen in den Kopf setzt. So folgert er schon im Prolog seines Katzenbuches aus der quantenmechanischen Unbestimmtheit des Ortes klassischer Teilchen, eine Realität gäbe es nach der Quantenmechanik nicht. Anscheinend darf Realität für Herrn Gribbin nur aus festen Gegenständen bestehen – ein höchst bedauerliches Weltbild für jemanden, der seinen Lesern moderne Physik nahebringen möchte. Kurz gesagt, kein Buch für den Giftschrank, aber es wäre ganz sicher nicht auf meiner Liste der ersten 32 Bücher, die ich zum Thema Physik anbieten würde.

Natürlich gibt es diese Produkte nicht nur im Shop des Deutschen Museums, aber wer solche Bücher und „Lernpakete“ verkauft, übernimmt damit eine Verantwortung und verbindet seinen eigenen Leumund mit dem seiner Produkte. Das gilt vor allem, wenn man erkennbar ein überschaubares Sortiment ausgewählter Angebote vermarktet. Deswegen ist es auch ein Unterschied, ob man solche Produkte beim Kopp Verlag, bei Amazon oder beim Deutschen Museum bestellen kann. Natürlich finde ich es auch ärgerlich, wenn man das Verdummungssortiment von Franzis in normalen Spielwaren- oder Elektronikgeschäften findet, wie zum Beispiel hier im Herbst 2015 bei Conrad Electronic in Frankfurt. Aber dort gehen diese Angebote irgendwo in einem wesentlich größeren Gesamtsortiment von allem Möglichem unter, und Conrad Electronic behauptet auch nicht, „ein herausragender Ort für die Vermittlung von naturwissenschaftlich-technischer Bildung“ zu sein. Hoffe ich jedenfalls.

Conrad

 

Physikstudium schützt vor Quark nicht – im Zweifel nicht mal ein Nobelpreis

Vor einigen Tagen schlug es ziemliche Wellen, als mehr als 100 Nobelpreisträger (nach der Veröffentlichung haben sich offensichtlich noch einige angeschlossen – die aktuelle Zahl liegt bei 110) Greenpeace aufgefordert haben, den Widerstand gegen die Agrarbiotechnologie aufzugeben. Nicht nur der Zeitpunkt mitten in der Glyphosat-Debatte, sondern auch der Adressat war offensichtlich rhetorisch gewählt: Greenpeace hat als reine Lobbyorganisation bei dem Thema faktisch natürlich keinerlei Entscheidungsgewalt, und nach einer Kehrtwende bei einem solchen Kernthema könnte sich Greenpeace genausogut gleich selbst auflösen.

Die spannende Frage ist aber eigentlich eine ganz andere: Warum interessiert uns eigentlich, ob der Volkswirtschaftsprofessor Lars Peter Hansen oder der Elementarteilchen-Theoretiker Sheldon Glashow die Risiken der Gentechnik für überschätzt halten? Wissenschaftliche Auszeichnungen bekommt man für besondere Leistungen in einem in der Regel eng begrenzten Fachgebiet, und die sagen oft wenig aus über das Verständnis der Welt im Allgemeinen oder auch nur das Wissen zu anderen Teilbereichen des eigenen Fachs.

Die Relevanz der Unterstützerliste liegt in diesem Fall zum einen in der schieren Zahl der Unterzeichner, zum anderen in der überwältigenden Zustimmung unter den fachnahen Preisträgern. Die Zahl der Unterzeichner übertrifft deutlich die jüngerer Aufrufe zum Klimaschutz (71 Preisträger) und gegen Kreationismus an Schulen (42 Preisträger). Die Unterzeichner des Aufrufs zur Gentechnik machen rund ein Drittel der derzeit überhaupt lebenden Nobelpreisträger aus, und sie kommen ganz überwiegend aus den Naturwissenschaften. Unter den 110 Unterzeichnern finden sich ganze acht Wirtschaftswissenschaftler, nur eine Preisträgerin für Literatur (Elfriede Jelinek) und ein Friedensnobelpreisträger (mit José Ramos-Horta wenig überraschend ein Repräsentant eines Entwicklungslandes, in dem viel Reis angebaut und gegessen wird und der Goldene Reis besonders hilfreich wäre). Vor Elfriede Jelinek ziehe ich in diesem Kontext meinen Hut – ein so klares Bekenntnis zur Gentechnik dürfte ihr unter unseren chronisch fortschrittspessimistischen Intellektuellen wenig Freunde bringen. Die anderen 100 Unterzeichner kommen aus den Fachgebieten Chemie, Physik und Medizin (einen separaten Nobelpreis für Biologie gibt es nicht). Von den neueren Preisträgern für Chemie oder Medizin kann man tatsächlich viele als Experten für Gentechnik bezeichnen, und gerade die haben den Aufruf fast alle mitgetragen. In dieser Zusammensetzung und Geschlossenheit repräsentieren die Preisträger dann eben doch die wissenschaftliche Expertise ihrer Fachgebiete und geben dem Aufruf damit eine gewisse Relevanz, wenn auch wohl gerade nicht für Greenpeace.

Wenn eine solche geschlossene Aussage der Masse fachnaher Nobelpreisträger zumindest eine Trendaussage zum „Stand der Wissenschaft“ ist, heißt das aber nicht, dass auch Aussagen einzelner Nobelpreisträger zu Themen außerhalb ihres Forschungsgebiets immer hilfreich sind. Anderenfalls hätte man sich auch von diesem Herrn hier über Schuhmode beraten lassen können:

Zu den bekannteren traurigen Beispielen von Nobelpreisträgern, die teilweise üblen pseudowissenschaftlichen Unsinn verbreitet haben, gehört der Chemiker Linus Pauling. In seiner wissenschaftlich produktiven Zeit machte er wichtige Entdeckungen rund um chemische Bindungen zwischen Atomen. Ihm wird die Einführung des Begriffs der Elektronegativität zugeschrieben. Daraus, dass jemand im Labor chemische Bindungen untersucht hat, folgt aber leider nicht, dass er auch ein gutes Verständnis der Erforschung von Arzneimittelwirkungen am Menschen hat. Nach seinem Rückzug aus dem aktiven Wissenschaftsbetrieb propagierte Pauling mit geradezu religiösem Eifer (und offenbar auch mit einigem Geschäftssinn) die angeblich positiven Gesundheitseffekte extrem überdosierter Vitamine. Wie viele Menschen seitdem durch seinen „orthomolekularen“ Vitaminwahn gestorben sind, ist schwer nachzuvollziehen, aber allein die Folgen in Südafrika unter der Mbeki-Regierung im vergangenen Jahrzehnt waren dramatisch.

Beim Durchklicken der Gentechnik-Experten unter den Unterzeichnern des Greenpeace-Aufrufs hatte ich dann direkt wieder das Bedürfnis, die Hände über dem Kopf zusammenzuschlagen. Ohne die Polymerase-Kettenreaktion (PCR) wäre die moderne Biotechnologie kaum denkbar, und ihr Erfinder ist offensichtlich jemand, der etwas über Gentechnik zu sagen hat und ein verdienter Nobelpreisträger. Was Kary Mullis sonst so von sich gibt, lässt mich allerdings stark daran zweifeln, ob ich auf ihn als Unterstützer für ein Anliegen allzu großen Wert legen würde. Mullis glaubt an Astrologie und behauptet, von Außerirdischen entführt worden zu sein und seine wissenschaftlichen Erkenntnisse im LSD-Rausch erlangt zu haben. Wenn man ihn erklären hört, warum er nicht glaubt, dass AIDS vom HIV-Virus verursacht wird, drängt sich allerdings der Verdacht auf, dass er es mit den Drogen ein Bisschen übertrieben hat:

Kary Mullis

Womit wir, wie es sich für diesen Blog hier gehört, zu den Physikern kommen. „Aber da ist ein Physiker, der hat gesagt…“ war für mich schon der Anfang von so mancher Horrordiskussion und hat mich vor fast 20 Jahren zur Skeptikerbewegung geführt. Die Vorgeschichte dieses Posts hier war ein Facebook-Meme mit dem Text: „The universe responds to the vibrations you create, think happy and happiness will come to you. You must simply resonate your frequencies with the frequencies of the universe. – Said no physicist ever.“ Ich habe das Bild gerne geteilt, aber im Stillen hatte ich meine Zweifel, ob das „no physicist ever“ tatsächlich zutrifft. Bedauerlicherweise ist mir schon viel zu viel Quantenquark von Autoren begegnet, die es eigentlich besser wissen müssten. Dazu muss man nicht einmal bis zu obskuren Physikern wie Dirk Schneider und seinem Buch mit dem absurden Titel „Jesus Christus Quantenphysiker“ gehen. Ich werde mich im Folgenden auf namhafte Forscher mit einer erkennbaren wissenschaftlichen Biographie beschränken.

Glücklicherweise fallen hier wenigstens die Nobelpreisträger nicht unbedingt durch Quantenunsinn auf, jedenfalls mir bislang nicht. Für anderslautende Hinweise bin ich dankbar – ich werde sie dann in einem späteren Artikel verarbeiten. Der Physiknobelpreisträger von 1973, Ivar Giæver, würde allerdings ganz sicher die Mainauer Deklaration zum Klimawandel nicht unterschreiben, denn er verbreitet einige eher fragwürdige Ideen zur Klimaforschung.

Wenn wir mal mit den harmloseren oder vielleicht auch eher missverstandenen Fällen in der Physik anfangen, ist unter den Ersten sicherlich Hans-Peter Dürr zu nennen. Der 2014 verstorbene Dürr war zwar kein Nobelpreisträger, aber ein angesehener theoretischer Physiker, und hat bis heute viele Fans: Als ich im vergangenen Jahr im Editorial des Physik-Jounals appelliert habe, Physiker sollten sich mehr gegen Quantenunsinn engagieren, bezogen sich alle negativen Reaktionen ausschließlich auf meine Kritik an Dürr. Er ging als Direktor des Max-Planck-Instituts für Physik in München gerade in den Ruhestand, als ich angefangen habe, dort zu promovieren, und etwa seit diesem Zeitpunkt wurden seine Äußerungen auch immer wunderlicher. Seine Aussage „es gibt keine Materie“ wird von Esoterikern besonders gerne zitiert. Als persönliche Spekulationen von jemandem, der eben nicht mehr wissenschaftlich arbeiten muss, sind seine nicht überprüfbaren Aussagen natürlich legitim. Dummerweise werden sie aber bis heute von vielen Leuten als Stand der Wissenschaft aufgefasst, weil sie von einem seinerzeit hochdekorierten Wissenschaftler stammen.

Bei Professoren für theoretische Physik, die mit Begeisterung von Esoterikern zitiert werden, kommt man leider auch nicht am Freiburger Emeritus Hartmann Römer vorbei. Zusammen mit dem Psychologen Harald Walach, der später Hogwarts an der Oder aufgebaut hat, verbreitete er die schwache oder generalisierte Quantentheorie. Ausführlichere skeptische Betrachtungen der schwachen Quantentheorie gibt es von Philippe Leick bei der GWUP und von Joachim Schulz auf SciLogs. Kurz zusammenfassend kann man sagen, die schwache Quantentheorie ist eben keine Quantentheorie, sondern ein Anwenden von Begriffen aus der Quantenmechanik auf Objekte, auf die sie nach den Erkenntnissen der Physik eben nicht anwendbar sind, zum Beispiel die quantenmechanische Verschränkung auf Homöopath und Patient. Walachs Ex-Chef Walter von Lucadou verschränkt auch schon mal Fußballspieler, wie hier schon erwähnt wurde.

Wie auch Walach und Römer stark im religiösen, genauer gesagt katholischen Umfeld verwurzelt ist auch Markolf Niemz, Professor für Biophysik an der Universität Heidelberg. Er beschäftigt sich wissenschaftlich hauptsächlich mit Medizintechnik, vor allem mit der Anwendung von Lasern. Bekannt geworden ist er aber über seine drei Lucy-Bücher. Darin erklärt er, als Roman verpackt aber als Sachbuch gemeint, die Halluzinationen von Menschen, deren Gehirn durch Herzstillstand mit Sauerstoff unterversorgt war, zu Blicken ins Jenseits, und zwar mit abstrusen Begründungen aus der Relativitätstheorie. Im Engel-Magazin behauptet er, beim Sterben würde die Seele auf Lichtgeschwindigkeit beschleunigt. Seine Begründung, auf der die ganze hanebüchene Geschichte aufbaut: Die Schilderungen der Halluzinationen klingen so ähnlich wie Simulationen der Wahrnehmung von Reisenden nach der Relativitätstheorie aussehen müssten, wenn sie sich der Lichtgeschwindigkeit annähern.

Noch ein Biophysiker, der in dieser Reihe natürlich keinesfalls fehlen darf, ist der Biophotonen-Papst Fritz-Albert Popp. Popp war in den 1970er Jahren längere Zeit Dozent an der Universität Marburg. Dass er eine feste Professur erhielt, wurde damals angeblich von Medizin-Dekan Heinrich Oepen verhindert, dem Gatten der Mitgründerin der Skeptikerorganisation GWUP, Irmgard Oepen. Später hat sich Popp jahrelang mit einem eigenen „Forschungsinstitut“ durchgeschlagen, hat Seminare für Heilpraktiker und andere, sagen wir Interessierte, angeboten, Bücher verkauft und jede Menge Vorträge auf Esoterikerkonferenzen gehalten. Ich halte ihn für jemanden, der anfangs durchaus ernsthafte Forschung betreiben wollte, sich dann in eine Außenseitertheorie verrannt hat und sich schließlich damit eingerichtet hat, dass er Applaus nur von der Eso-Fraktion bekommt. Auf Popps Biophotonen-Unsinn bin ich schon in zwei Vorträgen eingegangen, die man beide auf Youtube ansehen kann, einen ausführlichen und einen im handlichen Science-Slam-Format. Verlinkt sind beide hier schon in diesem Post.

Kein Professor, aber ein äußerst erfolgreicher Sachbuchautor mit Doktortitel aus Cambridge ist John Gribbin. 2009 hat ihn die Association of British Science Writers für sein Lebenswerk geehrt, und in der Tat scheint er lichte Momente zu haben. Dieses Zitat erklärt richtig gut, warum viele Menschen solche Probleme haben, die Quantenmechanik zu akzeptieren (das Verstehen ist ja oft gar nicht das Hauptproblem):

Gribbins unwissenschaftlicher Durchbruch war 1974 das Buch The Jupiter Effect, in dem er und Stephen Plagemann orakelten, am 10. März 1982 würde es auf der Erde zu gigantischen Naturkatastrophen kommen, weil dann sämtliche Planeten auf der selben Seite der Sonne stünden. Bis am genannten Datum natürlich nichts passierte, hatte er Zeit, massenweise Bücher zu verkaufen und auch noch in einem Fortsetzungsband zu erklären, warum dann wohl doch keine Katastrophen passieren würden (weil ja schon 1980 der Mt. St. Helens ausgebrochen war). Eine wirkliche Katastrophe, jedenfalls für das Verständnis von Wissenschaft in der Öffentlichkeit, war hingegen Gribbins Buch Auf der Suche nach Schrödingers Katze. Quantenphysik und Wirklichkeit. Kaum ein konstruktivistischer Philosoph, der sein gefährliches Halbwissen über Quantenmechanik herumschwurbelt, kommt ohne Gribbins Katzensermon als Quelle aus. Quantenheiler, Buddhisten, neurolinguistische Programmierer, Mystiker und Heiler mit Schröpfköpfen berufen sich auf Gribbin, wenn sie sich zusammenspinnen, dass Materie aus dem menschlichen Bewusstsein entstünde.

Ebenfalls ein promovierter Physiker mit Abschluss im angelsächsischen Raum ist Fritjof Capra, der Urgroßvater aller Quantenschwurbler. Von Capras Tao der Physik war schon vor 25 Jahren mein Physiklehrer begeistert, und ich hatte schon damals das vage Gefühl, dass da irgendwas keinen Sinn ergibt – nur hatte ich eben nicht das Wissen, um zu sagen, was. Capras Argumentationsmuster ist das gleiche wie bei vielen seiner Nachfolger: Unsere bildlichen und verbalen Beschreibungen dessen, was die Quantenmechanik berechnet, haben mit viel Phantasie eine vage Ähnlichkeit mit den Schriften antiker asiatischer Mystiker. Na klar, da muss doch irgendein Zusammenhang bestehen! Das kann doch kein Zufall sein!

Irgendwie kommt offenbar niemand darauf, dass umgekehrt ein Schuh daraus wird: Unser Gehirn hat sich evolutionär nicht dazu entwickelt, sich subatomare Vorgänge, also das Arbeitsfeld der Quantenmechanik, wirklich realistisch vorstellen zu können. Wer versucht, die Quantenmechanik, möglichst auch noch einfach, zu beschreiben, kommt also nicht umhin, mehr oder weniger brauchbare Metaphern zu finden. Die wird man bevorzugt aus Themenbereichen entleihen, die einem vertraut sind aber dennoch weit genug entfernt vom Alltagsleben und der Alltagsliteratur, um nicht allzu wörtlich verstanden zu werden (was dann natürlich doch immer irgendwer tut). In einer Zeit, in der sich die asiatische Mystik als fremdes und faszinierendes Thema unter Europas Intellektuellen ausbreitete, bot sie den idealen Bilderlieferanten, um über die fremdartige Welt der Quantenmechanik zu philosophieren.

Als Murray Gell-Mann in den 1960er Jahren die neu entstehende Quantenchromodynamik in Worte packen musste, benannte er eine darin auftauchende Ordnung von acht Teilchen nach dem achtfachen Weg der Weisheit aus dem Buddhismus. Als er aber wenig später eine Bezeichnung für die immer in Dreiergruppen auftauchenden Bauteile unserer Kernteilchen suchte, hatte er statt der Yanas offenbar gerade James Joyce gelesen und landete bei den in der Physik dadurch berühmt gewordenen „Three quarks for Muster Mark“. Hier zeigt sich einmal mehr, dass Physiker in der Auswahl ihrer Bezeichnungen und Bilder besonders sorgfältig sein sollten, weil fast überall die seltsamsten Bedeutungen hineingeheimnist werden, wie ja gerade wieder das CERN feststellen muss.

Hätten sich statt der Quantenmechanik die Vorstellungen der „arischen Physik“ um Philipp Lenard als zutreffend erwiesen, würden wir uns heute möglicherweise darüber wundern, welch tiefgründige Einblicke in die Natur der Materie doch die Autoren der Edda hatten…